Blog 2026-06: Vom Lexikon zum Chatbot – Wie sich die Bedingungen des Lernens verändert haben

Oft wird beklagt, und ich nehme mich dabei gar nicht aus, dass Schule sich nicht verändere. Dennoch gibt es natürlich Veränderungen, die sich gar nicht vermeiden lassen und auf die Schule zwangsläufig reagiert, weil sie Schule verändern, ohne dass diese etwas dafür kann.

Wenn ich zu meiner Schulzeit ein Referat oder eine Präsentation vorbereiten sollte, was selten vorkam, dann konnte die Lehrkraft davon ausgehen, dass ich zuhause vielleicht ein Lexikon habe, sonst konnte bestenfalls Schulbuchwissen abgefragt werden. Ich bin zwar einmal mit einem Mitschüler für ein Referat in die Universitätsbibliothek nach Frankfurt gefahren, war dort aber von den „Zettelkästen“ recht überfordert und war beim Inhalt besonders intrinsisch motiviert, aber das ist ein anderes Thema.

Dann kam das Internet. Plötzlich standen, weitgehend frei zugänglich, viel mehr Informationen und Quellen zur Verfügung. Also konnten mehr Themen in die Hausaufgaben verlegt werden und es konnte vor allem mehr erwartet werden. Das machte Schule für die Lernenden anspruchsvoller; für die Lehrenden natürlich auch. Gleichzeitig erweiterte sich die Wissensbasis, die Schulen vermitteln konnte. Mit dem Internet wurde aber auch die Bewertung von Fakten und die Verifizierung von Wissen bedeutsamer. Die Vertrauenswürdigkeit der genutzten Websites rückte in den Vordergrund. Das ließ sich aber noch in einem überschaubaren Rahmen abschätzen. Nebenbei wurde Wissen globalisiert und stand plötzlich in vielen verschiedenen Sprachen zur Verfügung. Allerdings entstand auch hier schon ein „cultural bias“, weil nicht alle Sprachen und Kulturen gleichermaßen im WWW repräsentiert waren. Weitere Effekte waren das Verschwinden der gedruckten Enzyklopädien, eine neu entstehende Dateninfrastruktur, die Zunahme des Stromverbrauchs und der damit verbundenen Emissionen, das Entstehen sozialer Netzwerke mit allen Vor- und Nachteilen und eine Dominanz der USA auf dem Tech-Markt, um nur einige zu nennen.

Und jetzt haben wir Künstliche Intelligenz. Jetzt wird das „Wissen“ des Internets und darüber hinaus, Qualität spielt nur eine untergeordnete Rolle, so aufbereitet und immer wieder rekombiniert, sodass es zumindest den Anschein hat, dass (schulische) Fragen einfach direkt beantwortet werden. Auch damit vergrößert sich wieder die Wissensbasis für (Haus-)Aufgaben, auch dadurch wird Lehren und Lernen wieder anspruchsvoller. Aber nur, wenn es richtig gemacht wird. Schlimmstenfalls erstellen Lehrkräfte Aufgaben und Arbeitsblätter mit KI, die dann von Schülerinnen und Schülern mit KI bearbeitet werden und es kommt zu Kompetenzverlusten auf beiden Seiten, so genanntem Deskilling. Gleichzeitig wird es noch wichtiger Fakten und Wissen zu verifizieren. KI erfindet Fakten und Zusammenhänge, die dann auch noch plausibel dargestellt werden. Hier braucht es ganz neue und anspruchsvolle Kompetenzen für Lehrende und Lernende, wir erreichen also ein weiteres neues und höheres Anspruchslevel an Schulen. Außerdem steckt auch hier weiter ein bedeutsamer „cultural bias“ drin, da die Trainingsdaten wieder westlich dominiert sind. Mit China ist ein neuer bedeutender „Player“ hinzugekommen und der Ressourcenverbrauch steigt immens. KI flutet soziale Netzwerke mit „AI-Slop“, dessen Auswirkungen erst langsam deutlich werden (die Nutzung sozialer Netzwerke durch Jugendliche scheint zurückzugehen).

Ein nächster Entwicklungsschritt könnte dann agentische KI sein, die schulische Prozesse noch weiter automatisiert, was die Kombination von KI und Robotik mit Schulen machen wird ist schwer abzusehen. Vermutlich muss ich dann nicht einmal mehr meine KI-generierten Arbeitsblätter selbst aus dem Kopierer holen. KI zu ignorieren oder zu verbieten ist natürlich keine Lösung, sie hat ja unsere Gesellschaft schon durchdrungen vom Chatbot auf der Homepage des Landkreises bis zum Gesprächspartner bei Snapchat oder Whatsapp, fast alle Lernenden nutzen KI für Hausaufgaben und weit darüber hinaus.

Eigentlich wollte ich mit dem Text hier enden, habe aber die KI um ein Feedback gebeten und den Vorschlag bekommen, den Text noch um folgenden Abschnitt zu ergänzen, der noch einmal die aktuellen Herausforderungen pointiert zusammenfasst:

„Die eigentliche Herausforderung besteht deshalb nicht darin, KI aus Schule herauszuhalten. Das wird ebenso wenig gelingen, wie es gelungen ist, das Internet aus Schule herauszuhalten. Die Technologie ist längst Teil der Lebenswelt unserer Schülerinnen und Schüler geworden und wird in den kommenden Jahren noch stärker in nahezu allen gesellschaftlichen Bereichen präsent sein.

Viel wichtiger ist eine andere Frage: Was bedeutet das für Lernen?

Über Jahrzehnte konnten wir stillschweigend davon ausgehen, dass die Bearbeitung einer Aufgabe selbst bereits einen Lernprozess auslöst. Wer einen Text schreibt, muss nachdenken. Wer eine Präsentation vorbereitet, muss Informationen recherchieren, auswählen und strukturieren. Wer ein Problem löst, setzt sich mit dem Problem auseinander.

Mit KI gerät diese Annahme erstmals ins Wanken.

Nicht, weil Lernen unmöglich würde. Sondern weil die Bearbeitung einer Aufgabe zunehmend delegierbar wird. Die Aufgabe kann erledigt werden, ohne dass der Lernprozess zwangsläufig beim Lernenden stattfindet. Damit steht nicht weniger als eine Grundlogik von Schule zur Diskussion.

Die entscheidende Frage lautet deshalb nicht, ob Schülerinnen und Schüler KI nutzen dürfen. Sie lautet auch nicht, welche App die beste ist oder welche Funktionen künftig noch hinzukommen werden.

Die entscheidende Frage lautet: Welche Aufgaben stellen wir in Zukunft, wenn Maschinen viele der bisherigen Aufgaben bereits lösen können?

Vielleicht ist das die eigentliche Revolution. Nicht die Technologie selbst. Sondern die Tatsache, dass sie uns zwingt, grundlegende pädagogische Fragen neu zu stellen:

  • Warum lernen wir überhaupt?
  • Woran erkennen wir, dass jemand etwas verstanden hat?
  • Welche Rolle spielt Wissen in einer Welt, in der Informationen jederzeit verfügbar sind?
  • Und wie gestalten wir Schule so, dass Lernen auch dann noch stattfindet, wenn Antworten auf Knopfdruck erzeugt werden können?

Auf diese Fragen haben wir derzeit noch keine abschließenden Antworten. Aber vielleicht ist genau das die wichtigste Erkenntnis: Die KI-Debatte ist keine Technologie-Debatte. Sie ist eine Debatte über Lernen, Bildung und die Zukunft von Schule.“

(erstellt mit ChatGPT, Formatierung angepasst und natürlich vor Veröffentlichung geprüft und für brauchbar befunden)

Blog 2026-05: Schule in Gramscis „Interregnum“: Was wir jetzt lernen müssen

Bild: ChatGPT.

Der italienische Schriftsteller, Journalist, Politiker und marxistische Philosoph Antonio Gramsci (https://de.wikipedia.org/wiki/Antonio_Gramsci) wird gerne mit folgenden Worten aus seinen „Gefängnisheften“ zitiert:
“Die alte Welt liegt im Sterben und die neue Welt kämpft darum, zum Leben zu erwachen: momentan ist die Zeit der Monster.” Eine bessere Übersetzung lautet allerdings: „Die Krise besteht gerade in der Tatsache, dass das Alte stirbt und das Neue nicht zur Welt kommen kann: in diesem Interregnum kommt es zu den unterschiedlichsten Krankheitserscheinungen.“ (Gefängnishefte, H. 3, §34, 354f.)

Natürlich taugt ein italienischer Kommunist aus der 1. Hälfte des 20. Jahrhunderts nur begrenzt für Überlegungen zur Gegenwart, sein Einfluss auf moderne Philosophie und Politikwissenschaft darf aber auch nicht unterschätzt werden. Er gilt für manche Aktivisten der Linken, aber auch der Rechten, noch immer als Vordenker, besonders, wenn es um kulturelle und gesellschaftliche Hegemonievorstellung geht. Mir dient sein Zitat hier als Einstieg zu ein paar Überlegungen, die mich aktuell beschäftigen.

Gramsci selbst hat keine klassische Bildungstheorie formuliert, aber seine Überlegungen zur kulturellen Hegemonie machen deutlich, dass Bildung nie neutral ist. Schule ist für ihn ein zentraler Ort, an dem sich entscheidet, ob das „Alte“ weiter reproduziert wird oder ob Menschen befähigt werden, das „Neue“ überhaupt denken zu können. Bildung ist damit nicht bloß Wissensvermittlung, sondern Teil genau jenes Interregnums, das er beschreibt: ein Raum, in dem sich Weltbilder stabilisieren oder verschieben. Vielleicht lassen sich Gramscis Theoriekonstrukte für Bildung auf eine einfache, unbequeme Formel bringen: Schule ist nie nur Schule. Sie ist immer auch ein Ort der Hegemonie. Oder konkreter: ein Ort, an dem entschieden wird, was als „vernünftig“, „wichtig“ und „denkbar“ gilt. Im Interregnum, von dem er spricht, wird genau das brüchig und damit wird Bildung plötzlich wieder politisch.

Wir erleben aktuell so ein „Interregnum“, eine Zwischenzeit, im Sinne Gramscis. Wir handeln gerade aus, ob das „Alte“ weiter reproduziert wird oder das „Neue“ sich Bahn bricht. Nicht nur in Schule, sondern auf nahezu allen Ebenen, politisch, gesellschaftlich, wissenschaftlich und in unserem Bildungssystem. Wir erleben die oben zitierten „Krankheitserscheinungen“: unerklärliche Kriege, Wissenschaftsskepsis, ideologische Zuspitzung und gesellschaftliche Spaltung. Bereits in meinem zweiten Newsletter vom 29.09.2023 (https://www.schulmun.de/2023/10/24/newsletter-02-29-09-2023/) hatte ich vom Modell der „VUCA-Welt“ geschrieben, welches schon in den 1990er Jahren einen Erklärungsversuch für sich rasant wandelnde Zeiten darstellte. Seit 2020 wird der VUCA-Begriff zunehmend vom Konstrukt der BANI-Welt abgelöst (https://de.wikipedia.org/wiki/BANI). Wenn Gramsci das Interregnum als eine Zeit beschreibt, in der das „Alte“ stirbt und das „Neue“ noch nicht zur Welt kommen kann, dann scheint mir das heute erstaunlich aktuell. Lange wurde dieser Zustand mit „VUCA“ beschrieben, einer Welt, die unsicher und komplex, aber grundsätzlich noch verstehbar ist.

Inzwischen deutet sich eine Verschiebung an. Mit dem vom Zukunftsforscher Jamais Cascio geprägten Begriff „BANI“ wird eine Realität beschrieben, die nicht nur unsicher, sondern brüchig, nicht-linear und zunehmend unverständlich ist. Während „VUCA“ uns gelehrt hat, mit einer komplexen Welt umzugehen, zwingt uns „BANI“, mit einer Welt umzugehen, die sich zunehmend unserem Verstehen entzieht. Damit rückt auch Bildung, als Reproduktionselement von Hegemonie und Macht im Sinne Gramscis, neu ins Zentrum: Wenn Orientierung selbst fragil und brüchig wird, entscheidet sich in der Schule, ob wir diese Unübersichtlichkeit nur verwalten oder ob wir lehren und lernen, sie überhaupt noch zu durchdringen und mit ihr umzugehen.

In der Bildung wird gerade um kulturelle Hegemonie „gekämpft“. Ist das gegliederte Schulsystem mit früher Selektion noch zeitgemäß oder brauchen wir völlig neue Formen für Schule und Lernen? Wir befinden uns also auch hier in einem „Interregnum“, der Ausgang ist offen. Ich bin davon überzeugt, dass wir einen tiefgreifenden Wandel erleben, das „Alte“ ist am Sterben, weil es für die Herausforderungen unserer Zeit zunehmend an Grenzen stößt. Studien (PISA etc.) zeigen, dass das alte System nicht in der Lage ist die Leistungsfähigkeit der Schülerinnen und Schüler zu erhalten, geschweige denn zu verbessern. Digitalität beschleunigt die Erosion schon seit der Verbreitung des Internets in den 1990er Jahren und mit den sozialen Medien in den 2000er Jahren. In den 2010er Jahren werden das Internet und soziale Medien überall und jederzeit verfügbar. KI beschleunigt diesen Prozess in den 2020er Jahren und wird in den nächsten Jahren noch größeren Einfluss erlangen. Adaptive Intelligente Systeme werden Lernen individualisieren und somit die Leistungsfähigkeit steigern (vgl. https://www.schulmun.de/2026/03/15/blog-2026-04-die-disruption-durch-adaptive-intelligente-systeme/). Für die nächsten Jahre prognostiziert Jim Fan von NVIDIA die Verschmelzung von KI und Robotik (https://www.youtube.com/watch?v=3Y8aq_ofEVs,). Wenn dann selbst das menschliche Handeln zunehmend automatisierbar wird, verschärft sich die Lage weiter. Fan beschreibt Robotik als nächsten Schritt derselben Entwicklung, die wir von Sprachmodellen kennen, mit dem Unterschied, dass es nun nicht mehr um Texte, sondern um die physische Welt geht. Damit gerät nicht nur das Denken, sondern auch das Tun unter den Vorbehalt von KI. Was bislang wie eine kognitive Herausforderung erschien, bekommt eine physische Dimension. Wenn die Logik der Sprachmodelle auf die Welt selbst übergreift, dann betrifft die Verschiebung nicht mehr nur das Denken, sondern das Handeln insgesamt. Dann stellt sich die Frage nach dem Sinn von Lernen und Schule umso heftiger. Wenn KI-Modelle jetzt schon das Denken bedrohen, was bedeutet es dann, wenn „intelligente“ Roboter, mit den gleichen motorischen Fähigkeiten wie Menschen praktisch all unsere Arbeiten erledigen können?

In den nächsten Jahren entscheidet sich, ob sich die „Krankheitserscheinungen“ als vorübergehend und heilbar erweisen oder ob wirklich eine „Zeit der Monster“ anbricht.

Entscheidend wird dabei sein, wie wir Schule in die nahe Zukunft denken. Gelingt es uns dort „Krankheitserscheinungen“ zu heilen, indem wir den Kindern und Jugendlichen die Fähigkeiten vermitteln, die sie brauchen um in einer „BANI-Welt“ zu bestehen? Das heißt Resilienz gegenüber beschleunigten Veränderungen, Solidarität mit Mensch und Planet, Grundlagenwissen über und im Umgang mit Digitalität, Salutogenese, Medien- und KI-Literacy und Lust an der eigenen intellektuellen Entfaltung und Kreativität müssen in den Vordergrund rücken und zum Wohle der Menschheit eingesetzt werden. Wir müssen in Schule und Gesellschaft endlich anfangen einen Diskurs über die aktive Gestaltung unserer Zukunft zu führen. Das wird nicht leicht und es wird mit ungemütlichen Veränderungen einhergehen, aber es lohnt sich. Weil in all den Gefahren, die die Zukunft mit sich bringen kann, auch unglaubliche Chancen und Möglichkeiten enthalten sind. KI und die oben beschriebenen Roboter können den demografischen Wandel ausgleichen, sie können zur Lösung globaler Probleme beitragen und uns Menschen eine neue Freiheit und Freizeit bescheren, die ein ungekanntes kreatives Potenzial ermöglichen kann. Wir haben es in diesem unserem Interregnum in der Hand. Die Frage ist nur, ob wir Schule schnell genug neu denken, bevor andere Systeme beginnen, für uns zu entscheiden, was überhaupt noch gelernt werden muss.

Anmerkungen
Dank geht raus an Stefan Köhler, einen meiner wichtigsten Impulsgeber in den sozialen Medien, der mich heute auf das Video von Jim Fan aufmerksam gemacht hat, welches mich zu dem Beitrag inspiriert hat.
Der Text wurde mit KI als Sparringspartner verfasst, d.h. Idee und Inhalt sind von mir und wurden in Teilen mit KI überarbeitet, geschärft und geglättet.
Das Bild zur Illustration stammt von ChatGPT.

Nachtrag dazu: https://www.telepolis.de/article/KI-im-Klassenzimmer-EU-und-OECD-treiben-die-Wende-voran-11165773.html. Spoiler: Die eigentliche Herausforderung der KI-Ära besteht vielleicht nicht darin, KI in Schule zu integrieren, sondern Schule als Ort menschlicher Urteilskraft, Reflexion und geistiger Selbststeuerung neu zu begründen.

Blog 2026-04: Die Disruption durch Adaptive Intelligente Systeme

Bild: ChatGPT

Mich hat auf der Didacta 2026 ein Aspekt besonders beschäftigt. Ich habe dort ein Panel zu Adaptiven Intelligenten Systemen (AIS) besucht. Das „FWU Institut für Film und Bild gGmbh war Veranstalter, teilgenommen haben Prof. Dr. Ulrike Cress (Direktorin Leibniz-Institut für Wissensmedien), Prof. Dr. Matthias Bethge (Direktor Tübingen AI Center), Prof. Dr. Andreas Lachner (Co-Director Tübingen Center for Digital Education), Dr. Wieland Brendel (Forschungsgruppenleiter ELLIS Institute Tübingen), Dr. Almut Steinlein (Projektleiterin AIS am FWU). Moderiert wurde das Panel von Dr. Anika Limburg, Leiterin des Bildungscampus Saarland. Im Panel wurde deutlich:

Mehrfach wurde das disruptive Potenzial eines AIS für Unterricht betont. Es entstehe eine Lehr-Lern-Plattform, die gleichzeitig Lernende individuell und adaptiv im eigenen Tempo unterstützen soll und Lehrende bei der Lernentwicklung der Lernenden auf dem Laufenden halte. Dadurch könne eine individuelle Förderung gelingen. Das System werde entsprechend mit Curricula etc. trainiert und soll für kommerzielle Anbieter offen sein, natürlich alles konform mit DSGVO und EU-AI-Act. So soll ein offenes, nicht proprietäres lernendes System entstehen, dass den Kindern gerecht werde und Lehrkräfte entlaste, die dann wieder mehr Raum für echte Lernbegleitung bei den Lernenden bekämen, die sie nötig haben. Dadurch soll mehr Bildungsgerechtigkeit entstehen. Dafür bedürfe es natürlich auch neuer Unterrichtsformen und Lernräume. Der Gefahr des Deskilling werde durch die Adaptivität und didaktisch elaborierte Sequenzierung vorgebeugt. Ziel seien verstärkte Selbstregulierung und Kompetenzorientierung bei den Lernenden, die mit dem AIS Lernen lernen. Natürlich bedeute das nicht, dass nur noch digital und vereinzelt gelernt werde, sondern eine Ergänzung zur Unterstützung individueller Lernprozesse zur Verfügung gestellt werde; natürlich müsse weiter auch analog und kollaborativ gelernt werden.

Ausgerollt werden soll das System schon nach den Sommerferien in ersten Pilotschulen, im Herbst soll es weiter in die breite gehen und im Winter soll es Fortbildungen für Lehrkräfte geben. Wohlgemerkt: 2026! Ein ambitioniertes Programm, entwickelt von deutschen Institutionen unter dem Dach der FWU. Die zentrale Kompetenz-Schnittstelle bildet des ellis-Institut Tübingen (ELLIS Institute Tübingen). Auf persönliche Nachfrage nach der Verbindlichkeit der Umsetzung wurde mir versichert, dass Schulen freiwillig teilnehmen könnten und man darauf setze, dass der Erfolg des AIS dazu führe, dass alle Schulen nicht darum herum kämen.

Mehr Informationen gibt es auf der Seite des AIS: https://ais.schule/ und hier: https://www.kmk.org/bildungsministerkonferenz/bildungsthemen/bildung-in-der-digitalen-welt.html (bei „Länderübergreifende Vorhaben“ / „Adaptives Intelligentes System“. Hier erfährt man auch, dass telli ein Teilprojekt von AIS ist und dessen weiterbetrieb von dem Fortschritt bei AIS abhängt.) Persönlich bin ich vom disruptiven Potenzial von AIS oder vergleichbaren Tutorsystemen überzeugt, schließlich war es unter anderem der TED-Talk von Sal Khan zu Khanmigo im April 2023, der mich zur intensiven Beschäftigung mit KI gebracht hat. Schon Benjamin Bloom (ja, das ist der mit den Taxonomien) hat ja 1984 erforscht, dass individuelle Unterstützung Lernende um zwei Notenstufen besser machen kann. Ohne KI war es natürlich nicht denkbar, jedem und jeder Lernenden eine Lehrkraft zur Verfügung zu stellen. Bloom nannte das das „2-Sigma-Problem“. KI hat jetzt das Potenzial, dieses Problem zu lösen. Wenn es denn gut gemacht wird.

Ich sehe aktuell zwei Schwierigkeiten. Bisher haben es staatliche/halbstaatliche Unternehmungen eher nicht geschafft, sinnvolle digitale Systeme zu etablieren (vgl. Logineo, telli mit Einschränkungen). Und, zweitens, habe ich meine Zweifel, ob eine freiwillige Implementierung in den Schulen funktionieren kann. Wir sehen aktuell bei der Implementierung von KI-Anwendungen in Unterricht und Lehre schon einen wachsenden digital-divide, weil viele Schulen und Lehrkräfte sich schlicht nicht damit beschäftigen. Ähnliches können wir bei der Anwendung von digitalen Tafeln oder Tablets im Unterricht beobachten. Ähnliches konnte ich auch schon bei der Einführung der Kompetenzorientierung in den 2010er Jahren beobachten, damals mussten sich Lehrkräfte zwar fortbilden lassen, haben das zum Teil nur widerwillig getan und nichts umgesetzt. Da ist es wieder, das Implementierungsproblem in der deutschen Bildungslandschaft. Ich plädiere daher für eine deutlich verbindlichere Umsetzung im Rahmen strukturierter Schulentwicklungsprogramme (Pilotierung, Begleitforschung, Fortbildung), um eine weitere Heterogenisierung der deutschen Bildungslandschaft zu verhindern und das Potenzial von AIS zur Stärkung der Bildungsgerechtigkeit zu nutzen. Außerdem plädiere ich für ein starkes europäisches System in Kooperation mit etablierten und neuen Stakeholdern auf dem europäischen Bildungsmarkt, um weiteren Einfluss von US-Big-Tech oder chinesischen Anbietern auf dem europäischen Bildungsmarkt zu verhindern.

AIS könnte das wichtigste schulische Infrastrukturprojekt seit Einführung der Schulpflicht werden, wenn Deutschland diesmal das Implementierungsproblem löst.

Funfact für alle KI-Skeptiker, besonders für Mathe: In Schweden gibt es ein gut funktionierendes AIS für Mathematik: Magma Math, auch das war auf der Didacta zu sehen: https://www.magmamath.com/de.

Ergänzung vom 04.04.2026:
Bei aller berechtigten Faszination für das Potenzial Adaptiver Intelligenter Systeme lohnt sich ein Blick auf die Bedingungen, unter denen diese Systeme entstehen. KI ist kein rein technologisches Produkt, sondern basiert in weiten Teilen auf menschlicher Arbeit, häufig ausgelagert in den Globalen Süden. Tausende sogenannte Data Labeler trainieren, überprüfen und moderieren Inhalte, oft unter prekären Bedingungen und mit hoher psychischer Belastung. Die „Intelligenz“ der Systeme ist damit nicht nur künstlich, sondern auch sozial produziert.

Diese Perspektive verändert den Blick auf KI grundlegend: Wenn Bildungssysteme künftig verstärkt auf solche Technologien setzen, greifen sie zugleich auf globale Arbeitsstrukturen zurück, die bislang weitgehend unsichtbar bleiben. Die Frage nach der didaktischen Integration von KI muss daher ergänzt werden um eine zweite: Unter welchen Bedingungen entsteht diese Technologie, und welche Verantwortung tragen wir als Bildungssystem in ihrer Nutzung?

Wer über Bildungsgerechtigkeit im Kontext von KI spricht, darf deshalb nicht nur die Wirkung im Klassenzimmer betrachten, sondern muss auch die Produktionsbedingungen im Blick behalten. Andernfalls besteht die Gefahr, dass eine Technologie, die im Inneren auf Ungleichheit basiert, nach außen als Lösung für eben diese Ungleichheit erscheint.

Blog 2026-03: Schule nach dem Wissen

Präambel (KI-Transparenzhinweis)
Dieser Beitrag ist mit Unterstützung einer KI entstanden.
Er ist jedoch nicht automatisiert erzeugt worden, sondern Ergebnis eines längeren Arbeitsprozesses: Sammlung von Studien, Blogtexten und Artikeln, Diskussion und Klärung von Gedanken sowie wiederholte Überarbeitung im Dialog. Die KI diente dabei als Denk- und Strukturierungspartner, nicht als Ersatz eigener Positionen. Der Text spiegelt daher eine entwickelte Perspektive wider, nicht eine automatisch erzeugte Meinung. Natürlich ist der KI-Stil für Kennende erkennbar.


Schule nach dem Wissen

Warum KI nicht unser größtes Problem ist – sondern unsere größte Klärungschance

In den letzten Monaten habe ich viele Texte über KI und Bildung gelesen.
Sie kamen aus ganz unterschiedlichen Richtungen: Forschung, Unterrichtspraxis, Medien, Philosophie. Manche warnen vor Kontrollverlust, andere feiern eine neue Lernfreiheit.
Erstaunlich war weniger, wie unterschiedlich die Positionen sind, sondern wie ähnlich ihr Kern ist. Viele beschreiben dieselbe Verschiebung: keine technologische Revolution, sondern eine Bedeutungsverschiebung von Wissen.

Was sich gerade wirklich verändert

Schule war über Jahrhunderte logisch aufgebaut. Wissen war knapp. Also organisierte man Institutionen, die Wissen vermitteln. Lehrkräfte erklärten. Schüler lernten. Später konnte man das Gelernte anwenden. Diese Logik war stabil, weil sie funktionierte.
Nun ist Wissen jederzeit verfügbar und mit KI sogar generierbar. Texte, Programme, Zusammenfassungen und Lösungen entstehen auf Knopfdruck. Damit bricht nicht Lernen zusammen, sondern die alte Funktion von Lernen.

Schule kann nicht mehr primär der Ort sein, an dem Menschen erfahren, was richtig ist.

Warum plötzlich so viele Aufgaben nicht mehr funktionieren

Die erste Reaktion vieler Schulen war ein Verdacht: Schüler nutzen KI, um sich Arbeit zu ersparen. Die zweite Reaktion war häufig: Verbieten oder Ignorieren.
Doch vielleicht zeigt uns die Situation etwas anderes. Wenn ein Werkzeug eine Aufgabe vollständig übernehmen kann, war die Aufgabe möglicherweise nie ein guter Lernindikator.
Hausaufgaben verlieren ihre Aussagekraft. Reproduktionstests verlieren ihre Aussagekraft. Selbst viele klassische Prüfungsformate verlieren ihre Aussagekraft, nicht weil Schüler weniger leisten, sondern weil Ergebnisse nicht mehr zeigen, wer etwas verstanden hat.

Bewertbar bleibt nur noch:

  • Entscheidungen
  • Begründungen
  • Qualitätseinschätzungen
  • gedankliche Wege

Plötzlich interessiert nicht mehr nur die Antwort, sondern das Denken.

Die verbreitete, aber zu kurze Antwort: Kompetenzen

Als Reaktion entstehen neue Schlagworte: Future Skills, 4K, Kompetenzen. Sie sind nicht falsch, aber sie bleiben im alten Muster. Sie beschreiben weiterhin, was Menschen können sollen.

Die eigentliche Frage ist inzwischen eine andere:

Wozu lernen Menschen, wenn Wissen jederzeit verfügbar ist?

Die Antwort verschiebt sich von Können zu Verantwortung.
Nicht mehr Informationen besitzen, sondern mit Informationen umgehen.
Nicht mehr Probleme lösen, sondern Lösungen beurteilen.
Nicht mehr Antworten geben, sondern Entscheidungen vertreten.

Die Rolle der Lehrkraft verändert sich nicht – sie wird klarer

Oft wird gefragt, ob KI Lehrkräfte ersetzt. Tatsächlich passiert etwas anderes.
Die klassische Rolle war Wissensquelle und Kontrolle. Diese Rolle wird technisch leichter ersetzbar. Die eigentliche Rolle wird dadurch sichtbarer:

  • Orientierung geben
  • Denken strukturieren
  • Qualität beurteilen helfen
  • Verantwortung einfordern

Lehrkräfte werden nicht überflüssig. Sie werden erkennbar notwendig; nicht mehr, weil sie mehr wissen als andere, sondern weil sie Bedeutung herstellen helfen.

Die eigentliche Bildungsfrage

Wenn Information jederzeit erzeugbar ist, entsteht eine neue Grundfrage: Warum lernen Menschen überhaupt?
Nicht mehr, um vorbereitet zu sein. Nicht mehr, um später anwenden zu können. Sondern um urteilsfähig zu werden.
Bildung wird damit weniger Vorbereitung auf Zukunft und mehr Orientierung in Gegenwart.

Was das organisatorisch bedeutet

Diese Verschiebung ist größer als Digitalisierung. Sie betrifft die Architektur von Schule.
Eine Schule, die auf gleichzeitige Stoffvermittlung ausgerichtet ist, passt schlecht zu einer Welt, in der jeder jederzeit Zugang zu Informationen hat.

Lernen braucht mehr:

  • Zeit zum Verstehen
  • Austausch zum Einordnen
  • Rückmeldung zum Verbessern
  • Verantwortung für Ergebnisse

Nicht weniger Struktur, sondern eine andere Struktur. Nicht weniger Leistung, sondern sichtbarere Leistung.

Die eigentliche Chance

KI zwingt Schule nicht, moderner zu werden. Sie zwingt Schule, ehrlicher zu werden. Viele Routinen haben lange funktioniert, weil ihre Voraussetzungen stabil waren. Diese Voraussetzungen verschwinden gerade.
Das kann man als Krise sehen. Man kann es aber auch als seltene Gelegenheit begreifen, Schule neu vom Zweck her zu denken.
Vielleicht geht es künftig weniger darum, Antworten zu lernen, sondern darum, mit Antworten verantwortungsvoll umgehen zu können. Und dazu Bedarf es Wissen, Kompetenz und Urteilskraft.

Und vielleicht war das immer schon Bildung.

Epilog (ohne KI)
Ist dieser Beitrag jetzt ein Beispiel für verantwortlichen Umgang mit Wissen? Ich habe das Wissen anderer kompiliert und um eigene Gedanken ergänzt, das passiert in der Wissenschaft auch. Ich habe dadurch etwas Neues geschaffen, mir ein Urteil gebildet und auf etwas aufmerksam gemacht, was mir wichtig ist, nämlich Bildung und Schule in Zeiten von KI. Wie kann oder muss ich als Schulleiter Schule entwickeln, um unsere Kinder sinnvoll auf die Zukunft vorzubereiten und so eine freiheitlich-demokratische Gesellschaft zu erhalten.

Blog 2026-02: Basics für Lehrkräfte und Eltern zu Gefahren in sozialen Medien

Vorbemerkung: Dieser Blogbeitrag ist nahezu wortgleich als Newsletter 09 für das aktuelle Schuljahr erschienen. Ich halte den Inhalt allerdings für so relevant, dass ich ihn hier noch einmal veröffentliche. Wenn Sie das alles schon wissen, dann ist das wunderbar; wenn nicht, konnte ich hoffentlich zur Aufklärung über Gefahren im Netz und in sozialen Medien aufklären.

Es gab schon immer Trends, Codes und eine spezielle Sprache von Jugendlichen. Das ist kein Grund zur Sorge und dient auch der Distanzierung von anderen Generationen. Wenn ältere Generationen das adaptieren, wird es oft peinlich und das ist im Grunde auch unnötig.
Dennoch ist es wichtig, dass sich gerade Eltern und Lehrkräfte mit der Lebenswelt von Jugendlichen beschäftigen, nicht um diese vollständig zu verstehen und zu durchdringen, sondern um wenigstens ein Gefühl dafür zu bekommen, was Kinder und Jugendliche umtreibt. Das gilt für elektronische Spiele, vor allem aber für soziale Medien.
Soziale Medien sind definitiv integrale Bestandteil der Jugendkultur, sie dienen der Kommunikation und Vernetzung und sind damit auch ein Teil der Sozialisation in die Gesellschaft. Schließlich nutzen ja auch viele Erwachsene soziale Medien, um vernetzt zu bleiben, sich zu informieren oder zu amüsieren.
Es gibt aber auch die negative Seite. Neben der Polarisierung, der Spaltung und den Fakenews, die schon den Erwachsenen schwer zusetzen, sind Kinder und Jugendliche diesen Gefahren hilfloser ausgeliefert, da ihre Urteilskompetenz noch in der Entwicklung ist. Das nutzen Extremisten jeglicher Couleur aus. Das ist weitgehend bekannt und wird gelegentlich sogar in der Öffentlichkeit diskutiert.
Ich möchte in diesem Newsletter für etwas unbekanntere Phänomene sensibilisieren, von denen Eltern und Lehrkräfte zumindest wissen sollten.
Vermutlich haben einige schon von Jugendlichen gehört, die sich von TikTok zum Selbstmord haben inspirieren lassen oder von anderen Nutzern in den Tod getrieben wurden, wie zum Beispiel von dem Hamburger „White Tiger“, der einen 13jährigen Jungen in den USA dazu gebracht hat sich aufzuhängen. Es gibt in den sozialen Medien ganze Netzwerke, die sich damit brüsten andere zu Selbstverletzungen oder Selbstmord zu bringen (https://www.medienzeit-elternblog.de/blog/white-tiger-com-764-gefahr-kinder). Es gibt Handbücher in diesen Kreisen, in denen Manipulationstechniken erklärt werden und es gibt Foren und Chats in denen man sich austauscht. Das findet nicht nur auf TikTok statt, auch Discord, Telegram oder Roblox spielen dabei eine Rolle. Begehrte Opfer sind (psychisch labile) Teenager, weil diese in der Identitätsfindungsphase besonders vulnerabel sind.
Ein noch häufiger vorkommendes Phänomen sind Challenges, bei denen es eher zu unfallbedingten Todesfällen kommt, wie bei der 13jährigen aus Kassel, die bei der sogenannten Blackout-Challenge, inspiriert auf TikTok, zu Tode kam (https://www.hessenschau.de/panorama/blackout-challenge-auf-tiktok-13-jaehrige-aus-landkreis-kassel-stirbt-bei-mutprobe-v1,tod-nach-tiktok-blackout-challenge-100.html). Bei dieser Challenge geht es darum, durch kurzzeitiges Strangulieren kurz in Ohnmacht zu fallen. Andere Challenges fordern Deospray einzuatmen, Rasierklingen zu schlucken oder Waschmittel-Kapseln zu essen. Klicksafe hat dazu Informationen bereit gestellt: https://www.klicksafe.de/news/gefaehrliche-tiktok-challenges-das-muessen-eltern-und-lehrkraefte-jetzt-wissen. Auch das HMKB hat Informationen zusammengestellt: https://digitale-schule.hessen.de/digitale-kompetenzen/beratungsstelle-jugend-und-medien-hessen/online-challenges.
Neben diesen Challenges gibt es aber auch bestimmte Foren und Hashtags unter denen sich Jugendliche austauschen, zum Beispiel, wie bereits erwähnt, über Selbstmordmethoden oder aber auch zu Themen wie Abnehmen bis zur Magersucht. Triebkraft sind dabei oft Likes, also Anerkennung von anderen Nutzern und das Fehlen von Ansprechpersonen in der realen Welt. Unter anderem deshalb ist es so wichtig Vertrauensverhältnisse zu Kindern und Jugendlichen zu pflegen.
Andere Challenges haben eine sexuelle Konnotation, wie die Pantyhose-Challenge oder andere, bei denen Kinder und Jugendliche Videos veröffentlichen, in denen sie leicht bekleidet posieren oder tanzen. Die Konsequenzen für einen Vierjährigen aus einer anderen Challenge werden hier beschrieben: https://www.spiegel.de/netzwelt/oberbayern-vierjaehriger-veraetzt-sich-an-spuren-von-tiktok-experiment-a-842bbbb5-316f-4d48-a2b1-86148c20113e?sara_ref=re-so-app-sh. Aber nicht nur Challenges oder Foren bergen Gefahren, auch die Algorithmen haben es in sich. Diese lernen ja aus dem Interesse der Nutzer und verstärken Inhalte mit großer Reichweite, welche oft polarisierend oder empörend sind, also zu Reaktionen animieren. Reaktionen und Interaktionen, Clicks und Likes sind die Währung in den sozialen Medien. Erreicht man hohe Aufrufzahlen für seine Inhalte, lassen sich diese zu Geld machen oder für manipulative Zwecke nutzen. Dies können extremistische Inhalte jeglicher Couleur sein oder auch Fakenews, die zur Destabilisierung der Gesellschaft beitragen.

Ein weiteres Beispiel für solche Blasen, ist die so genannte „Manosphere“ (Hierhin gehören Andrew Tate oder der so genannte „Sigma-Boy“, verfilmt wurde das Phänomen in der Netflix-Serie „Adolescence“). Dort werden archaische Männlichkeitsbilder kultiviert und zur Unterdrückung von Frauen aufgerufen: https://taz.de/Umgang-mit-Maennlichkeitsbildern/!6132595/. Ein anderes Beispiel ist die „Tradwife-Szene“, dort werden traditionelle Frauenbilder gepflegt, also Frauen, die nicht arbeiten und den Haushalt führen und sich alleine um Kinder kümmern.

Lesenswert in diesem Zusammenhang ist das in einem früheren Newsletter schon einmal empfohlene Buch „Radikalisierungsmachinen“ von Julia Ebner (Berlin 2019). Eine weitere Leseempfehlung sind die beiden Bücher von Silke Müller zu dem Thema („Wir verlieren unsere Kinder“ und „Wer schützt unsere Kinder“).

KI hebt all dies noch einmal auf ein neues Level. Inhalte sind einfacher zu erstellen und Algorithmen lassen sich durch KI-Bots manipulieren, ganz zu schweigen von den Möglichkeiten für Mobbing durch Nudifier-Apps (Apps, die aus normalen Fotos Nacktbilder erzeugen). Kinder werden oft schon sehr früh in sozialen Medien mit extremer Gewalt (zum Beispiel Liveübetragungen von Kriegsszenen oder Foltervideos) oder Pornografie, egal ob KI-generiert oder echt, konfrontiert, solche Inhalte werden in den Feed gespült oder von anderen Nutzern geteilt oder sogar zufällig per Airdrop aufgefangen.

Ich möchte hier keine Panik machen. Soziale Medien haben viele positive Seiten, ich nutze sie auch gerne und intensiv. Sie sind eine zentrale Kommunikations- und Vernetzungsinstanz für Jugendliche. Es ist aber wichtig, dass Eltern und Lehrkräfte wissen, was in sozialen Medien passiert und möglich ist, um auf Gespräche mit den Kindern und Jugendlichen vorbereitet zu sein. Das Schlechteste, was sie tun können, wenn ein Kind mit einer Horrorgeschichte aus den sozialen Medien zu Ihnen kommt, ist diese oder das Handy zu verbieten. Damit erreichen Sie nur, dass das Kind das nächste Mal nicht mehr kommt und mit seinen Erlebnissen dann alleine ist. Reden Sie, schützen Sie, begleiten Sie, trösten Sie, bieten Sie einen Schutzraum, klären Sie auf, am besten präventiv und machen Sie ihr Kind stark, damit es sich auch im digitalen Raum wehren kann.

Blog 2026-01: Mein persönlicher Jahresrückblick 2025

Wieder ist ein ereignisreiches Jahr zu Ende gegangen. In meinem Jahresrückblick 2023 habe ich mich intensiv mit KI auseinandergesetzt. Diese Auseinandersetzung dauert nach wie vor an, ich gebe mittlerweile Workshops zu diesem Thema oder halte Vorträge zu KI. Trotz großer Fortschritte mit fobizz oder der im Herbst erfolgten Einführung von telli in Hessen ist bei vielen Lehrkräften die Auseinandersetzung mit und der Einsatz von KI immer noch nicht angekommen (bei den Schülerinnen und Schülern allerdings sehr wohl). Auch wenn noch viele Fragen offen sind, bin ich nach wie vor überzeugt, dass KI Schule und Unterricht grundsätzlich verändert.
2024 habe ich mich mit meinen ersten 1,5 Jahren als Schulleiter auseinandergesetzt. Mittlerweile fühle ich mich in meiner Rolle sicher und liebe meinen Job, es wird aber auch immer offensichtlicher, dass das Schulsystem, nicht nur wegen KI, vor großen Herausforderungen steht und die Arbeit als Schulleiter anspruchsvoller wird. Bob Blume hat einmal bei Markus Lanz das Bild bemüht, dass wir im Flug eine Propellermaschine in einen Düsenjet umbauen müssen. Ich würde das mittlerweile um die Sorge ergänzen, dass uns die Kraft und das Personal dafür auszugehen drohen, weil das System zunehmend von den Herausforderungen überrollt wird. Schließlich leben wir ja in Zeiten sich exponentiell beschleunigender Veränderungen. Wenn sich dieser Trend fortsetzt, dürfte das begonnene Jahr ein in vielerlei Hinsicht entscheidendes werden. Und das gilt nicht nur für Bildungsthemen, mit denen ich mich hier befasse.
Was unsere Schulentwicklung angeht, habe ich im letzten Jahr davon gesprochen, dass wir Strukturen geschaffen haben, die anfangen zu arbeiten. Das ist geschehen und es haben sich einige Arbeitsgruppen gebildet, die an Konzepten zur Veränderung arbeiten. Ziel ist es im Schuljahr 2027/28 mit den ersten 5. Klassen mit selbstreguliertem Lernen zu starten.

Als ich begonnen habe, diesen Beitrag vorzubereiten, ist mir deutlich geworden, was in diesem Jahr alles passiert ist, an welchen Veranstaltungen ich teilnehmen und teilgeben durfte, mit wem ich mich alles neu vernetzen konnte oder welche Vernetzung ich vertieft habe. Bevor ich noch ein paar allgemeine Entwicklungen und Beobachtungen zusammenfasse, will ich wesentliche Ereignisse des Jahres 2025 chronologisch wiedergeben.

Am 29. Januar fand unser erstes Bildungsbier an der Weibelfeldschule statt. Eine gelungene Vernetzungsveranstaltung von Schulen und außerschulischen Bildungsträgern aus der Region. Leider ist eine Wiederholung zum Jahresende an mangelndem Interesse gescheitert, wir bleiben aber dran.

Im Februar fanden zwei wichtige Veranstaltungen statt. Am 14. Februar hat eine Schülergruppe der Weibelfeldschule auf der Didacta einen Vortrag zur Entwicklung unserer Zukunftsschmiede „Trendhub“ gehalten und ich durfte zum Thema „Demokratie braucht Bildung – Bildung braucht Demokratie! Die Rolle von KI & Social Media in Schulen“ referieren.
Am 21. Februar durfte ich dann in Berlin beim fobizz-Klassentreffen einen Workshop zu „Neue Lern- und Prüfungskultur mit KI. Warum KI in Schule alles verändert? Oder auch nicht?“ halten. Diese beiden Veranstaltungen haben mich darin bestärkt, dass ich mit meinen Herzensthemen Demokratie- und Medienbildung sowie KI zwei wichtige Themen besetze und ich dazu auch etwas zu sagen und zu vermitteln habe. Neben Schulentwicklung werden mich diese beiden Themen auch in den nächsten Jahren begleiten, erste Veranstaltungen sind schon terminiert und in der Planung.

Der März brachte die großartige Veranstaltung Vision@Schule an der Albert-Schweitzer-Schule in Wetzlar, wo ich einen Workshop zu Schulentwicklung aus der Leitungsperspektive halten durfte. Eine großartige Veranstaltung mit Begegnungen mit zahlreichen wunderbaren und bildungsbegeisterten Menschen: Stefan Ruppaner, Ferdinand Stebner, Astrid Kalantzis, Daniel Füller, Steven Bauer, Kristin und Ulrike van der Meer, Daniel Steh, Susanne Burzel, Andreas Fischer und viele mehr.
Außerdem wurde die Weibelfeldschule am 18. März offiziell von Kultusminister Armin Schwarz als Selbstständige Schule zertifiziert.

April, Mai und Juni waren dann von den üblichen Aktivitäten wie Osterferien (mit Abnahme 1. Staatsexamina an der Uni), Abitur und 2. Staatsexamina geprägt. Übrigens dienen Teile der Ferien mittlerweile nicht mehr der nötigen Regeneration und Erholung, sondern dem Aufarbeiten der Desiderate aus der Zeit davor, so zumindest meine Beobachtung aus dem vergangenen Jahr. Im Juni fand dann noch das von einer E-Phase organisierte Tonali-Konzert in der Alten Oper in Frankfurt statt, die Kreisschüler*innenvertretung Offenbach feierte 55jähriges Bestehen, die Stadtwerke haben den Vincent-Preis verliehen und eine unserer DSP-Gruppen wurde bei den Hessischen Schultheatertagen ausgezeichnet. Am 30.06. startete dann die letzte Schulwoche mit der Abschlussfeier der Mittelstufe.

Vor den Ferien ging es im Juli noch einmal hoch her, mit der akademischen Abiturfeier und dem Abiball, zu dem parallel noch unser Do-Tank in der Zukunftsschmiede mit einer Vernissage eröffnet wurde. Ich durfte erstmals am Premiereabend der Burgfestspiele teilnehmen, unsere erste Ausgabe der Schülerzeitung „4omo“ kam heraus und am letzten Schultag habe ich natürlich die Schülerinnen und Schüler in die verdienten Sommerferien verabschiedet.

In den Sommerferien stellte sich dann tatsächlich zum ersten Mal im Jahr etwas Erholung ein und ich konnte mit meinem Sohn die Platte für eine Modelleisenbahn aufbauen; leider sind wir aber über die Platte bisher nicht hinausgekommen.

Die letzte Ferienwoche starteten wir mit einer Schulleitungsklausur auf dem Hofgut Neuhof im Rahmen des Knistern-Festivals der Feuerfreunde. An der selben Location durfte ich dann auch noch einem Vernetzungstreffen für Stiftungen und Firmen aus der Region teilnehmen, an dem ich wertvolle Kontakte zur Flughafenstiftung, Hahn-Air oder Celina von Collect-it knüpfen konnte. Am 20. August bekamen wir dann von unserem Ministerpräsidenten Boris Rhein einen Scheck mit einer beachtlichen Fördersumme der Flughafen-Stiftung für unsere Zukunftsschmiede überreicht. Am 27. August habe ich einen Vortrag zu KI für Anfänger auf dem Oberstufentag der hessischen Waldorfschulen gehalten. Der Monat endete dann mit meiner Geburtstagsparty, auf der ich meinen 50. aus dem Vorjahr nachgeholt habe.

Der September war wieder sehr ereignisreich und startete mit der mobile.schule-Tagung in Hannover, wo ich viele bekannte Gesichter treffen konnte, zum Beispiel Silke, Jochen, Daniel und Jan, aber auch Georg, Hauke, Niels und viele mehr.
Vom 4. bis zum 6. September erfolgte dann eines meiner Persönlichen Highlights, der Besuch der Agora-Schule in Roermond. Ein weiteres Highlight waren die Kamener Schulgespräche am 22. September. Auch das ein Wiedersehen mit vielen Bildungsenthusiasten, neben den meisten, die schon in Wetzlar dabei waren, war es schön Katja Glasmachers und Anika Osthoff persönlich kennenzulernen. Einen krönenden Monatsabschluss bildete dann der von mir organisierte Abend mit Vortrag von Silke Müller und anschließender von mir moderierter Podiumsdiskussion im Bürgerhaus Dreieich.

Im Oktober war es dann etwas ruhiger, in den arbeitsreichen Herbstferien gab es wieder Staatsexamina an der Uni und danach in der Schule. Besonders schön war der Besuch von Susanne Posselt am 28. Oktober, der ich unsere schöne Weibelfeldschule zeigen durfte und mit der immer ein interessanter Austausch stattfindet.

Im November war ich dann wieder etwas unterwegs. Am 05. fand die jährliche Tagung von Bildungsfaktor Abitur in Friedberg statt. Als Mitglied des Vorstandes hatte ich die Ehre Diana Knodel von fobizz als Keynote-Speaker zu gewinnen und mit ihr gemeinsam einen Workshop zu gestalten. Am 15. fand erstmals die Edunautika-Süd statt, ich hoffe das war der Auftakt und es geht nächstes Jahr weiter, auch hier durfte ich zwei Sessions zu meinen Themen anbieten. Abgerundet wurde der November durch eine Hospitation am Gymnasium in Mainz-Mombach (Bericht folgt).
Außerdem habe ich im November den mir sehr wichtigen Blogbeitrag „Vom Scheitern“ veröffentlicht, der auf sehr positive Resonanz gestoßen ist.

Im Dezember bekam eine unserer Intensivklassen einen Demokratiepreis des Hessischen Justizministeriums verliehen und ich konnte ein Selfie mit Sebastian Rode abstauben. Zum Jahresabschluss war ich beim Netzwerktreffen von „Journalismus macht Schule“ in der Landesvertretung von Mecklenburg-Vorpommern in Berlin. Dort gab es spannende Vorträge und Workshops rund um Journalismus und Medienbildung. Das Ziel ist es hier in den nächsten Jahren, gemeinsam mit Florian Nuxoll, mehr Expertise seitens der Lehrkräfte einzubringen. Besonders hat mich gefreut Kerstin Butenhoff und Leonard Sommer persönlich zu treffen. Außerdem konnte ich mich auch dort weiter vernetzen und ich habe ein Selfie mit der Bundesbildungsministerin ergattert.

Natürlich war das nur eine Auswahl meiner Aktivitäten und Begegnungen, die zeigen wie wichtig es ist, sich immer weiter zu vernetzen. Außerdem sind diese Veranstaltungen immer wieder ein Motivationsfaktor, der einen aus dem Alltag holt und neue Perspektiven eröffnet, der zeigt, was Andere tun und was alles möglich ist. Danke an alle, die mir immer wieder diese Möglichkeiten bieten!
Zu diesen Begegnungen gehören zum Beispiel auch noch die regelmäßigen Treffen mit meinem ehemaligen Chef, Hans Peter Löw, mit dem ich die Austausche zu schul- und weltpolitischen Entwicklungen sehr schätze. Toll war es auch Sascha Eschmann von „Nur Mut“ oder Christian Weiß und Susanne Mombers von den Feuerfreunden kennenzulernen oder Celina Schwarz von collect-it, wir werden sicher in Zukunft noch gemeinsam Dinge bewegen. Ein besonderer Dank geht auch an die Unterstützung aus der Politik, besonders an den Landrat Oliver Quilling, den ehemaligen Bürgermeister Bernd Abeln und Frau, sowie den aktuellen Bürgermeister Martin Burlon die uns immer wieder unterstützen und ohne die unsere Zukunftsschmiede nicht so schnell und so schön umgesetzt worden wäre. Zu den Unterstützern dafür zählen natürlich auch die schon erwähnte Flughafen-Stiftung, aber auch die Eisel- und die Düncher-Stiftung, die Sparkassen-Stiftung und viele mehr. Ich habe sicher leider wichtige Förderer unserer schulischen Arbeit vergessen, bin aber allen dankbar, die die Weibelfeldschule und meine Bildungsaktivitäten unterstützen. Dazu zählt natürlich der Förderverein, aber auch die KiJuFö der Stadt Dreieich, die Stadtwerke, der Paritätische und der Kreis Offenbach, die die Veranstaltung mit Silke Müller unterstützt haben, Danke auch an die Teilnehmenden an der Podiumsdiskussion von der LSV, dem LEB, DSS und der GMK.

Viel Freude bereitet mir über das Jahr auch immer mein ehrenamtliches Engagement bei DigitalSchoolStory, der Europa Union, der Dreieicher Stolpersteininitiative, als Mentor für das GROW-Programm der Goethe-Universität Frankfurt und bei Bildungsfaktor Abitur.Hessen.

Auch meine Nebentätigkeit beim Abendgymnasium Offenbach in der Erwachsenenbildung ist immer noch eine Bereicherung. Hier ist allerdings ein Ende absehbar. Weil ich meinen Workload im Blick haben muss, werde ich hier nur noch meinen aktuellen Kurs zum Abitur 2027 begleiten und dann aufhören, auch wenn ich das AGO vermissen werde.

Eine wichtige Bereicherung ist auch meine Mitgliedschaft im Think-Tank „Lehren und Lernen im Kontext von Künstlicher Intelligenz“ im Rahmen von VK:KIWA, einem Netzwerk wichtiger Personen in der KI-Bildungsblase.

Ich bin immer wieder fasziniert, was in einem Jahr alles passieren kann. All diese Aktivitäten fordern mich und bereichern mich. Die Kunst ist Überforderung zu vermeiden. Ich merke, wie mir zunehmende Vernetzung und damit Professionalisierung gut tun, mich aber auch Kraft kosten.
Die Herausforderung im kommenden Jahr wird sein, eine Balance aus weiterer Vernetzung und Pflege des Netzwerks, den wachsenden täglichen Aufgaben als Schulleiter und den notwendigen Aufgaben in der Schulentwicklung zu finden. Ich glaube, dass 2026 ein herausforderndes und wegweisendes Jahr in vielen Bereichen wird.
Für mich persönlich wird der Schwerpunkt im nächsten Jahr darauf liegen, bestehende Netzwerke zu pflegen und moderat zu erweitern, in der Schule müssen Kompetenzen für individualisierte Lernprozesse aufgebaut und Lösungen zum Umgang mit herausfordernden Schülerinnen und Schülern gefunden werden. Wir müssen unseren Transformationsprozess vorantreiben, um Schule zukuntsfest und die Welt enkelfähig zu machen. Ich werde weiter spannende Schulen besuchen, fest gebucht ist ein zweiter Besuch in der Richtsbergschule in Marburg und ein Besuch bei der IGS-Süd in Frankfurt, geplant sind Besuche bei Susanne Posselt in Pforzheim, Daniel Steh in Frechen, Andreas Fischer in Köln und bei Jonas Wagner in Hannover, ein Traum wäre es irgendwie bei der Alemannenschule in Wutöschingen reinzukommen.

Wir haben gesamtgesellschaftlich und schulisch wichtige Weichen zu stellen. 2026 wird ein wichtiges Jahr für die Zukunft der Bildung in Deutschland, ich bin bereit.

Blog 2026

Blog 2025-25: Vom Scheitern

Mein Professor sah mich an und sagte: „Ihre Leistungen reichen nicht aus. Suchen Sie sich besser etwas anderes.“ Das war der Moment, in dem mein Plan im Kopf zerbrach – und ich zum ersten Mal wirklich scheiterte.
Heute bin ich in meinen 50ern, Schulleiter der größten Schule im Kreis, habe ein solides virtuelles und reales Netzwerk und eine glückliche Familie.
Man kann sagen, ich habe es geschafft, das war bestimmt eine glatte Nummer, gute Schulnoten, konsequentes Studium, sehr gute Examina und dann Karriere im Staatsdienst. Was will man mehr?

Aber so war das nicht. Dass ich dort ankomme, wo ich jetzt bin, war weder durchgeplant noch vorhersehbar. Meine „Karriere“ ist durchzogen von Zweifeln, Unentschlossenheit, Rückschlägen und – ja auch das – echtem Scheitern.
Jan-Martin Klinge hat auf „Halbtagsblog“ Ende Oktober über „Lernen durch Schmerz“ geschrieben und dabei von eigenen Rückschlägen berichtet, Susanne Posselt ist auf „Bildungsweise“ am 01. November gefolgt und hat über „Geschichten über Schmerz und Versagen“ geschrieben. Nele Hirsch hat kürzlich „Über persönliche Krisen in der pädagogischen Tätigkeit“ gebloggt. Dieser Beitrag ist auch schon etwas länger in Planung und natürlich fällt mir das nicht leicht, wer schreibt schon gerne über Misserfolge und veröffentlicht das dann auch noch in der Bling-Bling-Social-Media-Bildungsbubble, wo es um Erfolge geht, reformierte Schulen, lernwirksamen Unterricht, perfekt didaktisiertes Material, das Ganze am besten noch garniert mit hippem Lifestyle.

Warum schreibe ich also vom Scheitern?
Als Schulleiter habe ich eine ganz besondere Vorbildfunktion. Ich stehe im Fokus von Schülerinnen und Schülern, von Kolleginnen und Kollegen, von Eltern, ja sogar ein wenig im Fokus der lokalen Öffentlichkeit und, in meinem Fall, auch im Fokus der Bildungsblase in der nationalen Netz-Öffentlichkeit. Dort sind in der Regel Erfolge zu sehen, die ich mit der Schulgemeinschaft oder persönlich erreicht habe und die ich feiere. Dort agiere ich meist meinungsstark und planvoll, es sieht so aus, als hätte ich mein Leben, meinen Job und mein Bild in der Öffentlichkeit fest im Griff. Und das ist ja auch wichtig und entspricht den Erwartungen an mich als Person und meine Funktion.
Von außen wirkt es oft, als sei ich souverän, planvoll und sicher in meinen Entscheidungen. Doch das Bild kennt nur die Ergebnisse, nicht den Weg dorthin.
In Wahrheit bin ich häufig ein eher grüblerischer und zögerlicher Mensch, ich reflektiere Entscheidungen wenn ich kann und wäge ab, versuche andere Perspektiven einzunehmen und weiß, dass es oft nicht nur ein Ja oder Nein gibt, sondern, dass die Wahrheit oft in Graubereichen einer Zwischenwelt liegt. Als Gesellschaftswissenschaftler weiß ich, dass Probleme multikausale Ursachen haben und es Interdependenzen gibt, dass Entscheidungen oft einen dilemmatischen Charakter haben, gerade wenn es um Menschen und deren Zukunft geht. Auch wenn es vielleicht manchmal so aussieht, es ist nicht einfach und bereitet schon gar kein Vergnügen, einer Schülerin das Handy abzunehmen oder einen Schulverweis in einer Klassenkonferenz zu beantragen. Doch das gehört zu meinem Job und zu meinem pädagogischen Erziehungsauftrag.
Aber ich wollte ja eigentlich über das Scheitern schreiben.

Mein erster Scheiternsmoment
Für mich und mein Umfeld war eigentlich schon recht früh klar, dass ich mich in Richtung Naturwissenschaften entwickle. Ich hatte als Kind schon Chemie- und Elektrobaukästen, habe experimentiert und gelötet, entsprechende Bücher gelesen und mich mit naturwissenschaftlichen Themen beschäftigt. Folgerichtig hatte ich als Leistungskurs Chemie gewählt und mein Lehrer hatte mir einmal gesagt, dass ich der einzige Schüler in dem Kurs sei, dem er ein Chemiestudium zutraue. Also habe ich mich für das Gymnasiallehramt mit den Fächern Politik und Chemie an der Universität eingeschrieben. Der Start verlief auch recht gut, anorganische und, mit mehr Schwierigkeiten, organische Chemie habe ich gemeistert, doch die physikalische Chemie sollte meine Nemesis werden. Hier zeigte sich, was ich vielleicht sogar schon vorher hätte wissen können, dass meine Mathekenntnisse nicht ausreichten. Ich bin gnadenlos durch die Kolloquien gefallen, bekam von meinem Professor gesagt, dass meine Leistungen nicht ausreichten und ich mir alternative Gedanken machen sollte. Das fiel mir nicht leicht, da ich mich ja schon lange für einen Naturwissenschaftler hielt und auch diese Erwartung an mich bestand, außerdem hatte ich eher etwas später mit dem Studium begonnen und anscheinend Zeit für einen Irrweg verschwendet. Ich hielt mich für jemanden, der Naturwissenschaften kann – und plötzlich gehörte ich nicht mehr dazu. Das war nicht nur ein Studienabbruch. Es war ein Identitätsbruch.
Ich musste mir das Scheitern eingestehen und einen alternativen Weg gehen. Dieser führte mich dann zu meinem Geschichtsstudium, dass ich zu keiner Zeit bereut habe. Vermutlich entsprechen die Gesellschaftswissenschaften sogar eher meinem Talent und Naturell, das wurde mir jedoch erst später klar.

Ich war auch nicht immer ein brillanter Schüler, auch wenn ich ein gutes Abitur gemacht habe, so bin ich in der 8. und 9. Klasse knapp um eine Wiederholung herumgekommen. Mein Studium ging weit über die Regelstudienzeit hinaus, unter anderem weil ich als Baseballfunktionär sehr aktiv war (siehe CV) und weil ich gerne viele Vorlesungen besucht habe und in andere Fachbereiche, wie Philosophie, Kunst- und Kirchengeschichte, reingeschnuppert habe. Am Ende waren dann aber alle meine Freunde mit der Uni fertig, in Jobs und konnten sich Dinge leisten, die für mich nicht drin waren, also musste ich schnell aus meiner studentischen Komfortzone raus. Doch halt, eigentlich sollte ich ja sogar in Geschichte promovieren, ich hatte sogar schon einen Doktorvater, aber die finanzierende Stiftung hat mich abgelehnt, weil ich zu alt war, auch eine Art von Scheitern.

Ich kam also in einem leicht fortgeschrittenen Alter ins Referendariat, welches ich passabel bewältigt habe, mein 2. Staatsexamen war keine Glanzleistung, ich wollte wohl in den beiden Examensstunden zu viel.

Ein weiterer Moment des Scheiterns war mein Versuch Schulleiter an meiner vorherigen Schule zu werden. Ich wurde nicht ausgewählt, ein beamtenrechtlich normaler Vorgang.
Dazu kommen natürlich unzählige kleine Alltagsniederlagen. Wenn man etwas bewegen will, erleidet man immer wieder Zweifel, Unentschlossenheit, Rückschläge und Scheitern.

Scheitern als Chance
All diese Momente sind aber auch, wenn man sie reflektiert, Lerngelegenheiten, um es beim nächsten Mal besser zu machen.
Ich habe gelernt Rückschläge und Scheitern als Chance zu sehen und rückblickend kann ich meine Momente des Scheiterns auch so interpretieren. Ich bin heute froh, dass ich Geschichte und nicht Chemie studiert habe. In Kombination mit Politik kann ich so gesellschaftliche und historische Zusammenhänge viel tiefer durchdringen und besser erkennen, „was die Welt im Innersten zusammenhält“. Die lange Studiendauer und der Blick über den Tellerrand unterstützen das. Trotz meines eher schwachen zweiten Staatsexamens bin ich dann recht schnell für ein paar Jahre in der Lehrkräfteausbildung tätig gewesen, so schlecht kann ich also als Lehrer nicht gewesen sein. Und im Rückblick war der Wechsel an die Weibelfeldschule für mich sehr positiv und ich bereue den Schritt nicht, im Gegenteil, auch hier folgte auf die Enttäuschung des Scheiterns eine neue und vermutlich bessere Perspektive.

Fazit
Biografien verlaufen selten gradlinig, man muss offen für Veränderungen sein, wenn sich Türen schließen, öffnen sich andere, wenn sich Gelegenheiten bieten, soll man zugreifen. Vorstellungen und Mindsets dürfen sich ändern. Als junger Mensch war für mich keineswegs klar, dass ich Schulleiter werde. Ich erinnere mich mindestens an die, neben irgendetwas mit Naturwissenschaften, ernsthaften Wünsche Jurist, Bibliothekswissenschaftler, Baseballfunktionär oder Feinwerktechniker zu werden. Jetzt bin ich eben Schulleiter und das auch sehr gerne, aber das war weder durchgeplant noch vorhersehbar. Meine „Karriere“ ist durchzogen von Zweifeln, Unentschlossenheit, Rückschlägen und – ja auch das – echtem Scheitern. Das war im Moment des Scheiterns natürlich hart, aber in der Rückschau kann ich jeden dieser Momente feiern, denn er hat mich dort hingebracht, wo ich jetzt bin.
Scheitern ist kein Makel in einer Biografie, sondern oft ein verborgener Wendepunkt. In meinem Fall war es nie das Ende – sondern immer der Anfang von etwas Richtigerem. Vielleicht ist das die wichtigste Botschaft, die ich als Schulleiter weitergeben kann.

P.S.: Natürlich weiß ich, dass meine Erfahrungen des Scheiterns keine existenziellen Krisen waren. Umso mehr hoffe ich, dass mein Beitrag jungen Menschen ein kleiner Trost sein kann – wenn Versetzung, Studienwahl oder Ausbildung einmal nicht wie geplant laufen. Es geht weiter. Und es kann gut werden.

Blog 2025-24: Edunautika-Süd

Am 15. November durfte ich bei der Edunautika in Hanau als Teilnehmer und Teilgeber dabei sein. Warum das einen Blogbeitrag wert ist, möchte ich hier kurz darlegen.

Was ist überhaupt eine Edunautika?
Die Edunautika ist ein seit 2018 in Hamburg etabliertes Barcamp, das von der Max-Brauer Schule, der Winterhuder Reformschule und der Agentur Jöran & Konsorten organisiert wird. Ein Barcamp ist eine „Unkonferenz“ bei der die Beteiligten spontan entscheiden, welche Themen sie anbieten (teilgeben) oder an welchen Themen sie in so genannten Sessions teilnehmen. So entstehen vielfältige Austauschformate bei denen neue Ideen entwickelt, Dinge gelernt oder diskutiert werden können, Anregungen gefunden werden, Kontakte geknüpft werden und vieles mehr.
Dankenswerterweise hat die Heraeus-Bildungsstiftung dieses wunderbare Austauschformat in den Süden nach Hanau an die Karl-Rehbein-Schule geholt.

Und warum ist das jetzt einen Blogbeitrag wert?
Weil ich möglichst weiteren Menschen vermitteln will, dass sich der Besuch gelohnt hat und weil ich hoffe, dass die Edunatika auch nächstes Jahr wieder nach Hanau kommt!
Neben der Tatsache, dass ich viele Menschen aus meiner Bildungsbubble erstmals im „Real-life“ kennenlernen durfte, zum Beispiel Nele Hirsch, Jöran Muuß-Merholz, Martin Fugmann oder Thomas Masztalerz oder andere endlich einmal wieder getroffen habe, wie Andreas Fischer oder Gratian Riter, habe ich zahlreiche neue Menschen kennengelernt, Kontakte geknüpft und vernetzt und letztlich natürlich viel Neues gelernt. All das stellt einen unglaublichen Mehrwert dar und dazu kommt dann noch der motivierende Effekt. Der Austausch über innovative Ansätze im Bildungssystem zeigt, was möglich ist und dass es viele Menschen gibt, die ähnlich denke und das System für die Lernenden verändern wollen. Das motiviert.
In der ersten Session an der ich teilgenommen habe, ging es um Agency und kollektive Wirksamkeit. Teilgeber waren Nele Hirsch vom eBildungslabor und Gratian Riter, der SEagent. Inhalt und Methode hate Nele hier hervorragend zusammengefasst.
Die zweite Session, an der ich teilgenommen habe, drehte sich um das Bildungshaus Riesenklein in Halle an der Saale, einer innovativen Schule, die wunderbar von der zwölfjährigen Schülerin Rica vorgestellt wurde.
Nach einer vernetzungswirksamen Mittagspause durfte ich selbst noch Teilgeber für zwei Sessions zu zwei meiner Herzensthemen sein, nämlich KI und Demokratie- und Medienbildung.

In der ersten Session „KI für Anfänger“ ging es darum, welche Rolle KI in Schule spielt zu erörtern und um den Appell, sich mit KI zu befassen, da diese eine zunehmend wichtige Rolle spielt (laut der brandaktuellen JIM-Studie nutzen 74% der Lernenden KI für Hausaufgaben). Nach einem kurzen Input von mir, orientiert an meinem Vortrag zu KI-Basics, den es hier gibt, diskutierten wir angeregt über die Auswirkungen von KI auf Hausaufgaben, Prüfungskultur und Unterricht. Wir überlegten, welche Chancen und Risiken mit KI verbunden sind und wie wir über diese aufklären und sie in den Unterricht einbinden. Ich glaube, es war allen klar, dass KI nicht mehr weggeht und wir uns damit befassen müssen und dass dies am Ende zu einer anderen Unterrichts- und Prüfungskultur führen wird. Wir müssen uns letztlich darauf einlassen und aufklären, ausprobieren, akzeptieren und aktiv werden müssen, getreu der 4-a von Doris Weßels.
In der zweiten von mir abgehaltenen Session ging es um die provokante Frage, manche werfen mir sogar, vielleicht nicht ganz zu unrecht, „Rage Bait“ vor: „Wenn wir Demokratie- und Medienbildung nicht ernst nehmen, können wir Mathe und Deutsch bald vergessen!“. Auch hier gab es wieder einen kurzen Input von mir, der auf einem meiner Workshops bei den Kamener Schulgesprächen im September basierte, die Folien dazu gibt es hier.

Die einigende Klammer beider Sessions war, dass wir Schule komplexer denken und grundlegend verändern müssen. Wir brauchen nicht noch ein Konzept, das im Schrank verstaubt, sondern einen ganzheitlichen pädagogikzentrierten Bildungsbegriff. Demokratie- und Medienbildung, und dazu gehört KI, müssen als Querschnittaufgabe für Schule verstanden werden und können nicht an einzelne Fächer oder bestimmte Projekttage ausgelagert werden. Ich fordere schon länger mehr Demokratie- und Medienbildung. KI macht diese Forderung noch dringlicher, da sie die Beeinflussung des demokratischen Kurses und die Generierung von Fake auf ein neues Level hebt.

Vielen Dank für all die interessanten Begegnungen, Impulse, Diskurse, Kontroversen und Austausche auf der Edunautika in Hanau.
Ich hoffe sehr, dass wir uns nächstes Jahr unter dem gleichen Banner am gleichen Ort wiedersehen können!

Blog 2025-22: Kamener Schulgespräche – Workshops und Bilanz

Am 21. September durfte ich Teil der 4. Kamener Schulgespräche sein. Alexandra Grund und Daniel Füller von der Gesamtschule in Kamen haben eine wichtige Veranstaltung zur Schulentwicklung gestaltet und organisiert. Vielen Dank für das großartige und außerordentliche Engagement!
Den Kern der Veranstaltung bilden eine Ausbildungsmesse für Schülerinnen und Schüler und eine Bildungsmesse mit Workshops für Lehrkräfte.
Ich habe zwei Workshops gehalten und wieder einmal erfahren, wie wichtig solche Veranstaltungen zur Vernetzung sind. Denn getreu dem Motte der Schulgespräche: „Gemeinsam machen wir Schule besser“, stellte ich auch in Kamen fest: „Wir werden mehr!“
Flankiert wurde die Veranstaltung durch drei inspirierende Eröffnungskeynotes von Steven Bauer, Katja Glasmachers und Lydia Clahes und einem wunderbaren Abschluss durch Stefan Ruppaner.
Vielen Dank für den tollen Tag in der kleinen und feinen Hansestadt Kamen, es war mir wirklich ein Vergnügen.

Wie versprochen und wie immer, hier die beiden Vorträge zu den Workshops:

Noch ein paar Eindrücke: