2024-04: Auseinandersetzung mit dem Manifest des Bildungsrates – als Teil einer „Blogparade“

Mehr Vielfalt im Lehrerzimmer!

Quereinstieg ist eine Lösung

Vorbemerkung: Eine Reihe von bildungsaffinen Bloggern hat sich zum Ziel gesetzt, 2024 häufiger thematisch gemeinsam zu bloggen. Die Themenvorschläge werden an dieser Stelle gesammelt, alle Beiträge zum aktuellen Thema werden unter dem Beitrag gesammelt.

Der Bildungsrat von unten hat am 30.01.24 seine „Stellungnahme zum Fachkräftenotstand an Schulen und zu den von der SWK vorgelegten Empfehlungen“ veröffentlicht! Der Bildungsrat von unten geht auf eine Initiative von Susanne Posselt, Bob Blume, Philipp Dehne und Mark Rackles zurück. Er sieht sich als Bottom Up-Alternative zur KMK und setzt sich für die Vernetzung von Menschen aus der Bildungspraxis ein, die Reformvorschläge unterbreiten. Mittlerweile sind über 1.100 Menschen dort aktiv. Ich bin einer davon und konnte den Entstehungsprozess des Papieres begleiten, zugegeben eher passiv, kann aber versichern, dass es eine beeindruckende Leistung ist. Über 1100 Personen, vorwiegend Lehrkräfte, haben in einem exakt einjährigen Prozess in verschiedenen Arbeitsgruppen und Plenen diskutiert, formuliert, moderiert und abgestimmt und am Ende ist tatsächlich eine Reihe konkreter Forderungen entstanden.
Ich möchte mich für die Blogparade gerne schwerpunktmäßig mit Punkt 3, „Den Quereinstieg als zweiten regulären Zugang zum Lehramt mit bundesweit einheitlichen Standards verstetigen!“ beschäftigen, der wiederum eng mit den meisten anderen Punkten des Manifests zusammenhängt. Wir PoWi-Lehrkräfte glauben ja immer an Interdependenz.
Warum genau dieser Punkt? Einmal, weil er mich als Schulleiter im Moment sehr beschäftigt und dann, weil ich Ende des Monats zu diesem Thema in einer Podiumsdiskussion auf der Didacta sitze und mich so darauf vorbereiten kann; so etwas nennt man dann wohl einen Synergieeffekt.
Für mich ist Fakt, dass wir mehr Quer- und SeiteneinsteigerInnen in der Schule brauchen werden. In der Grundschule und in Mangelfächern ist das ja schon lange der Fall.

Das Lehrerzimmer ohne Quer- und Seiteneinsteiger.

„Der Quer- und Seiteneinstieg in das Lehramt ist seit einigen Jahren gelebte Praxis und effektiver Lückenfüller in Zeiten des Lehr- und Fachkräftedefizits. Der Quereinstieg mit Vorbereitungsdienst (hier so verstanden als Abgrenzung zum sog. Seiteneinstieg als Direkteinstieg ohne Vorbereitungsdienst in den Schuldienst) ist seit zehn Jahren von der KMK als Sondermaßnahme im Bereich der allgemeinen Bildung zugelassen.“ So beginnt dieses Kapitel des Manifests (S. 15).
Wie so oft, lässt sich beim Quereinstieg in das Lehramt kein konsistentes Konzept erkennen, schon gar nicht bundesweit. Für Hessen gibt es immer wieder Quereinstiegsprogramme für bestimmte Mangelfächer. Die Regularien sind kompliziert und es kann sein, dass an der Uni Scheine nachgemacht werden müssen oder/und ein (Teil-)Vorbereitungsdienst absolviert werden muss, an dessen Ende ein Staatsexamen steht, welches zu einem regulären Lehramtsabschluss führt. Diese Fälle sind eher selten, ich kenne wenige.
Das hier diskutierte Manifest geht dann darauf ein, dass die Ständige Wissenschaftliche Kommission der KMK (SWK) die Qualifikation der Quereinsteiger an die Universitäten binden will und fordert hier eine stärkere Einbindung der Landesinstitute und Institutionen der 2. Phase der Lehrkräfteausbildung (Zu den Phasen der Lehrkräftebildung: https://lehramtswiki.uni-due.de/index.php/Phasen_der_Lehrerausbildung). Ich denke, dass die Universitäten keine geeigneten Orte sind, es sei denn, es geht tatsächlich um rein fachliche Nachqualifizierungen und selbst da habe ich Zweifel. In Hessen gehören die Universitäten zu einem anderen Ministerium als die Schulen und die professorale Autonomie führt dazu, dass das Lehramt gerne belächelt wird und hinter die „echte“ Wissenschaft zurücktreten muss. So habe ich es selbst in meiner Studienzeit erlebt (Ja, ich weiß: Anekdotische Evidenz). Die Studienseminare in der 2. Phase der Ausbildung können hier eine Rolle spielen, noch besser geeignet sind aber, meiner Meinung nach, die Schulen als Orte der Praxis selbst. Dieser Aspekt fehlt leider im Manifest. Und natürlich fehlen dafür die Ressourcen an den Schulen, aber die könnte man ja schaffen (vgl. Fazit).

Häufiger als zum Quereinstieg kommt es zum Seiteneinstieg, der nicht mit einer berufsbegleitenden Qualifikation verbunden ist, zunächst in befristeten Beschäftigungsverhältnissen stattfindet und deutlich schlechter bezahlt wird. Da verdienen dann Menschen mit Abschlüssen an renommierten Universitäten ein unterdurchschnittliches Gehalt. Das muss man wirklich wollen. Hessen hat den Verdienst mittlerweile etwas angehoben, aber der Abstand zu regulären Lehrkräften ist immer noch groß. Außerdem gibt es keine Aufstiegsmöglichkeiten. Daher bleibt festzuhalten, dass der Seiteneinstieg in der Regel mit finanziellen Opfern einhergeht. Dennoch gibt es mehr Seiten- als Quereinsteiger, was vermutlich an den wenigen Programmen für den Quereinstieg liegt und dies auch nur bestimmte Fächer betrifft, die ohnehin zu wenig studiert werden.:
„Die quantitative Entwicklung des Quereinstiegs hat angesichts des Mangels an Lehrkräften in den letzten Jahren deutlich zugenommen. Die SWK geht davon aus, dass knapp 10 % der Neueinstellungen Seiteneinsteigerinnen sind und 4-5 % Quereinsteigerinnen. In einzelnen Ländern liegt der Anteil der quereinsteigenden sogar über 50 %.“ heißt es in dem Manifest (S.15)
Man kann den Seiteneinstieg natürlich kritisch sehen, es fehlt ja in der Regel die pädagogische und didaktische Qualifikation. Und dennoch gibt es herausragende Beispiele für erfolgreiche Seiteneinstiege. (Genauso wie es Beispiele für Lehrkräfte mit voller Ausbildung, Seiten- und Quereinsteiger gibt, die dann doch auf Dauer nicht für den Job geeignet sind). Auch für Lehrkräfte gibt es übergeordnete Kompetenzen und Haltungsfragen, die eine gute Lehrkraft ausmachen und die sich nur begrenzt in der Lehrkräfteausbildung vermitteln lassen. Ich rede hier zum Beispiel von einer außerordentlichen Fähigkeit zur Selbstreflexion und einem adultismusfreien Menschenbild um auf der Beziehungsebene mit den Schülerinnen und Schülern in Resonanz treten zu können. Erst dann können eigentlich Lernen und Bildung stattfinden und das ist eine hohe Kunst, bei der auch Talent, eine Fehlerkultur und ein internalisiertes Growth Mindset eine Rolle spielen. Das sind auch Dinge, die man nicht abprüfen kann, die man nicht anordnen kann und die man nicht mal eben implementieren kann. Dafür bedarf es konzertierter und orchestrierter, langwieriger Change-Prozesse.
Manche Seiteneinsteigerinnen und Seiteneinsteiger bringen solche Fähigkeiten aber mit und können ganz schnell wertvolle Mitglieder einer Schulgemeinschaft werden. Wie soll das System mit denen umgehen? Welche Perspektiven können solche Menschen haben? Kettenverträge und dann eine Entlohnung deutlich unter der der Kolleginnen und Kollegen? Nachstudieren und ein Referendariat machen, auch wenn man schon im fortgeschrittenen Alter ist oder schon ein Studium auf hohem Niveau absolviert hat, was aber nicht in den schulischen Fächerkanon passt?
Hier sehe ich ein individuelles Training on the Job als einzig sinnvolle Lösung und dafür braucht es fähige Personen aus den Kollegien vor Ort, die die dafür nötigen Ressourcen zur Verfügung haben (Vgl. Fazit).

Training von Quer- und Seiteneinsteigern in der Schule

Um sowohl Quer- als auch Seiteneinsteigende sinnvoll in die Berufspraxis einzuführen und fachlich, pädagogisch und didaktisch nachzuqualifizieren bedarf es also mehr Ressourcen und da sind wir bei den eingangs erwähnten Interdependenzen mit den anderen Forderungen des Bildungsrates von unten.

Zum einen hilft es das Angebot an Fachpersonal in Schulen zu erhöhen (Forderung 2). Mehr Sozialpädagoginnen und Sozialpädagogen, Fachkräfte für Psychologie und Medientechnik, Verwaltungsassistenzen und Laborhilfen, IT-Kräfte oder medizinisches Personal und andere Fachleute könnten die Lehrkräfte im Kerngeschäft entlasten und gleichzeitig für einen Professionaliserungsschub in Schule sorgen. Dieses Personal könnte dann durchaus auch Funktionen in der Lehre erfüllen. Eine Gesundheitsfachkraft kann Suchtprävention, sexuelle Aufklärung oder Ernährungslehre einbringen, eine IT-Kraft kann ein freiwilliges Angebot zum „Computerschrauben“ machen oder in der Informatik mitarbeiten und eine Psychologin oder ein Psychologe kann Resilienztrainings durchführen usw. Der Fantasie sind da praktisch kaum Grenzen gesetzt, wenn Schule bereit ist sich dahingehend zu öffnen und ihr die nötigen Mittel an die Hand gegeben werden.

Mehr andere Professionen ins Lehrerzimmer!

Zusätzlich muss die Stundentafel auf den Prüfstand und entschlackt werden (Forderung 6). Die curricularen Inhalte und die zu unterrichtenden Fächer und damit Stunden haben eine Tendenz zur Vermehrung; zum Beispiel Blockflöte und Digitale Welt in Hessen oder mehr Deutsch und Mathe in bayerischen Grundschulen. Dazu noch Berufsorientierung mit immer mehr Praktika, soziales Lernen, Sucht- und Gewaltprävention und vieles mehr und, ach ja, natürlich auch Lesen, Schreiben, Rechnen, Geographie und Chemie, Latein und Englisch, Religion und Kunst, Musik und Sport, vielleicht auch noch Wirtschaft, Recht, Philosophie, Japanisch, Polnisch und was weiß ich. Das sind alles tatsächliche Fächer und Aufgaben von Schule. Dazu kommen dann ja noch die ganzen immer wieder diskutierten Wunschfächer wie Glück, Steuern, Mietvertrag oder Haushaltskasse. Sind wir mal ehrlich, das ist doch Unfug. Wir brauchen in den Schulen weniger Inhalt, viele Inhalte lassen sich mit den modernen Medien in einer Kultur der Digitalität erschließen, wenn die Schülerinnen und Schüler eben dieses Erschließen in selbstständigen Lernprozessen erlernt haben. Darauf müssen wir den Fokus richten. Lehrende müssen weg von der reinen Instruktion und hin zu mehr (Lern-)Coaching. Die aktuellen Fächer und ihre Inhalte werden den komplexen Herausforderungen und Zusammenhängen des 21. Jahrhunderts nicht mehr gerecht. In welchem Fach soll denn zum Beispiel Grundlagenwissen zum Klimawandel oder zu Künstlicher Intelligenz unterrichtet werden? Und ab welchem Alter? Mit welchem Prüfungsziel? Bei Fächern und Inhalten ist weniger mehr: Weniger statisches Wissen, dafür mehr Prozesswissen und mehr Kompetenzorientierung.

Letztlich muss die Arbeit an Schulen wieder mehr Wertschätzung erfahren und dadurch attraktiver werden (Forderung 9). Das kann dann gelingen, wenn endlich wieder deutlich gemacht wird, dass den Schulen für die Gestaltung der Zukunft eine bedeutende Rolle zukommt. In einer VUCA-Welt ist es unerlässlich Zukunftskompetenzen zu erlangen und resilient zu werden. Es ist wichtig Demokratie und Anerkennung einzuüben und nachhaltige Entwicklung zu verstehen. All das kann Schule leisten, wenn man sie lässt. (Vgl, dazu die Newsletter 02 und 08 auf dieser Homepage)

Fazit
Wir müssen jetzt handeln, um später davon profitieren zu können. Wir müssen jetzt Inhalte entschlacken und daraus Ressourcen generieren um hinreichend Quer- und Seiteneinsteigende verschiedener Professionen in das System Schule zu integrieren, mit denen wir dann gemeinsam die Schule und das Lernen der Zukunft gestalten können. Es geht dabei mitnichten um eine Deprofessionalisierung von Schule und Lehrkräften! Im Gegenteil, die Profession der vorhandenen Lehrkräfte ist wichtiger denn je.
Weniger von dem, was wir bisher hatten, führt dann zu mehr von dem, was wir in Zukunft benötigen. Wenn es sein muss, müssen wir dafür unter Umständen jetzt Stunden kürzen, auch bei den Hauptfächern, nur so können wir dringend benötigte Ressourcen zur Schulentwicklung generieren, die uns zukunftsfähig macht.
Das wird uns alles nur mit ausreichend qualifizierten Quer- und Seiteneinsteigenden gelingen, die die Chance haben als gleichwertige Lehrkräfte in den Schuldienst integriert zu werden!

In der Schule der Zukunft.

Anmerkung: Der Text ist wirklich handgeschrieben, die Bilder sind mit DALL-E generiert und natürlich ist nicht intendiert Quer- und Seiteneinsteiger als Tiere zu bezeichnen. Die Integration der doch eher sympathischen Tiere in die Lehrerzimmer soll schlicht und einfach etwas erheitern und den langen Text auflockern.

Ergänzende Anmerkungen zur Lehrkräftearbeitszeit:
Da sich die anderen BloggerInnen der Parade auf das Thema Arbeitszeit konzentrieren, hier eine kurze Ergänzung dazu von mir:
Viele Aspekte, die Kontroversität und die Schwierigkeiten bei der Messung von Arbeitszeit von Lehrkräften können in den verschiedenen Blogbeiträgen zur Blogparade nachgelesen werden (siehe unten).
Einen unpopulären Aspekt möchte ich noch ergänzen. Eine wirklich umfassende und exakte Erfassung der Arbeitszeit würde vermutlich große Ungleichheiten innerhalb der Kollegien ergeben, die sich aus der Fächerkombination und dem über den Unterricht hinausgehenden Engagement ergeben. Dazu kommen noch Lebensabschnittsbedingte Disparitäten und mögliche Karriereambitionen. Das birgt enormes Konfliktpotenzial, allerdings gibt es wohl in jedem Beruf „High- und Low-Performer“.
Letztlich lässt sich bei den meisten Berufen, abgesehen vielleicht von der Fließbandarbeit, eine rein am Output orientierte Erfassung von Arbeitszeit und Leistung nicht sinnvoll realisieren.
Dennoch, wer diesen Aspekt sinnvoll zu Ende diskutieren will, muss letztendlich auch über den Beamtenstatus diskutieren, aber das wäre dann vielleicht mal ein schönes Thema für eine andere Blogparade.
Ich habe mich im Rahmen eines Newsletters noch einmal intensiver diesem Thema gewidmet: https://www.schulmun.de/2024/02/22/newsletter-10-23-02-2014/.

Nach Veröffentlichung erfolgte Ergänzungen zum Thema:
Ein Beitrag der Telekom-Stiftung zur Notwendigkeit von Quer- und Seiteneinsteigenden im MINT-Bereich: https://www.telekom-stiftung.de/sites/default/files/files/MINT-Personal%20an%20Schulen_Zusammenfassung.pdf.

Weitere Beiträge zur Blogparade:
Die weiteren Beiträge befassen sich bisher fast alle mit der Arbeitszeit von Lehrkräften, daher habe ich einen kurzen Abschnitt dazu in meinem Beitrag oben ergänzt.

Jan Martin Klinge auf Halbtagsblog:
https://halbtagsblog.de/2024/02/04/blogparade-2-arbeitszeiten-in-der-schule-erfassen/.

Gastbeitrag von „Lehrer mit Bart“ auf Halbtagsblog:
https://halbtagsblog.de/2024/02/10/arbeitszeiterfassung-gastbeitrag/.

Thomas Kuban auf Kubiwahn:
https://www.kubiwahn.de/2024/02/arbeitszeiten-in-der-schule-erfassen/.

Die reine Leere:
https://reine-leere.de/lehrerarbeitszeit-gemessen-statt-gefuehlt-edublogparade-2/.

Matthias Lausmann auf Herr Mess:
https://herrmess.de/2024/02/10/edublogparade2024-runde-2-arbeitszeiterfassung-fuer-lehrkraefte/#comments.
Mit einer Ergänzung:
https://herrmess.de/2024/03/02/lehren-aus-runde-2-der-edublogparade-2024-working-hours-workload/.

Timo Off:
https://www.timo-off.de/2023/eigentlich-keine-arbeitszeiterfassung-aber/.

Susanne Posselt:
https://susanneposselt.de/vom-wert-der-zeit/.

Fengler Schule:
https://fengler.schule/?p=75.

Christiane Schicke:
https://moewenleak.wordpress.com/2024/02/11/blogparade-2-arbeitszeiten-in-der-schule-erfassen/.

Tobias Schreiner:
https://tobias-schreiner.net/2024/02/17/arbeitszeiterfassung-in-der-schule/.

Kristina Wahl als „die Frau mit dem Dromedar:
https://diefraumitdemdromedar.de/arbeitszeiterfassung-in-der-schule/.

Es gibt noch einen Beitrag von Julius Becker zum Thema „Stundentafel entschlacken“:
https://monsieur-becker.de/2024/stundentafel-entschlacken/.

2024-03: Mehr KI in die Schule die 2.

Ich habe im November gefordert, dass Lehrkräfte sich mehr mit KI beschäftigen müssen und will diese Forderung heute noch einmal bekräftigen.
Warum? Weil die befürchtete Heterogenität zwischen Bundesländern, Schulen, Lehrkräften und Lernenden immer noch weiter zunimmt und weil unser Bildungssystem droht abgehängt zu werden.
Es gibt Bundesländer mit Landeslizenzen für Fobizz oder Fiete, es gibt Bundesländer mit Handreichungen und solche mit Testschulen. Was es nicht gibt, ist eine erkennbare Strategie und schon gar keine nationale.
Frau Professorin Doris Weßels, eine der dezidiertesten Expertinnen zu KI in der Bildung, von der Fachhochschule Kiel hat bei der Anhörung zu KI im Bildungsausschuss des Bundestages im Mai 2023 eine Taskforce KI auf höchster politischer Ebene und verpflichtende Fortbildungen für alle Lehrkräfte gefordert. Zahlreiche Experten aus zahlreichen Bereichen sind sich einig, dass KI Bildung fundamental verändern wird. Wenige Experten sehen das anders. Andreas Schleicher von der OECD hat kürzlich in einem nicht unumstrittenen Interview die meiner Meinung nach richtige Forderung aufgestellt, dass sich Lehrkräfte diesen Entwicklungen nicht verschließen können und bessere Unterrichtskonzepte entwickeln müssen. Er fordert in dem selben Interview aber auch, dass Lehrkräfte dafür entlastet werden müssen, am besten durch Bürokratieabbau.
Sicher gibt es berechtigte Bedenken bezüglich des Datenschutzes oder des Bias, den KI erzeugt, aber selbst die SWK der KMK fordert die Nutzung von KI an Schulen und mehr Mut und eine neue Fehlerkultur in einem Impulspapier.

Was braucht es noch, dass wir uns endlich aufmachen, die Schulen ins 21. Jahrhundert zu führen? Der Prozess der Digitalisierung muss endlich in allen Schulen zu einem Ende kommen und in eine Kultur der Digitalität münden, in der moderne Hard- und Software eine angemessene Rolle spielen. Nicht alles was geht muss digitalisiert werden, aber alles was Sinn macht. Digitale Endgeräte und Werkzeuge müssen endlich als Chance begriffen werden. Sie sind weder gut noch böse, sie verhindern und ermöglichen per se kein Lernen. Das entscheidende ist die Art der Anwendung und das ist uraltes pädagogisches Kerngeschäft. Wir müssen darüber reden, wie wir die Nachteile und Gefahren von KI im Unterricht aufarbeiten und integrieren, nur so entstehen kritisches Denken und Bildung für das 21. Jahrhundert. Das sind Fragen der Didaktik und Methodik. Darüber müssen wir reden, nicht darüber, ob wir uns überhaupt damit auseinandersetzen oder wann wir uns wie auf den Weg machen.
Wir sind schon auf dem Weg. Schülerinnen und Schüler nutzen digitale Endgeräte selbstverständlich und KI zunehmend als Werkzeug. Die Industrie integriert KI in Produktionsprozesse und Produkte. Wir sind umgeben von einer zunehmenden Kultur der Digitalität. Wie soll sich Schule da ausnehmen?
Wenn wir uns an den Schulen nicht gemeinsam mit der ganzen Schulgemeinschaft, ja mit dem ganzen Land, gestaltend auf den Weg machen, wird KI über uns kommen und wir werden ihr ähnlich ratlos gegenüber stehen, wie wir es bei social media im Grunde schon tun. Die Entwicklungen sind so rasant, dass wir eigentlich keine Zeit mehr haben aufzubrechen. Ein Beispiel: Ich glaube, dass in diesem Jahr die ersten KI-Speech to Speech-Übersetzungstools kommen werden (vgl. z.B. bereits jetzt Heygen). Was bedeutet das für den Fremdsprachenunterricht? Bereits jetzt gibt es zahlreiche Tools zur Verbesserung von Hausaufgaben und Hausarbeiten (vgl. z.B. Peer). Was bedeutet das für unsere Notengebung und Prüfungskultur?

Noch einmal: Wir müssen uns jetzt mit KI in der Schule beschäftigen! Zur Not müssen wir, um das bewältigen zu können, ernsthaft darüber nachdenken, Teile von Fächern und bürokratische Akte zu streichen. Jede Woche, jeder Monat, den wir länger warten, wird uns in Zukunft umso mehr Anstrengung kosten.

2024-02: Die Rolle von Schule in der Gesellschaft

Wenn wir über Bildungspolitik diskutieren, geht es in der Regel um solche Schlagworte wie Schulformen, Bildungskanon, Vorbereitung auf den Beruf, Leistungsvermögen, Kompetenzen und so weiter.
Diese Diskussionen sind wichtig, verdecken aber eine viel wichtigere Diskussion, die gerade jetzt wieder mehr in den Vordergrund treten sollte:
Welche Rolle soll Schule bei der Reproduktion von Herrschaft in unserer Gesellschaft spielen?

Schule ist, neben dem Elternhaus und der Peer-Group, die zentrale Sozialisationsinstanz für die Gesellschaft. Die Lehrkräfte, deren Haltung und die curricularen Inhalte prägen nahezu alle Kinder und Jugendlichen, weil diese alle eine Schule besuchen müssen und dort viel Zeit in einer Phase verbringen, in der sich ihre Persönlichkeit formt. Die Rolle von Lehrkräften und das Klima in Schulen können also bei Sozialisationsprozessen kaum unterschätzt werden.
Ich fürchte, dass dieser Aspekt leider zu Gunsten der Stoffvermittlung allzu oft in den Hintergrund tritt. Ich halte das sogar für gefährlich.
Schule war schon immer die zentrale Instanz zur Reproduktion von Herrschaft. Der Beginn des öffentlichen Schulwesens und der damit verbundenen Schulpflicht diente dem viktorianischen Großbritannien zur Produktion von Verwaltern des Empires oder den Preußen zur Organisation des Militärs. Unter den Nationalsozialisten, wie eigentlich in allen Diktaturen, wurde schon die Grundschule genutzt um die Nazi-Propaganda mit dem Ziel der „Gleichschaltung“ früh in den Köpfen zu verankern. Die DDR hat über Zugänge zu höheren Bildungsgängen ideologische Treue belohnt und Subversion durch Verweigerung dieser Zugänge bestraft.
Als Lehre aus der Zeit des Nationalsozialismus haben sich die deutschen Bundesländer Verfassungen und Schulgesetze gegeben, die den Auftrag der Schulen an die Grundsätze der Humanität und der Demokratie gebunden haben.
In Artikel 56, Abs. 4 und 5 der Hessischen Verfassung heißt es zum Beispiel:

(4) Ziel der Erziehung ist, den jungen Menschen zur sittlichen Persönlichkeit zu bilden, seine berufliche Tüchtigkeit und die politische Verantwortung vorzubereiten zum selbständigen und verantwortlichen Dienst am Volk und der Menschheit durch Ehrfurcht und Nächstenliebe, Achtung und Duldsamkeit, Rechtlichkeit und Wahrhaftigkeit.
(5) (…) Nicht zu dulden sind Auffassungen, welche die Grundlagen des demokratischen Staates gefährden.

Quelle.

Das klingt zwar etwas altbacken, aber die Idee dahinter ist klar: Verantwortung gegenüber der Menschheit, Nächstenliebe, Rechtlichkeit, Wahrhaftigkeit und die Verteidigung der Grundlagen des demokratischen Staates. Das ist der vornehmste und wichtigste Auftrag von Schule in der Gesellschaft!
Dort steht nichts von Infinitesimalrechnung, vom Ohmschen Gesetz, ja nicht einmal von Rechtschreibung. Das ist sicher auch alles richtig und wichtig, aber noch wichtiger ist es, gerade jetzt, die Kinder und Jugendlichen zu Trägerinnen und Trägern und zu Verteidigerinnen und Verteidigern unserer Demokratie und unserer freiheitlich-demokratischen Grundordnung zu machen. Wir müssen sie außerdem zu einem humanen und verantwortungsvollen Miteinander untereinander und gegenüber unserem Planeten bilden. Auch das ist der vornehmste und wichtigste Auftrag von Schule in der Gesellschaft!
Leider sind diese vornehmen und wichtigen Ziele im Zuge der Debatten um Leistung und im Rahmen der zunehmenden Ökonomisierung der Gesellschaft in den Hintergrund getreten. Gerade jetzt ist aber die Zeit, diese Debatten wieder in den Vordergrund zu rücken. Unsere menschlichen Errungenschaften und unsere Demokratie geraten zunehmend unter Druck und werden von Feinden der Demokratie und der Menschlichkeit herausgefordert. Wir Lehrkräfte müssen uns dem mit all unserer Kraft entgegenstellen und alles daran setzen, wenigstens die nachfolgenden Generationen zu befähigen, mit einer Welt zurecht zu kommen, die in vielerlei Hinsicht herausfordernder wird.
Das wird uns mit einem „weiter so“ nicht gelingen. Dafür bedarf es neuer Mittel und Wege, dafür bedarf es Kinder, die bereit sind ihre Energie in ein globales Miteinander zu stecken, die bereit sind Gewohnheiten in Frage zu stellen und Verhaltensweisen zu verändern.
Es ist unsere Aufgabe als Lehrkräfte sie dazu zu befähigen und der müssen wir vor allem anderen gerecht werden. Wenn wir das wollen, müssen wir anfangen Schule und damit unsere Welt zu verändern. Wir sollten in der Schule den Anspruch haben nicht nur die bestehende Gesellschaft zu reproduzieren, sondern eine bessere Gesellschaft zu schaffen, natürlich nicht im Sinne einer wie auch immer gearteten ideologischen Indoktrination, sondern im Sinne unserer oben zitierten Verfassung und im Sinne unseres Grundgesetzes. Wir müssen schon in der Schule echte Demokratie und würdevolle Menschlichkeit in der gesamten Schulgemeinschaft üben und leben. Jeden Tag!

Nachträge nach Veröffentlichung

Der Deutsche Bildungsserver bietet eine Blogseite mit zahlreichen Anregungen und Beiträgen zum Themenkomplex Demokratie und Bildung:
https://blog.bildungsserver.de/category/themen/demokratie-und-bildung/.

2023-05: PISA mal etwas anders betrachtet

Viel, aber auch nicht zu viel, wurde in den letzten Tagen zur neuen PISA-Studie geschrieben. Viel Richtiges, aber auch viel Unsinn. Corona hat mit dem schlechten Abschneiden so gut wie nichts zu tun und Migration spielt eine Rolle, aber nicht die entscheidende.
Spannend für mich war zu beobachten, ich habe die Pressekonferenz im Livestream verfolgt, dass die Ministerin fehlte, die KMK-Vorsitzende Berliner Programme als Lösungen präsentierte und der Staatssekretär Binsenweisheiten verbreitete. Die Kernergebnisse der Studie waren ja, dass Deutschland im Lesen, in Mathematik und in Naturwissenschaften schwach ist, dass Bildung immer noch zu stark von der sozialen Herkunft abhängt und, dass darauf reagiert werden müsse. So weit so gut, so nicht neu; man kann, frei nach dem bekannten Film mit Bill Murray, mit Fug und Recht von einer „Murmeltierstudie“ sprechen. Genauso murmeltierig kommen die Reaktionen aus der Bildungspolitik daher: Bildung muss früher ansetzen, am besten in der Kita, wir brauchen qualitativ hochwertige Ganztagsangebote, zielgerichtete Förderung für benachteiligte Schülerinnen und Schüler usw. Ach ja, das Startchancen-Programm werde all das bringen.
Wir wissen alle, dass das wohl nicht der Fall ist, dass der Digitalpakt 2 in der Schwebe ist, dass das Startchancen-Programm unterdimensioniert ist und die Investitionsschuld alleine in die Gebäudesubstanz der Schulen bei mindestens 30 Mrd. Euro liegt.
Interessant war auch, dass aus der Presse kaum Nachfragen zur Studie kamen, anscheinend ist niemand überrascht und die Erwartungen wurden erfüllt. Der wirklich große Aufschrei blieb ja auch aus. Innerhalb der Bildungsbubble war Empörung spürbar, aber eher Zynismus, Resignation und das Gefühl verhöhnt zu werden. Bildung und Kinder scheinen in diesem Land kaum Stellenwert zu besitzen.
Wer genau hingehört hat, hat aber vielleicht vernommen, dass aus manchen vornehmlich professoralen Ecken, die Forderung kam, wieder strenger bewerten zu müssen, als ob das eine Lösung wäre. Der Philologenverband sieht in der Studie die Gliedrigkeit des Schulsystems (so Lin-Klitzing auf LinkedIn) bestätigt, wo auch immer das zu lesen sein soll.
Die Autoren der Studie haben auf der Pressekonferenz aber eigentlich gefordert, was in der Debatte wenig Erwähnung findet, dass vier Reaktionen nötig wären:

  1. Schulen brauchen bedarfsorientierte Zuwendungen!
  2. Schülerinnen und v.a. Schüler brauchen mehr Leseförderung!
  3. Schule und Unterricht brauchen eine stärkere Anknüpfung an die Lebenswelt der Schülerinnen und Schüler!
  4. Es braucht mehr Förderprogramme wie nach der 1. Studie von 2001. Diese Programme sind mittlerweile, trotz Wirksamkeit, allesamt ausgelaufen!

Keiner dieser Punkte scheint im Moment ernsthaft diskutiert zu werden. (Ja, ich weiß: Startchancenprogramm…).
Ich habe aber noch eine wirklich andere These in die Debatte einzubringen. Was, wenn sowohl das Schulsystem als auch die PISA-Studie mittlerweile anachronistisch sind? Was wenn die Lebensrealität der Schülerinnen und Schüler (fast) nichts mehr mit der Lebensrealität von Schule und damit den von PISA gemessenen Inhalten und Kompetenzen zu tun hat?
Thomas Ferber, der Schulleiter der Richtsbergschule in Marburg, hat neulich in einer Keynote, die gleichermaßen interessante wie provokante These aufgestellt, dass in fünf bis zehn Jahren die Schülerinnen und Schüler nicht mehr in die Schule kommen werden, weil das was dort passiert nichts mehr mit ihnen zu tun hat.
Die erste PISA-Studie hat den Begriff der Lesefähigkeit durch den Begriff der Literacy ersetzt, der stärker auf die Kompetenzebene fokussiert. Das war ein Schritt in die richtige Richtung. Die rasante Veränderung der Welt durch KI, soziale Medien und durchaus besorgniserregende gesellschaftliche und politische Prozesse, ganz zu schweigen vom Klimawandel, erfordern aber ganz andere Fähigkeiten. Die Kompetenzebene muss noch stärker betont werden, wir brauchen einen Fokus auf Digital-Literacy, der den Umgang mit Wissen in einer Kultur der Digitalität einbezieht, mit Wissen dessen Erreichbarkeit eine ganz andere Dimension angenommen hat, das aber auch zunehmend fragiler wird, z.B. durch Deep-Fakes (nicht nur von Bildern).
Was will ich damit sagen? Ich fürchte, selbst wenn wir jetzt ernsthaft die vorgeschlagenen Konsequenzen aus PISA ziehen würden, greift das zu kurz. Wir müssen noch weiter denken. Wir müssen anfangen die Systemfrage zu stellen. Wir brauchen eine neue Vorstellung von Bildung im 21. Jahrhundert und damit ein neues Schulsystem.

Nachträglich ergänzt:

Interessant ist der englische Ansatz in diesem Zusammenhang. England habe sich durch eine Abkehr von kompetenzorientierten Lehrplänen und einer stärkeren Vermittlung von Fachwissen in der PISA-Studie kontinuierlich verbessert, obwohl PISA ja Kompetenzen abprüft: https://deutsches-schulportal.de/bildungswesen/england-welche-reformen-haben-zur-bildungswende-gefuehrt/.
Ich denke, dass Fachwissen die Basis für Kompetenzen ist und war. Wichtig ist dabei ein Fokus auf das relevante Grundlagenwissen.

Noch zwei Interviews mit Olaf Köller von der SWK:
https://deutsches-schulportal.de/bildungswesen/olaf-koeller-was-jetzt-aus-pisa-2022-folgen-muss/
https://www.jmwiarda.de/2024/01/29/ist-pisa-in-deutschland-ein-auslaufmodell/?s=09.