WfS-13: DER Pädagogische Tag

In Schulentwicklung gibt es Momente, in denen sich entscheidet, ob man wirklich etwas verändert oder ob man weiter über Veränderung spricht.

Der Pädagogische Tag am Aschermittwoch war für uns ein solcher Moment. Hier würde sich zeigen, in welche Richtung wir das von der Gesamtkonferenz vor über einem Jahr beschlossene Mandat zur Öffnung von Unterricht interpretieren und ob das Kollegium bereit ist, diesen Schritt zu gehen. Entsprechend groß war meine Nervosität, schließlich ist meine persönliche Vorstellung von Öffnung von Unterricht weitreichend.

Dabei war es im WfS-Blog zuletzt eher still. Zuletzt habe ich im Oktober über den Schulentwicklungs-Blues geschrieben und im August 2025 über den Entwicklungsprozess, der ernst wird und Fahrt aufnimmt. Still war es allerdings nur hier im Blog, nicht in der Schulentwicklung selbst.

Die Schulentwicklungsgruppe (SEG) hat zahlreiche Arbeitsgruppen gebildet, die sich mit Elementen der Öffnung von Unterricht auseinandergesetzt haben: BarDienstag, Feedback, Pädagogischer Tag, Projekttage, Selbstreguliertes Lernen und Graduierung. All diese Gruppen haben im Grunde auf diesen Pädagogischen Tag hingearbeitet. Er wurde damit zu einem Dreh- und Angelpunkt unserer Schulentwicklung.

Wie in den vorhergehenden Blogbeiträgen beschrieben, haben wir uns in den letzten zwei Jahren Strukturen geschaffen, um partizipative und zugleich strukturierte Schulentwicklung zu betreiben. Wir haben die DNA-Gruppe zusätzlich zur SEG aufgebaut, neue Austauschformate etabliert, etwa Barcamp und Open Space, sind Selbstständige Schule geworden, haben Schülerinnen und Schüler sowie Eltern einbezogen und zahlreiche Pilotprojekte gestartet, etwa Zukunftsschmiede und Projektklasse.

Wir haben vielen Ideen bewusst große Freiheiten gewährt und sind so in unterschiedliche Richtungen losgelaufen. Das war wenig strukturiert, hat aber Denk- und Möglichkeitsräume geschaffen. Gleichzeitig war das für manche Kolleginnen und Kollegen irritierend, da nicht immer klar war, wohin unsere Reise gehen sollte.

Schulentwicklung ist eine Gratwanderung zwischen strukturiertem Vorgehen und Experimentieren, zwischen Vielfalt und Konzentration auf das Wesentliche, zwischen Transparenz und schnellen Entscheidungen sowie zwischen Partizipation und dem Ergreifen spontaner Möglichkeiten. Dabei müssen Belastung des Kollegiums, Kommunikation, Ressourcen und rechtlicher Rahmen austariert werden.

Schulentwicklung ist somit ein komplexer Veränderungsprozess, der ein System an die Grenzen der Belastbarkeit bringt, während der Normalbetrieb weiterläuft. Bob Blume hat das einmal mit dem Umbau eines Propellerflugzeugs in einen Düsenjet während des Flugs beschrieben.

Deshalb ist es wichtig, innezuhalten und sich zu vergewissern, wo man steht und wo man hin will. Das war eine Forderung aus dem Kollegium und zugleich eine prozedurale Notwendigkeit. Ein Pädagogischer Tag bietet sich dafür an.
Da es uns um Strukturierung und Zielrichtung ging, war schnell klar, dass externe Expertise wenig helfen würde. Nur wir als Schulgemeinschaft kennen unsere formellen und informellen Strukturen. Gleichzeitig war klar, dass dieser Tag für unsere weitere Entwicklung zentral sein würde.

Also machten wir uns in einer Arbeitsgruppe an die Planung. Ein wirksamer Pädagogischer Tag muss Orientierung geben, ohne zu überfahren, und Beteiligung ermöglichen, ohne sich zu verlieren.
Nach mehreren Treffen stand ein Gerüst. Ich begann mit einem Impuls (nachzulesen hier), anschließend sahen wir kurze Praxisbeispiele. Danach arbeiteten wir im World-Café zu vier Fragen:

1. Was verstehen wir unter Öffnung von Unterricht bei uns?
2. Was finden wir daran pädagogisch sinnvoll oder reizvoll?
3. Wo sehen wir Schwierigkeiten, Grenzen oder berechtigte Sorgen?
4. Was wäre ein realistischer erster Schritt bei uns?

Die Ergebnisse wurden im Gallery-Walk zusammengeführt und anschließend in Arbeitsphasen zu konkreten Projekten weiterentwickelt.

    Entscheidender als die Methoden war jedoch etwas anderes. Die Diskussion blieb nicht abstrakt. Es ging nicht mehr darum, ob Öffnung sinnvoll ist, sondern wie sie bei uns aussehen kann und wo wir bewusst vorsichtig sein wollen. Skepsis verschwand nicht, aber sie wurde produktiv.

    In der Summe sind wir damit einen Schritt weitergekommen, weniger in einzelnen Projekten als in unserem gemeinsamen Verständnis von Schulentwicklung. Wir haben nicht beschlossen, Schule neu zu erfinden, sondern begonnen, sie bewusst zu verändern.

    Bis Pfingsten werden nun kleine Vorhaben im Unterricht erprobt. Zwei Kolleginnen haben beispielsweise ein fächerübergreifendes Genetik-Projekt im Jahrgang 9 entwickelt, in anderen Klassen soll ein Graduierungssystem getestet werden. Die Arbeitsgruppen der SEG arbeiten weiter, und auf der Gesamtkonferenz im Juni werden wir die Erfahrungen auswerten.

    Der Tag hat keine fertige Lösung hervorgebracht. Aber er markiert den Übergang von der Idee zur gemeinsamen Praxis.

    Dieser Übergang macht den Entwicklungsprozess für die gesamte Schulgemeinschaft greifbar. Das wird ziemlich sicher auch zu Konflikten führen, und genau darin liegt die nächste Entwicklungsaufgabe und darum wird es im nächsten Blogbeitrag gehen.

    Persönlicher Epilog
    Im Vorfeld des Pädagogischen Tages wurde ich zunehmend nervös. Meine Gedanken kreisten um Methoden, Formulierungen und mögliche Reaktionen. Es fiel mir schwer, mich auf andere Aufgaben zu konzentrieren, weil unklar war, ob ein relevanter Teil des Kollegiums bereit ist, den Prozess mitzutragen. Für meinen Impuls habe ich viel Feedback eingeholt und mehrfach nachjustiert.

    Nach dem Tag war ich vor allem sehr erschöpft und erleichtert. Ich wusste wieder, warum ich diesen Job mache und dass es sich lohnt.

    Newsletter 25/26-11: 20.02.2026

    Liebe Schulgemeinschaft,

    am vergangenen Mittwoch hatten wir einen wichtigen Pädagogischen Tag. Es ging darum, ob wir uns auf die Öffnung von Unterricht einlassen und beginnen Lernprozesse zu individualisieren. Ich denke, der Tag hat gezeigt, dass wir das angehen und beginnen Schule zu verändern. Das ist alles noch nicht beschlossene Sache, aber ein mutiger und wichtiger Schritt in die richtige Richtung, davon bin ich zutiefst überzeugt.
    Ich gebe hier das Skript meines Eingangsimpulses zum Pädagogischen Tag wieder, damit die ganze Schulgemeinschaft nachvollziehen kann, was wir gemacht haben. Weitere Informationen zu den Ergebnissen folgen. Hier also meine Rede:

    „Liebe Kolleginnen und Kollegen,
    wenn man durch unsere Schule geht, sieht man vieles, worauf man stolz sein kann.
    Engagement, Beziehungen, Verlässlichkeit, Fachlichkeit.
    Und gleichzeitig erleben wir alle Situationen, die uns beschäftigen:
    Schülerinnen und Schüler, die arbeiten könnten, aber nicht anfangen.
    Andere, die längst weiter wären, aber warten.
    Wieder andere, die sich entziehen, obwohl wir viel investieren.
    Wir reagieren darauf oft mit noch mehr Erklären, noch mehr Struktur, noch mehr Steuerung.
    Und trotzdem merken wir:
    Für einen Teil funktioniert das gut, für einen wachsenden Teil immer weniger.
    Das ist kein individuelles Problem der Weibelfeldschule.
    Es ist ein Strukturproblem von Lernen im Gleichschritt.
    Und genau deshalb sitzen wir heute hier.
    Ich habe an diesem Vortrag ungewöhnlich lange gearbeitet.
    Nicht, weil mir Inhalte fehlen, sondern weil mir klar ist:
    Dieser Tag ist wichtig für unsere Schule.
    Mir geht es nicht um irgend ein neues Konzept, sondern darum, wie wir in Zukunft gemeinsam unterrichten und arbeiten wollen.
    Ich bin überzeugt, dass Öffnung von Unterricht uns dabei helfen kann und dass wir das als Weibelfeldschule auf unsere eigene Weise entwickeln müssen.

    Unser gemeinsamer Auftrag
    Die Gesamtkonferenz hat der DNA-Gruppe einen klaren Arbeitsauftrag gegeben:
    die Öffnung von Unterricht als Entwicklungsrichtung unserer Schule voranzutreiben.
    Nahezu einstimmig.
    Das heißt:
    Wir entscheiden heute nicht, ob wir uns bewegen, in Bewegung sind wir immer.
    Wir überlegen heute gemeinsam, wie wir uns bewegen.
    Und wir haben uns bewusst entschieden, diesen Weg ohne fertiges externes Konzept und ohne externe Referenten zu gehen.
    Nicht, weil es keine guten Ansätze gäbe,
    sondern weil Schule immer konkret ist.
    Unsere Lerngruppen, unsere Erfahrungen, unsere Fächerstruktur, unsere Geschichte;
    all das kann kein Modell von außen passend für uns festlegen.
    Deshalb entsteht die Entwicklung hier:
    aus unserem Unterricht, für unseren Unterricht, für unsere Schule.
    Das ist anspruchsvoller, aber nachhaltiger.

    Wir starten nicht bei Null
    Viele Schulen, auch in der Umgebung, beschäftigen sich inzwischen mit ähnlichen Fragen:
    Wie Lernen individueller werden kann und wie Unterricht anders organisiert werden kann.
    Für uns ist das aber nicht nur eine Reaktion auf Entwicklungen um uns herum.
    Die Weibelfeldschule hatte schon immer den Anspruch, Dinge aktiv zu gestalten und nicht abzuwarten, bis sie notwendig werden.
    Die Weibelfeldschule ist schon immer eine innovative Gesamtschule mit großem Potenzial in Kollegium, Elternschaft und natürlich auch bei den Schülerinnen und Schülern. Ganz viele Dinge sind hier schon angelegt und werden schon ausprobiert, daran können wir anknüpfen und mutig weiterdenken.
    Lassen Sie es uns angehen!

    Die Vision
    Bevor ich Begriffe kläre, lassen Sie mich kurz beschreiben, woran wir merken würden, dass wir auf dem richtigen Weg sind, eine kleine Zukunftsreise.
    Man kommt in einen Klassen- oder Lernraum, und nicht alle tun gleichzeitig dasselbe, aber alle arbeiten.
    Einige besprechen etwas, andere lesen, andere schreiben, jemand holt sich gezielt Hilfe.
    Die Lehrkraft steht nicht vorne, sondern bewegt sich, spricht kurz mit Einzelnen, klärt Fragen, gibt Rückmeldung.
    Schülerinnen und Schüler wissen, woran sie arbeiten und warum.
    Sie warten weniger und wir treiben weniger an.
    Leistung entsteht sichtbarer aus Lernarbeit als aus Kontrolle.
    Und am Ende eines Tages sind alle zufrieden und nicht erschöpft.
    Das wäre für mich ein Zeichen, dass wir auf dem richtigen Weg sind.
    Mir ist wichtig, an dieser Stelle klar zu sein:
    Wir starten heute keinen unverbindlichen Austausch.
    Die Öffnung von Unterricht ist eine Entwicklungsrichtung unserer Schule.
    Nicht jede und jeder muss sofort alles verändern, – aber jede und jeder wird einen eigenen Schritt erproben.

    Die konkrete Form entsteht aus Ihrer Praxis heraus,
    der Auftrag zum Ausprobieren gilt für uns alle.
    Wir vereinbaren heute Versuche.
    Nach der Erprobungsphase sprechen wir darüber,
    was wir als Schule daraus übernehmen uns entwickeln.

    Worum es dabei wirklich geht
    Öffnung von Unterricht bedeutet nicht weniger Anspruch.
    Und auch nicht weniger Rolle der Lehrkraft.
    Es bedeutet etwas anderes:
    Dass Lernen nicht mehr hauptsächlich dadurch entsteht,
    dass wir erklären und kontrollieren, sondern dadurch,
    dass Schülerinnen und Schüler beginnen, Verantwortung zu übernehmen.
    Nicht sofort.
    Nicht vollständig.
    Aber Schritt für Schritt.
    Unser Ziel ist nicht absolute Freiheit oder Beliebigkeit und Persönlichkeitsbildung
    Unser Ziel ist mehr wirksame Lernzeit.
    Mehr Schülerinnen und Schüler, die arbeiten,
    statt beschäftigt zu werden.
    Mehr Klarheit darüber, woran sie warum arbeiten,
    statt nur Aufgaben abzuarbeiten.
    Es geht uns um Kompetenzvermittlung auf Wissensbasis.
    Und für uns bedeutet das:
    weniger Energie im Antreiben,
    mehr Energie im Begleiten.

    Was sich schnell verändern kann – Quick Wins
    Wichtig ist: Die Wirkung beginnt nicht erst irgendwann.
    Wenn Lernziele klar sind, entstehen weniger Nachfragen.
    Wenn nicht alle gleichzeitig feststecken, entstehen weniger Störungen.
    Wenn Schülerinnen und Schüler wissen, woran sie arbeiten, beginnt Unterricht schneller.
    Das sind keine großen Reformen,
    das sind kleine Verschiebungen mit direkter Wirkung im Alltag.
    Der erste Gewinn ist deshalb kein pädagogischer Idealzustand,
    sondern kann ein ruhigerer, klarerer Unterrichtstag sein.

    Drei Schritte dahin
    Damit das kein Schlagwort bleibt, schauen wir genauer hin. In meinem Verständnis entsteht Öffnung von Unterricht in drei Schritten:

    1. Selbstreguliertes Lernen
      Schülerinnen und Schüler verstehen ihr eigenes Lernen, ihren Lernprozess.
      Was kann ich?
      Was fehlt mir noch?
      Was ist mein nächster Schritt?
      Reflexion, Feedback, Lernziele, kurze Gespräche.
      ➡️ Verantwortung beginnt im Kopf.
    2. Selbstgesteuertes Lernen
      Nicht alle tun gleichzeitig dasselbe,
      aber alle arbeiten am Ziel,
      in unterschiedlichem Tempo oder mit unterschiedlichen Zugängen.
      Struktur bleibt.
      Aber sie dient dem Lernen, nicht der Gleichzeitigkeit.
      ➡️ Lernen bekommt Richtung statt Takt.
    3. Selbstorganisiertes Lernen
      Schließlich entsteht echte Aktivität:
      Schülerinnen und Schüler planen, kooperieren, erstellen Produkte.
      Nicht als Event — sondern als Teil des Lernens.
      ➡️ Lernen wird Handlung und Haltung.

    Diese Schritte entstehen nicht durch Beschluss.
    Sie entstehen durch Erfahrung.

    Der langfristige Gewinn
    Langfristig verändert sich mehr als einzelne Stunden.
    Wenn Lernende Verantwortung übernehmen können,
    müssen wir weniger antreiben und kontrollieren.
    Lernende sind motivierter und Lernen in ihrem Tempo, um ihr maximales Potenzial und ihre Selbstständigkeit zu entfalten.
    Dann verschiebt sich auch unsere Rolle:
    weg vom dauernden Aktivieren, Kontrollieren und Disziplinieren
    hin zum gezielten Unterstützen, Begleiten und Entwickeln.
    Lernen wird planbarer, Beziehung entspannter
    und Leistung entsteht häufiger aus Mitarbeit statt aus Druck.
    Das Ziel ist kein neues Idealbild von Schule,
    sondern ein Arbeitsalltag, der für Lehrende und Lernende wieder besser zusammenpasst und der uns alle entlastet – psychisch und physisch.
    Erfahrungen zeigen, dass Schulen, die so arbeiten bessere Lernergebnisse erzielen, ein spürbar besseres Schulklima haben und den bestehenden Herausforderungen besser gerecht werden.

    Was heute passiert
    Heute bauen wir kein fertiges System.
    Heute beginnen wir.
    Wir überlegen:
    • Wo könnte ich einen ersten Schritt gehen?
    • Was wäre ein kleiner, machbarer Versuch?
    • Was probiere ich bis Pfingsten aus?
    Nicht alles wird funktionieren.
    Und das ist ausdrücklich eingeplant.
    Es geht nicht darum, einzelne perfekte Lösungen zu finden,
    sondern darum, als Schule herauszufinden, was für uns trägt.
    Auch Scheitern ist Lernen!

    Denn Schulentwicklung entsteht nicht dadurch,
    dass wir das Richtige beschließen,
    sondern dass wir gemeinsam herausfinden, was trägt.

    Einladung
    Niemand muss heute begeistert sein.
    Aber alle können heute einen Anfang machen, können sich einlassen.
    Wir verändern nicht auf einmal die ganze Schule.
    Aber wir können beginnen, sie so zu verändern,
    dass mehr gelernt wird und weniger verhindert.
    Wenn Unterricht wieder häufiger gelingt,
    verändert sich nicht nur Leistung.
    Dann verändert sich Atmosphäre.
    Dann kommen Schülerinnen und Schüler noch lieber in die Weibelfeldschule,
    und wir unterrichten noch lieber an der Weibelfeldschule.
    Nicht weil Schule einfacher wird sondern weil sie wieder stimmiger wird.
    Wenn wir wollen, dass Unterricht sich verändert,
    reicht es nicht, darüber zu sprechen.
    Veränderung entsteht erst, wenn wir konkrete Erfahrungen machen.
    Genau das beginnt jetzt:“

    Ihr

    Erik Grundmann

    Und hier wieder als Angebot, ein paar Links, Tipps und Empfehlungen, das naturgemäß nach den Ferien etwas ausführlicher ausfällt:

    Interessantes
    Scheitern lernen ist wichtig für Kinder (auf Englisch): https://www.scientificamerican.com/article/letting-kids-fail-is-crucial/. Über meine persönliche Scheiternsgeschichte habe ich einmal gebloggt: https://www.schulmun.de/2025/11/23/blog-2025-25-vom-scheitern/.
    Fünf populäre Irrtümer in der Bildung fasst Edutopia zusammen (Spoiler: Noten sind nicht motivierend, Feedback ist besser): https://www.edutopia.org/article/education-myths-not-backed-by-research.
    Die Uni Tübingen hat zum 60. Geburtstag von Thorsten Bohl eine Festschrift mit dem Titel „Bildung.Besser.Machen“ herausgebracht, die hier abgerufen werden kann: https://publikationen.uni-tuebingen.de/xmlui/handle/10900/170414.
    Werner Klein blickt für das „Deutsche Schulportal“ auf 25 Jahre PISA zurück: https://deutsches-schulportal.de/meinung/25-jahre-pisa-kein-grund-zum-feiern/. Ich würde hier kritisch ergänzen, dass es nicht gelungen ist nachhaltige Verbesserungen zu erreichen, weil keine konsequente Förderung evidenzbasiert erfolgreicher Programme geschafft wurde und weil es zu keinen wirklich elementaren Reformen kam.
    Das „Institut für zeitgemäße Prüfungskultur“ ist immer einen Besuch wert, hier kann man den Newsletter abonnieren: https://newsletter-zeitgemasse-prufungskultur.ghost.io/.
    News4Teachers rezensiert ein Buch der Psychotherapeutin Maria M. Bellinger, die davor warnt Kinder zu sehr zu schützen und zu wenig zu führen: https://www.news4teachers.de/2025/12/erziehung-wenn-eltern-zu-viel-schuetzen-und-zu-wenig-fuehren-was-das-fuer-kita-und-schule-bedeutet/.
    Ein kritischer Blick auf die Problematik von KI-generierten Bildern und Filmen in historischen Dokumentationen: https://www.wissenschaftskommunikation.de/diese-bilder-formen-ein-geschichtsbild-das-eine-ki-festgelegt-hat-94241/.

    Smartphone und Social-Media
    Die Tagesschau berichtet über die Studienlage zu Auswirkungen von Social Media auf das Gehirn von Kindern und Jugendlichen: https://www.tagesschau.de/wissen/forschung/jugendliche-anfaelligkeit-social-media-100.html.

    KI
    Das FWU arbeitet im Auftrag der KMK an einem intelligenten adaptiven System (AIS), einem KI-gestützten individuellen Tutor, für Schulen: https://ais.schule/.
    Der wissenschaftliche Diskurs läuft auf Hochtouren (und das ist gut so): Hilft KI beim Lernen oder nicht? Eine kritische Position gibt es hier: https://fordhaminstitute.org/national/commentary/ai-assisted-learning-stumbles-evidence. Auch hier gibt es eine kritische Position (Bericht von „NPR“ über eine Brookings-Studie: https://www.npr.org/2026/01/14/nx-s1-5674741/ai-schools-education. „Wired“ berichtet über ein Forschungspapier aus dem hervorgeht, dass KI-Agentensysteme mathematisch nicht funktionieren können: https://www.wired.com/story/ai-agents-math-doesnt-add-up/. Zu ganz anderen Ergebnissen, nämlich dass KI-Tutoring zu signifikanten Leistungsverbesserungen führen kann, kommt eine Harvard-Studie, die hier einem Review unterzogen wird (Spoiler: Das muss natürlich gut gemacht sein): https://etcjournal.com/2025/11/10/review-of-kestin-et-al-s-june-2025-harvard-study-on-ai-tutoring/. Dieser Artikel unterstützt das: https://link.springer.com/article/10.1007/s10648-025-10039-x. Und da schließt sich der Kreis zum ersten Beitrag in diesem Unterkapitel. Auf jeden Fall kann KI englische Texte übersetzen oder auf Deutsch zusammenfassen 😉
    „NPR“ berichtet auch von den Folgen zu enger Bindungen zu KI: https://www.npr.org/2026/02/14/nx-s1-5711441/ai-chatgpt-openai-love-betrayal-delusion-chatbot.
    In Österreich wurde erstmals ein Schüler wegen KI-Sexbildern suspendiert: https://steiermark.orf.at/stories/3341568/.
    Neue Studie aus Österreich: https://www.saferinternet.at/news-detail/neue-studie-ki-chatbots-als-alltagsbegleiter-fuer-jugendliche.
    Und ebenso aus Österreich stammt Open Claw (https://openclaw.ai/), ein KI-Agent, der im Moment in aller Munde ist und der gefeiert und gefürchtet wird. Hier wird er gefeiert: Hier gibt es ein Interview mit Peter Steinberger: https://on.orf.at/video/14311959/zib-2-langfassung-ki-entwickler-peter-steinberger-im-interview und hier einen Bericht im „Handelsblatt“: https://www.handelsblatt.com/technik/ki/ki-briefing-open-claw-entfesselt-ki-agenten-sind-wir-darauf-vorbereitet/100199808.html. Der WDR warnt vor der Nutzung: https://www1.wdr.de/nachrichten/openclaw-der-ki-agent-auf-dem-eigenen-computer-100.html, ebenso „Heise“, bzw. „c’t“:  https://www.heise.de/news/OpenClaw-ausprobiert-Die-gefaehrlichste-Software-der-Welt-11161203.html.
    Das „Civic DataLab“ hat in einem kurzen Beitrag von Anja Stoiser die Geschichte der KI zusammengetragen und beschäftigt sich dort auch mit der Zukunft: https://civic-data.de/blog/wer-hat-die-ki-erfunden-warum-kollektive-verantwortung-entscheidend-ist/. Umfassender fasst „Medium“ die Geschichte der KI zusammen: https://medium.com/block-science/inside-the-very-human-origin-of-the-term-artificial-intelligence-and-its-seven-decade-c36e0326245e. ChatGPT liefert folgende Essenz in einem Satz: „„Künstliche Intelligenz“ ist nicht einfach ein technischer Begriff, sondern ein historisch gewachsener, kulturell geprägter Diskursbegriff, dessen Bedeutung sich mit Erwartungen, Technologien und gesellschaftlichen Kontexten ständig verändert.“
    Jetzt wird es abgefahren! Unter https://rentahuman.ai/ können KI-Agenten sich Menschen mieten, die Tätigkeiten übernehmen, die ein KI-Agent nicht ausführen kann. Und mit https://www.moltbook.com/ haben diese Agenten ein eigenes „soziales“ Netzwerk, spannend dort etwas „herumzuklicken“.

    Tipps für den Unterricht
    Ein schönes Unterrichtsprojekt für die ganze Schule: https://deutsches-schulportal.de/unterricht/eine-ganze-schule-liest-ein-buch/.
    Hier: https://joschafalck.de/interaktive-lernmaterialien-mit-ki/ zeigt Joscha Falck, wir er mit KI interaktive Lernmaterialien erstellt.
    Uta Hauck-Thum und Micha Pallesche haben in ChatGPT einen „LehrLernKompass“ erstellt, der Lehrkräfte dabei unterstützt Lehren und Lernen gemeinsam weiterzuentwickeln. Im Fokus stehen Lernsettings, die Basiskompetenzen sichern und zukunftsrelevantes Lernen ermöglichen. Zugangsvoraussetzung ist die Nutzung von ChatGPT: https://chatgpt.com/g/g-6968caf825d08191930942f34592bf61-lehrlernkompass.
    Zur Unterrichtsentwicklung gibt es die empfehlenswerte aus Japan stammende Methode des „Lesson Study“. Das „Deutsche Schulportal“ erklärt, was das ist und wie es geht: https://deutsches-schulportal.de/unterricht/mit-lesson-study-den-eigenen-unterricht-erforschen/.
    Bildungsspirit hat eine Diagnosetool für eine erste Bewertung von Schülerinnen- und Schülerverhalten entwickelt: https://bildungsspirit.de/tool.html.
    Auf der Seite https://www.moralmachine.net/ lassen sich ethische Fragen zu KI durchspielen und man nimmt gleichzeitig an einer wissenschaftlichen Studie teil.
    Einen wirklich guten 2D- und 3D-Einblick in den menschlichen Körper gibt es auf dieser (kostenlosen, aber kommerziellen!) Seite: https://www.innerbody.com/htm/body.html

    Leseempfehlung
    Heute will ich mal kein Buch empfehlen, sondern eine Zeitschrift, nämlich die „Pädagogische Führung, Zeitschrift für Schulleitung und Schulberatung“, herausgegeben von den Professoren Burow, Häcker u.a. Sie erscheint bei  Carl Link (Wolters-Kluwer) und beschäftigt sich mit aktuellen und spannenden Themen, die sich wirklich für die Praxis der Schulleitung lohnen.

    Hörempfehlung
    Stefan Ruppaner zur „Schmetterlingspädagogik“ im, grundsätzlich empfehlenswerten, Podcast „Kapierfehler“ von Neurodivergenz-Expertin Corina Elfe (https://kapierfehler.de/): https://podcastaddict.com/kapierfehler-neurodivergenz-und-schule/episode/213358259.

    Sehempfehlung
    Schöne Arte-Doku zu Schularchitektur: https://www.arte.tv/de/videos/117186-001-A/das-gebaute-versprechen-schularchitektur/.
    37 Grad-Doku auf ZDF über einen auf Social-Media erfolgreichen Lehrer: https://www.zdf.de/video/reportagen/37-grad-104/37-ein-lehrer-geht-viral-100.
    Sehenswerter TED-Talk von der Kinderpsychologin Kathryn Hecht, die Kindern mit Konfrontationstherapie Ängste nimmt und so ihre Resilienz stärkt (Spoiler: Gute Eltern räumen ihren Kindern nicht alle Probleme aus dem Weg, sondern schaffen Selbstvertrauen zur Lösung durch das Kind): https://www.ted.com/talks/kathryn_hecht_how_to_raise_kids_who_can_handle_hard_things.

    Veranstaltungsempfehlung
    Bildungsgipfel der Zuversicht 2026 – kostenfreie Online-Teilnahme Vom 20. bis 28. Februar 2026 findet der 6. Pioneers of Education Bildungsgipfel online statt – eine Woche voller Inspiration, Praxisbeispiele und Austausch rund um die Schule der Zukunft. Über 40 Expertinnen und Experten teilen ihre Erfahrungen zu Themen wie Demokratiebildung, digitale Innovation, Nachhaltigkeit und mentale Gesundheit. Die Teilnahme ist kostenfrei und zeitlich flexibel. Ideal für alle, die mit Mut und neuen Ideen Schule gestalten möchten. Alle Infos: https://pioneersofeducation.online.
    Save the Date: Am 23. September 2026 kommt Bob Blume (https://bobblume.de/) ins Bürgerhaus Dreieich, weitere Informationen folgen.Spaß im Netz
    Malen sie ein Pferd und lassen sie es mit anderen laufen: https://gradient.horse/.

    Newsletter 25/26-05: 07.11.2025

    Liebe Schulgemeinschaft,

    die Bundesschülerkonferenz hat am 30. Oktober ihren Call-to-Action präsentiert (https://bundesschuelerkonferenz.com/call-to-action/). Dort wird eine Krise der mentalen Gesundheit junger Menschen konstatiert, die durch zahlreiche Studien belegt wird, zum Beispiel durch die COPSY-Studie (https://www.uke.de/kliniken-institute/kliniken/kinder-und-jugendpsychiatrie-psychotherapie-und-psychosomatik/forschung/arbeitsgruppen/child-public-health/forschung/copsy-studie.html) oder im aktuellen Deutschen Schulbarometer (https://www.bosch-stiftung.de/de/projekt/das-deutsche-schulbarometer) oder im BiPsy-Monitor (https://bipsy.de/). Laut Schulbarometer geben nur 8% der Schülerinnen und Schüler ein hoch ausgeprägtes schulisches Wohlbefinden an. Auf der Instagram-Seite der Copsy-Studie heißt es: „Im Herbst 2023 fühlte sich etwa die Hälfte der jungen Erwachsenen durch verschiedene Krisen belastet. Rund ein Fünftel zeigte Anzeichen von Angst, und etwa ein Zehntel berichtete von depressiven Symptomen.“ (https://www.instagram.com/p/DONj9fDjFZG/?img_index=1).

    Die Studienlage ist eigentlich eindeutig, vielen Jugendlichen geht es nicht gut und der Trend ist negativ. Gleichzeitig wird es immer schwieriger ambulante und stationäre Therapieplätze zu finden, die Wartezeiten sind sehr lang.

    Die Studien zeigen auch, dass Leistungsdruck, Mobbing, mangelnde Unterstützung und vieles mehr in der Schule einen Teil zu dieser Situation beiträgt. Also liegt es auch in der Verantwortung der Schule, einen Teil zur Verbesserung der Situation, im Rahmen ihrer Möglichkeiten, beizutragen.

    Dazu gehört als erster Schritt, das Problem und die Verantwortung dafür anzuerkennen.

    Mit der im letzten Newsletter (https://www.schulmun.de/2025/10/24/newsletter-25-26-04-24-10-2025/) vorgestellten Verpflichtung des Hessischen Schulgesetzes „zur Wohlfahrt der Schülerinnen und Schüler und zum Schutz ihrer seelischen und körperlichen Unversehrtheit, geistigen Freiheit und Entfaltungsmöglichkeit“ (§3 Abs. 9) und dem damit etablierten Schutzkonzept gehen wir einen Schritt in die richtige Richtung, sind aber auch erst am Anfang. Auch das Medienkonzept und die Module zum sozialen Lernen sind Bausteine auf dem Weg zu mehr Salutogenese von Lernenden und Lehrenden. Unser Ziel ist ja, so sieht es das von der Gesamtkonferenz beschlossene Mandat für die DNA-Gruppe vor, eine Schule zu sein, in die alle Schülerinnen, Schüler und Lehrkräfte gerne gehen. Und dazu braucht es einen respektvollen Umgang und ein von jeglicher Gewalt freies Schulklima.
    Dafür tun wir schon Einiges, sind uns aber auch bewusst, dass wir dafür die Unterstützung der Familien, eigentlich der gesamten Gesellschaft brauchen.

    Die Bundesschülerkonferenz hat in dem erwähnten Call-to-Action zehn unterstützenswerte Forderungen aufgestellt, die ich hier vollumfänglich wiedergebe:
    „Unser 10-Punkte-Plan:

    1. Mehr Personal in Schulsozialarbeit und im schulpsychologischen Dienst
    2. Bessere Schulstrukturen: individuelle Förderung, mehr Pausen, Entlastung der Lehrkräfte, gute Ganztagsmodelle
    3. Förderung von Medienkompetenz in allen Unterrichtsfächern
    4. Mentale Gesundheit als Querschnittsaufgabe für alle Schularten und Unterrichtsfächer
    5. Fortbildungen, die Lehrkräfte und pädagogisches Personal befähigen, sich den Herausforderungen psychischer Belastungen zu stellen
    6. Gesundheitsförderung als Teil der Schulkultur etablieren mit Strategien zur Prävention und Früherkennung von psychischen und physischen Krankheiten (z.B. Angebote für mehr Bewegung, gesunde Ernährung und Einsatz schulgerechter digitaler Tools zur Unterstützung von mentaler Gesundheit)
    7. Verbindliche Schutzkonzepte gegen Mobbing und Diskriminierung
    8. Vermittlung von Schlüsselkompetenzen wie Selbstregulation und Stressbewältigung im Unterricht und in außerunterrichtlichen Angeboten
    9. Schulbauten mit Rückzugsräumen, guter Akustik, viel Licht und ausreichend Platz
    10. Umfassende Begleitung, Unterstützung und Nachteilsvermeidung für Kinder und Jugendliche mit Behinderung sowie für junge Menschen in risikobehafteten Lebenssituationen

    Was wir brauchen, sind gesunde, medienkompetente und resiliente junge Menschen! Wir fordern die Politik auf, denen zuzuhören, die es betrifft!“

    An einigen der Punkte sind wir dran, zum Beispiel auch mit dem Projekt „einfach bewegen(d)“, an anderen müssen wir noch arbeiten. Ein nächster Schritt wird es sein, „Tomoni“ an der Schule anzubieten (https://www.tomonimentalhealth.org/). Dazu demnächst mehr.

    Mir persönlich ist es wichtig, dieses Thema in den Fokus zu rücken und damit, neben Medien- und Demokratiebildung, einen weiteren persönlichen Entwicklungsschwerpunkt zu setzen, um unseren Schülerinnen und Schülern die nötige Resilienz für die Herausforderungen der Zukunft mitzugeben.

    Ihr

    Erik Grundmann

    Und hier wieder als Angebot, ein paar Links, Tipps und Empfehlungen, das naturgemäß nach den Ferien etwas ausführlicher ausfällt:

    Interessantes
    Die „Berliner Morgenpost“ wagt sich an einen Erklärungsversuch, warum junge Menschen wütend auf die Politik sind: https://www.morgenpost.de/politik/article410332309/wir-muessen-sehr-laut-werden-darum-macht-die-politik-die-jungen-wuetend.html.

    In der „Frankfurter Rundschau“ wird sich mit der Frage, warum Schüler es hassen Romane zu lesen, befasst: https://www.fr.de/panorama/lesen-sie-hassen-es-schueler-koennen-keine-romane-mehr-zr-94004845.html. Auch der „Deutschlandfunk“ befasst sich mit dem Thema: https://www.deutschlandfunk.de/leseforscher-christian-dawidowski-ueber-gegenwart-und-zukunft-des-lesens-100.html.
    Der geschätzte Jan-Martin Klinge hat sich auf seinem „halbtagsblog“ mit der Bildungsforschung auseinandergesetzt, lesenswert: https://halbtagsblog.de/2025/11/02/bildungsforschung-nervt-und-ist-wichtig/. Auslöser für diesen Blogbeitrag war wohl dieser Beitrag von John Hattie auf dem Deutschen Schulportal: https://deutsches-schulportal.de/expertenstimmen/john-hattie-warnt-vor-falsch-verstandener-individualisierung-des-lernens/.
    In meiner Social-Media-Bubble ploppt immer mal wieder die Debatte um die Rolle von Empirie in der Schul- und Unterrichtsentwicklung auf. Dazu zwei interessante Beiträge von Stephanie Wössner und Gratian Riter: https://www.petiteprof79.eu/mehr-als-nur-wirksam-warum-hatties-visible-learning-fuer-die-zukunft-des-lernens-nicht-ausreicht/ und https://seagent.de/jenseits-des-positivismus-ein-plaedoyer-fuer-experimentellen-mut/.

    Smartphone und Social-Media

    Die „taz“ berichtet über den neuen TikTok-Trend „PingTok“ bei dem sich Jugendliche unter dem Einfluss von Drogen in Shorts (die Videos, nicht die Hosen) präsentieren: https://taz.de/PingTok-Trend-Teeanger-feiern-auf-TikTok-ihren-Konsum/!6125287/.
    Der „Medienzeit-Elterblog“ warnt vor der App PolyBuzz, die sich zunehmender Beliebtheit erfreut: https://www.medienzeit-elternblog.de/blog/polybuzz-verstehen-app-fr-kinder-gefhrlich.

    KI
    Die „Internet Watch Foundation“ berichtet (auf Englisch) über den rasanten Anstieg von KI-generierter Kinderpornografie im Netz und fordert dazu auf dagegen aktiv zu werden: https://www.iwf.org.uk/news-media/news/full-feature-length-ai-films-of-child-sexual-abuse-will-be-inevitable-as-synthetic-videos-make-huge-leaps-in-sophistication-in-a-year/.
    In der „taz“ wird ein Mann vorgestellt, der eine Beziehung mit einer KI führt: https://taz.de/Verliebt-in-eine-KI/!6121372/. Das ist übrigens keine witzige Schrulle, sondern ein zunehmendes Phänomen. Dazu auch: https://t3n.de/news/wegen-ki-jungen-koennten-durch-ki-verlernen-grenzen-zu-respektieren-1714681/, https://www.informationsethik.net/die-simulierte-freundschaft/ und die Studie (Me, myself and AI“: https://www.internetmatters.org/wp-content/uploads/2025/07/Me-Myself-AI-Report.pdf.

    Tipps für den Unterricht
    Bei „Liberating Structures“ gibt es eine tolle Methodenseite zur Kollaboration, die auch im Unterricht anwendbar ist: https://liberatingstructures.de/liberating-structures-menue/. Überhaupt ist die Seite empfehlenswert!
    Das ZDF hat eine eigene Seite mit Material für Schulen: https://schule.zdf.de/.
    Hier gibt es, nur für den Unterricht, verschiedene Vorlagen zur Erstellung von Social-Media-Content für Arbeitsblätter, zum Beispiel Insta-Posts oder WhatsApp-Dialoge: https://zeoob.com/.

    Leseempfehlung
    Weil ich ja immer Medienbildung so sehr in den Vordergrund stelle (und natürlich auch ein klein wenig, weil ein kurzer Beitrag von mir zur Medienbildung an der Weibelfeldschule drin ist), gerade erst veröffentlicht: Florian Nuxoll: Upgrade: Medienkompetenz. Informationen einordnen, kritisch reflektieren, verantwortungsvoll handeln, Hannover 2025.

    Hörempfehlung
    In einem Podcast auf WDR 5 erläutert Ferdinand Stebner „Die Vorteile von selbstreguliertem Lernen“: https://www.ardaudiothek.de/episode/urn:ard:section:42b966c64cd83570/.

    Sehempfehlung
    Das ZDF-Magazin „frontal“ zeigt einen kurzen Beitrag „Sprache, Motorik, Sozialverhalten: Kinder scheitern schon in der Grundschule“: https://www.zdfheute.de/video/frontal/sprache-motorik-sozialverhalten-kinder-scheitern-in-grundschule-100.html.

    Veranstaltungsempfehlung
    Leider nur noch Warteliste, ich freue mich aber sehr auf die Edunautika-Süd am 15. November: https://heraeus-bildungsstiftung.de/seminare/lehrkraefte/edunautika-ein-barcamp-zu-zukunftsfaehiger-paedagogik-im-digitalen-wandel/.

    Spaß im Netz
    The Blob: https://oimo.io/works/blob/

    WfS-12: Schulentwicklung: Der Blues

    Schulentwicklung ist eine lohnenswerte und ehrenwerte Aufgabe, ja sogar eine absolute Notwendigkeit. Schulentwicklung ist anstrengend und eine langwierige nie abgeschlossene Aufgabe. Sie muss seitens des Schulleiters strategisch gesteuert werden, er darf aber nur sehr begrenzt Vorgaben machen, sondern muss eher Möglichkeitsräume für progressive und engagierte Lehrkräfte schaffen. Sie muss Lernende und Eltern einbinden und interne und externe Expertise nutzen und sie muss im Rahmen des Systems stattfinden.

    Ich betreibe leidenschaftlich gerne Schulentwicklung und habe auch eine Vision einer besseren Schule für das 21. Jahrhundert und ich bin stolz auf all das, was wir bisher erreicht haben, das ist objektiv betrachtet eine beachtliche Leistung, die in diesem Blog dokumentiert ist. Aber es gibt auch Momente, da habe ich einen leichten Schulentwicklungs-Blues.

    Warum schreibe ich das?
    Weil in den sozialen Medien, und auch in diesem Blog, meistens von den positiven Momenten und Erfolgen bei Schulentwicklungs-prozessen berichtet wird. Jan Vedder hat auf Instagram mal ein Reel veröffentlicht, in dem er darauf aufmerksam gemacht hat, dass Schulentwicklung „anstrengend, arbeitsintensiv und nichts für schwache Nerven ist“, das ich gerne bei Vorträgen zu Schulentwicklung zeige. Aber sonst geht es meist um Erfolge und selten um die Mühen des Weges dorthin. Das sollte aber nicht verschwiegen werden. Jan hat Recht mit seinem Hinweis, ich würde das sogar noch ergänzen, Schulentwicklung ist konfliktbehaftet, führt zu Rückschlägen und Misserfolgen, sie frisst Ressourcen, die eigentlich gar nicht vorhanden sind und sie führt zu Momenten der Verzweiflung. Manche Dinge sind für mich leicht, für andere Lehrkräfte nicht, nicht jede teilt meine Vorstellungen von Haltung, nicht jede kann oder will sich über Gebühr engagieren (was vollkommen legitim ist!). Manchmal begegnen mir Handlungen und Haltungen, die ich nicht verstehe, manchmal muss ich gegen meine Überzeugungen handeln oder lehne mich zu weit aus dem berühmten Fenster. Manchmal will ich zu viel, manchmal zu wenig. Manchmal unterstütze ich nicht genug und mache Fehler. Ich bemühe gern das Bild von Goethes Zauberlehrling, der Kräfte entfesselt, über die er die Kontrolle verliert. Manchmal fühlt sich das so an.

    Und dann tritt er ein, der Schulentwicklungs-Blues.

    Aber dann kommt ein Schüler und flachst mit mir oder eine Kollegin mit einer tollen Idee, jemand aus der Schulleitung mit einem Programm, jemand von außerhalb des Systems mit einem Lob, eine tolle Veranstaltung in Wetzlar, Berlin oder Kamen, ein inspirierender Beitrag in einem sozialen Netzwerk und dann wird ganz schnell wieder klar: Es lohnt sich. Trotz aller Anstrengungen, Rückschläge und Hindernisse muss Schulentwicklung sein. Stillstand ist keine Alternative, Schule muss sich verändern, sie muss im 21. Jahrhundert ankommen. Und dafür braucht es uns, die Lust haben Schule zu entwickeln und zu verändern und ich bin dankbar für alle, die diesen Weg mitgehen, die mich inspirieren und mir zeigen, dass ich nicht alleine bin. Ich freue mich über die zahlreichen Schulen, die auf ihrem Weg schon weiter sind. Dann wird der Blues zum Swing und ich schöpfe neue Kraft.

    Susanne Posselt hat auf Ihrem Blog eine hervorragende Ergänzung zu diesem Beitrag veröffentlicht: https://susanneposselt.de/schule-2035-oder-der-schulentwicklungsblues/.
    Ich denke, ich fange dann heute mal das Buch von Jöran an zu lesen.

    Blog 2025-22: Kamener Schulgespräche – Workshops und Bilanz

    Am 21. September durfte ich Teil der 4. Kamener Schulgespräche sein. Alexandra Grund und Daniel Füller von der Gesamtschule in Kamen haben eine wichtige Veranstaltung zur Schulentwicklung gestaltet und organisiert. Vielen Dank für das großartige und außerordentliche Engagement!
    Den Kern der Veranstaltung bilden eine Ausbildungsmesse für Schülerinnen und Schüler und eine Bildungsmesse mit Workshops für Lehrkräfte.
    Ich habe zwei Workshops gehalten und wieder einmal erfahren, wie wichtig solche Veranstaltungen zur Vernetzung sind. Denn getreu dem Motte der Schulgespräche: „Gemeinsam machen wir Schule besser“, stellte ich auch in Kamen fest: „Wir werden mehr!“
    Flankiert wurde die Veranstaltung durch drei inspirierende Eröffnungskeynotes von Steven Bauer, Katja Glasmachers und Lydia Clahes und einem wunderbaren Abschluss durch Stefan Ruppaner.
    Vielen Dank für den tollen Tag in der kleinen und feinen Hansestadt Kamen, es war mir wirklich ein Vergnügen.

    Wie versprochen und wie immer, hier die beiden Vorträge zu den Workshops:

    Noch ein paar Eindrücke:

    WfS-11: Es wird ernst.

    Nachdem wir in den letzten beiden Jahren Rahmenbedingungen und Strukturen für moderne Schulentwicklung geschaffen haben (siehe andere Beiträge in diesem Blog), wird es jetzt konkreter und damit ernster.
    Konkret habe ich mir eine Kladde zu selbstreguliertem Lernen angelegt. Der Grund dafür ist ein Auftakttreffen vom vergangenen Dienstag in unserer neuen Zukunftsschmiede, bei dem sich ein Gruppe von Kolleginnen und Kollegen auf den Weg gemacht hat das selbstregulierte Lernen zu ergründen, um im übernächsten Schuljahr im Jahrgang 5, bzw. in Teilen von diesem, damit anzufangen.
    Im Protokoll heißt es dazu in einer Art Präambel: „Die Teilnehmenden betonten das grundsätzliche Interesse am gemeinsamen Austausch und an innovativen Konzepten für zukünftiges Lernen. Dabei wurde hervorgehoben, dass es sinnvoll sei, Schule von Grund auf neu zu denken und über den Rahmen einzelner Klassen hinauszugehen. Gleichzeitig bestand Einigkeit darüber, dass eine fächerübergreifende und ggf. jahrgangsübergreifende Zusammenarbeit wichtig ist, insbesondere in Verbindung mit Teamteaching und regelmäßigem Austausch im Kollegium.“ Basis dafür wird selbstreguliertes Lernen sein, auch wenn dieser Begriff für unsere Schule inhaltlich noch ausgeschärft werden muss. Laut Protokoll ist die Ausgangsbasis für den Diskussionsbegriff zur Begriffsschärfung: „Selbstreguliertes Lernen wird verstanden als eigenständiges Arbeiten an Projekten und Themen, begleitet durch Reflexion und Lernentwicklungsgespräche. Zentrale Elemente sind Methodenkompetenz, Strukturierung des Lernprozesses und Stärkung der Eigenverantwortung.“
    Das entspricht dem Mandat für unseren Schulentwicklungsprozess und muss nun im Rahmen der oben erwähnten Strukturen in die DNA-Gruppe und ins Kollegium gespiegelt werden. Das Projekt „WfS 2030“ ist auf Kurs!
    Ich muss gestehen, ich bin schon etwas stolz auf diese Entwicklung, die die Weibelfeldschule eingeschlagen hat. Ich bin aber nicht nur stolz, sondern auch voll Hoffnung und ja, auch voller Enthusiasmus, dass es uns gelingen kann, hier bei uns einen Beitrag zur Modernisierung des Schulsystems zu leisten.
    Ich werde weiter berichten.

    Thorsten Möller (Stv. Sl.) zu Schulentwicklung

    Liebe Leserinnen und Leser,

    manchmal sind es die beiläufigen Fragen, die sich im Kopf festsetzen.
    „Magst du nicht einen Beitrag für den Blog schreiben – aus Sicht des Stellvertreters?“ fragte mich mein Schulleiter vor einigen Tagen.

    Mein erster Gedanke? „Jetzt? Sein Ernst? Vielleicht in den nächsten Ferien…?“ Die Liste der anstehenden Aufgaben glich eher einem Buch als einem Zettel.

    Und doch blieb die Frage in mir hängen. Einige Tage später saß ich in der Bahn – zwei längere Fahrten. Stunden, in denen sich Gedanken lösen können, während draußen Felder, Wälder und Bahnhöfe vorbeiziehen. Stunden, in denen man nicht nur die Landschaft an sich vorbeigleiten sieht, sondern auch Pläne schmiedet, Dinge reflektiert und Fragen nachhängt.

    Immer wieder tauchten sie auf: Bilder meines Schulalltags. Unterrichtsverteilung. Stundenpläne. Die bevorstehende Dienstversammlung. Und über allem die Frage: Wie wird sich die Weibelfeldschule weiterentwickeln?

    Seit 2006 bin ich Teil der Schule. Alles begann mit einem Orientierungspraktikum zu Beginn meines Studiums. Als ehemaliger Schüler eines klassischen Gymnasiums war mir die Welt einer Gesamtschule völlig fremd. Doch schon nach kurzer Zeit war ich fasziniert von der Vielfalt, der Unterschiedlichkeit, dem gemeinsamen Lernen unter einem Dach – trotz ganz verschiedener Ausgangspunkte.

    Viele Jahre habe ich in der Kinder- und Jugendarbeit in Kirche und Sportverein verbracht. Diese Zeit hat meinen Blick geschärft, mich gelehrt, früh über den Tellerrand zu schauen und Bildung nicht nur aus der Perspektive des Klassenzimmers zu denken.

    Die Weibelfeldschule habe ich aus fast allen Perspektiven kennengelernt: als VSS-Kraft (früher „U+“), im Referendariat, als Lehrkraft, Stufenleiter und nun als stellvertretender Schulleiter. Hätte mir das vor zehn Jahren jemand prophezeit, ich hätte wohl herzlich gelacht. Heute aber kenne ich wohl jeden Winkel des Hauses wie meine eigene Hosentasche.

    Mein Supervisor hat es einmal so formuliert: „Der Schulleiter ist der Außenminister, der Stellvertreter der Innenminister.“
    Das trifft es ziemlich genau. Während der Schulleiter die großen Linien nach außen vertritt, kümmere ich mich um das Innenleben: Unterrichtsverteilung, Stunden- und Vertretungspläne, Personalfragen, Budget, Ganztag.

    Kurz gesagt: Ich halte das operative Geschäft am Laufen. Doch genau hier beginnt für mich auch Schulentwicklung – nicht in fernen, wolkigen Zukunftsvisionen, sondern in klaren, konkreten Aufträgen für das Hier und Jetzt.

    Visionen haben einen schönen Klang. Aber die Realität verändert sich schneller, als man manchmal denkt. Was heute noch Sinn ergibt, kann morgen schon überholt sein. Zu allgemeine Visionen wirken beliebig, zu konkrete können durch veränderte Rahmenbedingungen rasch an Relevanz verlieren.

    Darum glaube ich: Wir brauchen weniger ein perfektes Zukunftsbild, kein Wunsch einer Utopie, sondern smarte Ziele. Meilensteine, die erreichbar sind und gemeinsam gefeiert werden können.
    So kann man auf das gemeinsame Ziel hinarbeiten, nächste Schritte gehen, behält Raum für Anpassung und stellt die entscheidende Frage: Was tun wir jetzt?

    Hier passt für mich das biblische Bild vom Senfkorn:
    Ein Mann sät das kleinste aller Samenkörner auf seinen Acker. Es ist winzig, unscheinbar. Doch mit Zeit, Nährstoffen und Licht wächst es zu einem großen Baum heran, der alle anderen Pflanzen überragt. In seinen Zweigen finden sogar die Vögel des Himmels Platz.

    Schulentwicklung funktioniert genauso: Wir müssen das kleine Korn säen, hegen und pflegen. Wir brauchen Geduld, Ausdauer und ein klares Ziel – so wie Pflanzen dem Licht entgegenwachsen. Der Baum entsteht nicht über Nacht, sondern durch stetige und vor allem verlässliche Arbeit.

    Bevor wir über Entwicklung sprechen, müssen wir uns bewusst machen, welche Rolle wir als Lehrkräfte im Leben der Schülerinnen und Schüler spielen.
    Denken Sie an Ihre eigene Schulzeit zurück: Vielleicht fällt Ihnen sofort ein Geruch im Gebäude ein, ein Klassenraum, ein Ausflug, ein bestimmtes Gespräch. Und mit Sicherheit gibt es ein paar Lehrkräfte, die Sie bis heute nicht vergessen haben – im Positiven wie im Negativen.

    Wir prägen junge Menschen weit über den Unterricht hinaus. Wir begleiten sie in einer entscheidenden Phase ihres Lebens. Diese Verantwortung kann man gar nicht hoch genug einschätzen.

    Der Jesuitenpater Alfred Delp, der von den Nationalsozialisten hingerichtet wurde, formulierte einen Satz, der mich seit vielen Jahren begleitet:
    „Wenn durch einen Menschen ein wenig mehr Liebe und Güte, ein wenig mehr Licht und Wahrheit in der Welt war, dann hat sein Leben einen Sinn gehabt.“

    Für mich ist das mehr als ein schönes Zitat – es ist ein Kompass. Äußere Strukturen wie Gesetze, Verordnungen und Prüfungsordnungen sind wichtig. Aber sie allein bringen weder Bildungserfolg noch einen echten Schulabschluss. Entscheidend sind Haltung, Begleitung und der gemeinsame Weg.

    Stellen Sie sich nun eine Kutsche mit vier Pferden vor. Wenn jedes in eine andere Richtung zieht, zerreißt es die Kutsche – oder sie bewegt sich keinen Zentimeter.
    So ist es auch mit Schulentwicklung. Unsere Aufgabe als Leitung ist es, diese Kräfte zu bündeln, ihnen eine gemeinsame Richtung zu geben und das Ziel im Blick zu halten. Erst dann kann sich die Kutsche wirklich in Bewegung setzen.

    Gute Schulentwicklung lebt nicht von starren, in Stein gemeißelten Zukunftsvisionen. Sie lebt davon, dass wir im Hier und Jetzt die richtigen Dinge tun – konsequent, gemeinschaftlich, mit klarem Blick und der Bereitschaft, Kurskorrekturen vorzunehmen.

    Aus einem kleinen Senfkorn kann ein großer Baum werden, unter dessen Ästen viele Platz finden – wenn wir ihn pflegen, ihm Zeit geben und gemeinsam daran arbeiten.

    Blog 2025-17: Schulentwicklung: Sollte wer Visionen hat zum Arzt gehen?

    Grafik: ChatGPT 5; Prompt: Visualisierung des Beitrags

    Das Thema „Visionen in Schulentwicklungsprozessen“ beschäftigt mich als Praktiker schon länger und ist auch immer wieder Gegenstand von Diskussionen in unserer Schulgemeinschaft und in unserem Schulleitungsteam.

    Viele Schulentwicklungsprozesse beginnen mit der Entwicklung einer Vision oder eines Leitbildes. So soll, zumindest in der Theorie, ein gemeinsames Fundament, ein Konsens, ein Ziel entwickelt werden, welches dann die Mitglieder der Schulgemeinschaft zu einem Zustand leitet, der von möglichst allen gewünscht wird.
    Ich kann das grundsätzlich nachvollziehen, habe aber doch auch meine Probleme damit, die ich gerne erläutern und in den Diskurs einbringen will.

    Ex-Kanzler Helmut Schmidt soll, vermutlich im Bundestagswahlkampf 1980, gesagt haben: „Wer Visionen hat, sollte zum Arzt gehen.“ Ich antworte für gewöhnlich darauf, dass ich beim Arzt gewesen sei und dieser bestätigt habe, dass alles in Ordnung sei. Aber braucht Schulentwicklung tatsächlich eine Vision oder ist das vielleicht sogar schädlich? Der Duden definiert Vision als:
    a) übernatürliche Erscheinung als religiöse Erfahrung
    b) optische Halluzination
    c) in jemandes Vorstellung besonders in Bezug auf Zukünftiges entworfenes Bild.
    Etymologisch spielen eher a) und b) eine Rolle, für unseren Kontext aber wohl eher c): Eine Vorstellung in Bezug auf eine Zukunft. Jetzt bin ich aber der Überzeugung, mein Blog und die Newsletter belegen das immer wieder, dass unsere Zukunft volatil und unsicher ist, dass wir in Zeiten exponentieller Veränderungen leben. Wie soll in diesem Kontext eine tragfähige Vision für die Zukunft einer Schule entstehen? Ist nicht jede Vision unter Umständen nach einem Jahr schon wieder obsolet, weil sich Rahmenbedingungen fundamental verändert haben.
    Dem kann man natürlich entgehen, indem man eine Vision möglichst wenig konkret verfasst: „Wir wollen eine Schule sein, an der sich alle wohlfüllen“. Das ist dann aber schon wieder ziemlich beliebig und ein Allgemeinplatz, dem alle zustimmen würden, der in seiner Konkretisierung aber konfliktbehaftet ist, weil jeder sich anders wohlfühlt. Wird man auf der anderen Seite zu konkret und fasst die Vision zu eng, kann es passieren, dass ein Ziel ganz schnell nicht mehr als erstrebenswert gilt, zum Beispiel „Wir wollen unseren Unterricht an kybernetischen Lerntheorien orientieren“ oder wir wollen die Methode „Lesen durch Schreiben“ implementieren.
    Diesem Dilemma kann man vielleicht entkommen, indem man eben kein Leitbild oder keine Vision für eine Zukunft entwickelt, die immer schlechter vorhersehbar ist, sondern indem man einen Auftrag für das jetzt entwickelt, so wie wir es mit dem Mandat für unsere DNA-Gruppe gemacht haben, das mit großer Zustimmung von der Gesamtkonferenz abgestimmt wurde:

    Auch dort steht, dass wir eine Schule haben wollen, auf die alle wieder mehr Lust haben. Aber das wird konkretisiert, wir wollen das erreichen, indem wir Unterricht öffnen und neu denken, an anderen Schulen hospitieren, mehr Sinn und Selbstwirksamkeit stiften, mutig sind, gemeinsam mit der gesamten Schulgemeinschaft daran arbeiten wollen und sogar schon Rahmenbedingungen festgelegt haben. Das ist hinreichend offen und hinreichend konkret. Es gibt Leitplanken oder Eckpfeiler, wie Öffnung von Unterricht und einen Kerngedanken von pädagogisch anderem Handeln und Systemtransformation, der sich an anderen Schulen (Best Practice) orientiert und die gesamte Schulgemeinschaft einbindet.

    Ich finde, damit ist hinreichend klar, wohin der Weg führen soll. Es ist ein Rahmen gesteckt und nächste Schritte werden konkret. Dennoch ist Flexibilität, moderner gesagt: Agilität, möglich, da wir ja unseren eigenen Weg finden müssen, der sich an den Bedürfnissen der Schülerinnen und Schüler in unserem Umfeld orientiert.

    Fazit: Wir brauchen keine Vision für die Zukunft, wir brauchen einen Auftrag für die Gegenwart. (Und die Diskussion um den Arzt können wir uns sparen)

    Blog 2025-16: Guerilla-Schulentwicklung

    Vorbemerkung: Dieser Beitrag kommt ohne echte wissenschaftliche Evidenz daher. Ich habe natürlich Bücher zu Schul- und Organisationsentwicklung gelesen, Fortbildungen und Workshops dazu besucht und gehalten, aber ich will hier keinen wissenschaftlichen Artikel veröffentlichen. Mir geht es um eine Idee, eine Erfahrung, die ich gerne in den Diskurs einbringe.
    Mir ist auch bewusst, dass man den Begriff „Guerilla“ durchaus kritisch sehen kann, aber ich finde ihn in dem Kontext durchaus sinnvoll, nicht weil er etwas Militärisches hat, sondern weil er den Kerngedanken meiner Idee gut trifft. Ich könnte auch von Ninja-Schulentwicklung sprechen, aber das würde es nur begrenzt besser machen. Und wie jede Metapher hat auch der Begriff „Guerilla“ in diesem Kontext seine Grenzen. In der Schule werden natürlich keine „Feinde“ mit klandestinen Militäroperationen empfindlich getroffen, aber es geht um viele kleine punktuelle Aktionen, die Entwicklung verändern.

    Das ist dann nämlich auch schon der Kerngedanke der Guerilla-Schulentwicklung. Es gibt kein feststehendes großes Ziel, auf das dann hingearbeitet wird, bei dem der Schulleiter die Richtung vorgibt und den Lehrkräften sagt, wo es lang geht (ich verzichte hier jetzt bewusst auf militärische Metaphern). Solche Entwicklungsprozesse sind in der Regel zum Scheitern verurteilt. Dennoch braucht Schulleitung eine Vision, die im Idealfall im Dialog mit der Schulgemeinschaft entsteht. (Zum Thema Vision wird bald ein weiterer Blogartikel erscheinen.) Diese Vision muss hinreichend, aber nicht sonderlich konkret sein, sie muss eine Richtung haben, aber kein klares Ziel. Schulentwicklung ist eine zentrale Aufgabe der Schulleitung, aber kein Prozess der sinnvoll angeordnet werden kann, der aber gesteuert werden muss. Wie kann das aber gelingen?
    Wie kann ich als Schulleiter Einfluss auf Schulentwicklung nehmen ohne zu diktieren und wie kann ich die Schulgemeinschaft mitnehmen?

    Es ist nicht ratsam, und da hinkt der Guerilla-Vergleich, Schulentwicklung als Geheimoperation oder Täuschungsmanöver (schon wieder eine Militär-Metapher) durchzuführen. Schulentwicklung muss transparent sein. Aber sie darf, und da passt der Vergleich wieder, überraschend sein, sie darf Spuren hinterlassen, von denen unklar ist, wo sie herkommen. Ganz konkret heißt das, dass man an einer prominenten Stelle ein Plakat, eine Karikatur oder einen Zeitungsartikel aufhängen oder platzieren kann, der zum Nachdenken anregt.
    Ich hänge manchmal so etwas ans Schwarze Brett oder „vergesse“ Kopien im Lehrerzimmer.
    Ich weise bestimmte Kolleginnen und Kollegen auf bestimmte Fortbildungen hin oder werbe für bestimmte Bücher oder Filme. Zum Beispiel habe ich drei Exemplare des Buchs von Stefan Ruppaner angeschafft und ins Kollegium verliehen.
    Wir haben außerdem innovative Konferenzformate wie Barcamps oder Open Spaces eingeführt, die ganz viel Raum zur Ideenentwicklung bieten, die dann langsam in die Schulgemeinschaft sickern (Schulentwicklung ist ja kein Sprint, sondern ein Marathon). Überhaupt geht es ganz viel darum den Mitgliedern der Schulgemeinschaft Möglichkeitsräume zu schaffen, ihnen Vertrauen zu schenken und sie bei Innovationen zu unterstützen, auch im Scheitern. Innovative Lehrkräfte haben einen starken Instinkt für die richtige Richtung von Schulentwicklung, sie, aber auch die Lernenden, spüren am Ende besser als die Schulleitung was die Schule braucht. So kam die Initiative zehn Lehrkräfte bei BeWirken an einer Lernbegleiter-Fortbildung teilzunehmen aus dem Kollegium und wurde von der Schulleitung natürlich sofort unterstützt.

    Zur Guerilla-Schulentwicklung gehört auch Ideen und Erkenntnisse aus der Bildungswissenschaft oder aus der Bildungsbubble auf Social-Media in die Schulgemeinschaft zu transportieren. Das passiert im alle zwei Wochen erscheinenden Newsletter oder in Statements auf Konferenzen, Sessions in Barcamps, Einzelgesprächen und überhaupt bei jeder Gelegenheit. Bestenfalls als Denkanstoß oder Angebot auf keinen Fall als Belehrung.

    Sinnvoll ist es natürlich auch externe Berater oder Teilgeber für Barcamps einzuladen, die Innovationen unterstützen.

    All diese Maßnahmen führen zu sichtbaren Veränderungen. Am deutlichsten wird das in der Art, wie mittlerweile über Schulentwicklung in der Schule gesprochen wird. Vor zwei Jahren waren Begriffe wie Lernbegleitung, Freiday, Alemannenschule, Lernbüro, Barcamp usw. allenfalls einer kleinen Minderheit bekannt und spielten im Diskurs keine Rolle. Jetzt können fast alle Kolleginnen und Kollegen damit etwas anfangen und entwickeln ihre eigenen Vision von einer modernen Schulkultur. Und das ist ein beachtlicher Erfolg!
    In nur zwei Jahren ist es gelungen durch ganz viele kleine Aktionen an ganz vielen Orten und zu unterschiedlichen Anlässen und Zeiten einen neuen Möglichkeitsraum zu schaffen, in dem Schulentwicklung stattfinden kann. Jetzt ist hoffentlich der Boden bereitet, konkrete Maßnahmen zu ergreifen und Schule neu zu denken. Nicht durch Diktat oder Überwältigung, sondern durch Information, Angebot und Empowerment. Und das ist das, was ich mit Guerilla-Schulentwicklung meine.

    (Mehr dazu hier)

    WfS-08: Mit Tempo weiter – das zweite Jahr

    Anknüpfend an den 6. Blogbeitrag muss festgehalten werden, dass die DNA-Gruppe arbeitet und erste Ergebnisse liefert. Gemäß dem Mandat für die DNA-Gruppe, welches von der Gesamtkonferenz nahezu einstimmig beschlossen wurde, haben sich zwei Themenschwerpunkte herausgebildet, an denen aktuell schwerpunktmäßig gearbeitet wird. Bevor ich dazu komme, hier zur Illustration das Mandat:

    Die beiden Arbeitsschwerpunkte haben beide mit Teamarbeit zu tun, die daher im Fokus der Schulentwicklung im kommenden Schuljahr stehen muss. Teamarbeit ist kein überraschendes Thema für Schulentwicklung, aber ganz sicher auch nicht trivial. Die Forschung belegt, dass Teamarbeit wichtig ist und Ressourcen und Salutogenese schafft, gleichzeitig aber auch schwer zu implementieren ist, da das System traditionell eher auf „Einzelkämpfertum“ ausgerichtet ist.
    Zu den beiden Arbeitsschwerpunkten haben sich Arbeitsgruppen gebildet. Die eine beschäftigt sich mit Teamstrukturen und einer Reform der Förderstufe (Jahrgänge 5 und 6), hier wird über Individualisierung von Lernprozessen, Lernbegleitung, Projektarbeit und vieles mehr diskutiert.
    Die andere Gruppe beschäftigt sich mit der Schaffung von Freiräumen zum Austausch und zur pädagogischen Entwicklung. Hier geht es um die Möglichkeit eines Konferenztages (verbindlich oder freiwillig?), möglicherweise in Form von Barcamps, mehr Verbindlichkeit in Jahrgangs-, Fach- und Fachbereichsteams, Multiprofessionalität und vieles mehr.

    Das klingt jetzt alles, als wäre die Entwicklung reibungslos verlaufen und das Ergebnis stünde schon fest. Dem ist natürlich mitnichten so. Die oben beschriebenen Diskussionspunkte sind eben genau das: Punkte, die diskutiert werden. Diese sind weder unumstritten noch beschlossen. Ein Gedanke der DNA-Gruppe ist ja, das Ideen und Diskussionen immer wieder gespiegelt werden, um sie im System zu verankern. Das heißt, eine Idee, ein Konzept wird zunächst in der DNA-Gruppe gespiegelt, die ja einen Querschnitt der verschiedenen Positionen der Schulgemeinschaft abbilden soll. Hier wird schon in einer ersten Rückmeldung klar, ob Ideen oder Projekte von Teilen der Schulgemeinschaft kritisch gesehen werden und daher eventuell nachgeschärft oder verworfen werden müssen. In einem zweiten Schritt werden Ideen und Projekte dann in der Gesamtkonferenz präsentiert und diskutiert. Hier wird dann entschieden, ob eine Idee weiter verfolgt wird oder eher nicht.
    Eine größere und schwierigere Diskussion entstand um das Verhältnis von neuer DNA-Gruppe und bestehender Schulentwicklungsgruppe. Dazu wird ein gesonderter Blogbeitrag erscheinen.

    Was ist noch passiert?
    Im Rahmen des Mandates konnten zwei Gruppen aus dem Kollegium an der KGS-Niederrad und der IGS-Süd in Frankfurt hospitieren, um Eindrücke von deren Arbeit zu bekommen, dabei ging es besonders um individualisiertes und selbstreguliertes Lernen und die zugehörigen Feedback-Prozesse.
    Ein weitere Gruppe aus dem Kollegium hat eine Lernbegleiter-Fortbildung bei BeWirken gemacht.
    Im Jahrgang 7 haben wir in einer Klasse erste Erfahrungen im fächerübergreifenden Lernen und in der Projektarbeit gemacht.
    Wir haben gemeinsam mit Schülerinnen, Schülern und Eltern ein Konzept zur Handynutzung und ein Schutzkonzept entwickelt.
    Außerdem haben wir uns auf den Weg gemacht am Projekt „einfach bewegen(d)“ des Ministeriums teilzunehmen, um mehr Bewegung in den Unterrichtsalltag zu bringen.
    Schließlich haben wir als Schulleitung erstmals ein Feedback des Kollegiums eingeholt.
    Und wir haben endlich unsere Zukunftsschmiede Trendhub eingeweiht. Impressionen dazu:

    Wenn ich mich manchmal zurücklehne, reflektiere und die letzten beiden Jahre als neuer Schulleiter der Weibelfeldschule Revue passieren lasse, bin ich immer wieder begeistert, was wir schon alles geschafft, angebahnt und bewegt haben. Im kommenden Schuljahr wollen wir schwerpunktmäßig an den oben beschriebenen Teamstrukturen arbeiten, weiter an anderen Schulen hospitieren, das Feedbacksystem ausbauen und mehr Bewegung in den Schulalltag bringen. Ein weiterer Schwerpunkt wird die Förderung der SV-Arbeit sein. Da beginnen wir mit einem Workshop nach den Sommerferien auf dem Hofgut Neuhof, der von den „Feuerfreunden“ aus Dreieich begleitet wird, dazu auch bei anderer Gelegenheit mehr.