Blog 2026-07: Auch früher war die Zukunft schon schlimm. Rede zum Abitur 2026.

Liebe Abiturientinnen und Abiturienten, liebe Eltern, liebe Angehörige, liebe Kolleginnen und Kollegen,

wieder geht ein Schuljahr zu Ende, wieder verlässt ein Abiturjahrgang die Weibelfeldschule.

Für uns Lehrkräfte müsste das eigentlich Routine sein, allerdings ist dieser Moment doch immer wieder ein ganz besonderer. Jeder Jahrgang ist anders und in jedem Jahrgang sind die Bedingungen andere und in diesem Jahrgang durfte ich sogar wieder als Lehrkraft wirken.

Mein Anspruch an meine Abirede ist immer, Ihnen etwas mit auf den Weg zu geben, eine, natürlich subjektive, Analyse der Zeitläufte und möglichst noch einen Rat. Das wird in unseren Zeiten immer schwerer.

In den vergangenen Jahren habe ich hier über Aufklärung, gesellschaftlichen Wandel und exponentielle Entwicklungen gesprochen. Der Versuch war immer derselbe: einen Moment innezuhalten und zu fragen: In welche Welt entlassen wir sie eigentlich?

Auch in diesem Jahr möchte ich über Zukunft sprechen, ihre Zukunft.

Wir leben in einer sich rasant verändernden Welt, die Veränderung beschleunigt sich scheinbar exponentiell. Das führt zu Verunsicherung, gesellschaftlichen Spannungen und manchmal auch zu dem Gefühl, kaum noch Schritt halten zu können.

Dabei ist Veränderung natürlich nicht neu, sondern ewiger Begleiter in der Menschheitsgeschichte. Schon Platon beschäftigte sich mit der Verbreitung der Schrift. In seinem Dialog „Phaidros“ lässt er Sokrates eine Fundamentalkritik an der Schrift vortragen, ich zitiere: „Denn diese Erfindung wird der Lernenden Seelen vielmehr Vergessenheit einflößen aus Vernachlässigung des Gedächtnisses, weil sie im Vertrauen auf die Schrift sich nur von außen vermittelst fremder Zeichen, nicht aber innerlich sich selbst und unmittelbar erinnern werden.“ Schrift führt also zur Schwächung des Gedächtnisses und zu Oberflächlichkeit. Wenn man in diesem Zitat das Wort Schrift durch KI ersetzt, könnte es fast aus einer aktuellen Talkshow stammen…

Quelle: ChatGPT 5.5, Prompt: Ich brauche ein schönes Bild zu: Platon zu Schrift (Phaidros 274e-275b): „Denn diese Erfindung wird der Lernenden Seelen vielmehr Vergessenheit einflößen aus Vernachlässigung des Gedächtnisses, weil sie im Vertrauen auf die Schrift sich nur von außen vermittelst fremder Zeichen, nicht aber innerlich sich selbst und unmittelbar erinnern werden.“ Ausschärfung: „Bitte noch eine andere Variante, in der die Warnung vor Schrift deutlicher wird“

Noch ein Beispiel gefällig? Im 19. Jahrhundert wurde es möglich Bücher in Massen zu drucken und so Informationen der breiten Bevölkerung zugänglich zu machen. Natürlich ging es auch hier schon nicht nur um seriöse Informationen. Auch damals gab es das, was wir heute vielleicht „Fake News“ nennen würden und seichte Unterhaltungsliteratur. Auch hier standen gleich wieder die Mahner auf dem Plan. Zum Beispiel findet sich diese Karikatur aus einer schweizerischen Satirezeitschrift zum „leselustigen Kindermädchen“. Wir finden hier die immer wiederkehrende Grundüberzeugung, dass „moderne“ Medien zu Ablenkung führen. Auch hier begegnet uns ein Muster, das wir bis heute kennen: Das neue Medium fasziniert und gleichzeitig entsteht die Sorge, dass es uns von dem entfernt, was eigentlich wichtig ist. Ebenso finden wir den Hinweis darauf, dass dies Kindern schadet, dort allerdings noch in einem mittelbaren Kontext.

https://www.e-periodica.ch/digbib/view?pid=psh-001%3A1863%3A19%3A%3A108#74

Ein drittes, wiederkehrendes Motiv ist das der Mediensucht. Vermutlich hätte man diese auch dem Kindermädchen unterstellt, eindrücklicher finde ich allerdings dieses Bild. Übrigens ein Fundstück aus der Schule, das beim Ausmisten des AV-Studios entdeckt wurde. Herr Möller hatte es unter eine Tür geklemmt, um diese offen zu halten, dort ist es mir in die Hände gefallen. Vielleicht ist das schon eine schöne Metapher: Was eine Generation für gefährlich hält, benutzt die nächste ganz selbstverständlich als Werkzeug.
Hier sehen wir den „Programmhungrigen“ um 1980, dessen Verhalten so beschrieben wird: „Sein Medienkonsum ist suchtgefährdet. Wo er steht, sitzt oder liegt ist er auf Empfang. Video kam ihm gerade recht – seine Abende drohten leer zu werden.“ Hier tauchen die Motive der Vereinsamung und der Reizüberflutung auf, die wir auch aus der Social-Media-Debatte kennen.

Quelle: „Der Programmhungrige“ Aus: Müller-Neuhof/Schiphorst: Audiovision in der Praxis. Heim-Video von A-Z, Pflaum-Verlag München 1979/80, S. 38.

Und heute diskutieren wir über KI. Und da sind sie wieder die Warnungen: KI mache uns dumm, führe zu Vereinsamung und schade unserer Intelligenz und unserem Gedächtnis und vor allem unseren Kindern.
Verstehen sie mich nicht falsch. Ich will hier nichts verharmlosen und wer mich kennt weiß, dass ich vor den Gefahren von Social Media und KI warne und dafür plädiere diese, auch in der Schule, stärker in den Blick zu nehmen. Ich will aber auch darauf hinweisen, dass weder die Schrift, noch der Roman und schon gar nicht der Videorekorder dazu geführt haben, dass die Menschheit verblödet ist oder ausgerottet wurde.

Bei KI ist das allerdings noch nicht so ganz klar…

Aber als Optimist glaube ich, dass wir auch diese Neuerung in den Griff bekommen. Wir müssten nur endlich mal die richtigen Debatten führen und die richtigen Maßnahmen ergreifen, aber das ist ein anderes Thema.

Jetzt komme ich aber wieder auf die zurück, um die es hier geht, unsere Abiturientinnen und Abiturienten.

Ich glaube nicht, dass Ihre wichtigste Fähigkeit in Zukunft darin bestehen wird, möglichst viel Wissen abzuspeichern, natürlich abgesehen von unverzichtbarem Grundlagenwissen, das ist ja auch schon reichlich genug. Das kann die Schrift besser. Ich glaube auch nicht, dass es darum geht, möglichst schnell Informationen zu finden. Das kann das Internet besser. Und vielleicht wird es bald nicht einmal mehr darum gehen, möglichst perfekte Antworten zu produzieren. Das kann KI möglicherweise besser.

Entscheidend wird etwas anderes sein: gute Fragen zu stellen. Zu beurteilen. Verantwortung zu übernehmen. Zu entscheiden, wofür man seine Fähigkeiten einsetzen möchte.

Ich vermute mal, dass hier nur wenige Schülerinnen und Schüler im Saal sitzen, die nicht irgendwann KI für eine Antwort im Unterricht, eine Hausaufgabe oder die Vorbereitung auf das Abitur genutzt haben. Zumindest wären Sie vermutlich schlecht beraten gewesen, wenn nicht. Das finde ich in Ordnung und das gehört eigentlich auch schon zu den viel gerühmten „Future-Skills“. Wichtig ist mir aber, dass Ihnen klar wird, wo die Gefahren liegen. Wenn KI uns das Denken dauerhaft abnimmt, besteht tatsächlich die Gefahr, dass Fähigkeiten verloren gehen, die wir nicht mehr nutzen. Das nennt man „Deskilling“, Platon hätte gesagt: Wir vernachlässigen unser inneres Erinnern. Bei richtiger Nutzung kann KI uns schlauer und besser machen, aber nur wenn wir in der Lage sind ihre Antworten zu überprüfen, zu hinterfragen und einzuordnen und ich hoffe, dass wir ihnen dazu nötige Fähigkeiten mitgegeben haben.

Quelle: ChatGPT 4o. Prompt: Eine Karikatur, in der deutlich wird, dass KI gefährlich ist, dumm macht und Menschen negativ beeinflusst.

Der Zukunftsforscher Jamais Cascio beschreibt unsere Gegenwart als BANI-Welt: brüchig, verunsichernd, nicht-linear und oft schwer verständlich. Vielleicht klingt das zunächst düster. Aber interessanter finde ich die Antwort darauf: Eine solche Welt braucht Menschen mit Resilienz, Empathie, Beweglichkeit und gesundem Menschenverstand. Diese Fähigkeiten werden Sie in Zukunft brauchen. Diese Fähigkeiten lernt man allerdings nicht nur aus Büchern, Klausuren oder Lehrplänen. Man lernt sie durch Herausforderungen, durch Erfahrungen, durch Gemeinschaft – und davon hatten Sie reichlich. Dennoch sollten gerade sie diese Fähigkeiten erlernt haben.

Sie sind die Generation, in deren Geburtsjahren sich das Smartphone durchgesetzt hat, sie sind mit sozialen Medien aufgewachsen und haben die Corona-Pandemie erlebt. Sie werden, mehr als die vorangegangenen Generation, damit konfrontiert, dass unsere Gesellschaft und unser Planet keine Selbstverständlichkeiten sind, sondern, dass wir diese behüten müssen. Sie sind nicht die Generation, die alle Probleme lösen muss, die andere hinterlassen haben. Aber Sie sind die Generation, die mitentscheiden wird, welche Lösungen wir finden. Und ich bin da optimistisch.

In meinem PoWi-LK habe ich immer wieder gesehen, dass das nötige Problembewusstsein und die nötige Reflexionsfähigkeit bei vielen vorhanden sind.

Gut, Platon hätte bei der Schriftsprachkompetenz einiger vielleicht sogar Hoffnung geschöpft…

Aber das ist nicht das Entscheidende. Entscheidend ist, dass Sie sich jetzt mutig auf den Weg machen und die große Welt für sich entdecken. Das meine ich nicht nur räumlich, sondern intellektuell. Finden sie Betätigungsfelder, die zu ihnen passen, tauchen sie tief ein in diese. Nutzen sie alle Möglichkeiten, die ihnen dazu zur Verfügung stehen und bleiben sie dabei Mensch. Machen sie die Welt besser, machen sie sie enkelfähig.

Vielleicht hatte Platon ja recht und gleichzeitig unrecht. Ja, jede neue Technik nimmt uns etwas ab. Aber die entscheidende Frage ist nicht, was Maschinen, Bücher oder Programme für uns übernehmen.

Die entscheidende Frage ist die, die niemand für sie übernehmen kann: Ihr Urteil, Ihre Haltung und Ihre Verantwortung.

Sie verlassen heute die Schule nicht, weil Sie ausgelernt haben. Ganz im Gegenteil. Sie verlassen die Schule, weil wir Ihnen zutrauen, selbst lebenslang weiterzulernen.

Denken Sie immer daran: Auch früher war die Zukunft schon schlimm. Und trotzdem sitzen wir heute hier.

Vielleicht ist Zukunft also nicht etwas, das uns einfach passiert. Vielleicht ist Zukunft etwas, das Menschen gestalten.

Und ab heute noch ein Stück mehr: etwas, das Sie gestalten.

Alles Gute für Ihren Weg.

WfS 14: Positionsbestimmung – das dritte Jahr

Grafik mit KI erstellt.

In der letzten Gesamtkonferenz habe ich eine Positionsbestimmung unseres Schulentwicklungsprozesses vorgenommen, den ich hier in Teilen wiedergeben möchte, da ich finde, dass dieser Prozess für die ganze Schulgemeinschaft transparent und von Interesse sein sollte:

Wenn man mitten in Veränderungsprozessen steckt, sieht man manchmal vor allem das, was noch nicht funktioniert: offene Baustellen, Diskussionen, Unsicherheiten und Dinge, die noch nicht rundlaufen. Deshalb ist es mir wichtig, heute auch einmal deutlich zu sagen: Wir haben als Schule in den vergangenen Jahren enorm viel bewegt.

Wir haben gemeinsam begonnen, Unterricht weiterzuentwickeln, neue Lernformen zu erproben, stärker über Lernprozesse und nicht nur über Unterrichtsorganisation zu sprechen. Wir haben mit der DNA-Gruppe, der SEG, mit pädagogischen Tagen, mit vielen Initiativen und Projekten eine Dynamik geschaffen, die keineswegs selbstverständlich ist. Dabei haben wir außerdem noch die Partizipationsmöglichkeiten für Lehrkräfte, Lernende und Eltern ausgebaut.

In unseren Projekten und Aktivitäten der letzten zwei bis drei Jahre lassen sich mittlerweile klare Muster erkennen, die ich in zentralen Bereichen und an ausgewählten Beispielen kurz verdeutlichen will:

Wenn man auf diese vielen Entwicklungen schaut, könnte man zunächst denken: Das sind sehr viele einzelne Projekte.

Ich glaube aber, dass man inzwischen etwas anderes erkennen kann: Hinter diesen Entwicklungen stehen gemeinsame Linien. Es geht im Kern immer wieder um dieselben Fragen: Wie gelingt Lernen besser? Wie übernehmen Schülerinnen und Schüler mehr Verantwortung? Und wie entwickeln wir uns als Schule gemeinsam weiter?

Ich sehe dabei fünf zentrale Entwicklungen:

Erstens: Wir haben eine neue Lernkultur angestoßen.

Wir sprechen heute an vielen Stellen anders über Unterricht als noch vor einigen Jahren. Es geht nicht mehr nur um die Frage, was wir unterrichten, sondern stärker darum, wie Schülerinnen und Schüler lernen.

Mit der DNA-Gruppe und der SEG als Motor für Unterrichtsentwicklung, unseren pädagogischen Tagen, der Pilotklasse mit fächerverbindendem Lernen und dem Herausforderungsprojekt haben wir wichtige Erfahrungen gesammelt.

Wir haben mit dem Graduierungssystem erste Schritte erprobt, um Verantwortung und Selbstständigkeit sichtbarer zu machen, unsere Begabtenförderung weiterentwickelt und mit dem selbstorganisierten Lernen eine klare Perspektive für die kommenden Jahre formuliert.

Dabei geht es um zentrale Fragen moderner Lernkultur: Lernbegleitung, Feedback, Portfolioarbeit und neue Formen, Leistung sichtbar zu machen.

Zweitens: Wir haben Verantwortung und Partizipation gestärkt.

Schule verändert sich nicht durch einzelne Personen, sondern dadurch, dass viele Verantwortung übernehmen.

Unsere SV hat sich stark entwickelt, Schülerinnen und Schüler sowie Eltern beteiligen sich zunehmend an Schulentwicklungsprozessen und mit Aula entsteht möglicherweise ein weiterer Raum echter Mitgestaltung.

Auch das Reallabor zeigt, was passiert, wenn Schülerinnen und Schüler Verantwortung übernehmen: Sie arbeiten an echten Problemen, entwickeln eigene Ideen und erleben, dass ihr Handeln Wirkung hat.

Wir reden nicht nur über Demokratiebildung, wir schaffen zunehmend Räume, in denen Demokratie erlebt wird.

Drittens: Wir haben Schule stärker geöffnet.

Eine moderne Schule kann nicht mehr als geschlossenes System funktionieren.

Wir haben die Zusammenarbeit mit Grundschulen intensiviert, Kooperationen ausgebaut und uns stärker mit anderen Schulen und Bildungsakteuren vernetzt.

Auch im Bereich KI merken wir, dass wir inzwischen nicht nur Impulse aufnehmen, sondern selbst Impulse geben und überregional wahrgenommen werden, sogar im Ministerium.

Wir lernen stärker mit und von anderen.

Viertens: Wir haben Schulkultur und Orientierung gestärkt.

Eine gute Lernkultur braucht Freiheit, aber Freiheit funktioniert nur mit gemeinsamen Regeln und Orientierung.

Deshalb gehören auch unser Präventionskonzept, die Handyregelung, die Arbeit am sozialen Lernen, Medienprävention, Gewaltprävention und die Diskussion über gemeinsame Haltung zu unserer Schulentwicklung.

Denn die Frage ist nicht nur: Wie wollen wir lernen?

Sondern auch: Wie wollen wir miteinander umgehen?

Fünftens: Wir haben Professionalität und Zusammenarbeit weiterentwickelt.

Auch wir als Organisation lernen.

Die SEG, die stärkere Arbeit in Teams, gemeinsame Entwicklungsprozesse, Evaluationen, externe Beratung und das Feedback an die Schulleitung zeigen:

Wir haben begonnen, nicht nur über die Entwicklung unserer Schülerinnen und Schüler zu sprechen, sondern auch über unsere eigene Entwicklung als Schule.

Und genau das ist der Kern einer lernenden Organisation.

Natürlich stehen viele dieser Entwicklungen noch am Anfang. Veränderung in Schule entsteht nicht durch einzelne Beschlüsse und Pilotprojekte, sondern durch gemeinsames Ausprobieren, Lernen und Weiterentwickeln. Entscheidend ist: Wir sind auf dem Weg und haben eine klare Richtung.

Wenn ich auf die letzten Jahre schaue, sehe ich eine Schule, die nicht stillsteht. Ich sehe eine Schule, die sich intensiv bewegt: Wir sind Selbstständige Schule geworden, haben Beteiligungsstrukturen aufgebaut, Unterrichtsentwicklung ins Zentrum gerückt, Digitalisierung pädagogisch diskutiert, Prävention gestärkt und begonnen, Lernen neu zu denken.

Der nächste Schritt besteht nicht darin, noch mehr Neues anzufangen. Der nächste Schritt besteht darin, das, was wir begonnen haben, in verlässliche Strukturen zu bringen.

Gleichzeitig erleben wir alle, dass Schule vor großen Veränderungen steht. Die Herausforderungen sind bekannt: zunehmende Heterogenität, veränderte Anforderungen der Gesellschaft, Digitalisierung und künstliche Intelligenz, Fragen der Bildungsgerechtigkeit und der Motivation unserer Schülerinnen und Schüler.

Viele aktuelle Bildungsstudien zeigen dabei ein ähnliches Bild: Erfolgreiche Schulen unterscheiden sich nicht dadurch, dass sie möglichst viele Einzelprojekte starten. Entscheidend sind eine gemeinsame Lernkultur, klare Strukturen und die Fähigkeit, die eigene Arbeit systematisch weiterzuentwickeln.

Anders gesagt: Auch Schule selbst muss lernen.

Genau an diesem Punkt stehen wir gerade.

Mit der Anerkennung als selbstständige Schule haben wir zusätzliche Gestaltungsmöglichkeiten erhalten, aber auch die Verantwortung, unsere Entwicklung bewusster zu steuern. Deshalb werden wir im kommenden Schuljahr ein Projekt- und Qualitätsmanagementsystem aufbauen. Nicht, um zusätzliche Bürokratie zu schaffen, sondern um Klarheit zu gewinnen:

Welche Ziele verfolgen wir?

Wer übernimmt Verantwortung?

Woran erkennen wir, ob Maßnahmen wirken?

Ein gutes Qualitätsmanagement erkennt man nicht daran, dass mehr Papier entsteht, sondern daran, dass weniger Dinge gleichzeitig laufen und die wichtigen Dinge besser gelingen.

Es geht darum, aus vielen guten Einzelinitiativen ein gemeinsames System zu machen.

Dazu gehört aus meiner Sicht auch die Frage, wie wir uns als Schulleitung aufstellen. Dabei geht es nicht um Personen, sondern um Strukturen: Wie muss Schulleitung organisiert sein, damit sie unsere Entwicklung bestmöglich unterstützt?

Eine zweite wichtige Entscheidung betrifft unsere inhaltliche Schwerpunktsetzung.

Eine Rückmeldung, die ich ernst nehme, lautet: Es passiert sehr/zu viel gleichzeitig.

Und diese Rückmeldung stimmt. Diese Vielfalt war in der Such- und Entwicklungsphase richtig. Man muss Dinge ausprobieren, um herauszufinden, was trägt. Aber jede Entwicklungsphase braucht irgendwann den Moment, in dem man auswählt und vertieft.

Deshalb werden wir im kommenden Schuljahr bewusst fokussieren.

Internationale Vergleiche und Bildungsforschung zeigen auch hier: Erfolgreiche Schulen zeichnen sich nicht durch einzelne Programme aus, sondern durch gemeinsame professionelle Routinen. Entscheidend sind Klarheit über guten Unterricht, Zusammenarbeit im Kollegium, Feedback und die Fähigkeit, die eigene Praxis immer wieder anzupassen.

Gleichzeitig wird in einer Welt, in der Information jederzeit verfügbar ist und künstliche Intelligenz einfache Aufgaben zunehmend übernehmen kann, die Fähigkeit wichtiger, das eigene Lernen zu organisieren.

Dazu möchte ich eine kleine Anekdote erzählen: Ein Schulleiter hat berichtet, dass an seiner Schule für vier Wochen Selbstorganisiertes Lernen im Jahrgang 5 ausprobiert wurde und dies im kommenden Schuljahr flächendeckend eingeführt werden soll. Das Spannendste, was ihm aufgefallen ist, so hat er es berichtet, war, dass die üblichen Konflikte unter den Lernenden und mit den Lehrkräften fast verschwunden waren.

Natürlich bedeutet das nicht, dass Selbstorganisiertes Lernen automatisch alle Probleme löst. Im Gegenteil: Selbstorganisiertes Lernen funktioniert nur mit sehr klaren Strukturen, guter Lernbegleitung und gemeinsamen Regeln.

Unser Schwerpunkt bei der Schulentwicklung wird also das selbstorganisierte Lernen sein. Hier wollen wir unsere Energie bündeln, Erfahrungen sammeln, Strukturen entwickeln und Kolleginnen und Kollegen unterstützen. Ziel ist es, im übernächsten Schuljahr eine entsprechende Themenklasse im Jahrgang 5 anbieten zu können.

Das bedeutet gleichzeitig: Andere Projekte und Experimente werden nicht verschwinden, aber sie treten bewusst etwas zurück. Gute Schulentwicklung bedeutet auch zu entscheiden, was man gerade nicht macht.

Neben selbstorganisiertem Lernen bleiben zwei schulkulturelle Themen entscheidend:

Haltung und Feedback.

Wenn wir möchten, dass Schülerinnen und Schüler Verantwortung für ihr Lernen übernehmen, müssen auch wir als Organisation eine lernende Haltung entwickeln.

Dazu gehört Feedback.

Die Rückmeldungen an die Mitglieder der Schulleitung und die Umfragen unter Eltern und Schülerinnen und Schüler waren insgesamt sehr wertvoll und helfen uns bei unserer Weiterentwicklung. Auch wir als Schulleitung lernen in solchen Prozessen dazu. Nicht alles läuft beim ersten Mal perfekt und wo Dinge nicht gut gelungen sind, übernehmen wir Verantwortung und verbessern sie.

Eine lernende Organisation entsteht nicht dadurch, dass niemand Fehler macht. Sie entsteht dadurch, dass man offen darüber sprechen kann und gemeinsam besser wird. Als lernende Organisation befinden wir uns auf allen Ebenen in einem permanenten Professionalisierungsprozess.

Als ich mit den beiden Schülern unserer Schule, die den europäischen Preis beim Börsenspiel gewonnen haben, nach Brüssel fahren durfte, hat eine Dame der Europäischen Kommission eine hervorragende Keynote gehalten. Es ging ihr darum, dass wir unser Bildungssystem neu denken müssen und uns noch stärker auf lebenslanges Lernen einstellen müssen. Die Fähigkeit zu lernen, Verantwortung zu übernehmen und sich auf Neues einzustellen, wird entscheidend sein.

Besonders freue ich mich, dass auch unsere Schülerinnen und Schüler diese Entwicklung aktiv mitgestalten. Das Projekt Aula, das die SV vorantreibt, ist dafür ein starkes Beispiel. Demokratiebildung bedeutet nicht nur, über Beteiligung zu sprechen, sondern echte Verantwortung zu ermöglichen.

Mir ist am Ende noch eine Sache wichtig zu betonen! Wir haben viele engagierte Kolleginnen und Kollegen, die vieles in Bewegung setzen und möglich machen, das ist toll. Wir brauchen jede Unterstützung. Darum fordere ich sie alle auf, machen sie sich Gedanken, was sie beitragen können und wollen. Die nächsten Jahre bieten viele Möglichkeiten, die Zukunft dieser Schule aktiv mitzugestalten. Wir brauchen Sie alle bei der Entwicklung der Zukunft der Weibelfeldschule. Wer helfen will, kann mich oder ein anderes Schulleitungsmitglied gerne ansprechen.

Wenn ich also zusammenfasse, worum es im nächsten Abschnitt unserer Schulentwicklung geht, dann sind es drei Dinge:

Wir schaffen klare Strukturen.

Wir konzentrieren unsere Kräfte.

Wir entwickeln gemeinsam eine Kultur des Lernens für die ganze Schulgemeinschaft.

Die Weibelfeldschule hat viele Stärken. Jetzt geht es darum, diese Stärken noch besser miteinander zu verbinden.

Die kommende Phase ist keine Phase zusätzlicher Veränderung. Sie ist eine Phase der Bündelung.

Vielen Dank an alle, die diesen Weg mitgehen und mitgestalten.

Blog 2026-06: Vom Lexikon zum Chatbot – Wie sich die Bedingungen des Lernens verändert haben

Oft wird beklagt, und ich nehme mich dabei gar nicht aus, dass Schule sich nicht verändere. Dennoch gibt es natürlich Veränderungen, die sich gar nicht vermeiden lassen und auf die Schule zwangsläufig reagiert, weil sie Schule verändern, ohne dass diese etwas dafür kann.

Wenn ich zu meiner Schulzeit ein Referat oder eine Präsentation vorbereiten sollte, was selten vorkam, dann konnte die Lehrkraft davon ausgehen, dass ich zuhause vielleicht ein Lexikon habe, sonst konnte bestenfalls Schulbuchwissen abgefragt werden. Ich bin zwar einmal mit einem Mitschüler für ein Referat in die Universitätsbibliothek nach Frankfurt gefahren, war dort aber von den „Zettelkästen“ recht überfordert und war beim Inhalt besonders intrinsisch motiviert, aber das ist ein anderes Thema.

Dann kam das Internet. Plötzlich standen, weitgehend frei zugänglich, viel mehr Informationen und Quellen zur Verfügung. Also konnten mehr Themen in die Hausaufgaben verlegt werden und es konnte vor allem mehr erwartet werden. Das machte Schule für die Lernenden anspruchsvoller; für die Lehrenden natürlich auch. Gleichzeitig erweiterte sich die Wissensbasis, die Schulen vermitteln konnte. Mit dem Internet wurde aber auch die Bewertung von Fakten und die Verifizierung von Wissen bedeutsamer. Die Vertrauenswürdigkeit der genutzten Websites rückte in den Vordergrund. Das ließ sich aber noch in einem überschaubaren Rahmen abschätzen. Nebenbei wurde Wissen globalisiert und stand plötzlich in vielen verschiedenen Sprachen zur Verfügung. Allerdings entstand auch hier schon ein „cultural bias“, weil nicht alle Sprachen und Kulturen gleichermaßen im WWW repräsentiert waren. Weitere Effekte waren das Verschwinden der gedruckten Enzyklopädien, eine neu entstehende Dateninfrastruktur, die Zunahme des Stromverbrauchs und der damit verbundenen Emissionen, das Entstehen sozialer Netzwerke mit allen Vor- und Nachteilen und eine Dominanz der USA auf dem Tech-Markt, um nur einige zu nennen.

Und jetzt haben wir Künstliche Intelligenz. Jetzt wird das „Wissen“ des Internets und darüber hinaus, Qualität spielt nur eine untergeordnete Rolle, so aufbereitet und immer wieder rekombiniert, sodass es zumindest den Anschein hat, dass (schulische) Fragen einfach direkt beantwortet werden. Auch damit vergrößert sich wieder die Wissensbasis für (Haus-)Aufgaben, auch dadurch wird Lehren und Lernen wieder anspruchsvoller. Aber nur, wenn es richtig gemacht wird. Schlimmstenfalls erstellen Lehrkräfte Aufgaben und Arbeitsblätter mit KI, die dann von Schülerinnen und Schülern mit KI bearbeitet werden und es kommt zu Kompetenzverlusten auf beiden Seiten, so genanntem Deskilling. Gleichzeitig wird es noch wichtiger Fakten und Wissen zu verifizieren. KI erfindet Fakten und Zusammenhänge, die dann auch noch plausibel dargestellt werden. Hier braucht es ganz neue und anspruchsvolle Kompetenzen für Lehrende und Lernende, wir erreichen also ein weiteres neues und höheres Anspruchslevel an Schulen. Außerdem steckt auch hier weiter ein bedeutsamer „cultural bias“ drin, da die Trainingsdaten wieder westlich dominiert sind. Mit China ist ein neuer bedeutender „Player“ hinzugekommen und der Ressourcenverbrauch steigt immens. KI flutet soziale Netzwerke mit „AI-Slop“, dessen Auswirkungen erst langsam deutlich werden (die Nutzung sozialer Netzwerke durch Jugendliche scheint zurückzugehen).

Ein nächster Entwicklungsschritt könnte dann agentische KI sein, die schulische Prozesse noch weiter automatisiert, was die Kombination von KI und Robotik mit Schulen machen wird ist schwer abzusehen. Vermutlich muss ich dann nicht einmal mehr meine KI-generierten Arbeitsblätter selbst aus dem Kopierer holen. KI zu ignorieren oder zu verbieten ist natürlich keine Lösung, sie hat ja unsere Gesellschaft schon durchdrungen vom Chatbot auf der Homepage des Landkreises bis zum Gesprächspartner bei Snapchat oder Whatsapp, fast alle Lernenden nutzen KI für Hausaufgaben und weit darüber hinaus.

Eigentlich wollte ich mit dem Text hier enden, habe aber die KI um ein Feedback gebeten und den Vorschlag bekommen, den Text noch um folgenden Abschnitt zu ergänzen, der noch einmal die aktuellen Herausforderungen pointiert zusammenfasst:

„Die eigentliche Herausforderung besteht deshalb nicht darin, KI aus Schule herauszuhalten. Das wird ebenso wenig gelingen, wie es gelungen ist, das Internet aus Schule herauszuhalten. Die Technologie ist längst Teil der Lebenswelt unserer Schülerinnen und Schüler geworden und wird in den kommenden Jahren noch stärker in nahezu allen gesellschaftlichen Bereichen präsent sein.

Viel wichtiger ist eine andere Frage: Was bedeutet das für Lernen?

Über Jahrzehnte konnten wir stillschweigend davon ausgehen, dass die Bearbeitung einer Aufgabe selbst bereits einen Lernprozess auslöst. Wer einen Text schreibt, muss nachdenken. Wer eine Präsentation vorbereitet, muss Informationen recherchieren, auswählen und strukturieren. Wer ein Problem löst, setzt sich mit dem Problem auseinander.

Mit KI gerät diese Annahme erstmals ins Wanken.

Nicht, weil Lernen unmöglich würde. Sondern weil die Bearbeitung einer Aufgabe zunehmend delegierbar wird. Die Aufgabe kann erledigt werden, ohne dass der Lernprozess zwangsläufig beim Lernenden stattfindet. Damit steht nicht weniger als eine Grundlogik von Schule zur Diskussion.

Die entscheidende Frage lautet deshalb nicht, ob Schülerinnen und Schüler KI nutzen dürfen. Sie lautet auch nicht, welche App die beste ist oder welche Funktionen künftig noch hinzukommen werden.

Die entscheidende Frage lautet: Welche Aufgaben stellen wir in Zukunft, wenn Maschinen viele der bisherigen Aufgaben bereits lösen können?

Vielleicht ist das die eigentliche Revolution. Nicht die Technologie selbst. Sondern die Tatsache, dass sie uns zwingt, grundlegende pädagogische Fragen neu zu stellen:

  • Warum lernen wir überhaupt?
  • Woran erkennen wir, dass jemand etwas verstanden hat?
  • Welche Rolle spielt Wissen in einer Welt, in der Informationen jederzeit verfügbar sind?
  • Und wie gestalten wir Schule so, dass Lernen auch dann noch stattfindet, wenn Antworten auf Knopfdruck erzeugt werden können?

Auf diese Fragen haben wir derzeit noch keine abschließenden Antworten. Aber vielleicht ist genau das die wichtigste Erkenntnis: Die KI-Debatte ist keine Technologie-Debatte. Sie ist eine Debatte über Lernen, Bildung und die Zukunft von Schule.“

(erstellt mit ChatGPT, Formatierung angepasst und natürlich vor Veröffentlichung geprüft und für brauchbar befunden)

Newsletter 25/26-14: 17.04.2026

Liebe Schulgemeinschaft,

manchmal habe ich das Gefühl, dass wir gerade nicht nur unterrichten – sondern selbst lernen. Und zwar ziemlich viel, ziemlich schnell und oft auch ziemlich gleichzeitig. Künstliche Intelligenz, Social Media, mentale Gesundheit und Leistungsentwicklung sind längst keine Zukunftsthemen mehr, sondern mitten in unserem Schulalltag angekommen. Die entscheidende Frage ist deshalb nicht mehr, ob sich Schule verändert, sondern wie bewusst wir diese Veränderung gestalten. In den letzten Wochen habe ich mich intensiver mit sogenannten adaptiven intelligenten Systemen beschäftigt, also mit KI, die Lernen individuell steuern kann (siehe letzter Newsletter).
Das ist nicht einfach ein weiteres digitales Werkzeug, sondern hat das Potenzial, Schule grundlegend zu verändern. Wenn ein System in der Lage ist, jedem Kind passgenaue Aufgaben zu geben, unmittelbare Rückmeldungen zu liefern und Lernwege dynamisch anzupassen, dann stellt sich eine zentrale Frage: Was ist dann eigentlich noch die Rolle von Schule?
Unsere Antwort darauf ist klar: nicht weniger Schule, sondern eine andere Schule. Eine Schule, in der es weniger um reine Wissensvermittlung geht und mehr um Reflexion, Bewertung und Einordnung. Eine Schule, die stärker auf Beziehung, Orientierung und Verantwortung setzt. Denn genau das sind die Bereiche, in denen menschliches Lernen unersetzlich bleibt.
Gleichzeitig erleben wir im Alltag, und das wird durch zahlreiche Studien gestützt, dass Konzentration schwerer fällt, Konflikte zunehmen und Unsicherheiten wachsen. Das ist kein individuelles Problem einzelner Schülerinnen und Schüler, sondern Ausdruck eines gesellschaftlichen Kontextes, der Schule unmittelbar betrifft. Deshalb gehört es zu unserem Auftrag, nicht nur Lernen zu ermöglichen, sondern auch Menschen zu stärken.
Vor diesem Hintergrund arbeiten wir aktuell intensiv daran, Unterricht weiter zu öffnen und Lernprozesse stärker zu individualisieren. Das wird nicht von heute auf morgen geschehen, aber die Richtung ist klar: mehr selbstständiges Arbeiten, mehr Verantwortung für den eigenen Lernprozess und mehr Raum für unterschiedliche Lernwege. Gleichzeitig bleibt bestehen, dass Schule ein sozialer Ort ist, ein Ort der Begegnung, an dem man nicht nur lernt, was man denkt, sondern wie man denkt.
Vielleicht ist das die wichtigste Erkenntnis in dieser Zeit: Wir müssen nicht auf jede Entwicklung sofort eine perfekte Antwort haben. Aber wir sollten uns bewusst machen, welche Fragen wir stellen wollen. Denn genau darin liegt die Zukunft von Schule.

Ich möchte noch einen weiteren Gedanken teilen und es ist ehrlich gesagt ein heikler: Schülerinnen und Schüler, die Lehrkräfte heimlich filmen. Ein aktueller Bericht der britischen Zeitung Daily Mirror (https://www.mirror.co.uk/news/politics/pupils-secretly-recording-videos-teachers-36923252) zeigt, dass solche Aufnahmen nicht nur entstehen, sondern gezielt weiterverbreitet und teilweise sogar mit Hilfe von KI verändert werden. Lehrkräfte werden dabei in falsche Zusammenhänge gestellt, mit erheblichen persönlichen und beruflichen Folgen. Ich beziehe mich hier nicht auf einen konkreten Fall an unserer Schule, sondern aus Gründen der Prävention.
Was hier entsteht, ist mehr als ein „Handyproblem“. Es ist eine neue Qualität von Öffentlichkeit im Klassenzimmer – und gleichzeitig eine neue Form von Unsicherheit.
Denn wir müssen uns klarmachen: Unterricht ist ein geschützter Raum. Ein Raum, in dem Fehler erlaubt sind, in dem ausprobiert wird, in dem auch mal „gerungen“ wird, mit Gedanken, mit Positionen, manchmal auch miteinander. Wenn dieser Raum jederzeit potenziell aufgezeichnet, geteilt und verzerrt dargestellt werden kann, verändert das etwas Grundlegendes.
Nicht nur für Lehrkräfte.
Auch für Schülerinnen und Schüler.
Eine Schule, in der ständig mitgedacht werden muss, ob ein Moment heimlich aufgenommen wird, ist keine gute Lernumgebung.
Deshalb möchte ich an dieser Stelle auch einen klaren Appell an Sie als Eltern richten:
Sprechen Sie mit Ihren Kindern über den verantwortungsvollen Umgang mit Smartphones und KI. Machen Sie deutlich, dass heimliches Filmen kein Kavaliersdelikt ist, sondern ein massiver Eingriff in die Persönlichkeitsrechte anderer. Schule kann und wird Regeln setzen, aber die Haltung dazu entsteht vor allem im Elternhaus. Gleichzeitig ist es mir wichtig, auch unser Kollegium für diese Entwicklung zu sensibilisieren – ohne Alarmismus, aber mit der nötigen Klarheit:
Wir bewegen uns in einem veränderten Kontext. Situationen im Unterricht können heute anders wahrgenommen, aufgezeichnet und aus dem Zusammenhang gerissen werden. Das bedeutet nicht, dass wir unseren Unterricht grundlegend verändern oder uns ständig selbst kontrollieren müssen. Aber es bedeutet, dass wir uns dieser Realität bewusst sein sollten. Sprechen Sie mit den Klassen darüber und machen sie den Schülerinnen und Schülern klar, dass wir solches Verhalten keinesfalls tolerieren und es ernsthafte Konsequenzen hat.

Professionelles Handeln, Transparenz und gegenseitige Unterstützung im Kollegium werden damit noch wichtiger.

Am Ende steht eine einfache, aber entscheidende Einsicht: Nicht alles, was technisch möglich ist, ist auch richtig.

Und genau deshalb ist auch das eine zentrale Bildungsaufgabe unserer Zeit.

Ihr

Erik Grundmann

Und hier wieder als Angebot, ein paar Links, Tipps und Empfehlungen:

Interessantes
„ZDF heute“ über die Studie „Jugend in Deutschland“, die die Unzufriedenheit junger Menschen in Deutschland zeigt. 41% der 14- bis 29-Jährigen können sich vorstellen, künftig lieber in einem anderen Land zu leben: https://www.zdfheute.de/politik/deutschland/jugend-studie-2026-deutschland-100.html. Auch das „Deutsches Schulportal“ berichtet über die Studie: https://deutsches-schulportal.de/schule-im-umfeld/stress-schulden-unsicherheit-junge-menschen-blicken-skeptisch-in-die-zukunft/.
Die „Frankfurter Rundschau“ hat Sanem Kleff interviewt, die 25 Jahre „Schule ohne Rassismus“ geleitet hat: https://www.fr.de/panorama/rassistische-vorurteile-werden-viel-ungehemmter-ausgelebt-94236157.html. Die Weibelfeldschule gehört auch dem Netzwerk „Schule ohne Rassismus“ an und unterstützt dessen Idee mit einer Arbeitsgemeinschaft und zahlreichen Aktionen.
Im „Wiarda-Blog“ spricht Jan-Martin Wiarda mit dem Soziologen Marc Helbig über den Zusammenhang von Noten, familiärer Unterstützung und sozialer Herkunft: https://www.jmwiarda.de/blog/2026/03/11/wen-pruefen-lehrkraefte-da-eigentlich-das-kind-oder-die-eltern.

Schulentwicklung
Bei „evido“ ist ein Interview mit Prof. Karlen zum sebstregulierten Lernen veröffentlicht worden: https://evido-magazin.de/artikel/selbstreguliertes-lernen-vom-einzelprojekt-zur-schulkultur. Fazit: Selbstreguliertes Lernen wird erst dann wirksam, wenn es nicht als Projekt, sondern als gemeinsame, langfristige Schulentwicklung verstanden wird.
Auf derselben Plattform ist auch ein Interview mit Prof. Hertwig zum Thema Selbstregulation erschienen: https://evido-magazin.de/artikel/selbstregulation-gegen-kontrollverlust-so-koennen-schulen-auf-dem-weg-zur-digitalen-muendigkeit-unterstuetzen. Fazit: Digitale Bildung ist nicht primär ein Technikthema, sondern ein Selbstregulationsthema: Wer sich nicht selbst steuern kann, verliert im digitalen Raum die Kontrolle.
Auf dem „Deutschen Schulportal“ berichtet Alexandra Mankarios über die Forderung der SWK nach mehr einheitlichen Tests und klareren Standards zur datengestützten Schulentwicklung: https://deutsches-schulportal.de/bildungsforschung/swk-gutachten-datengestuetzte-schulentwicklungexpertengremium-mehr-einheitliche-tests-fuer-bessere-foerderung-in-der-schule.

Smartphone und Social-Media
Die KI-Übersichten bei Google-Suchen enthalten viele Fehlinformationen, wie „Futurism“ berichtet: https://futurism.com/artificial-intelligence/google-ai-overviews-misinformation.
Klicksafe hat seine Video-Reihen übersichtlicher gestaltet: https://www.klicksafe.de/video-reihen.
Das „Deutsche Schulportal“ hat ein Interview mit der Medienwissenschaftlerin Leonie Alatassi zur TikTok-Nutzung von Jugendlichen geführt. Spoiler: Jugendliche wissen zu wenig über den Algorithmus: https://deutsches-schulportal.de/schule-im-umfeld/studie-jugendliche-wissen-zu-wenig-ueber-den-tiktok-algorithmus/.

KI
Spannend! In der PISA-Studie 2029 wird erstmals auch Media- und AI-Literacy von Schülerinnen und Schülern erfasst. D.h. mit PISA 2029 wird erstmals international sichtbar, ob Schule junge Menschen darauf vorbereitet, sich in einer von KI erzeugten Wirklichkeit zu orientieren – oder ob sie lediglich Wissen vermittelt, das längst automatisiert verfügbar ist. Informationen dazu: https://www.zib.education/media-and-artificial-intelligence-mail-bei-pisa-2029/.
„404 Media“ beschäftigt sich mit den afrikanischen Klickworkern, die KI trainieren und beginnen sich zu wehren: https://www.404media.co/ai-is-african-intelligence-the-workers-who-train-ai-are-fighting-back/.
Auf der Seite https://theyseeyourphotos.com/ kann man sehen, welche Informationen KI, in diesem Fall Google Vision, aus Fotos herauslesen. Spoiler: Das ist zwar nicht präzise, zeigt aber anschaulich, was aktuell mit unseren Bilddaten passiert und wie sie kommerzialisiert werden.
Die Plattform https://www.magmamath.com/de ist ein adaptives intelligentes System für den Mathematikunterricht. Sie erlaubt Einblicke in Lernprozesse und unterstützt lernen
individuell.
Bernhard Gmeiner schreibt in seinem Blog bei „Der Standard“ über ein Gespräch mit Barbara Geyer über den Einfluss von KI-Agenten auf Aufgaben und die Folgen. Wenn KI-Agenten nicht nur helfen, sondern lernen an unserer Stelle übernehmen, steht Schule vor einer existenziellen Frage: Nicht mehr, wie wir lernen – sondern warum überhaupt noch.: https://www.derstandard.at/story/3000000314084/die-hausuebung-macht-mein-ki-agent?ref=article.
„t3n“ konstatiert das Ende des KI-Hypes bei der Gen-Z, eine völlig normale Entwicklung. Entscheidend ist nicht, dass junge Menschen KI nicht mehr nutzen – sondern dass sie ihr dabei immer weniger vertrauen.https://t3n.de/news/das-ende-des-hypes-gen-z-verliert-zunehmend-das-vertrauen-in-ki-1737994/.

Tipps für den Unterricht

Das „Deutsche Schulportal“ hat ein Dossier zu datengestützter Diagnose und Förderung zusammengestellt: https://deutsches-schulportal.de/dossiers/datengestuetzte-diagnose-und-foerderung-in-der-schule-aber-wie.
Mit https://bouncy-balls.org/de, kann man den Lärmpegel im Klassenraum visualisieren.

Leseempfehlung
Ben Furman: Lösungsorientiert Schule machen. Wie Unterricht wieder mit mehr Freude gelingt, Heidelberg 2024.
Der finnische Psychiater und Psychotherapeut zeigt anschaulich und praxisnah, wie der Umgang mit Herausforderungen in Schule gelingen kann. Das Buch hat nur 100 Seiten und ist schnell zu lesen.

Hörempfehlung
Mal wieder eine Folge „Psychologie im Klassenzimmer“ Benedikt Wisniewski spricht mit dem Bildungsjournalisten Alexander Brand über dessen Buch „Die Bildungsweltmeister“: https://podcasts.apple.com/de/podcast/spezial-die-bildungsweltmeister-gespr%C3%A4ch-mit-alexander/id1647804131?i=1000761040380

Sehempfehlung
In der Mediathek der ARD gibt es die sehenswerte Doku „Inside Klassenchats“: https://www.ardmediathek.de/video/doku-und-reportage/inside-klassenchats/wdr/Y3JpZDovL3dkci5kZS9CZWl0cmFnLXNvcGhvcmEtYmUyMTAxMTAtNWViZC00MmNhLWFhYzItZmEzNDZiMTIyMGNh.

Veranstaltungsempfehlung
Vom 5. bis 7. Mai findet in Karlsruhe die LEARNTEC statt, laut eigener Auskunft „Europas bedeutendste Fachmesse für digitale Bildung in Schule, Hochschule und Beruf“. Weitere Infos: https://www.learntec.de/de/.

Spaß im Netz
Wenn Sie mal wieder am Rad drehen (wollen), empfehle ich diese Website: https://www.leduchamp.com/.

Blog 2026-04: Die Disruption durch Adaptive Intelligente Systeme

Bild: ChatGPT

Mich hat auf der Didacta 2026 ein Aspekt besonders beschäftigt. Ich habe dort ein Panel zu Adaptiven Intelligenten Systemen (AIS) besucht. Das „FWU Institut für Film und Bild gGmbh war Veranstalter, teilgenommen haben Prof. Dr. Ulrike Cress (Direktorin Leibniz-Institut für Wissensmedien), Prof. Dr. Matthias Bethge (Direktor Tübingen AI Center), Prof. Dr. Andreas Lachner (Co-Director Tübingen Center for Digital Education), Dr. Wieland Brendel (Forschungsgruppenleiter ELLIS Institute Tübingen), Dr. Almut Steinlein (Projektleiterin AIS am FWU). Moderiert wurde das Panel von Dr. Anika Limburg, Leiterin des Bildungscampus Saarland. Im Panel wurde deutlich:

Mehrfach wurde das disruptive Potenzial eines AIS für Unterricht betont. Es entstehe eine Lehr-Lern-Plattform, die gleichzeitig Lernende individuell und adaptiv im eigenen Tempo unterstützen soll und Lehrende bei der Lernentwicklung der Lernenden auf dem Laufenden halte. Dadurch könne eine individuelle Förderung gelingen. Das System werde entsprechend mit Curricula etc. trainiert und soll für kommerzielle Anbieter offen sein, natürlich alles konform mit DSGVO und EU-AI-Act. So soll ein offenes, nicht proprietäres lernendes System entstehen, dass den Kindern gerecht werde und Lehrkräfte entlaste, die dann wieder mehr Raum für echte Lernbegleitung bei den Lernenden bekämen, die sie nötig haben. Dadurch soll mehr Bildungsgerechtigkeit entstehen. Dafür bedürfe es natürlich auch neuer Unterrichtsformen und Lernräume. Der Gefahr des Deskilling werde durch die Adaptivität und didaktisch elaborierte Sequenzierung vorgebeugt. Ziel seien verstärkte Selbstregulierung und Kompetenzorientierung bei den Lernenden, die mit dem AIS Lernen lernen. Natürlich bedeute das nicht, dass nur noch digital und vereinzelt gelernt werde, sondern eine Ergänzung zur Unterstützung individueller Lernprozesse zur Verfügung gestellt werde; natürlich müsse weiter auch analog und kollaborativ gelernt werden.

Ausgerollt werden soll das System schon nach den Sommerferien in ersten Pilotschulen, im Herbst soll es weiter in die breite gehen und im Winter soll es Fortbildungen für Lehrkräfte geben. Wohlgemerkt: 2026! Ein ambitioniertes Programm, entwickelt von deutschen Institutionen unter dem Dach der FWU. Die zentrale Kompetenz-Schnittstelle bildet des ellis-Institut Tübingen (ELLIS Institute Tübingen). Auf persönliche Nachfrage nach der Verbindlichkeit der Umsetzung wurde mir versichert, dass Schulen freiwillig teilnehmen könnten und man darauf setze, dass der Erfolg des AIS dazu führe, dass alle Schulen nicht darum herum kämen.

Mehr Informationen gibt es auf der Seite des AIS: https://ais.schule/ und hier: https://www.kmk.org/bildungsministerkonferenz/bildungsthemen/bildung-in-der-digitalen-welt.html (bei „Länderübergreifende Vorhaben“ / „Adaptives Intelligentes System“. Hier erfährt man auch, dass telli ein Teilprojekt von AIS ist und dessen weiterbetrieb von dem Fortschritt bei AIS abhängt.) Persönlich bin ich vom disruptiven Potenzial von AIS oder vergleichbaren Tutorsystemen überzeugt, schließlich war es unter anderem der TED-Talk von Sal Khan zu Khanmigo im April 2023, der mich zur intensiven Beschäftigung mit KI gebracht hat. Schon Benjamin Bloom (ja, das ist der mit den Taxonomien) hat ja 1984 erforscht, dass individuelle Unterstützung Lernende um zwei Notenstufen besser machen kann. Ohne KI war es natürlich nicht denkbar, jedem und jeder Lernenden eine Lehrkraft zur Verfügung zu stellen. Bloom nannte das das „2-Sigma-Problem“. KI hat jetzt das Potenzial, dieses Problem zu lösen. Wenn es denn gut gemacht wird.

Ich sehe aktuell zwei Schwierigkeiten. Bisher haben es staatliche/halbstaatliche Unternehmungen eher nicht geschafft, sinnvolle digitale Systeme zu etablieren (vgl. Logineo, telli mit Einschränkungen). Und, zweitens, habe ich meine Zweifel, ob eine freiwillige Implementierung in den Schulen funktionieren kann. Wir sehen aktuell bei der Implementierung von KI-Anwendungen in Unterricht und Lehre schon einen wachsenden digital-divide, weil viele Schulen und Lehrkräfte sich schlicht nicht damit beschäftigen. Ähnliches können wir bei der Anwendung von digitalen Tafeln oder Tablets im Unterricht beobachten. Ähnliches konnte ich auch schon bei der Einführung der Kompetenzorientierung in den 2010er Jahren beobachten, damals mussten sich Lehrkräfte zwar fortbilden lassen, haben das zum Teil nur widerwillig getan und nichts umgesetzt. Da ist es wieder, das Implementierungsproblem in der deutschen Bildungslandschaft. Ich plädiere daher für eine deutlich verbindlichere Umsetzung im Rahmen strukturierter Schulentwicklungsprogramme (Pilotierung, Begleitforschung, Fortbildung), um eine weitere Heterogenisierung der deutschen Bildungslandschaft zu verhindern und das Potenzial von AIS zur Stärkung der Bildungsgerechtigkeit zu nutzen. Außerdem plädiere ich für ein starkes europäisches System in Kooperation mit etablierten und neuen Stakeholdern auf dem europäischen Bildungsmarkt, um weiteren Einfluss von US-Big-Tech oder chinesischen Anbietern auf dem europäischen Bildungsmarkt zu verhindern.

AIS könnte das wichtigste schulische Infrastrukturprojekt seit Einführung der Schulpflicht werden, wenn Deutschland diesmal das Implementierungsproblem löst.

Funfact für alle KI-Skeptiker, besonders für Mathe: In Schweden gibt es ein gut funktionierendes AIS für Mathematik: Magma Math, auch das war auf der Didacta zu sehen: https://www.magmamath.com/de.

Ergänzung vom 04.04.2026:
Bei aller berechtigten Faszination für das Potenzial Adaptiver Intelligenter Systeme lohnt sich ein Blick auf die Bedingungen, unter denen diese Systeme entstehen. KI ist kein rein technologisches Produkt, sondern basiert in weiten Teilen auf menschlicher Arbeit, häufig ausgelagert in den Globalen Süden. Tausende sogenannte Data Labeler trainieren, überprüfen und moderieren Inhalte, oft unter prekären Bedingungen und mit hoher psychischer Belastung. Die „Intelligenz“ der Systeme ist damit nicht nur künstlich, sondern auch sozial produziert.

Diese Perspektive verändert den Blick auf KI grundlegend: Wenn Bildungssysteme künftig verstärkt auf solche Technologien setzen, greifen sie zugleich auf globale Arbeitsstrukturen zurück, die bislang weitgehend unsichtbar bleiben. Die Frage nach der didaktischen Integration von KI muss daher ergänzt werden um eine zweite: Unter welchen Bedingungen entsteht diese Technologie, und welche Verantwortung tragen wir als Bildungssystem in ihrer Nutzung?

Wer über Bildungsgerechtigkeit im Kontext von KI spricht, darf deshalb nicht nur die Wirkung im Klassenzimmer betrachten, sondern muss auch die Produktionsbedingungen im Blick behalten. Andernfalls besteht die Gefahr, dass eine Technologie, die im Inneren auf Ungleichheit basiert, nach außen als Lösung für eben diese Ungleichheit erscheint.

WfS-13: DER Pädagogische Tag

In Schulentwicklung gibt es Momente, in denen sich entscheidet, ob man wirklich etwas verändert oder ob man weiter über Veränderung spricht.

Der Pädagogische Tag am Aschermittwoch war für uns ein solcher Moment. Hier würde sich zeigen, in welche Richtung wir das von der Gesamtkonferenz vor über einem Jahr beschlossene Mandat zur Öffnung von Unterricht interpretieren und ob das Kollegium bereit ist, diesen Schritt zu gehen. Entsprechend groß war meine Nervosität, schließlich ist meine persönliche Vorstellung von Öffnung von Unterricht weitreichend.

Dabei war es im WfS-Blog zuletzt eher still. Zuletzt habe ich im Oktober über den Schulentwicklungs-Blues geschrieben und im August 2025 über den Entwicklungsprozess, der ernst wird und Fahrt aufnimmt. Still war es allerdings nur hier im Blog, nicht in der Schulentwicklung selbst.

Die Schulentwicklungsgruppe (SEG) hat zahlreiche Arbeitsgruppen gebildet, die sich mit Elementen der Öffnung von Unterricht auseinandergesetzt haben: BarDienstag, Feedback, Pädagogischer Tag, Projekttage, Selbstreguliertes Lernen und Graduierung. All diese Gruppen haben im Grunde auf diesen Pädagogischen Tag hingearbeitet. Er wurde damit zu einem Dreh- und Angelpunkt unserer Schulentwicklung.

Wie in den vorhergehenden Blogbeiträgen beschrieben, haben wir uns in den letzten zwei Jahren Strukturen geschaffen, um partizipative und zugleich strukturierte Schulentwicklung zu betreiben. Wir haben die DNA-Gruppe zusätzlich zur SEG aufgebaut, neue Austauschformate etabliert, etwa Barcamp und Open Space, sind Selbstständige Schule geworden, haben Schülerinnen und Schüler sowie Eltern einbezogen und zahlreiche Pilotprojekte gestartet, etwa Zukunftsschmiede und Projektklasse.

Wir haben vielen Ideen bewusst große Freiheiten gewährt und sind so in unterschiedliche Richtungen losgelaufen. Das war wenig strukturiert, hat aber Denk- und Möglichkeitsräume geschaffen. Gleichzeitig war das für manche Kolleginnen und Kollegen irritierend, da nicht immer klar war, wohin unsere Reise gehen sollte.

Schulentwicklung ist eine Gratwanderung zwischen strukturiertem Vorgehen und Experimentieren, zwischen Vielfalt und Konzentration auf das Wesentliche, zwischen Transparenz und schnellen Entscheidungen sowie zwischen Partizipation und dem Ergreifen spontaner Möglichkeiten. Dabei müssen Belastung des Kollegiums, Kommunikation, Ressourcen und rechtlicher Rahmen austariert werden.

Schulentwicklung ist somit ein komplexer Veränderungsprozess, der ein System an die Grenzen der Belastbarkeit bringt, während der Normalbetrieb weiterläuft. Bob Blume hat das einmal mit dem Umbau eines Propellerflugzeugs in einen Düsenjet während des Flugs beschrieben.

Deshalb ist es wichtig, innezuhalten und sich zu vergewissern, wo man steht und wo man hin will. Das war eine Forderung aus dem Kollegium und zugleich eine prozedurale Notwendigkeit. Ein Pädagogischer Tag bietet sich dafür an.
Da es uns um Strukturierung und Zielrichtung ging, war schnell klar, dass externe Expertise wenig helfen würde. Nur wir als Schulgemeinschaft kennen unsere formellen und informellen Strukturen. Gleichzeitig war klar, dass dieser Tag für unsere weitere Entwicklung zentral sein würde.

Also machten wir uns in einer Arbeitsgruppe an die Planung. Ein wirksamer Pädagogischer Tag muss Orientierung geben, ohne zu überfahren, und Beteiligung ermöglichen, ohne sich zu verlieren.
Nach mehreren Treffen stand ein Gerüst. Ich begann mit einem Impuls (nachzulesen hier), anschließend sahen wir kurze Praxisbeispiele. Danach arbeiteten wir im World-Café zu vier Fragen:

1. Was verstehen wir unter Öffnung von Unterricht bei uns?
2. Was finden wir daran pädagogisch sinnvoll oder reizvoll?
3. Wo sehen wir Schwierigkeiten, Grenzen oder berechtigte Sorgen?
4. Was wäre ein realistischer erster Schritt bei uns?

Die Ergebnisse wurden im Gallery-Walk zusammengeführt und anschließend in Arbeitsphasen zu konkreten Projekten weiterentwickelt.

    Entscheidender als die Methoden war jedoch etwas anderes. Die Diskussion blieb nicht abstrakt. Es ging nicht mehr darum, ob Öffnung sinnvoll ist, sondern wie sie bei uns aussehen kann und wo wir bewusst vorsichtig sein wollen. Skepsis verschwand nicht, aber sie wurde produktiv.

    In der Summe sind wir damit einen Schritt weitergekommen, weniger in einzelnen Projekten als in unserem gemeinsamen Verständnis von Schulentwicklung. Wir haben nicht beschlossen, Schule neu zu erfinden, sondern begonnen, sie bewusst zu verändern.

    Bis Pfingsten werden nun kleine Vorhaben im Unterricht erprobt. Zwei Kolleginnen haben beispielsweise ein fächerübergreifendes Genetik-Projekt im Jahrgang 9 entwickelt, in anderen Klassen soll ein Graduierungssystem getestet werden. Die Arbeitsgruppen der SEG arbeiten weiter, und auf der Gesamtkonferenz im Juni werden wir die Erfahrungen auswerten.

    Der Tag hat keine fertige Lösung hervorgebracht. Aber er markiert den Übergang von der Idee zur gemeinsamen Praxis.

    Dieser Übergang macht den Entwicklungsprozess für die gesamte Schulgemeinschaft greifbar. Das wird ziemlich sicher auch zu Konflikten führen, und genau darin liegt die nächste Entwicklungsaufgabe und darum wird es im nächsten Blogbeitrag gehen.

    Persönlicher Epilog
    Im Vorfeld des Pädagogischen Tages wurde ich zunehmend nervös. Meine Gedanken kreisten um Methoden, Formulierungen und mögliche Reaktionen. Es fiel mir schwer, mich auf andere Aufgaben zu konzentrieren, weil unklar war, ob ein relevanter Teil des Kollegiums bereit ist, den Prozess mitzutragen. Für meinen Impuls habe ich viel Feedback eingeholt und mehrfach nachjustiert.

    Nach dem Tag war ich vor allem sehr erschöpft und erleichtert. Ich wusste wieder, warum ich diesen Job mache und dass es sich lohnt.

    Blog 2026-02: Basics für Lehrkräfte und Eltern zu Gefahren in sozialen Medien

    Vorbemerkung: Dieser Blogbeitrag ist nahezu wortgleich als Newsletter 09 für das aktuelle Schuljahr erschienen. Ich halte den Inhalt allerdings für so relevant, dass ich ihn hier noch einmal veröffentliche. Wenn Sie das alles schon wissen, dann ist das wunderbar; wenn nicht, konnte ich hoffentlich zur Aufklärung über Gefahren im Netz und in sozialen Medien aufklären.

    Es gab schon immer Trends, Codes und eine spezielle Sprache von Jugendlichen. Das ist kein Grund zur Sorge und dient auch der Distanzierung von anderen Generationen. Wenn ältere Generationen das adaptieren, wird es oft peinlich und das ist im Grunde auch unnötig.
    Dennoch ist es wichtig, dass sich gerade Eltern und Lehrkräfte mit der Lebenswelt von Jugendlichen beschäftigen, nicht um diese vollständig zu verstehen und zu durchdringen, sondern um wenigstens ein Gefühl dafür zu bekommen, was Kinder und Jugendliche umtreibt. Das gilt für elektronische Spiele, vor allem aber für soziale Medien.
    Soziale Medien sind definitiv integrale Bestandteil der Jugendkultur, sie dienen der Kommunikation und Vernetzung und sind damit auch ein Teil der Sozialisation in die Gesellschaft. Schließlich nutzen ja auch viele Erwachsene soziale Medien, um vernetzt zu bleiben, sich zu informieren oder zu amüsieren.
    Es gibt aber auch die negative Seite. Neben der Polarisierung, der Spaltung und den Fakenews, die schon den Erwachsenen schwer zusetzen, sind Kinder und Jugendliche diesen Gefahren hilfloser ausgeliefert, da ihre Urteilskompetenz noch in der Entwicklung ist. Das nutzen Extremisten jeglicher Couleur aus. Das ist weitgehend bekannt und wird gelegentlich sogar in der Öffentlichkeit diskutiert.
    Ich möchte in diesem Newsletter für etwas unbekanntere Phänomene sensibilisieren, von denen Eltern und Lehrkräfte zumindest wissen sollten.
    Vermutlich haben einige schon von Jugendlichen gehört, die sich von TikTok zum Selbstmord haben inspirieren lassen oder von anderen Nutzern in den Tod getrieben wurden, wie zum Beispiel von dem Hamburger „White Tiger“, der einen 13jährigen Jungen in den USA dazu gebracht hat sich aufzuhängen. Es gibt in den sozialen Medien ganze Netzwerke, die sich damit brüsten andere zu Selbstverletzungen oder Selbstmord zu bringen (https://www.medienzeit-elternblog.de/blog/white-tiger-com-764-gefahr-kinder). Es gibt Handbücher in diesen Kreisen, in denen Manipulationstechniken erklärt werden und es gibt Foren und Chats in denen man sich austauscht. Das findet nicht nur auf TikTok statt, auch Discord, Telegram oder Roblox spielen dabei eine Rolle. Begehrte Opfer sind (psychisch labile) Teenager, weil diese in der Identitätsfindungsphase besonders vulnerabel sind.
    Ein noch häufiger vorkommendes Phänomen sind Challenges, bei denen es eher zu unfallbedingten Todesfällen kommt, wie bei der 13jährigen aus Kassel, die bei der sogenannten Blackout-Challenge, inspiriert auf TikTok, zu Tode kam (https://www.hessenschau.de/panorama/blackout-challenge-auf-tiktok-13-jaehrige-aus-landkreis-kassel-stirbt-bei-mutprobe-v1,tod-nach-tiktok-blackout-challenge-100.html). Bei dieser Challenge geht es darum, durch kurzzeitiges Strangulieren kurz in Ohnmacht zu fallen. Andere Challenges fordern Deospray einzuatmen, Rasierklingen zu schlucken oder Waschmittel-Kapseln zu essen. Klicksafe hat dazu Informationen bereit gestellt: https://www.klicksafe.de/news/gefaehrliche-tiktok-challenges-das-muessen-eltern-und-lehrkraefte-jetzt-wissen. Auch das HMKB hat Informationen zusammengestellt: https://digitale-schule.hessen.de/digitale-kompetenzen/beratungsstelle-jugend-und-medien-hessen/online-challenges.
    Neben diesen Challenges gibt es aber auch bestimmte Foren und Hashtags unter denen sich Jugendliche austauschen, zum Beispiel, wie bereits erwähnt, über Selbstmordmethoden oder aber auch zu Themen wie Abnehmen bis zur Magersucht. Triebkraft sind dabei oft Likes, also Anerkennung von anderen Nutzern und das Fehlen von Ansprechpersonen in der realen Welt. Unter anderem deshalb ist es so wichtig Vertrauensverhältnisse zu Kindern und Jugendlichen zu pflegen.
    Andere Challenges haben eine sexuelle Konnotation, wie die Pantyhose-Challenge oder andere, bei denen Kinder und Jugendliche Videos veröffentlichen, in denen sie leicht bekleidet posieren oder tanzen. Die Konsequenzen für einen Vierjährigen aus einer anderen Challenge werden hier beschrieben: https://www.spiegel.de/netzwelt/oberbayern-vierjaehriger-veraetzt-sich-an-spuren-von-tiktok-experiment-a-842bbbb5-316f-4d48-a2b1-86148c20113e?sara_ref=re-so-app-sh. Aber nicht nur Challenges oder Foren bergen Gefahren, auch die Algorithmen haben es in sich. Diese lernen ja aus dem Interesse der Nutzer und verstärken Inhalte mit großer Reichweite, welche oft polarisierend oder empörend sind, also zu Reaktionen animieren. Reaktionen und Interaktionen, Clicks und Likes sind die Währung in den sozialen Medien. Erreicht man hohe Aufrufzahlen für seine Inhalte, lassen sich diese zu Geld machen oder für manipulative Zwecke nutzen. Dies können extremistische Inhalte jeglicher Couleur sein oder auch Fakenews, die zur Destabilisierung der Gesellschaft beitragen.

    Ein weiteres Beispiel für solche Blasen, ist die so genannte „Manosphere“ (Hierhin gehören Andrew Tate oder der so genannte „Sigma-Boy“, verfilmt wurde das Phänomen in der Netflix-Serie „Adolescence“). Dort werden archaische Männlichkeitsbilder kultiviert und zur Unterdrückung von Frauen aufgerufen: https://taz.de/Umgang-mit-Maennlichkeitsbildern/!6132595/. Ein anderes Beispiel ist die „Tradwife-Szene“, dort werden traditionelle Frauenbilder gepflegt, also Frauen, die nicht arbeiten und den Haushalt führen und sich alleine um Kinder kümmern.

    Lesenswert in diesem Zusammenhang ist das in einem früheren Newsletter schon einmal empfohlene Buch „Radikalisierungsmachinen“ von Julia Ebner (Berlin 2019). Eine weitere Leseempfehlung sind die beiden Bücher von Silke Müller zu dem Thema („Wir verlieren unsere Kinder“ und „Wer schützt unsere Kinder“).

    KI hebt all dies noch einmal auf ein neues Level. Inhalte sind einfacher zu erstellen und Algorithmen lassen sich durch KI-Bots manipulieren, ganz zu schweigen von den Möglichkeiten für Mobbing durch Nudifier-Apps (Apps, die aus normalen Fotos Nacktbilder erzeugen). Kinder werden oft schon sehr früh in sozialen Medien mit extremer Gewalt (zum Beispiel Liveübetragungen von Kriegsszenen oder Foltervideos) oder Pornografie, egal ob KI-generiert oder echt, konfrontiert, solche Inhalte werden in den Feed gespült oder von anderen Nutzern geteilt oder sogar zufällig per Airdrop aufgefangen.

    Ich möchte hier keine Panik machen. Soziale Medien haben viele positive Seiten, ich nutze sie auch gerne und intensiv. Sie sind eine zentrale Kommunikations- und Vernetzungsinstanz für Jugendliche. Es ist aber wichtig, dass Eltern und Lehrkräfte wissen, was in sozialen Medien passiert und möglich ist, um auf Gespräche mit den Kindern und Jugendlichen vorbereitet zu sein. Das Schlechteste, was sie tun können, wenn ein Kind mit einer Horrorgeschichte aus den sozialen Medien zu Ihnen kommt, ist diese oder das Handy zu verbieten. Damit erreichen Sie nur, dass das Kind das nächste Mal nicht mehr kommt und mit seinen Erlebnissen dann alleine ist. Reden Sie, schützen Sie, begleiten Sie, trösten Sie, bieten Sie einen Schutzraum, klären Sie auf, am besten präventiv und machen Sie ihr Kind stark, damit es sich auch im digitalen Raum wehren kann.

    Blog 2026-01: Mein persönlicher Jahresrückblick 2025

    Wieder ist ein ereignisreiches Jahr zu Ende gegangen. In meinem Jahresrückblick 2023 habe ich mich intensiv mit KI auseinandergesetzt. Diese Auseinandersetzung dauert nach wie vor an, ich gebe mittlerweile Workshops zu diesem Thema oder halte Vorträge zu KI. Trotz großer Fortschritte mit fobizz oder der im Herbst erfolgten Einführung von telli in Hessen ist bei vielen Lehrkräften die Auseinandersetzung mit und der Einsatz von KI immer noch nicht angekommen (bei den Schülerinnen und Schülern allerdings sehr wohl). Auch wenn noch viele Fragen offen sind, bin ich nach wie vor überzeugt, dass KI Schule und Unterricht grundsätzlich verändert.
    2024 habe ich mich mit meinen ersten 1,5 Jahren als Schulleiter auseinandergesetzt. Mittlerweile fühle ich mich in meiner Rolle sicher und liebe meinen Job, es wird aber auch immer offensichtlicher, dass das Schulsystem, nicht nur wegen KI, vor großen Herausforderungen steht und die Arbeit als Schulleiter anspruchsvoller wird. Bob Blume hat einmal bei Markus Lanz das Bild bemüht, dass wir im Flug eine Propellermaschine in einen Düsenjet umbauen müssen. Ich würde das mittlerweile um die Sorge ergänzen, dass uns die Kraft und das Personal dafür auszugehen drohen, weil das System zunehmend von den Herausforderungen überrollt wird. Schließlich leben wir ja in Zeiten sich exponentiell beschleunigender Veränderungen. Wenn sich dieser Trend fortsetzt, dürfte das begonnene Jahr ein in vielerlei Hinsicht entscheidendes werden. Und das gilt nicht nur für Bildungsthemen, mit denen ich mich hier befasse.
    Was unsere Schulentwicklung angeht, habe ich im letzten Jahr davon gesprochen, dass wir Strukturen geschaffen haben, die anfangen zu arbeiten. Das ist geschehen und es haben sich einige Arbeitsgruppen gebildet, die an Konzepten zur Veränderung arbeiten. Ziel ist es im Schuljahr 2027/28 mit den ersten 5. Klassen mit selbstreguliertem Lernen zu starten.

    Als ich begonnen habe, diesen Beitrag vorzubereiten, ist mir deutlich geworden, was in diesem Jahr alles passiert ist, an welchen Veranstaltungen ich teilnehmen und teilgeben durfte, mit wem ich mich alles neu vernetzen konnte oder welche Vernetzung ich vertieft habe. Bevor ich noch ein paar allgemeine Entwicklungen und Beobachtungen zusammenfasse, will ich wesentliche Ereignisse des Jahres 2025 chronologisch wiedergeben.

    Am 29. Januar fand unser erstes Bildungsbier an der Weibelfeldschule statt. Eine gelungene Vernetzungsveranstaltung von Schulen und außerschulischen Bildungsträgern aus der Region. Leider ist eine Wiederholung zum Jahresende an mangelndem Interesse gescheitert, wir bleiben aber dran.

    Im Februar fanden zwei wichtige Veranstaltungen statt. Am 14. Februar hat eine Schülergruppe der Weibelfeldschule auf der Didacta einen Vortrag zur Entwicklung unserer Zukunftsschmiede „Trendhub“ gehalten und ich durfte zum Thema „Demokratie braucht Bildung – Bildung braucht Demokratie! Die Rolle von KI & Social Media in Schulen“ referieren.
    Am 21. Februar durfte ich dann in Berlin beim fobizz-Klassentreffen einen Workshop zu „Neue Lern- und Prüfungskultur mit KI. Warum KI in Schule alles verändert? Oder auch nicht?“ halten. Diese beiden Veranstaltungen haben mich darin bestärkt, dass ich mit meinen Herzensthemen Demokratie- und Medienbildung sowie KI zwei wichtige Themen besetze und ich dazu auch etwas zu sagen und zu vermitteln habe. Neben Schulentwicklung werden mich diese beiden Themen auch in den nächsten Jahren begleiten, erste Veranstaltungen sind schon terminiert und in der Planung.

    Der März brachte die großartige Veranstaltung Vision@Schule an der Albert-Schweitzer-Schule in Wetzlar, wo ich einen Workshop zu Schulentwicklung aus der Leitungsperspektive halten durfte. Eine großartige Veranstaltung mit Begegnungen mit zahlreichen wunderbaren und bildungsbegeisterten Menschen: Stefan Ruppaner, Ferdinand Stebner, Astrid Kalantzis, Daniel Füller, Steven Bauer, Kristin und Ulrike van der Meer, Daniel Steh, Susanne Burzel, Andreas Fischer und viele mehr.
    Außerdem wurde die Weibelfeldschule am 18. März offiziell von Kultusminister Armin Schwarz als Selbstständige Schule zertifiziert.

    April, Mai und Juni waren dann von den üblichen Aktivitäten wie Osterferien (mit Abnahme 1. Staatsexamina an der Uni), Abitur und 2. Staatsexamina geprägt. Übrigens dienen Teile der Ferien mittlerweile nicht mehr der nötigen Regeneration und Erholung, sondern dem Aufarbeiten der Desiderate aus der Zeit davor, so zumindest meine Beobachtung aus dem vergangenen Jahr. Im Juni fand dann noch das von einer E-Phase organisierte Tonali-Konzert in der Alten Oper in Frankfurt statt, die Kreisschüler*innenvertretung Offenbach feierte 55jähriges Bestehen, die Stadtwerke haben den Vincent-Preis verliehen und eine unserer DSP-Gruppen wurde bei den Hessischen Schultheatertagen ausgezeichnet. Am 30.06. startete dann die letzte Schulwoche mit der Abschlussfeier der Mittelstufe.

    Vor den Ferien ging es im Juli noch einmal hoch her, mit der akademischen Abiturfeier und dem Abiball, zu dem parallel noch unser Do-Tank in der Zukunftsschmiede mit einer Vernissage eröffnet wurde. Ich durfte erstmals am Premiereabend der Burgfestspiele teilnehmen, unsere erste Ausgabe der Schülerzeitung „4omo“ kam heraus und am letzten Schultag habe ich natürlich die Schülerinnen und Schüler in die verdienten Sommerferien verabschiedet.

    In den Sommerferien stellte sich dann tatsächlich zum ersten Mal im Jahr etwas Erholung ein und ich konnte mit meinem Sohn die Platte für eine Modelleisenbahn aufbauen; leider sind wir aber über die Platte bisher nicht hinausgekommen.

    Die letzte Ferienwoche starteten wir mit einer Schulleitungsklausur auf dem Hofgut Neuhof im Rahmen des Knistern-Festivals der Feuerfreunde. An der selben Location durfte ich dann auch noch einem Vernetzungstreffen für Stiftungen und Firmen aus der Region teilnehmen, an dem ich wertvolle Kontakte zur Flughafenstiftung, Hahn-Air oder Celina von Collect-it knüpfen konnte. Am 20. August bekamen wir dann von unserem Ministerpräsidenten Boris Rhein einen Scheck mit einer beachtlichen Fördersumme der Flughafen-Stiftung für unsere Zukunftsschmiede überreicht. Am 27. August habe ich einen Vortrag zu KI für Anfänger auf dem Oberstufentag der hessischen Waldorfschulen gehalten. Der Monat endete dann mit meiner Geburtstagsparty, auf der ich meinen 50. aus dem Vorjahr nachgeholt habe.

    Der September war wieder sehr ereignisreich und startete mit der mobile.schule-Tagung in Hannover, wo ich viele bekannte Gesichter treffen konnte, zum Beispiel Silke, Jochen, Daniel und Jan, aber auch Georg, Hauke, Niels und viele mehr.
    Vom 4. bis zum 6. September erfolgte dann eines meiner Persönlichen Highlights, der Besuch der Agora-Schule in Roermond. Ein weiteres Highlight waren die Kamener Schulgespräche am 22. September. Auch das ein Wiedersehen mit vielen Bildungsenthusiasten, neben den meisten, die schon in Wetzlar dabei waren, war es schön Katja Glasmachers und Anika Osthoff persönlich kennenzulernen. Einen krönenden Monatsabschluss bildete dann der von mir organisierte Abend mit Vortrag von Silke Müller und anschließender von mir moderierter Podiumsdiskussion im Bürgerhaus Dreieich.

    Im Oktober war es dann etwas ruhiger, in den arbeitsreichen Herbstferien gab es wieder Staatsexamina an der Uni und danach in der Schule. Besonders schön war der Besuch von Susanne Posselt am 28. Oktober, der ich unsere schöne Weibelfeldschule zeigen durfte und mit der immer ein interessanter Austausch stattfindet.

    Im November war ich dann wieder etwas unterwegs. Am 05. fand die jährliche Tagung von Bildungsfaktor Abitur in Friedberg statt. Als Mitglied des Vorstandes hatte ich die Ehre Diana Knodel von fobizz als Keynote-Speaker zu gewinnen und mit ihr gemeinsam einen Workshop zu gestalten. Am 15. fand erstmals die Edunautika-Süd statt, ich hoffe das war der Auftakt und es geht nächstes Jahr weiter, auch hier durfte ich zwei Sessions zu meinen Themen anbieten. Abgerundet wurde der November durch eine Hospitation am Gymnasium in Mainz-Mombach (Bericht folgt).
    Außerdem habe ich im November den mir sehr wichtigen Blogbeitrag „Vom Scheitern“ veröffentlicht, der auf sehr positive Resonanz gestoßen ist.

    Im Dezember bekam eine unserer Intensivklassen einen Demokratiepreis des Hessischen Justizministeriums verliehen und ich konnte ein Selfie mit Sebastian Rode abstauben. Zum Jahresabschluss war ich beim Netzwerktreffen von „Journalismus macht Schule“ in der Landesvertretung von Mecklenburg-Vorpommern in Berlin. Dort gab es spannende Vorträge und Workshops rund um Journalismus und Medienbildung. Das Ziel ist es hier in den nächsten Jahren, gemeinsam mit Florian Nuxoll, mehr Expertise seitens der Lehrkräfte einzubringen. Besonders hat mich gefreut Kerstin Butenhoff und Leonard Sommer persönlich zu treffen. Außerdem konnte ich mich auch dort weiter vernetzen und ich habe ein Selfie mit der Bundesbildungsministerin ergattert.

    Natürlich war das nur eine Auswahl meiner Aktivitäten und Begegnungen, die zeigen wie wichtig es ist, sich immer weiter zu vernetzen. Außerdem sind diese Veranstaltungen immer wieder ein Motivationsfaktor, der einen aus dem Alltag holt und neue Perspektiven eröffnet, der zeigt, was Andere tun und was alles möglich ist. Danke an alle, die mir immer wieder diese Möglichkeiten bieten!
    Zu diesen Begegnungen gehören zum Beispiel auch noch die regelmäßigen Treffen mit meinem ehemaligen Chef, Hans Peter Löw, mit dem ich die Austausche zu schul- und weltpolitischen Entwicklungen sehr schätze. Toll war es auch Sascha Eschmann von „Nur Mut“ oder Christian Weiß und Susanne Mombers von den Feuerfreunden kennenzulernen oder Celina Schwarz von collect-it, wir werden sicher in Zukunft noch gemeinsam Dinge bewegen. Ein besonderer Dank geht auch an die Unterstützung aus der Politik, besonders an den Landrat Oliver Quilling, den ehemaligen Bürgermeister Bernd Abeln und Frau, sowie den aktuellen Bürgermeister Martin Burlon die uns immer wieder unterstützen und ohne die unsere Zukunftsschmiede nicht so schnell und so schön umgesetzt worden wäre. Zu den Unterstützern dafür zählen natürlich auch die schon erwähnte Flughafen-Stiftung, aber auch die Eisel- und die Düncher-Stiftung, die Sparkassen-Stiftung und viele mehr. Ich habe sicher leider wichtige Förderer unserer schulischen Arbeit vergessen, bin aber allen dankbar, die die Weibelfeldschule und meine Bildungsaktivitäten unterstützen. Dazu zählt natürlich der Förderverein, aber auch die KiJuFö der Stadt Dreieich, die Stadtwerke, der Paritätische und der Kreis Offenbach, die die Veranstaltung mit Silke Müller unterstützt haben, Danke auch an die Teilnehmenden an der Podiumsdiskussion von der LSV, dem LEB, DSS und der GMK.

    Viel Freude bereitet mir über das Jahr auch immer mein ehrenamtliches Engagement bei DigitalSchoolStory, der Europa Union, der Dreieicher Stolpersteininitiative, als Mentor für das GROW-Programm der Goethe-Universität Frankfurt und bei Bildungsfaktor Abitur.Hessen.

    Auch meine Nebentätigkeit beim Abendgymnasium Offenbach in der Erwachsenenbildung ist immer noch eine Bereicherung. Hier ist allerdings ein Ende absehbar. Weil ich meinen Workload im Blick haben muss, werde ich hier nur noch meinen aktuellen Kurs zum Abitur 2027 begleiten und dann aufhören, auch wenn ich das AGO vermissen werde.

    Eine wichtige Bereicherung ist auch meine Mitgliedschaft im Think-Tank „Lehren und Lernen im Kontext von Künstlicher Intelligenz“ im Rahmen von VK:KIWA, einem Netzwerk wichtiger Personen in der KI-Bildungsblase.

    Ich bin immer wieder fasziniert, was in einem Jahr alles passieren kann. All diese Aktivitäten fordern mich und bereichern mich. Die Kunst ist Überforderung zu vermeiden. Ich merke, wie mir zunehmende Vernetzung und damit Professionalisierung gut tun, mich aber auch Kraft kosten.
    Die Herausforderung im kommenden Jahr wird sein, eine Balance aus weiterer Vernetzung und Pflege des Netzwerks, den wachsenden täglichen Aufgaben als Schulleiter und den notwendigen Aufgaben in der Schulentwicklung zu finden. Ich glaube, dass 2026 ein herausforderndes und wegweisendes Jahr in vielen Bereichen wird.
    Für mich persönlich wird der Schwerpunkt im nächsten Jahr darauf liegen, bestehende Netzwerke zu pflegen und moderat zu erweitern, in der Schule müssen Kompetenzen für individualisierte Lernprozesse aufgebaut und Lösungen zum Umgang mit herausfordernden Schülerinnen und Schülern gefunden werden. Wir müssen unseren Transformationsprozess vorantreiben, um Schule zukuntsfest und die Welt enkelfähig zu machen. Ich werde weiter spannende Schulen besuchen, fest gebucht ist ein zweiter Besuch in der Richtsbergschule in Marburg und ein Besuch bei der IGS-Süd in Frankfurt, geplant sind Besuche bei Susanne Posselt in Pforzheim, Daniel Steh in Frechen, Andreas Fischer in Köln und bei Jonas Wagner in Hannover, ein Traum wäre es irgendwie bei der Alemannenschule in Wutöschingen reinzukommen.

    Wir haben gesamtgesellschaftlich und schulisch wichtige Weichen zu stellen. 2026 wird ein wichtiges Jahr für die Zukunft der Bildung in Deutschland, ich bin bereit.

    Blog 2025-25: Vom Scheitern

    Mein Professor sah mich an und sagte: „Ihre Leistungen reichen nicht aus. Suchen Sie sich besser etwas anderes.“ Das war der Moment, in dem mein Plan im Kopf zerbrach – und ich zum ersten Mal wirklich scheiterte.
    Heute bin ich in meinen 50ern, Schulleiter der größten Schule im Kreis, habe ein solides virtuelles und reales Netzwerk und eine glückliche Familie.
    Man kann sagen, ich habe es geschafft, das war bestimmt eine glatte Nummer, gute Schulnoten, konsequentes Studium, sehr gute Examina und dann Karriere im Staatsdienst. Was will man mehr?

    Aber so war das nicht. Dass ich dort ankomme, wo ich jetzt bin, war weder durchgeplant noch vorhersehbar. Meine „Karriere“ ist durchzogen von Zweifeln, Unentschlossenheit, Rückschlägen und – ja auch das – echtem Scheitern.
    Jan-Martin Klinge hat auf „Halbtagsblog“ Ende Oktober über „Lernen durch Schmerz“ geschrieben und dabei von eigenen Rückschlägen berichtet, Susanne Posselt ist auf „Bildungsweise“ am 01. November gefolgt und hat über „Geschichten über Schmerz und Versagen“ geschrieben. Nele Hirsch hat kürzlich „Über persönliche Krisen in der pädagogischen Tätigkeit“ gebloggt. Dieser Beitrag ist auch schon etwas länger in Planung und natürlich fällt mir das nicht leicht, wer schreibt schon gerne über Misserfolge und veröffentlicht das dann auch noch in der Bling-Bling-Social-Media-Bildungsbubble, wo es um Erfolge geht, reformierte Schulen, lernwirksamen Unterricht, perfekt didaktisiertes Material, das Ganze am besten noch garniert mit hippem Lifestyle.

    Warum schreibe ich also vom Scheitern?
    Als Schulleiter habe ich eine ganz besondere Vorbildfunktion. Ich stehe im Fokus von Schülerinnen und Schülern, von Kolleginnen und Kollegen, von Eltern, ja sogar ein wenig im Fokus der lokalen Öffentlichkeit und, in meinem Fall, auch im Fokus der Bildungsblase in der nationalen Netz-Öffentlichkeit. Dort sind in der Regel Erfolge zu sehen, die ich mit der Schulgemeinschaft oder persönlich erreicht habe und die ich feiere. Dort agiere ich meist meinungsstark und planvoll, es sieht so aus, als hätte ich mein Leben, meinen Job und mein Bild in der Öffentlichkeit fest im Griff. Und das ist ja auch wichtig und entspricht den Erwartungen an mich als Person und meine Funktion.
    Von außen wirkt es oft, als sei ich souverän, planvoll und sicher in meinen Entscheidungen. Doch das Bild kennt nur die Ergebnisse, nicht den Weg dorthin.
    In Wahrheit bin ich häufig ein eher grüblerischer und zögerlicher Mensch, ich reflektiere Entscheidungen wenn ich kann und wäge ab, versuche andere Perspektiven einzunehmen und weiß, dass es oft nicht nur ein Ja oder Nein gibt, sondern, dass die Wahrheit oft in Graubereichen einer Zwischenwelt liegt. Als Gesellschaftswissenschaftler weiß ich, dass Probleme multikausale Ursachen haben und es Interdependenzen gibt, dass Entscheidungen oft einen dilemmatischen Charakter haben, gerade wenn es um Menschen und deren Zukunft geht. Auch wenn es vielleicht manchmal so aussieht, es ist nicht einfach und bereitet schon gar kein Vergnügen, einer Schülerin das Handy abzunehmen oder einen Schulverweis in einer Klassenkonferenz zu beantragen. Doch das gehört zu meinem Job und zu meinem pädagogischen Erziehungsauftrag.
    Aber ich wollte ja eigentlich über das Scheitern schreiben.

    Mein erster Scheiternsmoment
    Für mich und mein Umfeld war eigentlich schon recht früh klar, dass ich mich in Richtung Naturwissenschaften entwickle. Ich hatte als Kind schon Chemie- und Elektrobaukästen, habe experimentiert und gelötet, entsprechende Bücher gelesen und mich mit naturwissenschaftlichen Themen beschäftigt. Folgerichtig hatte ich als Leistungskurs Chemie gewählt und mein Lehrer hatte mir einmal gesagt, dass ich der einzige Schüler in dem Kurs sei, dem er ein Chemiestudium zutraue. Also habe ich mich für das Gymnasiallehramt mit den Fächern Politik und Chemie an der Universität eingeschrieben. Der Start verlief auch recht gut, anorganische und, mit mehr Schwierigkeiten, organische Chemie habe ich gemeistert, doch die physikalische Chemie sollte meine Nemesis werden. Hier zeigte sich, was ich vielleicht sogar schon vorher hätte wissen können, dass meine Mathekenntnisse nicht ausreichten. Ich bin gnadenlos durch die Kolloquien gefallen, bekam von meinem Professor gesagt, dass meine Leistungen nicht ausreichten und ich mir alternative Gedanken machen sollte. Das fiel mir nicht leicht, da ich mich ja schon lange für einen Naturwissenschaftler hielt und auch diese Erwartung an mich bestand, außerdem hatte ich eher etwas später mit dem Studium begonnen und anscheinend Zeit für einen Irrweg verschwendet. Ich hielt mich für jemanden, der Naturwissenschaften kann – und plötzlich gehörte ich nicht mehr dazu. Das war nicht nur ein Studienabbruch. Es war ein Identitätsbruch.
    Ich musste mir das Scheitern eingestehen und einen alternativen Weg gehen. Dieser führte mich dann zu meinem Geschichtsstudium, dass ich zu keiner Zeit bereut habe. Vermutlich entsprechen die Gesellschaftswissenschaften sogar eher meinem Talent und Naturell, das wurde mir jedoch erst später klar.

    Ich war auch nicht immer ein brillanter Schüler, auch wenn ich ein gutes Abitur gemacht habe, so bin ich in der 8. und 9. Klasse knapp um eine Wiederholung herumgekommen. Mein Studium ging weit über die Regelstudienzeit hinaus, unter anderem weil ich als Baseballfunktionär sehr aktiv war (siehe CV) und weil ich gerne viele Vorlesungen besucht habe und in andere Fachbereiche, wie Philosophie, Kunst- und Kirchengeschichte, reingeschnuppert habe. Am Ende waren dann aber alle meine Freunde mit der Uni fertig, in Jobs und konnten sich Dinge leisten, die für mich nicht drin waren, also musste ich schnell aus meiner studentischen Komfortzone raus. Doch halt, eigentlich sollte ich ja sogar in Geschichte promovieren, ich hatte sogar schon einen Doktorvater, aber die finanzierende Stiftung hat mich abgelehnt, weil ich zu alt war, auch eine Art von Scheitern.

    Ich kam also in einem leicht fortgeschrittenen Alter ins Referendariat, welches ich passabel bewältigt habe, mein 2. Staatsexamen war keine Glanzleistung, ich wollte wohl in den beiden Examensstunden zu viel.

    Ein weiterer Moment des Scheiterns war mein Versuch Schulleiter an meiner vorherigen Schule zu werden. Ich wurde nicht ausgewählt, ein beamtenrechtlich normaler Vorgang.
    Dazu kommen natürlich unzählige kleine Alltagsniederlagen. Wenn man etwas bewegen will, erleidet man immer wieder Zweifel, Unentschlossenheit, Rückschläge und Scheitern.

    Scheitern als Chance
    All diese Momente sind aber auch, wenn man sie reflektiert, Lerngelegenheiten, um es beim nächsten Mal besser zu machen.
    Ich habe gelernt Rückschläge und Scheitern als Chance zu sehen und rückblickend kann ich meine Momente des Scheiterns auch so interpretieren. Ich bin heute froh, dass ich Geschichte und nicht Chemie studiert habe. In Kombination mit Politik kann ich so gesellschaftliche und historische Zusammenhänge viel tiefer durchdringen und besser erkennen, „was die Welt im Innersten zusammenhält“. Die lange Studiendauer und der Blick über den Tellerrand unterstützen das. Trotz meines eher schwachen zweiten Staatsexamens bin ich dann recht schnell für ein paar Jahre in der Lehrkräfteausbildung tätig gewesen, so schlecht kann ich also als Lehrer nicht gewesen sein. Und im Rückblick war der Wechsel an die Weibelfeldschule für mich sehr positiv und ich bereue den Schritt nicht, im Gegenteil, auch hier folgte auf die Enttäuschung des Scheiterns eine neue und vermutlich bessere Perspektive.

    Fazit
    Biografien verlaufen selten gradlinig, man muss offen für Veränderungen sein, wenn sich Türen schließen, öffnen sich andere, wenn sich Gelegenheiten bieten, soll man zugreifen. Vorstellungen und Mindsets dürfen sich ändern. Als junger Mensch war für mich keineswegs klar, dass ich Schulleiter werde. Ich erinnere mich mindestens an die, neben irgendetwas mit Naturwissenschaften, ernsthaften Wünsche Jurist, Bibliothekswissenschaftler, Baseballfunktionär oder Feinwerktechniker zu werden. Jetzt bin ich eben Schulleiter und das auch sehr gerne, aber das war weder durchgeplant noch vorhersehbar. Meine „Karriere“ ist durchzogen von Zweifeln, Unentschlossenheit, Rückschlägen und – ja auch das – echtem Scheitern. Das war im Moment des Scheiterns natürlich hart, aber in der Rückschau kann ich jeden dieser Momente feiern, denn er hat mich dort hingebracht, wo ich jetzt bin.
    Scheitern ist kein Makel in einer Biografie, sondern oft ein verborgener Wendepunkt. In meinem Fall war es nie das Ende – sondern immer der Anfang von etwas Richtigerem. Vielleicht ist das die wichtigste Botschaft, die ich als Schulleiter weitergeben kann.

    P.S.: Natürlich weiß ich, dass meine Erfahrungen des Scheiterns keine existenziellen Krisen waren. Umso mehr hoffe ich, dass mein Beitrag jungen Menschen ein kleiner Trost sein kann – wenn Versetzung, Studienwahl oder Ausbildung einmal nicht wie geplant laufen. Es geht weiter. Und es kann gut werden.

    Blog 2025-24: Edunautika-Süd

    Am 15. November durfte ich bei der Edunautika in Hanau als Teilnehmer und Teilgeber dabei sein. Warum das einen Blogbeitrag wert ist, möchte ich hier kurz darlegen.

    Was ist überhaupt eine Edunautika?
    Die Edunautika ist ein seit 2018 in Hamburg etabliertes Barcamp, das von der Max-Brauer Schule, der Winterhuder Reformschule und der Agentur Jöran & Konsorten organisiert wird. Ein Barcamp ist eine „Unkonferenz“ bei der die Beteiligten spontan entscheiden, welche Themen sie anbieten (teilgeben) oder an welchen Themen sie in so genannten Sessions teilnehmen. So entstehen vielfältige Austauschformate bei denen neue Ideen entwickelt, Dinge gelernt oder diskutiert werden können, Anregungen gefunden werden, Kontakte geknüpft werden und vieles mehr.
    Dankenswerterweise hat die Heraeus-Bildungsstiftung dieses wunderbare Austauschformat in den Süden nach Hanau an die Karl-Rehbein-Schule geholt.

    Und warum ist das jetzt einen Blogbeitrag wert?
    Weil ich möglichst weiteren Menschen vermitteln will, dass sich der Besuch gelohnt hat und weil ich hoffe, dass die Edunatika auch nächstes Jahr wieder nach Hanau kommt!
    Neben der Tatsache, dass ich viele Menschen aus meiner Bildungsbubble erstmals im „Real-life“ kennenlernen durfte, zum Beispiel Nele Hirsch, Jöran Muuß-Merholz, Martin Fugmann oder Thomas Masztalerz oder andere endlich einmal wieder getroffen habe, wie Andreas Fischer oder Gratian Riter, habe ich zahlreiche neue Menschen kennengelernt, Kontakte geknüpft und vernetzt und letztlich natürlich viel Neues gelernt. All das stellt einen unglaublichen Mehrwert dar und dazu kommt dann noch der motivierende Effekt. Der Austausch über innovative Ansätze im Bildungssystem zeigt, was möglich ist und dass es viele Menschen gibt, die ähnlich denke und das System für die Lernenden verändern wollen. Das motiviert.
    In der ersten Session an der ich teilgenommen habe, ging es um Agency und kollektive Wirksamkeit. Teilgeber waren Nele Hirsch vom eBildungslabor und Gratian Riter, der SEagent. Inhalt und Methode hate Nele hier hervorragend zusammengefasst.
    Die zweite Session, an der ich teilgenommen habe, drehte sich um das Bildungshaus Riesenklein in Halle an der Saale, einer innovativen Schule, die wunderbar von der zwölfjährigen Schülerin Rica vorgestellt wurde.
    Nach einer vernetzungswirksamen Mittagspause durfte ich selbst noch Teilgeber für zwei Sessions zu zwei meiner Herzensthemen sein, nämlich KI und Demokratie- und Medienbildung.

    In der ersten Session „KI für Anfänger“ ging es darum, welche Rolle KI in Schule spielt zu erörtern und um den Appell, sich mit KI zu befassen, da diese eine zunehmend wichtige Rolle spielt (laut der brandaktuellen JIM-Studie nutzen 74% der Lernenden KI für Hausaufgaben). Nach einem kurzen Input von mir, orientiert an meinem Vortrag zu KI-Basics, den es hier gibt, diskutierten wir angeregt über die Auswirkungen von KI auf Hausaufgaben, Prüfungskultur und Unterricht. Wir überlegten, welche Chancen und Risiken mit KI verbunden sind und wie wir über diese aufklären und sie in den Unterricht einbinden. Ich glaube, es war allen klar, dass KI nicht mehr weggeht und wir uns damit befassen müssen und dass dies am Ende zu einer anderen Unterrichts- und Prüfungskultur führen wird. Wir müssen uns letztlich darauf einlassen und aufklären, ausprobieren, akzeptieren und aktiv werden müssen, getreu der 4-a von Doris Weßels.
    In der zweiten von mir abgehaltenen Session ging es um die provokante Frage, manche werfen mir sogar, vielleicht nicht ganz zu unrecht, „Rage Bait“ vor: „Wenn wir Demokratie- und Medienbildung nicht ernst nehmen, können wir Mathe und Deutsch bald vergessen!“. Auch hier gab es wieder einen kurzen Input von mir, der auf einem meiner Workshops bei den Kamener Schulgesprächen im September basierte, die Folien dazu gibt es hier.

    Die einigende Klammer beider Sessions war, dass wir Schule komplexer denken und grundlegend verändern müssen. Wir brauchen nicht noch ein Konzept, das im Schrank verstaubt, sondern einen ganzheitlichen pädagogikzentrierten Bildungsbegriff. Demokratie- und Medienbildung, und dazu gehört KI, müssen als Querschnittaufgabe für Schule verstanden werden und können nicht an einzelne Fächer oder bestimmte Projekttage ausgelagert werden. Ich fordere schon länger mehr Demokratie- und Medienbildung. KI macht diese Forderung noch dringlicher, da sie die Beeinflussung des demokratischen Kurses und die Generierung von Fake auf ein neues Level hebt.

    Vielen Dank für all die interessanten Begegnungen, Impulse, Diskurse, Kontroversen und Austausche auf der Edunautika in Hanau.
    Ich hoffe sehr, dass wir uns nächstes Jahr unter dem gleichen Banner am gleichen Ort wiedersehen können!