
Der italienische Schriftsteller, Journalist, Politiker und marxistische Philosoph Antonio Gramsci (https://de.wikipedia.org/wiki/Antonio_Gramsci) wird gerne mit folgenden Worten aus seinen „Gefängnisheften“ zitiert:
“Die alte Welt liegt im Sterben und die neue Welt kämpft darum, zum Leben zu erwachen: momentan ist die Zeit der Monster.” Eine bessere Übersetzung lautet allerdings: „Die Krise besteht gerade in der Tatsache, dass das Alte stirbt und das Neue nicht zur Welt kommen kann: in diesem Interregnum kommt es zu den unterschiedlichsten Krankheitserscheinungen.“ (Gefängnishefte, H. 3, §34, 354f.)
Natürlich taugt ein italienischer Kommunist aus der 1. Hälfte des 20. Jahrhunderts nur begrenzt für Überlegungen zur Gegenwart, sein Einfluss auf moderne Philosophie und Politikwissenschaft darf aber auch nicht unterschätzt werden. Er gilt für manche Aktivisten der Linken, aber auch der Rechten, noch immer als Vordenker, besonders, wenn es um kulturelle und gesellschaftliche Hegemonievorstellung geht. Mir dient sein Zitat hier als Einstieg zu ein paar Überlegungen, die mich aktuell beschäftigen.
Gramsci selbst hat keine klassische Bildungstheorie formuliert, aber seine Überlegungen zur kulturellen Hegemonie machen deutlich, dass Bildung nie neutral ist. Schule ist für ihn ein zentraler Ort, an dem sich entscheidet, ob das „Alte“ weiter reproduziert wird oder ob Menschen befähigt werden, das „Neue“ überhaupt denken zu können. Bildung ist damit nicht bloß Wissensvermittlung, sondern Teil genau jenes Interregnums, das er beschreibt: ein Raum, in dem sich Weltbilder stabilisieren oder verschieben. Vielleicht lassen sich Gramscis Theoriekonstrukte für Bildung auf eine einfache, unbequeme Formel bringen: Schule ist nie nur Schule. Sie ist immer auch ein Ort der Hegemonie. Oder konkreter: ein Ort, an dem entschieden wird, was als „vernünftig“, „wichtig“ und „denkbar“ gilt. Im Interregnum, von dem er spricht, wird genau das brüchig und damit wird Bildung plötzlich wieder politisch.
Wir erleben aktuell so ein „Interregnum“, eine Zwischenzeit, im Sinne Gramscis. Wir handeln gerade aus, ob das „Alte“ weiter reproduziert wird oder das „Neue“ sich Bahn bricht. Nicht nur in Schule, sondern auf nahezu allen Ebenen, politisch, gesellschaftlich, wissenschaftlich und in unserem Bildungssystem. Wir erleben die oben zitierte „Krankheitserscheinungen“: unerklärliche Kriege, Wissenschaftsskepsis, ideologische Zuspitzung und gesellschaftliche Spaltung. Bereits in meinem zweiten Newsletter vom 29.09.2023 (https://www.schulmun.de/2023/10/24/newsletter-02-29-09-2023/) hatte ich vom Modell der „VUCA-Welt“ geschrieben, welches schon in den 1990er Jahren einen Erklärungsversuch für sich rasant wandelnde Zeiten darstellte. Seit 2020 wird der VUCA-Begriff zunehmend vom Konstrukt der BANI-Welt abgelöst (https://de.wikipedia.org/wiki/BANI). Wenn Gramsci das Interregnum als eine Zeit beschreibt, in der das „Alte“ stirbt und das „Neue“ noch nicht zur Welt kommen kann, dann scheint mir das heute erstaunlich aktuell. Lange wurde dieser Zustand mit „VUCA“ beschrieben, einer Welt, die unsicher und komplex, aber grundsätzlich noch verstehbar ist.
Inzwischen deutet sich eine Verschiebung an. Mit dem vom Zukunftsforscher Jamais Cascio geprägten Begriff „BANI“ wird eine Realität beschrieben, die nicht nur unsicher, sondern brüchig, nicht-linear und zunehmend unverständlich ist. Während „VUCA“ uns gelehrt hat, mit einer komplexen Welt umzugehen, zwingt uns „BANI“, mit einer Welt umzugehen, die sich zunehmend unserem Verstehen entzieht. Damit rückt auch Bildung, als Reproduktionselement von Hegemonie und Macht im Sinne Gramscis, neu ins Zentrum: Wenn Orientierung selbst fragil und brüchig wird, entscheidet sich in der Schule, ob wir diese Unübersichtlichkeit nur verwalten oder ob wir lehren und lernen, sie überhaupt noch zu durchdringen und mit ihr umzugehen.
In der Bildung wird gerade um kulturelle Hegemonie „gekämpft“. Ist das gegliederte Schulsystem mit früher Selektion noch zeitgemäß oder brauchen wir völlig neue Formen für Schule und Lernen? Wir befinden uns also auch hier in einem „Interregnum“, der Ausgang ist offen. Ich bin davon überzeugt, dass wir einen tiefgreifenden Wandel erleben, das „Alte“ ist am Sterben, weil es für die Herausforderungen unserer Zeit zunehmend an Grenzen stößt. Studien (PISA etc.) zeigen, dass das alte System nicht in der Lage ist die Leistungsfähigkeit der Schülerinnen und Schüler zu erhalten, geschweige denn zu verbessern. Digitalität beschleunigt die Erosion schon seit der Verbreitung des Internets in den 1990er Jahren und mit den sozialen Medien in den 2000er Jahren. In den 2010er Jahren werden das Internet und soziale Medien überall und jederzeit verfügbar. KI beschleunigt diesen Prozess in den 2020er Jahren und wird in den nächsten Jahren noch größeren Einfluss erlangen. Adaptive Intelligente Systeme werden Lernen individualisieren und somit die Leistungsfähigkeit steigern (vgl. https://www.schulmun.de/2026/03/15/blog-2026-04-die-disruption-durch-adaptive-intelligente-systeme/). Für die nächsten Jahre prognostiziert Jim Fan von NVIDIA die Verschmelzung von KI und Robotik (https://www.youtube.com/watch?v=3Y8aq_ofEVs,). Wenn dann selbst das menschliche Handeln zunehmend automatisierbar wird, verschärft sich die Lage weiter. Fan beschreibt Robotik als nächsten Schritt derselben Entwicklung, die wir von Sprachmodellen kennen, mit dem Unterschied, dass es nun nicht mehr um Texte, sondern um die physische Welt geht. Damit gerät nicht nur das Denken, sondern auch das Tun unter den Vorbehalt von KI. Was bislang wie eine kognitive Herausforderung erschien, bekommt eine physische Dimension. Wenn die Logik der Sprachmodelle auf die Welt selbst übergreift, dann betrifft die Verschiebung nicht mehr nur das Denken, sondern das Handeln insgesamt. Dann stellt sich die Frage nach dem Sinn von Lernen und Schule umso heftiger. Wenn KI-Modelle jetzt schon das Denken bedrohen, was bedeutet es dann, wenn „intelligente“ Roboter, mit den gleichen motorischen Fähigkeiten wie Menschen praktisch all unsere Arbeiten erledigen können?
In den nächsten Jahren entscheidet sich, ob sich die „Krankheitserscheinungen“ als vorübergehend und heilbar erweisen oder ob wirklich eine „Zeit der Monster“ anbricht.
Entscheidend wird dabei sein, wie wir Schule in die nahe Zukunft denken. Gelingt es uns dort „Krankheitserscheinungen“ zu heilen, indem wir den Kindern und Jugendlichen die Fähigkeiten vermitteln, die sie brauchen um in einer „BANI-Welt“ zu bestehen? Das heißt Resilienz gegenüber beschleunigten Veränderungen, Solidarität mit Mensch und Planet, Grundlagenwissen über und im Umgang mit Digitalität, Salutogenese, Medien- und KI-Literacy und Lust an der eigenen intellektuellen Entfaltung und Kreativität müssen in den Vordergrund rücken und zum Wohle der Menschheit eingesetzt werden. Wir müssen in Schule und Gesellschaft endlich anfangen einen Diskurs über die aktive Gestaltung unserer Zukunft zu führen. Das wird nicht leicht und es wird mit ungemütlichen Veränderungen einhergehen, aber es lohnt sich. Weil in all den Gefahren, die die Zukunft mit sich bringen kann, auch unglaubliche Chancen und Möglichkeiten enthalten sind. KI und die oben beschriebenen Roboter können den demografischen Wandel ausgleichen, sie können zur Lösung globaler Probleme beitragen und uns Menschen eine neue Freiheit und Freizeit bescheren, die ein ungekanntes kreatives Potenzial ermöglichen kann. Wir haben es in diesem unserem Interregnum in der Hand. Die Frage ist nur, ob wir Schule schnell genug neu denken, bevor andere Systeme beginnen, für uns zu entscheiden, was überhaupt noch gelernt werden muss.
Anmerkungen
Dank geht raus an Stefan Köhler, einen meiner wichtigsten Impulsgeber in den sozialen Medien, der mich heute auf das Video von Jim Fan aufmerksam gemacht hat, welches mich zu dem Beitrag inspiriert hat.
Der Text wurde mit KI als Sparringspartner verfasst, d.h. Idee und Inhalt sind von mir und wurden in Teilen mit KI überarbeitet, geschärft und geglättet.
Das Bild zur Illustration stammt von ChatGPT.
Der Blogbeitrag wird inhaltsgleich im nächsten Newsletter erscheinen.



















