Blog 2024

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2024-13: Mehr Medienbildung jetzt!

Pics: DALL-E, Sound: suno.ai, Video: Clipchamp.

Wir brauchen mehr Medienbildung in den Schulen, in allen Fächern, in allen Jahrgängen und zwar jetzt.

Dieses Thema beschäftigt mich schon länger und ich habe dazu auch schon gebloggt und mich in meinen Newslettern beschäftigt, insbesondere hier:
https://www.schulmun.de/2023/11/18/2023-04-verlieren-wir-unsere-kinder/
https://www.schulmun.de/2024/01/21/2024-03-mehr-ki-in-die-schule-die-2/
https://www.schulmun.de/2024/02/20/2024-06-ki-ist-der-gamechanger-in-der-bildung/
https://www.schulmun.de/2024/03/28/2024-11-kibedenken-als-teil-einer-blogparade/
https://www.schulmun.de/2024/03/21/newsletter-12-22-03-2024/.
Zahlreiche weiterführende Links habe ich hier zusammengetragen: https://www.schulmun.de/2024/01/04/social-media/.

Ich bin eigentlich kein Freund von Alarmismus und möchte auch nicht so klingen, muss aber feststellen, dass wir Pädagogen, wir Erwachsenen, wie Bildungsverantwortlichen im Bereich der Medienbildung unserer Kinder und Jugendlichen größtenteils versagt haben.
Viele von uns haben keine Vorstellung, was im Bereich der (sozialen) Medien unserer nachfolgenden Generationen wirklich passiert, manche wollen es vielleicht auch lieber nicht wissen. Es gibt gute Bücher (mehr dazu hier: https://www.schulmun.de/buchtipps/), es gibt gute Fortbildungen, Vorträge oder Workshops von verschiedenen Trägern oder auch der Polizei. Leider werden diese zu wenig genutzt und erreichen nicht die Familien, in denen es wichtig wäre; Elternabende zu solchen Themen sind leider oft nicht gut besucht.
Was ist denn nun aber das “Schlimme” was den Kindern und Jugendlichen im Netz passiert? Früher gab es auch Mobbing, Gewalt oder Pornografie. Das Neue ist allerdings die ständige Verfügbarkeit, die leichte (auch ungewollte) Verbreitung, der multimediale Zugang und die ewige Verfügbarkeit von gewollten und ungewollten Fehltritten, das Netz vergisst (fast) nichts. Die Schilderungen sind hier bewusst drastisch, aber nicht dramatisiert. Silke Müller beschreibt in ihrem Buch “Wir verlieren unsere Kinder” zum Beispiel wie Mädchen aus einer 8. Klasse morgens im Bus per Airdrop ein Video auf ihr Smartphone übermittelt bekommen, auf dem ein Mann mit einem Skalpell kastriert wird. In Klassengruppen werden immer wieder Nazi-Memes verschickt. Die beliebten Plattformen Twitch, Discord oder auch Reddit und viele andere werden für Cybergrooming missbraucht, auf Youtube finden sich unzählige Fakenews, Verschwörungstheorien oder Propaganda. Auf Instagram und im Klassenchat findet massives Cybermobbing statt und mit Künstlicher Intelligenz sind Deep Fakes mittlerweile ein “Kinderspiel”.
Besonders tut sich immer wieder TikTok hervor. Diese Plattform mit kurzen, oft lustigen Videoclips hat es in sich. Nicht nur, dass sich dort überproportional viel extremistische Propaganda tummelt, die durch den Algorithmus immens verstärkt wird, hier finden auch zahlreiche fatale Contests statt, die schon Todesopfer gefordert haben, hier werden Kinder aufgefordert Stühle in der Schule zu zersägen, Schultoiletten anzuzünden oder Deo zu inhalieren. Auf TikTok oder auch auf Twitch gibt es Nischen, in denen Jugendliche Selbstmordgedanken austauschen. In den sozialen Netzwerken werden unerfüllbare Schönheitsideale propagiert, dort teilen zehnjährige Mädchen Beautyvideos, in denen sie Anti-Aging-Cremes empfehlen.


Hinzu kommt, dass hinter den (sozialen) Medien eine Multi-Milliarden-Dollarindustrie steckt, deren Anwälte und Lobbyisten eine strenge Regulierung zu verhindern wissen und deren Entwickler und Vermarkter genau wissen, wie sie die Gehirne der Kinder und Jugendlichen (und natürlich auch der Erwachsenen) erreichen. Alle sozialen Netzwerke leben von der Sichtbarkeit ihrer Akteure, die sich in Likes und Followern ausdrückt. Die Jagd nach Likes spricht Urinstinkte des Gehirns an, die über Dopaminausschüttungen Glücksgefühle verursachen, die drogenähnliche Rauschzustände verursachen. Wie bei Drogen fordert das Gehirn aber eine immer stärkere Dosis oder Frequenz um den Glückszustand aufrechtzuerhalten. Auf die Spitze treibt das zum Beispiel Snapchat, wo die Likes durch Flammen ausgedrückt werden, die wieder verschwinden, wenn nicht schnell genug “nachgelegt” wird. Ähnliches gilt auch für die zahlreichen bei Kindern und Jugendlichen beliebten Browsergames von Subwaysurfer bis Forge of Empires mit ihren Gadgets und Levels. Auch die Verkaufsplattform Temu arbeitet mit diesen Mechanismen. Der Vollständigkeit halber soll hier auch noch auf die Effekte von Bubbles und Echokammern hingewiesen werden, die durch die Algorithmen Fehlverhalten verstärken und normalisieren.

Interessant ist in diesem Kontext auch ein Interview mit dem Soziologen Jonathan Haidt in der NZZ zum Einfluss von sozialen Medien auf die Generation Z (https://www.nzz.ch/feuilleton/interview-jonathan-haidt-covid-war-nichts-im-vergleich-zu-dem-was-wir-unseren-kindern-mit-sozialen-medien-und-smartphones-antun-ld.1824924). Er sieht hier einen Zusammenhang zwischen der massenhaften Verbreitung von Smartphones unter Kindern und Jugendlichen seit den Jahren um 2010 und einem gleichzeitig beginnenden Leistungsabfall in der Schule. Gleichzeitig nehmen auch die psychischen Erkrankungen unter Kindern und Jugendlichen seit dieser Zeit massiv zu.

Was können Schulen tun?
Schulen und Eltern haben beide einen Erziehungsauftrag. Leider kommen beide im Bereich der Medienbildung- und -erziehung diesem nur unzureichend nach. Die Gründe dafür sind in Schule und Elternhaus ähnlich. Fehlende Kompetenzen, fehlendes Interesse oder Zeitmangel sind wohl die wesentlichen Gründe. Wir können es uns als Gesellschaft aber nicht leisten unsere Kinder zu verlieren, um den oben genannten Buchtitel noch einmal aufzugreifen.
Für mich kommt naturgemäß den Schulen bei der Medienbildung eine zentrale Rolle zu. Theoretisch ist sie diesen ja sogar schon zugewiesen. Medienbildung ist curricular verankert, Teil von sozialen Lernkonzepten, wird von Schulsozialarbeiterinnen und Schulsozialarbeitern oder anderen externen Experten in die Schule getragen und von den Lehrkräfte unterrichtet. Schulen müssen Medienkonzepte erarbeiten usw.
All das trägt aber leider nur sehr beschränkt, weil es nicht als zentrale Aufgabe wahrgenommen wird, sehr fragmentiert und punktuell stattfindet und Zeit und Raum nicht wirklich vorhanden sind.
Wenn wir nicht bald und massiv handeln, wird sich aber der Leistungsabfall in den Bildungseinrichtungen verschärfen, werden psychische Erkrankungen weiter zunehmen und letztlich unsere pluralistische Gesellschaft und unsere Demokratie aufs Spiel gesetzt.
Wir brauchen also schnell eine radikale Veränderung in der Schule. Wir müssen umgehend Zeit, Raum und Expertise schaffen. Wenn uns das nicht gelingt, sind all unsere aktuellen schulischen Ambitionen ziemlich nutzlos, weil wir unsere Gesellschaft und unsere Demokratie nicht mehr aufrecht erhalten können.
Ich spitze hier bewusst etwas zu und will damit wachrütteln, glaube aber ernsthaft, dass wir die Lehrpläne massiv entschlacken müssen, dass Lehrkräfte den Raum und die Zeit bekommen müssen sich verbindlich in diesem Bereich fortzubilden. Dazu Bedarf es der Unterstützung der politisch und behördlich Verantwortlichen. Wahrscheinlich müssen wir bei Fächern Stunden kürzen oder Fächer sogar ganz streichen, um mehr Medienkompetenz in einer Kultur der Digitalität zu vermitteln. Außerdem muss Medienbildung eine ernsthaft getragene Querschnittsaufgabe in allen Fächern sein. Ein kompetenter Umgang mit (sozialen) Medien ist heutzutage eine zentrale Kulturtechnik, gleichbedeutend mit Lesen, Schreiben und Rechnen. Idealerweise ist dieser Prozess in einen größeren schulischen Reformprozess eingebettet, aber das ist ein anderes Thema.


Was können Eltern tun?
Viele Eltern müssen sich zunächst, genau wie viele Lehrkräfte, weiterbilden und mit der Medienwelt der Kinder vertraut machen, um mit diesen auf Augenhöhe in einen Dialog treten zu können. Sinnvoll ist es, gemeinsam mit den Kindern Erfahrungen im Netz und im Umgang mit Medien zu sammeln. Zur Weiterbildung gibt es Bücher, zahlreiche Angebote im Internet, Veranstaltungen in der Schule und nicht zuletzt die eigenen Kinder, die ihre Eltern meist stolz und gerne aufklären. Außerdem ist es die Aufgabe und Pflicht der Eltern sich um Privatsphäre-Einstellungen, Datenschutz, Online-Verhaltensregeln und den rechtlichen Rahmen zu kümmern, viele Apps sind zum Beispiel erst ab 14 oder gar 16 Jahren erlaubt. Ganz wichtig ist es, dass Eltern gemeinsam mit den Kindern verbindliche Nutzungsregeln erarbeiten und diese auch durchsetzen (hilfreich hierbei: https://www.mediennutzungsvertrag.de/).

Wir haben viel zu lange darauf gehofft, dass schon irgendwie alles gut werden werden wird und dass Schule das schon irgendwie hinbekommt. Ich fürchte, auch aufgrund meiner Erfahrungen in Schulleitungsfunktion in den letzten Jahren und meiner intensiven Beschäftigung mit dem Thema, dass wir es mit einem “Weiter so” nicht hinbekommen. Wir müssen aufwachen und aktiv werden. Es hilft dabei nicht, die (sozialen) Medien zu verteufeln oder verbieten zu wollen. Diese gehen nicht mehr weg und haben zweifelsohne auch eine enorm positive Seite, die hier nicht thematisiert wird. Wir müssen unsere Verantwortung gegenüber unseren Kindern wahrnehmen und sie bei der Mediennutzung wohlwollend und wertschätzend begleiten und sie stark machen, um den Versuchungen im Netz zu widerstehen. Wir brauchen sicher auch mehr Regulierung und deren Durchsetzung durch den Staat. Der erste Schritt ist aber, dass wir das hier ausführlich beschriebene Problem überhaupt als solches wahrnehmen und ihm den Kampf ansagen. Weniger für uns Erwachsene, mehr für die Zukunft unserer Kinder. Diese sollte es uns wert sein!

Ein paar weiterführende Links zum Thema:

Eine gute erste Anlaufstelle ist immer: https://www.klicksafe.de/. Hier gibt es Informationen und Tipps zum Umgang zu nahezu allen relevanten Themen.

Zur Gefährdung von Kindern durch digitale Medien gibt die Bundeszentrale für Kinder- und Jugendmedienschutz einen Gefährdungsatlas heraus, der 43 Medienphänomene genauer unter die Lupe nimmt: https://www.bzkj.de/bzkj/zukunftswerkstatt/gefaehrdungsatlas.

Hier gibt es einen prämierten Kurzfilm, der sich kritisch mit dem Suchtfaktor Handy und „Likes“ auseinandersetzt: https://www.youtube.com/watch?v=ioaY1z2trx4. Sehens- und zeigenswert!

Rechtsextreme Ideologien, versteckt hinter Hashtags: Extremisten umgarnen mit TikTok-Videos gezielt Kinder und Jugendliche. Experten warnen vor schleichender Radikalisierung. Beitrag von ZDF heute: https://www.zdf.de/nachrichten/politik/deutschland/tiktok-radikalisierung-kinder-jugendliche-rechtsextremismus-100.html#xtor=CS5-281.

In dieser Taskcard des Kreismedienzentrums Zollernalbkreis gibt es Hinweise zu TikTok allgemein und dem Umgang damit im Unterricht sowie zu den Challenges und deren Gefahren: https://kmz-zak.taskcards.app/#/board/4121c28c-dc17-47d7-a1c0-52da55f6557b/view?token=ded6d524-05a1-4c25-ba64-f0e89e2040c5.

Finanzpodcasts sprechen gezielt Jugendliche an und verbreiten rechtes Gedankengut, Blogbeitrag von Bob Blume:  https://bobblume.de/2024/01/24/digital-finanzpodcasts-als-einfallstor-in-rechtes-gedankengut/

Einen sehr langen, kritischen und sehr guten Artikel auf Englisch zum Smartphone und Kindheit gibt es bei The Atlantic: https://www.theatlantic.com/technology/archive/2024/03/teen-childhood-smartphone-use-mental-health-effects/677722/?utm_source=native-share&utm_medium=social&utm_campaign=share.

Viele weitere Informationen, Gedanken und Links finden sich in zahlreichen weiteren Beiträgen auf dieser Homepage.

2024-12: Vernetzt die Bildung! Wege aus dem, Trilemma aus Fortbildung, Schulentwicklung und Mangelverwaltung.

Dieser Blogbeitrag verbalisiert meine Vision von Bildung im 21. Jahrhundert: Was würde ich mir wünschen und was würde ich tun, wenn ich unbegrenzte Gestaltungsfreiheit hätte?


Das Trilemma der Bildung und die Notwendigkeit von Veränderung
Dass wir auf ein Trilemma aus fehlenden Ressourcen für Fortbildung und Schulentwicklung aufgrund eines wachsenden Lehrkräftebedarfs zusteuern, habe ich an anderer Stelle schon einmal beschrieben. Dieses Problem beschränkt sich nicht auf die weiterführenden Schulen, sondern ist im Primarbereich und in der vorschulischen Bildung noch viel eklatanter.
Aufgrund des demografischen Wandels und politischer Weichenstellungen wird sich die Situation mittelfristig eher nicht und kurzfristig sicher nicht entspannen. Hinzu kommen ja auch noch der zunehmende Mangel an Therapieplätzen für Jugendliche, unterbesetzte Jugendämter, zu wenig Freizeitangebote und vieles mehr.
Wenn wir trotzdem wollen, und das sollten wir unbedingt, dass unsere Kinder eine Bildung bekommen, die sie auf das 21. Jahrhundert vorbereitet und sie mit der dafür nötigen Resilienz ausstattet, müssen wir das System verändern. Darüber wurde, auch auf dieser Website (zum Beispiel hier oder hier), schon viel geschrieben, daher möchte ich den nötigen Systemwandel hier nur kurz skizzieren.
Getreu dem Motto von Stefan Ruppaner und der Alemannenschule in Wutöschingen: “Unterricht ist allen Übels Anfang” müssen wir Fächer und Stunden in den Schulen auflösen und zu selbstorganisierten und individualisierten Lernprozessen übergehen, die von Lerncoaches begleitet werden; wir müssen den Fokus vom Lehren auf das Lernen richten. Wir müssen die gesamte Schulgemeinschaft, am besten sogar die ganze Kommune in Schulentwicklungsprozesse einbinden und vernetzen, dazu bedarf es echter demokratischer Strukturen, die an den Bedürfnissen der Kinder und Jugendlichen ausgerichtet sind. Es muss eine Kultur der Digitalität etabliert werden, in der die Schülerinnen und Schüler Zukunftskompetenzen erlernen, um in einer VUCA– oder BANI-Welt zurechtzukommen.
Das haben viele Länder schon erkannt und auch in Deutschland gibt es “Leuchtturmschulen”, die sich reformiert haben und neue Lernkonzepte bieten, bei denen die Lernenden im Mittelpunkt stehen. Wer sich solche Schulen anschauen will, sollte sich die Preisträger des Deutschen Schulpreises oder die Agora-Schulen in den Niederlanden und natürlich die skandinavischen, die baltischen Länder oder Neuseeland anschauen. (Zur Einordnung: Es gibt mittlerweile knapp über 100 Preisträger beim Deutschen Schulpreis und es gibt ca. 32.000 Schulen in Deutschland).
Das ein leistungsfähiges Bildungssystem für die Zukunft eines Landes, gerade eines rohstoffarmen Landes wie Deutschland, von zentraler Bedeutung ist, muss eigentlich nicht näher begründet werden. Umso unbegreiflicher ist es, dass es in Deutschland gerade nicht gelingt im Bildungsbereich besser zu werden, das zeigen zumindest die einschlägigen Studien der letzten Jahre von PISA bis IGLU. Vielleicht ist es daher an der Zeit die starren Strukturen des Systems, das Festhalten an Stunden, Noten und Fächern, die frühe Selektion, überhaupt das gegliederte Schulsystem, das Lernen im Gleichschritt und die curriculare Obsession auf den Stoff zu überdenken. Die Welt und die Gesellschaft unterliegen großen Veränderungen, das Schulsystem aber bleibt starr.
Wie schaffen wir es aber aus dem oben beschriebenen Trilemma herauszukommen und trotz schwindender personeller Ressourcen das System zu reformieren, um eine bessere und zeitgemäße Bildung zu erreichen?
Ich sehe drei große Reformansätze, die Synergien schaffen und gleichzeitig die Qualität verbessern. Der eine bezieht sich auf die innere Dimension von Schule, der andere auf die äußere und der dritte bezieht sich auf eine inhaltliche Dimension.

Die innere Dimension der Veränderung
Dieser Aspekt wurde in den vorherigen Ausführungen schon angedeutet und wird im Folgenden bezüglich der möglichen Synergieeffekte und der praktischen Umsetzung von Reform präzisiert.
Die Auflösung des klassischen Lernsettings in Klassen und Fächern und dessen Überführung in offene und individualisierte Lernformen schafft Freiräume. Die Schülerinnen und Schüler übernehmen zunehmend selbst Verantwortung für ihre Lernfortschritte, unterstützen sich dabei gegenseitig und werden im Sinne einer Kultur der Digitalität von Lernmanagementsystemen und digitalen Materialpools unterstützt. Dies erfordert die Verwandlung der Lehrkräfte von Instrukteurinnen und Instrukteuren, von Stoffvermittelnden zu Lernbegleitenden. Als Lernbegleitung ist eine Lehrkraft für deutlich weniger Lernende zuständig als als “klassische” Klassenlehrkraft, inhaltliche Unterrichtsvorbereitung entfällt, Korrekturen verändern sich und werden in Präsenzzeiten erledigt. Es gibt keine Hohlstunden und keine Vertretungen, keine Hausaufgaben und keine Unterrichtsstörungen, weil es keinen Unterricht gibt.
Um das zu konkretisieren: An der bereits erwähnten Alemannenschule leisten die Lehrkräfte bei voller Stelle eine Präsenzarbeitszeit von 35 Wochenstunden in der Schule. Die Differenz zur Regelarbeitszeit von Beamten wird für Elternabende, Klassenfahrten usw. benötigt.
Diese innere Veränderung schafft also Freiräume für die pädagogische Arbeit mit den Lernenden, die im bestehenden System oft zu kurz kommt. Gleichzeitig erhöht das neue System die Zufriedenheit und die Leistungsfähigkeit sowohl der Lernenden als auch der Lehrenden.

Die äußere Dimension von Veränderung
Das bisher Beschriebene ist zwar noch lange nicht Regelstandard, aber es gibt erfolgreiche Beispiele in der Praxis. Die nun folgenden Gedanken sind bisher, zumindest nach meiner Kenntnis, so noch nicht verwirklicht.


Wie wäre es kommunale Orte im Sinne von Bildung enger zu vernetzen und idealerweise diese Orte dann auch räumlich zu einer Art “Bildungshub” zu verdichten? Was genau damit gemeint ist, warum das sinnvoll ist und welche Synergieeffekte so entstehen können werde ich nun genauer darstellen.
Ein solcher Bildungshub würde dann in einem umgrenzten kindgerechten Raum, Kindergärten, Grund- und weiterführende Schulen und Einrichtungen des lebenslangen Lernens wie Volkshochschulen oder Abendschulen umfassen. Zusätzlich gäbe es Sportstätten, die gemeinsam genutzt werden können, aber auch medizinische, therapeutische und psychologische Versorgung, vielleicht sogar eine Jugendherberge und stationäre Einrichtungen der Jugendpflege. Es gäbe dort Werkstätten und Makerspaces, eine Bibliothek ein Theater und weitere kulturelle Einrichtungen. All diese Einrichtungen dienen tagsüber den Bildungsinstitutionen und stehen abends und am Wochenende der Kommune zur Verfügung. Durch diese geteilten Nutzungen entstehen höhere Auslastungen der Gebäude und Einrichtungen, also in der Summe Synergien bei der Instandhaltung.
Die kurzen Wege schaffen weitere Synergieeffekte vor Ort, zugegebenermaßen entstehen natürlich teilweise längere Anfahrtswege.


Wenn nun die vor Ort vorhandenen Einrichtung noch untereinander vernetzt werden, entstehen weitere Synergieeffekte. Die Schülerinnen und Schüler der weiterführenden Schulen könnten lernende in den Grundschulen unterstützen. Sie entlasten so Lehrkräfte im Primarbereich und lernen selbst Verantwortung für andere zu übernehmen. Gleichzeitig können die Grundschülerinnen und -schüler in den vorschulischen Einrichtungen Vorlesestunden abhalten und unterstützen so die Erzieherinnen und Erzieher und stärken ihre Lesekompetenz.
Im ländlichen Raum könnten zum Bildungshub zugehörige Nutzgartenflächen bewirtschaftet werden und die Erträge vor Ort für das Mittagessen verarbeitet werden. Die ansässigen Psychologinnen und Therapeuten könnten Präventionsangebote machen oder Workshops anbieten. Lokale Sportvereine, freiwillige Feuerwehren oder andere ehrenamtliche Institutionen können Angebote machen und so Nachwuchs rekrutieren, ebenso wie Studentinnen und Studenten der nächsten Universitäten.
Weitere Synergien ergeben sich natürlich im Gebäudemanagement, in der IT-Administration, der Personalverwaltung usw.
Diese ganzen Synergieeffekte führen zu multiprofessionellen Teams vor Ort und schaffen Ressourcen und eine Lernumgebung mit unzähligen Möglichkeiten sich kreativ, kollaborativ und kommunikativ auszuprobieren, also genau das, was unsere Gesellschaft für die Zukunft braucht.
Ich denke, es wäre wichtig, dass all die verschiedenen Institutionen des Bildungshubs weitgehend autonom bleiben und zentrale Steuerung möglichst minimalinvasiv erfolgt. Kooperation und Kollaboration der einzelnen Institutionen sollten in einem Leitbild festgehalten werden und es müssen basisdemokratische Entscheidungsstrukturen geschaffen werden, in denen die Kinder und Jugendlichen auf Augenhöhe agieren.

Die inhaltliche Dimension der Veränderung
Nicht zwingend an einen Bildungshub gebunden, aber dort sicher einfacher zu verwirklichen, ist die dritte und inhaltliche Dimension der Veränderung, die bisher nach meiner Einschätzung zu wenig Beachtung findet.
Methoden, Begrifflichkeiten und didaktische Prinzipien müssen vom Kindergarten bis zur Volkshochschule besser synchronisiert werden. All diese Institutionen führen Projekte in den Bereichen Medienbildung, BNE, soziales Lernen oder Sprachförderung durch, was natürlich sinnvoll ist.
Allerdings sind diese nicht vernetzt und nicht synchronisiert, sodass die Kinder und Jugendlichen zum Beispiel mit verschiedenen Begrifflichkeiten konfrontiert sind, die aber das Gleiche meinen.
Bildung im Bereich von BNE oder einer Kultur der Digitalität ist hoch komplex und nur fächerübergreifend denkbar. Ich halte es für unerlässlich hier institutionenübergreifende Konzepte, Methoden und Didaktiken zu entwickeln, die es den Lernenden ermöglichen beim Übergang in andere Institutionen an ihr Vorwissen und ihre Vorerfahrungen anzuknüpfen.
Wenn wir es nicht schaffen hier sinnvollere und stringentere Konzepte zu entwickeln provozieren wir unnötige Reibungsverluste.

Fazit
Mir ist durchaus bewusst, dass ich hier eine Zentralisierung fordere, die auch mit gewissen Schwierigkeiten verbunden ist, wie zum Beispiel längeren Wegen für die Lernenden, tiefgreifenden Veränderungen in der lokalen Infrastruktur und die auch Widersprüche zu Dezentralisierungstendenzen hervorruft.
Ich bin aber dennoch der Meinung, dass die Vorteile und Synergien überwiegen. Eine Konzentration der knapper werdenden Ressourcen an einem dafür überdurchschnittlich ausgestatteten und attraktiven Ort ist für Lernende und Lehrende und alle Anderen notwendigen Professionen sicher eine bessere Lösung als marode Einrichtungen mit Personalmangel.
Die Praxistauglichkeit der inneren Dimension der Veränderung wurde schon belegt, die äußere Dimension hat noch einen stark visionären Charakter, von dem ich mir allerdings wünschen würde, dass er in den bildungspolitischen Diskurs Eingang findet. Die inhaltliche Dimension ist eigentlich keine große Hürde und kann in kommunalen Pilotprojekten entwickelt und erprobt werden; das hatte ich an meiner alten Wirkungsstätte schon angebahnt und das will ich gerne an meiner neuen Wirkungsstätte in den nächsten Jahren wieder aufnehmen.
Es gibt also viel zu tun, packen wir es an. Machen ist wie wollen, nur krasser!

Spätere Ergänzungen:

Eine Idee, die mich auch schon länger beschäftigt hatte, wird in Lübeck umgesetzt. Eine Schule im leeren Kaufhaus; belebt auch gleichzeitig die Innenstadt: https://deutsches-schulportal.de/schule-im-umfeld/vier-schulen-ziehen-in-ein-karstadt-kaufhaus/?utm_source=+CleverReach+GmbH+%26+Co.+KG&utm_medium=email&utm_campaign=Newsletter+KW+16%2F2024&utm_content=Mailing_15255171.

2024-10: OEP (Open Educational Practices); mein Beitrag zu einer “Blogparade”

Vorneweg: Dieser Beitrag ist sicher nicht mein Highlight und er gerät auch eher kurz, dennoch möchte ich einen Gedanken einbringen.


Nils Winkelmann hat zur Blogparade zum Thema “Wie öffnest Du Deinen Unterricht?” aufgerufen, an der ich mich gerne beteilige. Er hat in seinem Beitrag einen Schwerpunkt auf Partizipation und Teilen im Sinne von Co-Planning und Co-Agency in einer Kultur der Digitalität gelegt. Tom Mittelbach geht es um Digitalität und Demokratielernen.
Meine einfache Antwort auf die Ausgangsfrage wäre: Gar nicht, weil ich aktuell nicht unterrichte. Das soll aber nicht so bleiben und natürlich habe ich auch eine Unterrichtsvergangenheit und eine Position, ja sogar eine Vision, zum Thema Open Educational Ressources (OER) und Open Educational Practice (OEP).
OER, verstanden als geteiltes oder gemeinsam erstelltes Material, zählen für mich zu den größeren Mysterien des Schulsystems. Fast alle Lehrkräfte wünschen sich das oder fordern es sogar, aber die wenigsten Kollegien bekommen das, außer in mehr oder weniger großen Teilbereichen, hin, obwohl die Vorteile (Arbeitserleichterung/-teilung, Vergleichbarkeit, Schwarmintelligenz zur Qualitätssicherung usw.) ja eigentlich auf der Hand liegen. Noch deutlicher tritt dieses Mysterium bei den OEP auf. Gegenseitige Hospitationen, Team-Teaching usw. werden gerne gefordert, aber selten umgesetzt und wenn, dann ist es schwierig eine wertschätzende Feedbackkultur zu entwickeln, die dann wirklich zu Verbesserungen für Lehrende und Lernende führen.
Das soll jetzt keinesfalls wie billiges Lehrkräfte-Bashing klingen. Die Gründe dafür sind wohl eher systemischer Natur, also muss die wünschenswerte Umsetzung von OER und OEP auch durch eine Systemänderung erfolgen. Wenn lernen in einer Kultur der Digitalität individualisiert und mit einem gescheiten Lernmanagement-System (LMS) in einer offenen Lernkultur stattfindet, dann ergeben sich OER und OEP von selbst. Das gemeinsam erstellte oder ausgesuchte Material ist im LMS hinterlegt und kann bei Bedarf angepasst werden und Lernen findet in offenen Räumen und Prozessen an den Bedarfen der Lernenden orientiert statt.


Sehen kann man das in vielen preisgekrönten Schulen und wer es auf die Spitze getrieben sehen will, der sollte sich mit den Agora-Schulen in den Niederlanden auseinandersetzen (einfach mal googeln).
Spannend wäre es jetzt noch die Rolle der Schulträger, der Bundesländer und der KMK zu betrachten. Auch spannend wäre es jetzt noch weiter zu denken und zu überlegen, was das für die verschiedenen Schulstufen bedeutet, Schulformen sollten durch die Individualisierung ja obsolet sein.
Am Ende sind OER und OEP auch wieder eine Frage der Haltung, die eng mit den systemischen Rahmenbedingungen verknüpft ist. Wenn wir OER und OEP wollen müssen wir an diesen beiden Punkten ansetzen und geschicktes Changemanagment betreiben. Auf geht´s!

Andere Beiträge zur Blogparade:

Jan-Martin Klinge auf Halbtagsblog: https://halbtagsblog.de/2024/03/16/teilst-du-noch-oder-oeffnest-du-schon-2/.

Nils Winkelmanns Digilog-Blog: https://digilog.blog/2024/03/14/aufruf-zur-blogparade-wie-oeffnest-du-deinen-unterricht/.

Tom Mittelbach: https://www.tommittelbach.org/2024/03/16/4909/.

Gratian Ritter, der SEAgent: https://seagent.de/soziale-einbindung-vernetzung-offenheit/.

2024-11: #KIBedenken – als Teil einer “Blogparade”

Nele Hirsch hat mit Joscha Falck zu einer Blogparade zum Thema #KIBedenken aufgerufen; diesem Aufruf möchte ich gerne folgen, weil ich ein großer Fan des Diskurses bin. Ich hatte hier am 20. Februar schon, bewusst etwas apologetisch, in eine ähnliche Richtung gebloggt. In der Vorbemerkung hatte ich zum Diskurs aufgerufen, der sich in dieser Blogparade gerade wunderbar entfaltet. Ich werde hier bewusst weiterhin eine im Zweifel zu apologetische Position einnehmen, um den Diskurs zu forcieren und zu provozieren.

Ad (1) In der KI-Debatte geht es zu viel um digitale Tools und um das Zeigen von Anwendungen, die an sich nicht besonders schwer zu bedienen sind. Dazu werden oft ganze Fortbildungstage veranschlagt. Es fehlt damit an Fortbildungszeit für Themen, die pädagogisch und gesamtgesellschaftlich angesichts der Krise unseres Bildungssystems und unserer Gesellschaft deutlich wichtiger wären. (die hier kursiv wiedergegebenen Abschnitte sind die Thesen mit denen Nele und Joscha hadern):
Ich nehme zwar auch einen Fokus auf Tools wahr, die jeden Tag zahlreich auf uns einprasseln, auch wenn dabei die Geschwindigkeit gefühlt in der letzten Zeit etwas nachgelassen hat. Ich sehe aber auch, nicht zuletzt in dieser Blogparade und bei den daran Beteiligten, dass der Fokus auf weitere pädagogische Entwicklungen gerade nicht verloren geht. Ich würde sogar so weit gehen, zu behaupten, dass KI gerade dazu zwingt, pädagogische und didaktische Konzepte zu überdenken, weil sich alles verändert (vgl. meinen oben verlinkten Blogbeitrag).
Deswegen versuche ich in meiner Schule einen holistischen Ansatz zu implementieren. Wir haben gerade einen Schulentwicklungsprozess auf mehreren Ebenen gestartet. Wir lassen uns extern begleiten, um Strukturen für Schulentwicklung zu schaffen, wir haben weiter eine Schulentwicklungsgruppe und wir arbeiten an einem Präventionskonzept, in dem alle Präventionsbereiche (Medien, Gewalt, sexualisierte Gewalt, Drogen usw.) zusammen gedacht werden, dabei beziehen wir die gesamte Schulgemeinschaft ein und lassen uns von externen Expertinnen und Experten beraten. Eine der einigenden Klammern, die bei allen Entwicklungsprozessen mitgedacht werden müssen, ist die Etablierung einer Kultur der Digitalität. Damit verbunden ist ein alle Lernbereiche umfassendes Verständnis einer Digital Literacy. Und das Lernen mit, über, trotz, durch und ohne KI (Joscha Falck) ist ein Aspekt davon.
Am Ende besteht bei Fortbildungen im Bereich KI aktuell etwas Nachholbedarf in vielen Kollegien, was es rechtfertigt dazu Zeit aufzuwenden, mittelfristig sehe ich aber keine Gefahr einer zu starken Fokussierung auf Tools.

Ad (2): Der Fokus auf KI als Werkzeug steht dem Fokus auf Lernen im Weg. Aspekte der Kompetenzorientierung werden ebenso (zu) wenig in den Blick genommen wie fachdidaktische Fragen.:
Diese Gefahr sehe ich durchaus und schlimmstenfalls begeben wir uns in einen Zyklus aus KI-generierten Aufgaben, die mit KI gelöst und dann mit KI korrigiert und bewertet werden. Da dies aber sicher niemand will, sind wir eigentlich und endlich gezwungen, die Kompetenzorientierung deutlicher in den Blick zu nehmen und so Bildungsprozesse zu modernisieren. Nehmen wir als Beispiel Fiete. Durch das individuelle Feedback durch KI erhält jeder einzelne Lernprozess mehr Bedeutung und kann analysiert werden, was ohne KI zeitlich kaum leistbar wäre. So werden Kompetenzen und Lernprozesse gefördert. Dabei ändert sich aber auch die Rolle der Lehrkraft, sie wird zum Lernbegleiter und fokussiert stärker auf den Lernprozess als auf das Lernergebnis und das ist wünschenswert.

Ad (3): Aufgrund der Omnipräsenz von KI und der erwünschten raschen Anwendung/Implementierung gerät die dringend nötige Veränderung der Lernkultur und Lehr-/Lernkonzepte wie beispielsweise das selbstgesteuerte Lernen oder Individualisierung in den Hintergrund. Die Verknüpfung mit KI scheint oft mehr „pädagogisches Feigenblatt“ als tatsächlicher Veränderungswille zu sein.
Dazu habe ich im Grunde unter (2) schon Stellung genommen. Wir haben es in der Hand, ob KI ein “pädagogisches Feigenblatt” oder ein Schritt zur Veränderung wird. Vielleicht dieses Mal wirklich. Ich erinnere mich, wie ich mit einer speziellen Fortbildung zur Kompetenzorientierung im Geschichtsunterricht in meiner Zeit als Ausbilder vor Kollegien stand, deren einziges Ziel es war, Kompetenzorientierung zu diskreditieren und zu verhindern, um nichts an der “klassischen” Vorstellung von frontalem gymnasialen Instruktionsunterricht zu ändern. Das Feigenblatt-Phänomen ist also nicht neu, nur ist der Impact von KI meiner Meinung nach stärker zu gewichten. Der Kompetenzorientierung konnte man sich verweigern, ohne, dass das Konsequenzen gehabt hätte, mit KI verändern sich aber Hausaufgaben- und Prüfungskultur zwangsläufig, alles andere wäre eine Bankrotterklärung des Bildungssystems.

Ad (4): Der empirische Beleg der Wirksamkeit von KI-Tools im Unterricht steht noch aus, weshalb didaktische Empfehlungen und angepriesene Tools aus unserer Sicht mehr Skepsis vertragen könnten.
An diesem Punkt ist naturgemäß etwas dran, schließlich haben wir es mit relativ neuen Entwicklungen zu tun. Es gibt zwar schon erste zusammengetragene Erkenntnisse von Hattie (u.a.), aber auch diese sind nicht unumstritten. Vielleicht ist aber auch hier wieder eine Chance verborgen. An verschiedenen Stellen wurde bereits festgestellt, dass Evaluation und Empirie im Unterricht in Deutschland eine zu geringe Rolle spielen. Vielleicht kann KI ja auch hier ein Gamechanger sein? Lasst uns KI in die Klassenzimmer bringen und quantitativ und qualitativ evaluieren, ob und wie das den Lernprozess verändert, idealerweise natürlich verbessert. Wenn ich Hatties Ergebnisse richtig erinnere, war eine Erkenntnis, dass es auf eine gute didaktische und methodische Begleitung durch Lehrkräfte ankommt, wenn KI gewinnbringend eingesetzt werden soll; einfach nur reingeben und machen lassen bringt nichts: Lernen mit, durch und über KI.

Ad (5): Die mit KI einhergehende (zurückgekehrte?) Toolifizierung in der Bildung versperrt den Blick auf die viel wichtigere Frage, wie wir gutes Lernen in einer zunehmend von KI-geprägten Welt gestalten können.
Dieser Punkt hängt eng mit den Punkten (1) bis (3) zusammen und lässt sich meines Erachtens nach gut mit dem bewährten Dagstuhl-Dreieck in Verbindung bringen. Aufgabe guter Bildung und guten Lernens muss es sein, die zunehmend von KI durchdrungene Welt technisch so weit zu verstehen, dass man zur sicheren Anwendung kommt und die ethisch-politische Dimension versteht. Es bedarf eines kritischen Umgangs mit KI, bei dem auch die ökologische Dimension nicht zu kurz kommt, der bewusst macht für den Bias und die ökonomischen Implikationen.

Ad (6): Im Fokus stehen sehr oft Tools profitorientierter internationaler Konzerne, deren Geschäftsmodelle von Intransparenz geprägt sind. Auch mangels Alternativen fließt derzeit viel öffentliches Geld in privatwirtschaftliche Firmen anstelle Investitionen in eine demokratisch kontrollierte, öffentliche KI-Infrastruktur zu tätigen.
Hier liegt ein echtes Problem, welches im Bereich der IT und Software aber ja nicht ganz neu ist. Ich habe schon gelegentlich für Alphabet, Meta oder MS/Open-AI einen “Rockefeller-Moment” gewünscht. Vielleicht kommt irgendwann der Moment, an dem diese Konzerne zerschlagen werden (müssen) wie einst Rockefellers Standard-Oil, weil ihre Marktmacht nicht mehr vermittelbar ist. Vielleicht kommt mit KI, aber auch der von Frederic Laloux beschriebene Evolutionssprung, der uns in eine postkapitalistische Epoche der Menschheit befördert, in der nicht mehr Besitz und Konsum die zentralen Aspekte für den “Wert” eines Menschen sind.

Ich habe mich mit meinem Blogbeitrag bewusst im utopischen Bereich bewegt, natürlich ist auch eine dystopische Variante denkbar. In unserer VUCA- oder BANI-Welt sind Prognosen ja kaum möglich, das hat ja nicht zuletzt eben auch die rasant schnell wachsende Bedeutung von KI im öffentlichen (Bildungs-) Diskurs gezeigt.

Zusammengefasst und optimistisch gedacht, kann KI der Gamechanger sein. Als unser neuer “Sparringspartner” wird sie auf verschiedenen Ebenen im Bildungssystem zu einem Reformbeschleuniger, weil KI das System zum (Um-)Denken zwingt. Noch ist der Prozess “Work in Progress”, es wäre ein Fehler KI im Unterricht nicht auszuprobieren, zu implementieren und kritisch zu hinterfragen. KI ist aufgrund ihrer aktuell so wahnsinnig dynamischen Entwicklung mehr als nur eine neue Technologie oder ein Werkzeug, sie zwingt uns, und damit meine ich nicht nur aber besonders das träge Bildungssystem, schleunigst agiler zu werden, Lernprozesse verstärkt auf der Kompetenzebene zu begleiten und offener für Neues zu werden. Und das wäre nicht weniger als eine Revolution des Bildungssystems. Zumindest führt KI dazu, dass wir hier in einen konstruktiven Diskurs geraten und das ist heutzutage ja auch nicht mehr selbstverständlich.
Packen wir es an, machen ist wie wollen, nur krasser!

*Die oben gezeigten Bilder kommen übrigens dabei raus, wenn man diesen Blogbeitrag in DALL-E eingibt und das Tool auffordert den Text zu visualisieren. Alleine in diesen Bildern stecken schon so viele Gesprächs- und Lerngelegenheiten, dass es sich lohnt den Unterricht mit, durch, über und trotz KI zu gestalten: Was macht die US-Flagge in dem einen Bild, warum sitzen die Schülerinnen und Schüler alle so formiert im Klassenraum, was soll das Gehirn symbolisieren uvm.?

Weitere Beiträge zur Blogparade und Nachträge:

Aufruf und Statement von Nele Hirsch: https://ebildungslabor.de/blog/aufruf-zur-blogparade-kibedenken/.

Und von Joscha Falck: https://joschafalck.de/blogparade-kibedenken/.

Es gibt mittlerweile eine wirklich beachtliche Anzahl an Beiträgen, die über den Link zu Joscha Falcks Beitrag zugänglich sind (Danke fürs Sammeln!).

Lesenswert in dem Zusammenhang ist auch die Pädagogik 3/24 zum Thema “KI in der Schule”.

Guter Ansatz! Die 4A von Doris Weßels und Hendrik Haverkamp in einem Gastbeitrag für die FAZ. Schlusssatz: “Wir dürfen bei der Digitalisierung im Bildungsbereich im internationalen Vergleich nicht noch weiter zurückfallen.”
https://www.faz.net/pro/d-economy/kuenstliche-intelligenz/digitale-bildung-pioniere-des-wandels-stehen-im-regen-19612630.html.

2024-09: Lehrkräfte, die mir besonders im Gedächtnis geblieben sind – als Teil einer “Blogparade”

Vorbemerkung: Eine Reihe von bildungsaffinen Bloggern hat sich zum Ziel gesetzt, 2024 häufiger thematisch gemeinsam zu bloggen. Die Themenvorschläge werden an dieser Stelle gesammelt, alle Beiträge zum aktuellen Thema werden unter dem Beitrag gesammelt. Dies ist der vierte Teil der Blogparade.

Jeder Mensch, der in der Schule war, also fast jede und jeder, hat Erinnerungen an Lehrkräfte; gute und schlechte.


Das liegt natürlich zum einen in der Natur der Dinge. Nicht alle Menschen können gleich gut miteinander und das ist auch gut so, spiegelt das doch die Diversität, die das Menschsein ausmacht und das Leben so attraktiv macht.
Zum anderen, das betone ich immer wieder, ist Schule ein zentraler Ort der Sozialisation und daher ist es von größter Bedeutung, wie das Verhältnis von Schülerinnen und Schülern zu Lehrkräften ist, weil es besonders zukunftswirksam sein kann.
Meine persönliche Schullaufbahn fand in den 1980er und am Anfang der 1990er Jahre statt, ich habe 1993 Abitur gemacht. Diese Schullaufbahn war von Beginn an von ambivalenten Erfahrungen mit Lehrkräften geprägt. Bereits in der Grundschule habe ich erlebt, was für einen Unterschied eine Lehrperson machen kann. Meine Klassenlehrerin in den ersten beiden Jahren war autoritär und hatte keine gute Beziehungsebene zu vielen Schülerinnen und Schülern aufgebaut und ich war einer von diesen. Die Folge waren einige Elterngespräche, aufmüpfiges Verhalten und eher durchwachsene Leistungen. Ich erinnere eine Situation, in der ein Klassenkamerad wegen störendem Verhalten hinter die Tafel musste und dort offensichtlich vergessen wurde. Erst als ein leises Schluchzen zu hören war, durfte er wieder an seinen Platz. Solche Demütigungen können tief sitzen und das Verhältnis zur Schule und zum Leben nachhaltig beeinflussen.
Besagte Lehrerin hat dann nach meiner 2. Klasse die Schule gewechselt und wir bekamen Frau Schinzel. Frau Schinzel war eine etwas ältere Quereinsteigerin und mochte Kinder. Sie ist uns offen und wertschätzend begegnet und auf einmal machte Schule Spaß, meine Leistungen verbesserten sich und niemand wurde mehr im Unterricht gedemütigt. Meine Grundschulklasse und ich haben bis heute Kontakt zu Frau Schinzel und wir haben uns bereits mehrfach mit ihr getroffen, eigentlich wäre es mal wieder Zeit für ein solches Treffen, sie müsste wohl schon um die 90 Jahre alt sein.


Eigentlich müsste mir also schon nach der Grundschule klar gewesen sein, was dann in den 2000er Jahren die zentrale Erkenntnis der Metastudie von John Hattie wurde: “The Teacher matters!”.
Die beiden folgenden Jahre verbrachte ich dann an der damals in Hessen obligatorischen Förderstufe (Funfact: Das war die Schule, an der ich jetzt Schulleiter bin). Das war eine Gesamtschule, die den Gesamtschulgedanken lebte und ich habe eigentlich durchweg positive Erinnerungen an diese Zeit. Einzig getrübt vielleicht durch den Musiklehrer, der mich immer wieder bloß stellte, indem er mich Takte vor der Klasse klatschen ließ, was ich bis heute nicht wirklich kann. Aber das fällt wohl eher in die Kategorie unterschiedliche Persönlichkeiten und Talente. Mit der Schulmusik stand ich bereits in der Grundschule auf Kriegsfuß, wo ich am Ende gar nicht mehr vorsingen musste und gleich eine vier dafür bekam.
Nachhaltiger wirkte dann die Zeit am Gymnasium von der 7. Klasse bis zum Abitur. Dort hätten mich als Nichtakademikerkind die herrschenden Selektionsmechanismen fast mit Latein und Mathe bezwungen. Am Ende hat mich das vermutlich resilienter gemacht, aber vor allem den damaligen Mathematikunterricht möchte ich nicht mehr erleben müssen und den wünsche ich auch niemandem. Ich kam eigentlich mit ganz guten Voraussetzungen und mit Interesse an Mathematik ans Gymnasium, aber die dortige “friss oder stirb”-Mentalität, die Bloßstellungen und Demütigungen, haben mir nachhaltig den Spaß an Mathematik vergällt und mir bis heute das Gefühl gegeben, in diesem Fach nicht gut genug zu sein. Ich erinnere mich noch heute daran, wie mir ein Mathematiklehrer immer genüsslich meine Klausuren hinwarf mit den Worten: “Na. Herr Grundmann, das war wohl nix”. Das hat sich bis in mein Chemiestudium gehalten, dass ich mangels mathematischer Fähigkeiten abgebrochen habe. Ich erinnere in diesem Zusammenhang eine Situation, in der sich ein Klassenkamerad an der Tafel eingenässt hat.


Es ist schade, wenn solche Erinnerungen mit Schule verbunden bleiben.
Wir Lehrkräfte dürfen nie vergessen, dass die Schülerinnen und Schüler, die wir unterrichten, nicht freiwillig zu uns kommen, sie können sich nicht aussuchen, ob sie in die Schule gehen und nur in wenigen Fällen, in welche Schule sie gehen. Es handelt sich bei unseren Schülerinnen und Schülern außerdem um Kinder, die in ihrer Persönlichkeit noch nicht gefestigt sind, die unterschiedliche Hintergründe und Erlebnisse mitbringen. Wir sind die Pädagoginnen und Pädagogen, es ist zuallererst unsere Aufgabe dafür zu sorgen, dass alle Kinder ernst genommen werden und sie auf ein Lernumfeld treffen, in dem sie sich wohlfühlen. Übertriebene Autorität, eine mangelhafte pädagogische Haltung und Adultismus oder sonstige Formen von Diskriminierung sind da fehl am Platz. Ein wenig bin ich auch deswegen Lehrer geworden, weil ich das besser machen wollte. Ich hoffe, das ist mir bisher weitestgehend gelungen.
Hauptsächlich bin ich aber Lehrer geworden, weil ich auch all die guten Vorbilder erinnere. Da waren unglaublich inspirierende Lehrkräfte in Geschichte, Politik, Deutsch, Religion, Biologie oder Chemie, bei denen Lernen in der Regel Spaß gemacht hat, weil es mit Erkenntnissen verbunden war, die mich stolz machten. Das waren Lehrkräfte, die mir das Gefühl gegeben haben jemand zu sein, die mich und meine Anliegen ernst genommen haben und die mich abgeholt haben, die meine Stärken gestärkt haben und konstruktiv mit meinen Schwächen umgegangen sind.
Da war ein Herr Scheitza, der sich meine elaborierten Geschichtsausführungen in Klausuren angetan hat und diese auch noch gut fand. Die 13 Punkte, die ich mal bei ihm geschrieben habe ehren mich noch heute, denn 14 oder gar 15 Punkte gab es bei ihm nur, wenn man besser war als er selbst. Da war ein Herr Neubauer, der uns immer mit kleinkopierten ganzen Seiten aus der Zeit traktiert hat, dem ich aber mein Interesse an Politik verdanke, da waren zwei Herren Müller, der eine hat mir doch noch zum Latinum verholfen und der andere hat an meine chemischen Fähigkeiten im Leistungskurs geglaubt, da war eine Frau Schüller, die mir den Faust und Brecht näher brachte und viele andere, an die ich gerne zurück denke.
Solche Lehrkräfte brauchen wir und haben wir heute auch mehr als früher. In der Summe ist bei mir ein gutes Gefühl beim Rückblick auf meine Lehrerinnen und Lehrer geblieben. Ich weiß aber, dass das nicht für alle meine Mitschülerinnen und Mitschüler gilt und ich kenne einige, die bis heute bei ihren Kindern ein Misstrauen gegenüber der Institution Schule und den Lehrkräften hegen. Das ist schade, weil in der Schule so viele wichtige Grundlagen für das spätere Leben angebahnt werden, die wir positiv besetzen müssen. Lebenslanges Lernen, Neugierde und Interesse sind Zukunftsfähigkeiten, die wir dringender brauchen denn je und da machen wir Lehrkräfte für unsere Schülerinnen und Schüler einen Unterschied, genauso, wie es unsere Lehrerinnen und Lehrer für uns gemacht haben. Schule hat mir dann Spaß gemacht, wenn ich mich ausprobieren durfte, wenn ich Freiräume hatte, zum Beispiel bei einem Referat über die Rote Armee Fraktion, für das ich sogar in die Unibibliothek gefahren bin. Schule hat mir Spaß gemacht, wenn sie für gemeinsame Erlebnisse gesorgt hat, wie auf der Wintersportwoche oder im Theater und natürlich hat Schule Spaß gemacht, wenn es kleine oder große Erfolge gab.
Natürlich ist Schule kein Ponyhof und natürlich kommt es dort zu Konflikten, natürlich können nicht alle Schülerinnen und Schüler alle Fächer gleich gut, es wäre aber wichtig, dass alle Schülerinnen und Schüler die Schule am Ende mit einer in der Summe positiv besetzten Erinnerung verlassen.

Maria Kruse auf K(n)öpfchenkunde: https://xn--kpfchenkunde-4ib.de/2024/03/28/blogparade/.

Christiane Schicke auf “Neues aus dem Baumhaus”: https://moewenleak.wordpress.com/2024/03/26/blogparade-4-ein-pauker-schlag-oder-auch-welche-lehrer-haben-mich-beeindruckt/.

Herr Mess mit einer traurigen Geschichte: https://herrmess.de/2024/03/30/blogparade-2024-runde-4/.

2024-08: Die Attraktivität des Lehrberufes – als Teil einer “Blogparade”

Vorbemerkung: Eine Reihe von bildungsaffinen Bloggern hat sich zum Ziel gesetzt, 2024 häufiger thematisch gemeinsam zu bloggen. Die Themenvorschläge werden an dieser Stelle gesammelt, alle Beiträge zum aktuellen Thema werden unter dem Beitrag gesammelt.

Das Thema der dritten diesjährigen Bildungs-Blogparade lautet:
Morgens nicht Recht, mittags nicht frei haben – trotzdem zufrieden. was macht den Beruf der Lehrer:in so attraktiv?

Zunächst muss ich festhalten, dass ich mittlerweile ja Schulleiter bin. Das ist deswegen bedeutend, weil meine Arbeit nur noch sehr wenig mit der Vorstellung von dem zu tun hat, was eine Lehrkraft tut. Ich habe, zumindest aktuell, keinen Unterricht. Ich tue also nicht, was ich eigentlich gelernt habe und was ich sehr gern gemacht habe, jungen Menschen Wissen und Zusammenhänge vermitteln und sie bei ihrem Prozess der Mündigwerdung zu begleiten. Das bedaure ich sehr. Was den Beruf so attraktiv macht, ist nämlich die Arbeit mit Kindern, mit Menschen und das damit verbundene Gefühl der Selbstwirksamkeit. Der Job der Lehrkraft ist hochbedeutsam, Lehrkräfte können den Unterschied machen, ob ein Kind Resilienz entwickelt und selbst Wirksamkeit erfährt oder nicht. Lehrkräfte stabilisieren die Gesellschaft, indem sie Kindern (demokratische) Werte vermitteln, indem sie ihnen einen geschützten Raum bieten, um sich auszuprobieren und zu reifen. Natürlich ist der Job auch mit Herausforderungen verbunden, zunehmende Heterogenität, soziale Medien, Bürokratisierung, entgrenzte Arbeitszeiten und vieles mehr. Aber der Kern bleibt. Mit der richtigen Haltung und einem pädagogischen Ethos ist der Lehrberuf einer der schönsten der Welt, mehr als ein Beruf, eine Berufung.
Jetzt stellt sich natürlich die Frage, warum ich das aufgegeben habe, um Schulleiter zu werden. Dominik Schöneberg beschreibt in seinem Blog “Bildungslücken” ausführlich warum er nicht Schulleiter werden will. Er nennt zum Beispiel die zu bewältigende Aufgabenflut, permanenten Zeitmangel, fehlende Unterstützung, Mangelverwaltung, ein enges Korsett und noch ein paar Punkte mehr. Da ist sicher etwas dran. Schulleiter müssen vieles gleichzeitig tun, für das sie nicht einmal ausgebildet wurden.


Ich bin Schulleiter geworden, weil ich etwas verändern will, weil ich eine Vision habe, wie Bildung im 21. Jahrhundert aussehen soll, wie sich Schule verändern muss, um den veränderten Anforderungen gerecht zu werden, um zu einem Ort des Lebens und Lernens zu werden, der Freude macht. Um das erreichen zu können, muss ich Schulleiter werden.
Was den Beruf als Schulleiter so attraktiv macht, ist nämlich die Arbeit mit Lehrkräften und mit Kindern, denn damit ist das Gefühl der Selbstwirksamkeit verbunden. Der Job des Schulleiters ist hochbedeutsam, Schulleiter können den Unterschied machen, ob eine Lehrkraft Resilienz entwickelt und selbst Wirksamkeit erfährt oder nicht. Schulleiter stabilisieren die Gesellschaft, indem sie Lehrkräften den Rücken stärken, indem sie ihnen einen geschützten Raum bieten, um sich auszuprobieren und Schule zu einem besseren Ort zu machen.
In meinem Selbstbild als Schulleiter ist es meine zentrale Aufgabe Schulentwicklung zu betreiben. Aber nicht, indem ich meine Ideen zu Vorgaben mache und deren Umsetzung erzwinge, das kann nicht funktionieren. Meine Aufgabe ist es einen Resonanzraum zu schaffen, in dem Schulentwicklung passieren kann, in dem ein Mindset des Ausprobierens in einer positiven Fehlerkultur entsteht, in dem Lehrkräfte, Schülerinnen und Schüler und auch die Eltern gemeinsam ihre Schule erschaffen. Wenn mir das gelingt, bin ich (selbst-)wirksam, dann bin ich zufrieden, dann kann ich auch Rückschläge und Enttäuschungen verkraften.


Und ja, ich würde es immer und immer wieder machen. Die Arbeit in der Schule, ist mit kaum einem anderen Beruf zu vergleichen, kaum eine andere Institution hat eine solche Wirkung auf unsere Gegenwart und unsere Zukunft wie die Schule. Das müsste uns allen eigentlich noch viel deutlicher bewusst sein.

Weitere Beiträge zur Blogparade:

Jan Martin Klinge auf Halbtagsblog:
https://halbtagsblog.de/2024/03/04/blogparade-3-morgens-nicht-recht-nachmittags-nicht-frei-vom-lehrberuf/.

Matthias Lausmann als Herr Mess:
https://herrmess.de/2024/03/14/edublogparade-folge-3/.

Tobias Schreiner “Gedanken aus der Schule”: https://tobias-schreiner.net/2024/03/25/was-macht-den-lehrberuf-so-attraktiv/.

Gastbeitrag von “Lehrer mit Bart” auf Halbtagsblog: https://halbtagsblog.de/2024/03/25/gastbeitrag-zur-blogparade-3/.

Susanne Posselt: https://susanneposselt.de/mit-begeisterung/.

Arne Paulsen, “Die reine Leere”: https://reine-leere.de/edublogparade-2024-3/.

Christiane Schicke in: Neues aus dem Baumhaus – https://moewenleak.wordpress.com/2024/03/16/blogparade-3-morgens-nicht-recht-mittags-nicht-frei-haben-was-macht-den-beruf-der-lehrerin-noch-attraktiv/.

2024-07: Meine persönliche Bilanz der Didacta

KI, überall KI. Egal ob Startup oder Schulbuch-Dino, ohne KI geht (fast) nichts mehr. Das ist allerdings wenig überraschend, wie ich schon im Blog 2024-06 beschrieben habe. Auffällig war noch, dass es einige Stände mit VR-Brillen gab, es laufen ja schon Wetten, ob das Metaverse nächstes Jahr schon der neue “heiße Scheiß” ist:


Wir werden sehen. Zu KI möchte ich Christian Vanell, zitieren, der messerscharf, differenziert und meiner Meinung nach korrekt folgendes beobachtet hat:


Unter dem Thread hat sich übrigens eine sehr spannende Diskussion entwickelt. Ich finde, dass “Quizzifizierung” natürlich keine Lösung sein kann. Guter Unterricht in einer Kultur der Digitalität nutzt KI als Sparringspartner und Copilot für Lehrende und Lernende. Außerdem muss KI im Sinne des Dagstuhl-Dreiecks von der technischen Seite, der Anwenderseite und den gesellschaftlichen Implikationen her untersucht und bearbeitet werden. Nur so entstehen die nötigen Zukunftskompetenzen.
Die Didacta war ja schon in den letzten Jahren ein guter Spiegel des immer schnelllebigeren Edu-Marktes und wie bei den digitalen Displays und den damit verbundenen Anwendungen, bei Schulmessengern oder anderen digitalen Werkzeugen, wird auch bei den schulischen KI-Anwendungen bald ein Konsolidierungsprozess einsetzen. Ich wage mal zu behaupten, dass am Ende die Schulbuchverlage aufgrund ihrer Marktmacht und ihrer finanziellen Möglichkeiten als Sieger hervorgehen werden. Spannend bleibt, ob die “KI-Platzhirsche” der “ersten Stunde”, wie Fobizz, Schul-KI oder der frisch prämierte Fiete ihre Eigenständigkeit bewahren können (und wollen). Die großen Verlage sind in jedem Fall gut beraten, neben digitalen Schulbüchern und den damit verbundenen Anwendungen, auch auf KI zu setzen.
Spannend ist auch die Inkorporation der Mobilen Schule in den Westermann-Verlag, der so sein Portfolio diversifiziert und damit Resilienz für die Zukunft aufbaut. Wie der aufgrund qualitativ hochwertiger Vorträge gut besuchte riesige Messestand der Mobilen Schule und natürlich auch die dortige Party am Freitag gezeigt haben, scheinen sowohl die Mobile Schule als auch der Verlag von dem Zusammenwachsen zu profitieren.
Eine hoffentlich nicht nur subjektive Beobachtung und ein außerdem hoffentlich positiver Trend war, dass mehr Schülerinnen und Schüler auf der Messe präsent waren, jedenfalls haben die Schülerinnen und Schüler meiner Schule eine großartige Präsentation gehalten und die Podiumsdiskussion mit dem Schüler Jonathan Bork, Michael Drabe und mir wurde durch Jonathans Konzept der hybriden Bildung bereichert.
Neben diesen eher progressiven Aspekten, zu denen auch Stände mit BNE-, SDG oder anderen Zukunftsthemen zählten, war auch immer noch eine deutliche Präsenz des letzten Jahrhunderts zu spüren: Bücher, Berge von Arbeitsblättern und natürlich die riesige Betzold-Tasche für Jäger und Sammler.
Am Ende ist die Didacta natürlich in erster Linie eine Messe, das heißt, es geht ums Verkaufen; schön ist aber dennoch, dass sich auch nicht kommerzielle Verbände und Institutionen, wie Ministerien und Datenschutz, präsentieren und es spannende Vorträge und Diskussionen gibt.
Für mich persönlich das Wichtigste ist jedoch das Netzwerken und das hat auch dieses Jahr wieder hervorragend funktioniert und ich freue mich, dass ich einige Menschen aus den sozialen Edu-Netzwerken endlich mal wieder oder auch zum ersten Mal “in echt” treffen konnte.
Deshalb gilt mein besonderer Dank dem Didacta-Verband für die Einladung zu gleich zwei Podiumsdiskussionen mit tollen Gästen, der Mobilen Schule für die Party und all den Menschen, mit denen ich inspirierende Gespräche führen konnte, ich hoffe wir sehen uns nächsten Februar in Stuttgart!

Nachtrag nach Erscheinungsdatum:
Zur Ehrenrettung der Quizzification sei dieser Beitrag von Michale Drabe angeführt (Danke dafür!): https://schule-in-der-digitalen-welt.de/quiz/. Und die Forderung nach Evidenzbasierung ist angenommen!

Auch Christian Füller hat sich lesenswerte Gedanken zu KI, Schulbüchern und Elefanten gemacht: https://pisaversteher.com/2024/02/22/chatgptco-der-elefant-der-contentproduktion/.

2024-06: KI ist der Gamechanger in der Bildung


Vorbemerkung
Dieser Blogbeitrag betrachtet ein mögliches Zukunftsszenario. Wie das bei Projektionen in die Zukunft ist, kann man dabei furchtbar daneben liegen. Dennoch halte ich diesen Debattenbeitrag für wichtig. Ich bin der festen Überzeugung, dass wir wieder mehr Diskurs, auch über Grundlagen, (nicht nur) im Bildungssystem brauchen und freue mich daher über Beiträge und Kommentare. Wir sehen doch, wie rasant sich die Welt verändert und erleben jeden Tag neue Dysfunktionalitäten im System, sodass es eigentlich geboten scheint, auch einmal die Systemfrage zu stellen und zu schauen, was wir anders und besser machen können. Es ist ja auch nicht so, dass es keine Beispiele gibt; es gibt Schulen, die anders, besser und erfolgreicher arbeiten. Warum nicht von diesen lernen?


Wer meine Beiträge in social media oder auf dieser Website verfolgt, weiß, dass ich seit Beginn des Hypes Ende 2022 ein Fan von Künstlicher Intelligenz (KI) bin. Ich habe zahlreiche Texte dazu gelesen, Videos gesehen und Podcasts gehört, ich habe mich vor allem mit KI in der Bildung auseinandergesetzt und selbst vorwiegend mit Sprach- und Bildmodellen experimentiert. Ich nutze ChatGPT+, die Fobizz-Tools, war Betatester von Fiete und nutze zahlreiche kostenlose Probetools.
Ich bin kein Informatiker und kein Mathematiker, kein KI-Evangelist und verdiene auch kein Geld damit.
Dennoch bin ich mittlerweile der festen Überzeugung, dass KI viele Bereiche unseres Lebens grundstürzend verändern wird. Der Bereich, von dem ich vermutlich am meisten verstehe, ist der der Bildung. Deshalb will ich mich in diesem Blogbeitrag mit dem Einfluss von KI auf den Bildungssektor auseinandersetzen.

Seit ich mich mit KI beschäftige habe ich das Bauchgefühl, eine Entwicklung mitzuerleben, die unsere Zukunft so stark verändert wie die industrielle Revolution oder eine der großen historischen Agrarrevolutionen. Verstärkt wurde ich in dieser Annahme zunächst, als Sal Khan in seinem TED-Talk am 1. Mai letzten Jahres “Khanmigo”, einen KI-Tutor, vorstellte. Letztlich überzeugt haben mich die Custom-GPTs von OpenAI, mit denen man mit wenigen Kenntnissen seine eigenen Chatbots prompten kann. Das habe ich erst kürzlich mit einem von mir geprompteten Geschichtstutor, der bei der Vorbereitung auf das hessische Geschichtsabitur unterstützt, wieder erfahren.


Diese KI-Tutoren können einen zentralen Teil der “klassischen” Lehrarbeit übernehmen, indem sie Stoff, also Inhalte, vermitteln, durch Üben festigen und sogar den Lernerfolg überprüfen. Das Ganze können sie sogar für jede Lernerin und jeden Lerner individualisiert und mit einer Geduld, die keine menschliche Lehrkraft aufbringen kann. Diese Tools können Feedback geben, Aufgaben differenzieren oder komplexe Sachverhalte didaktisch reduzieren und so auf unterschiedlichen Niveaus vermitteln und das mittlerweile in allen Fächern.
In Verbindung mit einem modernen Lernmanagementsystem (LMS) und darin hinterlegten curricularen Inhalten und Kompetenzrastern, können Lernende so hochgradig individuell und selbstbestimmt ihre Lernprozesse organisieren.
Natürlich müssen sie dazu auf der Kompetenzebene befähigt und im Prozess begleitet werden.
Und da kommen die Lehrkräfte ins Spiel, deren Rolle sich grundlegend verändern wird. Sie sind jetzt schon kaum noch und dann gar nicht mehr die Hüter arkanen Wissens, dass sie in leere Schülerinnen- und Schülerköpfe trichtern. Sie werden in Zukunft wohl zu Begleitern von Lernprozessen und Coaches der Persönlichkeitsentwicklung junger Menschen, also wieder mehr zu Pädagogen im eigentlichen Sinne. Auch auf der Seite der Lehrkräfte werden begleitende KI-Tutoren Einzug halten, sie werden helfen Lernbegleitung zu gestalten, zu strukturieren, zu kommunizieren und zu evaluieren.
Diese Veränderungen machen Lehrkräfte keinesfalls überflüssig, im Gegenteil, sie verändern zwar deren Rolle grundlegend, schaffen aber eben auch Ressourcen, die in der aktuellen Entwicklung des Lehrkräftemangels mehr denn je gebraucht werden. Es wird dann wieder leichter, die nötigen Ressourcen für die Schülerinnen und Schüler bereit zu stellen, die sie dringend benötigen und es wird der Raum geschaffen die nötigen “Futureskills” und eine Medienkompetenz für die Kultur der Digitalität zu entwickeln. Ergänzt durch AR- und VR-Anwendungen ergeben sich so völlig neue (teils hybride) Lernsettings, die ein neues Level von Bildung schaffen. Auch hier gilt, wie schon bei den vergangenen technologischen Modernisierungsprozessen in Schulen seit Beginn des Computerzeitalters, Lernprozesse werden anspruchsvoller und die Möglichkeiten vielfältiger.
Die “Klassischen” Strukturen der Schule in Jahrgängen, Zweigen, Klassen und Fächern lassen die durch KI möglichen Potenziale kaum zu und sind eher hinderlich. KI wird also dazu führen, dass Schule und Lernen neu gedacht werden müssen. Und eigentlich ist das auch gut so.

Weitere spannende Beiträge zum Thema:

Stephanie Wössner: “Zukunft des Lernens: Die KI-Chance” bei https://thefutureproject.de/content/zukunft-des-lernens-die-ki-chance/.

Yolanda Watson Spiva und Vistasp Karbhari: “OPINION: Why artificial intelligence holds great promise for improving student outcomes” bei https://hechingerreport.org/opinion-why-artificial-intelligence-holds-great-promise-for-improving-student-outcomes/.

Prof. Olaf Köller im MoMa: https://www.zdf.de/nachrichten/zdf-morgenmagazin/professor-koeller-zu-ki-in-schulen-100.html.

Ein wunderbarer Beitrag auf “Bildung Schweiz”: https://www.bildungschweiz.ch/detail/macht-kuenstliche-intelligenz-lehrpersonen-zu-lerncoaches.

Die Washington Post darüber, wie Sal Khans Khanmigo Schule und Lernen verändern wird “An ‘education legend’ has created an AI that will change your mind about AI”: https://www.washingtonpost.com/opinions/2024/02/22/artificial-intelligence-sal-khan/.

TeachingHero ist ein Startup zur KI-gestützten Generierung von Lernmaterial: https://www.lehrer-news.de/blog-posts/ki-im-klassenzimmer-teachinghero-die-zukunft-des-personalisierten-lernens.

Nele Hirsch und Joscha Falck haben eine Blogparade zu #KIBedenken gestartet, in der es viele interessante Impulse zu dem Thema gibt: https://joschafalck.de/blogparade-kibedenken/.

Der BR zeigt Vorteile der Nutzung von KI in der Schule: https://www.br.de/nachrichten/wissen/ki-an-der-schule-wie-laesst-sich-kuenstliche-intelligenz-sinnvoll-einsetzen,U9LDQ0l.

2024-05: Hybride Bildung

Hybrides Lernen ist mir spätestens seit dem phasenweisen Distanzunterricht während der Corona-Pandemie ein Begriff und ich habe mich damals intensiv damit auseinandergesetzt, habe digitale Fortbildungen besucht oder das Buch von Tim Kantereit gelesen. In dieser Phase ging es um ein vernünftiges Wechselspiel aus Präsenz- und Distanzunterricht.
Nach der Pandemie ist es dann für mich eher ruhig um das Thema geworden, bis ich Jonathan Bork kennengelernt habe (über Christian Füller, Twitter und auf dem PxP, andere Geschichte). Jonathan ist ein außergewöhnlicher Schüler, der ein eigenes Konzept für hybride Bildung entwickelt hat. Er hat mir klar gemacht, dass es bei hybrider Bildung um viel mehr als Unterricht in außergewöhnlichen Situationen gehen kann, nämlich um ein inklusives Modell für den Regelunterricht.


Zu Hybridunterricht in Zeiten der Pandemie wurde bereits viel geschrieben und geforscht. In der Summe hat sich dort gespiegelt, was wir über den Präsenzunterricht wissen, die Qualität hängt in erster Linie von der Lehrkraft ab, dann von den technischen Möglichkeiten und nicht zuletzt vom Unterrichtssetting und (virtuellem) classroom-Management.
Schauen wir uns zuerst die Ideen von Jonathan Bork an. Für Jonathan entscheiden Schule, Lernende und Eltern gemeinsam, ob eine hybride Beschulung von Schülerinnen oder Schülern an einer Regelschule in Betracht kommt. Ein gewisser Anteil der Schulzeit müsse weiter in Präsenz erfolgen. Profitieren könnten vor allem Kinder mit ADHS, Autismus etc., Mobbingopfer, hochbegabte oder kranke Kindern. Wichtig sei dafür vor allem eine digitale Lernplattform, die von den Lehrkräften mit Inhalten gefüllt werden müssten. Als Lösung für Schülerinnen und Schüler oder welche mit weiten Anreisen, schlägt Jonathan Studyhalls, also dezentrale Lernorte mit entsprechender technische Ausstattung, vor. In einer Stellungnahme für die Mitglieder des Ausschusses für Bildung im Landtag von NRW hat Jonathan die wichtigsten Aspekte noch einmal zusammengefasst und sich schon mit etlichen relevanten Akteuren der Bildungsszene ausgetauscht. In der Summe geht es ihm um gelingende Inklusion durch hybride Bildung.


Ausgehend von Jonathans Überlegungen beschäftigt sich auch der Schulberater Michael Drabe ausführlich mit hybriden Lernmodellen. Er geht dann weiter auf ein von einer Hochschulgruppe entwickeltes hybrides Prozessmodell ein, welches er grafisch so abbildet, Details dazu hier:


Sowohl das Modell von Jonathan Bork für die Schule, als auch die Ausführungen von Michael Drabe für Studenten, welches auch auf Schulen übertragen werden kann, verlangen von den Lernenden eine größere Autonomie und von den den Lernprozess Begleitenden einen stärkeren Fokus auf den Prozess, also die Kompetenzebene. Dabei ist zu beachten, dass der Prozess mit steigender Selbstlernkompetenz immer weniger Anleitung verlangt und immer mehr Autonomie ermöglicht, also genau das, was Lernprozesse im 21. Jahrhundert, die sich zum Beispiel an den “Futureskills” oder dem OECD-Lernkompass orientieren, ausmacht. Michael Drabe betont dann weiter die Bedeutung des dialogischen Prozesses zwischen Lernenden und Lehrenden und die Notwendigkeit der permanenten Evaluation des Prozesses, außerdem nennt er acht Vorteile des hybriden Lernens (Funfact: Die acht Vorteile sind im Dialog mit KI entstanden).


Ich würde gerne noch einen dritten Aspekt in den Diskurs einbringen. Mein Punkt zur hybriden Bildung aus Sicht eines Schulleiters ist nämlich abschließend ein ganz pragmatischer. Hybrides Lernen kann, neben dem vermehrten Einsatz von Quer- und Seiteneinsteigenden (mein Blogbeitrag dazu), ein Beitrag zur Abfederung des beginnenden Lehrkräftemangels sein. Wenn den Lernenden durch vermehrtes hybrides Lernen ein autonomerer Lernprozess gelingt, verlieren die enge Steuerung von Lernprozessen und die klassische Instruktion an Bedeutung und Lernbegleitung oder Lerncoaching gewinnen an Bedeutung. Das schafft Ressourcen bei den Lehrkräften, die diese dann dazu verwenden können Lernende, die einen erhöhten Begleitungsbedarf haben, intensiver zu begleiten und mehr auf pädagogische Aspekte und Lernprozesse zu fokussieren. In Verbindung mit vernünftigen digitalen Lernmanagementsystemen entstehen so neue Lernformen, die den individuellen Bedürfnissen in der zunehmend heterogenen Schülerinnen- und Schülerschaft deutlich besser gerecht werden können.
Die Alemannenschule in Wutöschingen hat diese “Benefits” zum Beispiel schon in Teilen umgesetzt. Lernende, die im dortigen Graduierungssystem die höchste Stufe erreicht haben, können Teile ihrer Lernprozesse zuhause gestalten, natürlich immer wieder angebunden an regelmäßige Gespräche mit ihren zuständigen Lerncoaches.
Denkbar sind dann außerdem Lernsettings, bei denen Lehrkräfte Teile ihres Jobs von zuhause, im Homeoffice, erledigen können, was die Vereinbarkeit von Familie und Beruf erhöht.
Um diesen Autonomiegewinn der Lernenden und den damit verbundenen Changeprozess im Mindset der Lehrenden umzusetzen, bedarf es allerdings noch großer Anstrengungen. Ich meine aber, dass sich diese Anstrengungen lohnen, zumal die Alternative in Zeiten des Lehremangels der Ausfall ist.

Fazit
Die Beschäftigung mit hybrider Bildung bietet auf drei Ebenen entscheidende Vorteile:
1. Sie bietet die Chance für eine deutlich bessere Inklusion
2. Sie fördert die Autonomie der Lernenden und ist zukunftsfähig
3. Sie trägt zur Kompensation des Lehrkräftemangels bei.
Es lohnt sich also in jeden Fall, sich damit auseinander zu setzen. In diesem Sinne freue ich mich sehr auf die Diskussion mit Jonathan Bork und Michael Drabe zu diesem Thema auf der Didacta!


Die Bilder zu diesem Beitrag sind mit DALL-E4 generiert und sollen verschiedene Formen hybrider Bildung illustrieren.