2024-25: Verlernen wir Demokratie?

Es ist mal wieder Zeit für etwas Polemik.

(kreiert mit DALL-E)

Im Moment sind Forderungen nach mehr Demokratielernen in Schulen en vogue, aber auch wohlfeil.
Die Forderung ist natürlich verständlich. Jugendliche fühlen sich zu Extremismen hingezogen, fallen in sozialen Medien auf „Rattenfänger“ verschiedenster Couleur rein und verhalten sich am Ende doch passiv.
Ich habe in jüngster Zeit einige Beobachtungen gemacht, die sich auch mit Studienergebnissen decken. Zum einen stelle ich als Politiklehrer fest, dass sich die Informationsquellen massiv verschieben. Von linearem Fernsehen und Printmedien hin zu digitalen Medien, bzw. deren Ablegern und Pseudoablegern in sozialen Medien. Das führt zu einer Verkürzung und Polarisierung in der politischen Bildung. Außerdem werden die Jugendlichen von dem Nachrichtenstrom der älteren Generationen und der etablierten Parteien und Institutionen abgehängt, weil es diesen kaum gelingt Reichweite in den neuen Medien zu generieren (was natürlich auch am Prinzip Algorithmus liegt).
Zum anderen schwindet das Interesse an Politik. Es finden sich immer weniger Schülerinnen und Schüler, die SV-Arbeit machen wollen und ich fürchte vielen ist es gar nicht mehr klar, warum das wichtig ist. Kandidatinnen und Kandidaten stellen sich vor ohne eine Idee für eine Forderung zu haben. Da wird dann sinngemäß vorgetragen, dass man gewählt werden will, weil man ein toller Typ und krass sei, was dann mit zustimmendem Gejohle quittiert wird. Da findet eine Art TikTokisierung statt. Nicht der Inhalt zählt, sondern Lautstärke und Pose. Das finde ich bedenklich.
Wer kann es den Jugendlichen aber verdenken? Sie haben es ja nicht gelernt.
Zum einen findet Politik und deren mediale Vermittlung immer mehr als eine Inszenierung statt. Inhalte rücken in den Hintergrund, es finden populistische Wettkämpfe statt, Ministerpräsidenten inszenieren sich als Food-Blogger, der politische Gegner wird diffamiert oder mittlerweile sogar bedroht.
Zum anderen spielen Jugendliche und deren Bedürfnisse, Bildung von der Kita bis zur Uni, deren Zukunft und deren psychische Gesundheit, wenn überhaupt, nur eine sehr untergeordnete Rolle. All die Studien, die das belegen werden in der Öffentlichkeit und in der Politik nicht wahrgenommen, dort wird über Gendern, Migration und Autos diskutiert.
Und dann zu fordern, dass Schule das kompensieren soll und Demokratie, quasi per Instruktion, zu vermitteln ist wohlfeil. Aus der Perspektive einer Schülerin oder eines Schülers ist Schule in der Regel einer der undemokratischsten Orte der Welt. Und das, wo Schule so eine zentrale Rolle im Leben der Jugendlichen einnimmt.
Wenn wir ernsthaft demokratische Bildung in den Schulen lehren wollen, dann dürfen wir das nicht instruieren und simulieren, dann müssen wir das leben!
Das fängt mit einem Klassenrat an, der ernsthaft gehört wird und Einfluss hat. Das geht mit Debatten auf Augenhöhe und frei von Adultismus in den Gremien weiter und erfordert letztendlich eine Haltungsänderung der Lehrerschaft, die hierarchische Privilegien aufgeben muss und im Lernenden das Potenzial sehen, entdecken und begleiten muss. Das bedeutet letztendlich die Auflösung des Lernens im Gleichschritt und das Ende der Bewertung in Ziffern, das bedeutet Schule zu einem Ort zu machen, den man ehrlich als Wiege der Demokratie bezeichnen kann.
Das bedeutet das Ende der Schule wie wir sie kennen und erwarten. Nur so kann es uns aber gelingen, eine zukünftige Gesellschaft zu schaffen, die Mitbestimmung und Solidarität ernst nimmt, die frei ist von unverdienten Privilegien, in der die Würde wirklich unantastbar ist.

(Wer sich einmal anschauen will, wie so eine Schule funktionieren kann, der sollte mal eine Suchmaschine mit „Agora-Schule Niederlande“ füttern.)

Weiterführende Beiträge, die nach der Veröffentlichung des Beitrags erschienen sind:

https://deutsches-schulportal.de/bildungswesen/swk-stellungnahme-expertengremium-fordert-mehr-demokratiebildung-an-schulen

2024-02: Die Rolle von Schule in der Gesellschaft

Wenn wir über Bildungspolitik diskutieren, geht es in der Regel um solche Schlagworte wie Schulformen, Bildungskanon, Vorbereitung auf den Beruf, Leistungsvermögen, Kompetenzen und so weiter.
Diese Diskussionen sind wichtig, verdecken aber eine viel wichtigere Diskussion, die gerade jetzt wieder mehr in den Vordergrund treten sollte:
Welche Rolle soll Schule bei der Reproduktion von Herrschaft in unserer Gesellschaft spielen?

Schule ist, neben dem Elternhaus und der Peer-Group, die zentrale Sozialisationsinstanz für die Gesellschaft. Die Lehrkräfte, deren Haltung und die curricularen Inhalte prägen nahezu alle Kinder und Jugendlichen, weil diese alle eine Schule besuchen müssen und dort viel Zeit in einer Phase verbringen, in der sich ihre Persönlichkeit formt. Die Rolle von Lehrkräften und das Klima in Schulen können also bei Sozialisationsprozessen kaum unterschätzt werden.
Ich fürchte, dass dieser Aspekt leider zu Gunsten der Stoffvermittlung allzu oft in den Hintergrund tritt. Ich halte das sogar für gefährlich.
Schule war schon immer die zentrale Instanz zur Reproduktion von Herrschaft. Der Beginn des öffentlichen Schulwesens und der damit verbundenen Schulpflicht diente dem viktorianischen Großbritannien zur Produktion von Verwaltern des Empires oder den Preußen zur Organisation des Militärs. Unter den Nationalsozialisten, wie eigentlich in allen Diktaturen, wurde schon die Grundschule genutzt um die Nazi-Propaganda mit dem Ziel der „Gleichschaltung“ früh in den Köpfen zu verankern. Die DDR hat über Zugänge zu höheren Bildungsgängen ideologische Treue belohnt und Subversion durch Verweigerung dieser Zugänge bestraft.
Als Lehre aus der Zeit des Nationalsozialismus haben sich die deutschen Bundesländer Verfassungen und Schulgesetze gegeben, die den Auftrag der Schulen an die Grundsätze der Humanität und der Demokratie gebunden haben.
In Artikel 56, Abs. 4 und 5 der Hessischen Verfassung heißt es zum Beispiel:

(4) Ziel der Erziehung ist, den jungen Menschen zur sittlichen Persönlichkeit zu bilden, seine berufliche Tüchtigkeit und die politische Verantwortung vorzubereiten zum selbständigen und verantwortlichen Dienst am Volk und der Menschheit durch Ehrfurcht und Nächstenliebe, Achtung und Duldsamkeit, Rechtlichkeit und Wahrhaftigkeit.
(5) (…) Nicht zu dulden sind Auffassungen, welche die Grundlagen des demokratischen Staates gefährden.

Quelle.

Das klingt zwar etwas altbacken, aber die Idee dahinter ist klar: Verantwortung gegenüber der Menschheit, Nächstenliebe, Rechtlichkeit, Wahrhaftigkeit und die Verteidigung der Grundlagen des demokratischen Staates. Das ist der vornehmste und wichtigste Auftrag von Schule in der Gesellschaft!
Dort steht nichts von Infinitesimalrechnung, vom Ohmschen Gesetz, ja nicht einmal von Rechtschreibung. Das ist sicher auch alles richtig und wichtig, aber noch wichtiger ist es, gerade jetzt, die Kinder und Jugendlichen zu Trägerinnen und Trägern und zu Verteidigerinnen und Verteidigern unserer Demokratie und unserer freiheitlich-demokratischen Grundordnung zu machen. Wir müssen sie außerdem zu einem humanen und verantwortungsvollen Miteinander untereinander und gegenüber unserem Planeten bilden. Auch das ist der vornehmste und wichtigste Auftrag von Schule in der Gesellschaft!
Leider sind diese vornehmen und wichtigen Ziele im Zuge der Debatten um Leistung und im Rahmen der zunehmenden Ökonomisierung der Gesellschaft in den Hintergrund getreten. Gerade jetzt ist aber die Zeit, diese Debatten wieder in den Vordergrund zu rücken. Unsere menschlichen Errungenschaften und unsere Demokratie geraten zunehmend unter Druck und werden von Feinden der Demokratie und der Menschlichkeit herausgefordert. Wir Lehrkräfte müssen uns dem mit all unserer Kraft entgegenstellen und alles daran setzen, wenigstens die nachfolgenden Generationen zu befähigen, mit einer Welt zurecht zu kommen, die in vielerlei Hinsicht herausfordernder wird.
Das wird uns mit einem „weiter so“ nicht gelingen. Dafür bedarf es neuer Mittel und Wege, dafür bedarf es Kinder, die bereit sind ihre Energie in ein globales Miteinander zu stecken, die bereit sind Gewohnheiten in Frage zu stellen und Verhaltensweisen zu verändern.
Es ist unsere Aufgabe als Lehrkräfte sie dazu zu befähigen und der müssen wir vor allem anderen gerecht werden. Wenn wir das wollen, müssen wir anfangen Schule und damit unsere Welt zu verändern. Wir sollten in der Schule den Anspruch haben nicht nur die bestehende Gesellschaft zu reproduzieren, sondern eine bessere Gesellschaft zu schaffen, natürlich nicht im Sinne einer wie auch immer gearteten ideologischen Indoktrination, sondern im Sinne unserer oben zitierten Verfassung und im Sinne unseres Grundgesetzes. Wir müssen schon in der Schule echte Demokratie und würdevolle Menschlichkeit in der gesamten Schulgemeinschaft üben und leben. Jeden Tag!

Nachträge nach Veröffentlichung

Der Deutsche Bildungsserver bietet eine Blogseite mit zahlreichen Anregungen und Beiträgen zum Themenkomplex Demokratie und Bildung:
https://blog.bildungsserver.de/category/themen/demokratie-und-bildung/.