Mich hat auf der Didacta 2026 ein Aspekt besonders beschäftigt. Ich habe dort ein Panel zu Adaptiven Intelligenten Systemen (AIS) besucht. Das „FWU Institut für Film und Bild gGmbh war Veranstalter, teilgenommen haben Prof. Dr. Ulrike Cress (Direktorin Leibniz-Institut für Wissensmedien), Prof. Dr. Matthias Bethge (Direktor Tübingen AI Center), Prof. Dr. Andreas Lachner (Co-Director Tübingen Center for Digital Education), Dr. Wieland Brendel (Forschungsgruppenleiter ELLIS Institute Tübingen), Dr. Almut Steinlein (Projektleiterin AIS am FWU). Moderiert wurde das Panel von Dr. Anika Limburg, Leiterin des Bildungscampus Saarland. Im Panel wurde deutlich:
Mehrfach wurde das disruptive Potenzial eines AIS für Unterricht betont. Es entstehe eine Lehr-Lern-Plattform, die gleichzeitig Lernende individuell und adaptiv im eigenen Tempo unterstützen soll und Lehrende bei der Lernentwicklung der Lernenden auf dem Laufenden halte. Dadurch könne eine individuelle Förderung gelingen. Das System werde entsprechend mit Curricula etc. trainiert und soll für kommerzielle Anbieter offen sein, natürlich alles konform mit DSGVO und EU-AI-Act. So soll ein offenes, nicht proprietäres lernendes System entstehen, dass den Kindern gerecht werde und Lehrkräfte entlaste, die dann wieder mehr Raum für echte Lernbegleitung bei den Lernenden bekämen, die sie nötig haben. Dadurch soll mehr Bildungsgerechtigkeit entstehen. Dafür bedürfe es natürlich auch neuer Unterrichtsformen und Lernräume. Der Gefahr des Deskilling werde durch die Adaptivität und didaktisch elaborierte Sequenzierung vorgebeugt. Ziel seien verstärkte Selbstregulierung und Kompetenzorientierung bei den Lernenden, die mit dem AIS Lernen lernen. Natürlich bedeute das nicht, dass nur noch digital und vereinzelt gelernt werde, sondern eine Ergänzung zur Unterstützung individueller Lernprozesse zur Verfügung gestellt werde; natürlich müsse weiter auch analog und kollaborativ gelernt werden.
Ausgerollt werden soll das System schon nach den Sommerferien in ersten Pilotschulen, im Herbst soll es weiter in die breite gehen und im Winter soll es Fortbildungen für Lehrkräfte geben. Wohlgemerkt: 2026! Ein ambitioniertes Programm, entwickelt von deutschen Institutionen unter dem Dach der FWU. Die zentrale Kompetenz-Schnittstelle bildet des ellis-Institut Tübingen (ELLIS Institute Tübingen). Auf persönliche Nachfrage nach der Verbindlichkeit der Umsetzung wurde mir versichert, dass Schulen freiwillig teilnehmen könnten und man darauf setze, dass der Erfolg des AIS dazu führe, dass alle Schulen nicht darum herum kämen.
Mehr Informationen gibt es auf der Seite des AIS: https://ais.schule/ und hier: https://www.kmk.org/bildungsministerkonferenz/bildungsthemen/bildung-in-der-digitalen-welt.html (bei „Länderübergreifende Vorhaben“ / „Adaptives Intelligentes System“. Hier erfährt man auch, dass telli ein Teilprojekt von AIS ist und dessen weiterbetrieb von dem Fortschritt bei AIS abhängt.) Persönlich bin ich vom disruptiven Potenzial von AIS oder vergleichbaren Tutorsystemen überzeugt, schließlich war es unter anderem der TED-Talk von Sal Khan zu Khanmigo im April 2023, der mich zur intensiven Beschäftigung mit KI gebracht hat. Schon Benjamin Bloom (ja, das ist der mit den Taxonomien) hat ja 1984 erforscht, dass individuelle Unterstützung Lernende um zwei Notenstufen besser machen kann. Ohne KI war es natürlich nicht denkbar, jedem und jeder Lernenden eine Lehrkraft zur Verfügung zu stellen. Bloom nannte das das „2-Sigma-Problem“. KI hat jetzt das Potenzial, dieses Problem zu lösen. Wenn es denn gut gemacht wird.
Ich sehe aktuell zwei Schwierigkeiten. Bisher haben es staatliche/halbstaatliche Unternehmungen eher nicht geschafft, sinnvolle digitale Systeme zu etablieren (vgl. Logineo, telli mit Einschränkungen). Und, zweitens, habe ich meine Zweifel, ob eine freiwillige Implementierung in den Schulen funktionieren kann. Wir sehen aktuell bei der Implementierung von KI-Anwendungen in Unterricht und Lehre schon einen wachsenden digital-divide, weil viele Schulen und Lehrkräfte sich schlicht nicht damit beschäftigen. Ähnliches können wir bei der Anwendung von digitalen Tafeln oder Tablets im Unterricht beobachten. Ähnliches konnte ich auch schon bei der Einführung der Kompetenzorientierung in den 2010er Jahren beobachten, damals mussten sich Lehrkräfte zwar fortbilden lassen, haben das zum Teil nur widerwillig getan und nichts umgesetzt. Da ist es wieder, das Implementierungsproblem in der deutschen Bildungslandschaft. Ich plädiere daher für eine deutlich verbindlichere Umsetzung im Rahmen strukturierter Schulentwicklungsprogramme (Pilotierung, Begleitforschung, Fortbildung), um eine weitere Heterogenisierung der deutschen Bildungslandschaft zu verhindern und das Potenzial von AIS zur Stärkung der Bildungsgerechtigkeit zu nutzen. Außerdem plädiere ich für ein starkes europäisches System in Kooperation mit etablierten und neuen Stakeholdern auf dem europäischen Bildungsmarkt, um weiteren Einfluss von US-Big-Tech oder chinesischen Anbietern auf dem europäischen Bildungsmarkt zu verhindern.
AIS könnte das wichtigste schulische Infrastrukturprojekt seit Einführung der Schulpflicht werden, wenn Deutschland diesmal das Implementierungsproblem löst.
Funfact für alle KI-Skeptiker, besonders für Mathe: In Schweden gibt es ein gut funktionierendes AIS für Mathematik: Magma Math, auch das war auf der Didacta zu sehen: https://www.magmamath.com/de.
In Schulentwicklung gibt es Momente, in denen sich entscheidet, ob man wirklich etwas verändert oder ob man weiter über Veränderung spricht.
Der Pädagogische Tag am Aschermittwoch war für uns ein solcher Moment. Hier würde sich zeigen, in welche Richtung wir das von der Gesamtkonferenz vor über einem Jahr beschlossene Mandat zur Öffnung von Unterricht interpretieren und ob das Kollegium bereit ist, diesen Schritt zu gehen. Entsprechend groß war meine Nervosität, schließlich ist meine persönliche Vorstellung von Öffnung von Unterricht weitreichend.
Dabei war es im WfS-Blog zuletzt eher still. Zuletzt habe ich im Oktober über den Schulentwicklungs-Blues geschrieben und im August 2025 über den Entwicklungsprozess, der ernst wird und Fahrt aufnimmt. Still war es allerdings nur hier im Blog, nicht in der Schulentwicklung selbst.
Die Schulentwicklungsgruppe (SEG) hat zahlreiche Arbeitsgruppen gebildet, die sich mit Elementen der Öffnung von Unterricht auseinandergesetzt haben: BarDienstag, Feedback, Pädagogischer Tag, Projekttage, Selbstreguliertes Lernen und Graduierung. All diese Gruppen haben im Grunde auf diesen Pädagogischen Tag hingearbeitet. Er wurde damit zu einem Dreh- und Angelpunkt unserer Schulentwicklung.
Wie in den vorhergehenden Blogbeiträgen beschrieben, haben wir uns in den letzten zwei Jahren Strukturen geschaffen, um partizipative und zugleich strukturierte Schulentwicklung zu betreiben. Wir haben die DNA-Gruppe zusätzlich zur SEG aufgebaut, neue Austauschformate etabliert, etwa Barcamp und Open Space, sind Selbstständige Schule geworden, haben Schülerinnen und Schüler sowie Eltern einbezogen und zahlreiche Pilotprojekte gestartet, etwa Zukunftsschmiede und Projektklasse.
Wir haben vielen Ideen bewusst große Freiheiten gewährt und sind so in unterschiedliche Richtungen losgelaufen. Das war wenig strukturiert, hat aber Denk- und Möglichkeitsräume geschaffen. Gleichzeitig war das für manche Kolleginnen und Kollegen irritierend, da nicht immer klar war, wohin unsere Reise gehen sollte.
Schulentwicklung ist eine Gratwanderung zwischen strukturiertem Vorgehen und Experimentieren, zwischen Vielfalt und Konzentration auf das Wesentliche, zwischen Transparenz und schnellen Entscheidungen sowie zwischen Partizipation und dem Ergreifen spontaner Möglichkeiten. Dabei müssen Belastung des Kollegiums, Kommunikation, Ressourcen und rechtlicher Rahmen austariert werden.
Schulentwicklung ist somit ein komplexer Veränderungsprozess, der ein System an die Grenzen der Belastbarkeit bringt, während der Normalbetrieb weiterläuft. Bob Blume hat das einmal mit dem Umbau eines Propellerflugzeugs in einen Düsenjet während des Flugs beschrieben.
Deshalb ist es wichtig, innezuhalten und sich zu vergewissern, wo man steht und wo man hin will. Das war eine Forderung aus dem Kollegium und zugleich eine prozedurale Notwendigkeit. Ein Pädagogischer Tag bietet sich dafür an. Da es uns um Strukturierung und Zielrichtung ging, war schnell klar, dass externe Expertise wenig helfen würde. Nur wir als Schulgemeinschaft kennen unsere formellen und informellen Strukturen. Gleichzeitig war klar, dass dieser Tag für unsere weitere Entwicklung zentral sein würde.
Also machten wir uns in einer Arbeitsgruppe an die Planung. Ein wirksamer Pädagogischer Tag muss Orientierung geben, ohne zu überfahren, und Beteiligung ermöglichen, ohne sich zu verlieren. Nach mehreren Treffen stand ein Gerüst. Ich begann mit einem Impuls (nachzulesen hier), anschließend sahen wir kurze Praxisbeispiele. Danach arbeiteten wir im World-Café zu vier Fragen:
1. Was verstehen wir unter Öffnung von Unterricht bei uns? 2. Was finden wir daran pädagogisch sinnvoll oder reizvoll? 3. Wo sehen wir Schwierigkeiten, Grenzen oder berechtigte Sorgen? 4. Was wäre ein realistischer erster Schritt bei uns?
Die Ergebnisse wurden im Gallery-Walk zusammengeführt und anschließend in Arbeitsphasen zu konkreten Projekten weiterentwickelt.
Entscheidender als die Methoden war jedoch etwas anderes. Die Diskussion blieb nicht abstrakt. Es ging nicht mehr darum, ob Öffnung sinnvoll ist, sondern wie sie bei uns aussehen kann und wo wir bewusst vorsichtig sein wollen. Skepsis verschwand nicht, aber sie wurde produktiv.
In der Summe sind wir damit einen Schritt weitergekommen, weniger in einzelnen Projekten als in unserem gemeinsamen Verständnis von Schulentwicklung. Wir haben nicht beschlossen, Schule neu zu erfinden, sondern begonnen, sie bewusst zu verändern.
Bis Pfingsten werden nun kleine Vorhaben im Unterricht erprobt. Zwei Kolleginnen haben beispielsweise ein fächerübergreifendes Genetik-Projekt im Jahrgang 9 entwickelt, in anderen Klassen soll ein Graduierungssystem getestet werden. Die Arbeitsgruppen der SEG arbeiten weiter, und auf der Gesamtkonferenz im Juni werden wir die Erfahrungen auswerten.
Der Tag hat keine fertige Lösung hervorgebracht. Aber er markiert den Übergang von der Idee zur gemeinsamen Praxis.
Dieser Übergang macht den Entwicklungsprozess für die gesamte Schulgemeinschaft greifbar. Das wird ziemlich sicher auch zu Konflikten führen, und genau darin liegt die nächste Entwicklungsaufgabe und darum wird es im nächsten Blogbeitrag gehen.
Persönlicher Epilog Im Vorfeld des Pädagogischen Tages wurde ich zunehmend nervös. Meine Gedanken kreisten um Methoden, Formulierungen und mögliche Reaktionen. Es fiel mir schwer, mich auf andere Aufgaben zu konzentrieren, weil unklar war, ob ein relevanter Teil des Kollegiums bereit ist, den Prozess mitzutragen. Für meinen Impuls habe ich viel Feedback eingeholt und mehrfach nachjustiert.
Nach dem Tag war ich vor allem sehr erschöpft und erleichtert. Ich wusste wieder, warum ich diesen Job mache und dass es sich lohnt.
Vorbemerkung: Dieser Blogbeitrag ist nahezu wortgleich als Newsletter 09 für das aktuelle Schuljahr erschienen. Ich halte den Inhalt allerdings für so relevant, dass ich ihn hier noch einmal veröffentliche. Wenn Sie das alles schon wissen, dann ist das wunderbar; wenn nicht, konnte ich hoffentlich zur Aufklärung über Gefahren im Netz und in sozialen Medien aufklären.
Es gab schon immer Trends, Codes und eine spezielle Sprache von Jugendlichen. Das ist kein Grund zur Sorge und dient auch der Distanzierung von anderen Generationen. Wenn ältere Generationen das adaptieren, wird es oft peinlich und das ist im Grunde auch unnötig. Dennoch ist es wichtig, dass sich gerade Eltern und Lehrkräfte mit der Lebenswelt von Jugendlichen beschäftigen, nicht um diese vollständig zu verstehen und zu durchdringen, sondern um wenigstens ein Gefühl dafür zu bekommen, was Kinder und Jugendliche umtreibt. Das gilt für elektronische Spiele, vor allem aber für soziale Medien. Soziale Medien sind definitiv integrale Bestandteil der Jugendkultur, sie dienen der Kommunikation und Vernetzung und sind damit auch ein Teil der Sozialisation in die Gesellschaft. Schließlich nutzen ja auch viele Erwachsene soziale Medien, um vernetzt zu bleiben, sich zu informieren oder zu amüsieren. Es gibt aber auch die negative Seite. Neben der Polarisierung, der Spaltung und den Fakenews, die schon den Erwachsenen schwer zusetzen, sind Kinder und Jugendliche diesen Gefahren hilfloser ausgeliefert, da ihre Urteilskompetenz noch in der Entwicklung ist. Das nutzen Extremisten jeglicher Couleur aus. Das ist weitgehend bekannt und wird gelegentlich sogar in der Öffentlichkeit diskutiert. Ich möchte in diesem Newsletter für etwas unbekanntere Phänomene sensibilisieren, von denen Eltern und Lehrkräfte zumindest wissen sollten. Vermutlich haben einige schon von Jugendlichen gehört, die sich von TikTok zum Selbstmord haben inspirieren lassen oder von anderen Nutzern in den Tod getrieben wurden, wie zum Beispiel von dem Hamburger „White Tiger“, der einen 13jährigen Jungen in den USA dazu gebracht hat sich aufzuhängen. Es gibt in den sozialen Medien ganze Netzwerke, die sich damit brüsten andere zu Selbstverletzungen oder Selbstmord zu bringen (https://www.medienzeit-elternblog.de/blog/white-tiger-com-764-gefahr-kinder). Es gibt Handbücher in diesen Kreisen, in denen Manipulationstechniken erklärt werden und es gibt Foren und Chats in denen man sich austauscht. Das findet nicht nur auf TikTok statt, auch Discord, Telegram oder Roblox spielen dabei eine Rolle. Begehrte Opfer sind (psychisch labile) Teenager, weil diese in der Identitätsfindungsphase besonders vulnerabel sind. Ein noch häufiger vorkommendes Phänomen sind Challenges, bei denen es eher zu unfallbedingten Todesfällen kommt, wie bei der 13jährigen aus Kassel, die bei der sogenannten Blackout-Challenge, inspiriert auf TikTok, zu Tode kam (https://www.hessenschau.de/panorama/blackout-challenge-auf-tiktok-13-jaehrige-aus-landkreis-kassel-stirbt-bei-mutprobe-v1,tod-nach-tiktok-blackout-challenge-100.html). Bei dieser Challenge geht es darum, durch kurzzeitiges Strangulieren kurz in Ohnmacht zu fallen. Andere Challenges fordern Deospray einzuatmen, Rasierklingen zu schlucken oder Waschmittel-Kapseln zu essen. Klicksafe hat dazu Informationen bereit gestellt: https://www.klicksafe.de/news/gefaehrliche-tiktok-challenges-das-muessen-eltern-und-lehrkraefte-jetzt-wissen. Auch das HMKB hat Informationen zusammengestellt: https://digitale-schule.hessen.de/digitale-kompetenzen/beratungsstelle-jugend-und-medien-hessen/online-challenges. Neben diesen Challenges gibt es aber auch bestimmte Foren und Hashtags unter denen sich Jugendliche austauschen, zum Beispiel, wie bereits erwähnt, über Selbstmordmethoden oder aber auch zu Themen wie Abnehmen bis zur Magersucht. Triebkraft sind dabei oft Likes, also Anerkennung von anderen Nutzern und das Fehlen von Ansprechpersonen in der realen Welt. Unter anderem deshalb ist es so wichtig Vertrauensverhältnisse zu Kindern und Jugendlichen zu pflegen. Andere Challenges haben eine sexuelle Konnotation, wie die Pantyhose-Challenge oder andere, bei denen Kinder und Jugendliche Videos veröffentlichen, in denen sie leicht bekleidet posieren oder tanzen. Die Konsequenzen für einen Vierjährigen aus einer anderen Challenge werden hier beschrieben: https://www.spiegel.de/netzwelt/oberbayern-vierjaehriger-veraetzt-sich-an-spuren-von-tiktok-experiment-a-842bbbb5-316f-4d48-a2b1-86148c20113e?sara_ref=re-so-app-sh. Aber nicht nur Challenges oder Foren bergen Gefahren, auch die Algorithmen haben es in sich. Diese lernen ja aus dem Interesse der Nutzer und verstärken Inhalte mit großer Reichweite, welche oft polarisierend oder empörend sind, also zu Reaktionen animieren. Reaktionen und Interaktionen, Clicks und Likes sind die Währung in den sozialen Medien. Erreicht man hohe Aufrufzahlen für seine Inhalte, lassen sich diese zu Geld machen oder für manipulative Zwecke nutzen. Dies können extremistische Inhalte jeglicher Couleur sein oder auch Fakenews, die zur Destabilisierung der Gesellschaft beitragen.
Ein weiteres Beispiel für solche Blasen, ist die so genannte „Manosphere“ (Hierhin gehören Andrew Tate oder der so genannte „Sigma-Boy“, verfilmt wurde das Phänomen in der Netflix-Serie „Adolescence“). Dort werden archaische Männlichkeitsbilder kultiviert und zur Unterdrückung von Frauen aufgerufen: https://taz.de/Umgang-mit-Maennlichkeitsbildern/!6132595/. Ein anderes Beispiel ist die „Tradwife-Szene“, dort werden traditionelle Frauenbilder gepflegt, also Frauen, die nicht arbeiten und den Haushalt führen und sich alleine um Kinder kümmern.
Lesenswert in diesem Zusammenhang ist das in einem früheren Newsletter schon einmal empfohlene Buch „Radikalisierungsmachinen“ von Julia Ebner (Berlin 2019). Eine weitere Leseempfehlung sind die beiden Bücher von Silke Müller zu dem Thema („Wir verlieren unsere Kinder“ und „Wer schützt unsere Kinder“).
KI hebt all dies noch einmal auf ein neues Level. Inhalte sind einfacher zu erstellen und Algorithmen lassen sich durch KI-Bots manipulieren, ganz zu schweigen von den Möglichkeiten für Mobbing durch Nudifier-Apps (Apps, die aus normalen Fotos Nacktbilder erzeugen). Kinder werden oft schon sehr früh in sozialen Medien mit extremer Gewalt (zum Beispiel Liveübetragungen von Kriegsszenen oder Foltervideos) oder Pornografie, egal ob KI-generiert oder echt, konfrontiert, solche Inhalte werden in den Feed gespült oder von anderen Nutzern geteilt oder sogar zufällig per Airdrop aufgefangen.
Ich möchte hier keine Panik machen. Soziale Medien haben viele positive Seiten, ich nutze sie auch gerne und intensiv. Sie sind eine zentrale Kommunikations- und Vernetzungsinstanz für Jugendliche. Es ist aber wichtig, dass Eltern und Lehrkräfte wissen, was in sozialen Medien passiert und möglich ist, um auf Gespräche mit den Kindern und Jugendlichen vorbereitet zu sein. Das Schlechteste, was sie tun können, wenn ein Kind mit einer Horrorgeschichte aus den sozialen Medien zu Ihnen kommt, ist diese oder das Handy zu verbieten. Damit erreichen Sie nur, dass das Kind das nächste Mal nicht mehr kommt und mit seinen Erlebnissen dann alleine ist. Reden Sie, schützen Sie, begleiten Sie, trösten Sie, bieten Sie einen Schutzraum, klären Sie auf, am besten präventiv und machen Sie ihr Kind stark, damit es sich auch im digitalen Raum wehren kann.
Wieder ist ein ereignisreiches Jahr zu Ende gegangen. In meinem Jahresrückblick 2023 habe ich mich intensiv mit KI auseinandergesetzt. Diese Auseinandersetzung dauert nach wie vor an, ich gebe mittlerweile Workshops zu diesem Thema oder halte Vorträge zu KI. Trotz großer Fortschritte mit fobizz oder der im Herbst erfolgten Einführung von telli in Hessen ist bei vielen Lehrkräften die Auseinandersetzung mit und der Einsatz von KI immer noch nicht angekommen (bei den Schülerinnen und Schülern allerdings sehr wohl). Auch wenn noch viele Fragen offen sind, bin ich nach wie vor überzeugt, dass KI Schule und Unterricht grundsätzlich verändert. 2024 habe ich mich mit meinen ersten 1,5 Jahren als Schulleiter auseinandergesetzt. Mittlerweile fühle ich mich in meiner Rolle sicher und liebe meinen Job, es wird aber auch immer offensichtlicher, dass das Schulsystem, nicht nur wegen KI, vor großen Herausforderungen steht und die Arbeit als Schulleiter anspruchsvoller wird. Bob Blume hat einmal bei Markus Lanz das Bild bemüht, dass wir im Flug eine Propellermaschine in einen Düsenjet umbauen müssen. Ich würde das mittlerweile um die Sorge ergänzen, dass uns die Kraft und das Personal dafür auszugehen drohen, weil das System zunehmend von den Herausforderungen überrollt wird. Schließlich leben wir ja in Zeiten sich exponentiell beschleunigender Veränderungen. Wenn sich dieser Trend fortsetzt, dürfte das begonnene Jahr ein in vielerlei Hinsicht entscheidendes werden. Und das gilt nicht nur für Bildungsthemen, mit denen ich mich hier befasse. Was unsere Schulentwicklung angeht, habe ich im letzten Jahr davon gesprochen, dass wir Strukturen geschaffen haben, die anfangen zu arbeiten. Das ist geschehen und es haben sich einige Arbeitsgruppen gebildet, die an Konzepten zur Veränderung arbeiten. Ziel ist es im Schuljahr 2027/28 mit den ersten 5. Klassen mit selbstreguliertem Lernen zu starten.
Als ich begonnen habe, diesen Beitrag vorzubereiten, ist mir deutlich geworden, was in diesem Jahr alles passiert ist, an welchen Veranstaltungen ich teilnehmen und teilgeben durfte, mit wem ich mich alles neu vernetzen konnte oder welche Vernetzung ich vertieft habe. Bevor ich noch ein paar allgemeine Entwicklungen und Beobachtungen zusammenfasse, will ich wesentliche Ereignisse des Jahres 2025 chronologisch wiedergeben.
Am 29. Januar fand unser erstes Bildungsbier an der Weibelfeldschule statt. Eine gelungene Vernetzungsveranstaltung von Schulen und außerschulischen Bildungsträgern aus der Region. Leider ist eine Wiederholung zum Jahresende an mangelndem Interesse gescheitert, wir bleiben aber dran.
Im Februar fanden zwei wichtige Veranstaltungen statt. Am 14. Februar hat eine Schülergruppe der Weibelfeldschule auf der Didacta einen Vortrag zur Entwicklung unserer Zukunftsschmiede „Trendhub“ gehalten und ich durfte zum Thema „Demokratie braucht Bildung – Bildung braucht Demokratie! Die Rolle von KI & Social Media in Schulen“ referieren. Am 21. Februar durfte ich dann in Berlin beim fobizz-Klassentreffen einen Workshop zu „Neue Lern- und Prüfungskultur mit KI. Warum KI in Schule alles verändert? Oder auch nicht?“ halten. Diese beiden Veranstaltungen haben mich darin bestärkt, dass ich mit meinen Herzensthemen Demokratie- und Medienbildung sowie KI zwei wichtige Themen besetze und ich dazu auch etwas zu sagen und zu vermitteln habe. Neben Schulentwicklung werden mich diese beiden Themen auch in den nächsten Jahren begleiten, erste Veranstaltungen sind schon terminiert und in der Planung.
Der März brachte die großartige Veranstaltung Vision@Schule an der Albert-Schweitzer-Schule in Wetzlar, wo ich einen Workshop zu Schulentwicklung aus der Leitungsperspektive halten durfte. Eine großartige Veranstaltung mit Begegnungen mit zahlreichen wunderbaren und bildungsbegeisterten Menschen: Stefan Ruppaner, Ferdinand Stebner, Astrid Kalantzis, Daniel Füller, Steven Bauer, Kristin und Ulrike van der Meer, Daniel Steh, Susanne Burzel, Andreas Fischer und viele mehr. Außerdem wurde die Weibelfeldschule am 18. März offiziell von Kultusminister Armin Schwarz als Selbstständige Schule zertifiziert.
April, Mai und Juni waren dann von den üblichen Aktivitäten wie Osterferien (mit Abnahme 1. Staatsexamina an der Uni), Abitur und 2. Staatsexamina geprägt. Übrigens dienen Teile der Ferien mittlerweile nicht mehr der nötigen Regeneration und Erholung, sondern dem Aufarbeiten der Desiderate aus der Zeit davor, so zumindest meine Beobachtung aus dem vergangenen Jahr. Im Juni fand dann noch das von einer E-Phase organisierte Tonali-Konzert in der Alten Oper in Frankfurt statt, die Kreisschüler*innenvertretung Offenbach feierte 55jähriges Bestehen, die Stadtwerke haben den Vincent-Preis verliehen und eine unserer DSP-Gruppen wurde bei den Hessischen Schultheatertagen ausgezeichnet. Am 30.06. startete dann die letzte Schulwoche mit der Abschlussfeier der Mittelstufe.
Vor den Ferien ging es im Juli noch einmal hoch her, mit der akademischen Abiturfeier und dem Abiball, zu dem parallel noch unser Do-Tank in der Zukunftsschmiede mit einer Vernissage eröffnet wurde. Ich durfte erstmals am Premiereabend der Burgfestspiele teilnehmen, unsere erste Ausgabe der Schülerzeitung „4omo“ kam heraus und am letzten Schultag habe ich natürlich die Schülerinnen und Schüler in die verdienten Sommerferien verabschiedet.
In den Sommerferien stellte sich dann tatsächlich zum ersten Mal im Jahr etwas Erholung ein und ich konnte mit meinem Sohn die Platte für eine Modelleisenbahn aufbauen; leider sind wir aber über die Platte bisher nicht hinausgekommen.
Die letzte Ferienwoche starteten wir mit einer Schulleitungsklausur auf dem Hofgut Neuhof im Rahmen des Knistern-Festivals der Feuerfreunde. An der selben Location durfte ich dann auch noch einem Vernetzungstreffen für Stiftungen und Firmen aus der Region teilnehmen, an dem ich wertvolle Kontakte zur Flughafenstiftung, Hahn-Air oder Celina von Collect-it knüpfen konnte. Am 20. August bekamen wir dann von unserem Ministerpräsidenten Boris Rhein einen Scheck mit einer beachtlichen Fördersumme der Flughafen-Stiftung für unsere Zukunftsschmiede überreicht. Am 27. August habe ich einen Vortrag zu KI für Anfänger auf dem Oberstufentag der hessischen Waldorfschulen gehalten. Der Monat endete dann mit meiner Geburtstagsparty, auf der ich meinen 50. aus dem Vorjahr nachgeholt habe.
Der September war wieder sehr ereignisreich und startete mit der mobile.schule-Tagung in Hannover, wo ich viele bekannte Gesichter treffen konnte, zum Beispiel Silke, Jochen, Daniel und Jan, aber auch Georg, Hauke, Niels und viele mehr. Vom 4. bis zum 6. September erfolgte dann eines meiner Persönlichen Highlights, der Besuch der Agora-Schule in Roermond. Ein weiteres Highlight waren die Kamener Schulgespräche am 22. September. Auch das ein Wiedersehen mit vielen Bildungsenthusiasten, neben den meisten, die schon in Wetzlar dabei waren, war es schön Katja Glasmachers und Anika Osthoff persönlich kennenzulernen. Einen krönenden Monatsabschluss bildete dann der von mir organisierte Abend mit Vortrag von Silke Müller und anschließender von mir moderierter Podiumsdiskussion im Bürgerhaus Dreieich.
Im Oktober war es dann etwas ruhiger, in den arbeitsreichen Herbstferien gab es wieder Staatsexamina an der Uni und danach in der Schule. Besonders schön war der Besuch von Susanne Posselt am 28. Oktober, der ich unsere schöne Weibelfeldschule zeigen durfte und mit der immer ein interessanter Austausch stattfindet.
Im November war ich dann wieder etwas unterwegs. Am 05. fand die jährliche Tagung von Bildungsfaktor Abitur in Friedberg statt. Als Mitglied des Vorstandes hatte ich die Ehre Diana Knodel von fobizz als Keynote-Speaker zu gewinnen und mit ihr gemeinsam einen Workshop zu gestalten. Am 15. fand erstmals die Edunautika-Süd statt, ich hoffe das war der Auftakt und es geht nächstes Jahr weiter, auch hier durfte ich zwei Sessions zu meinen Themen anbieten. Abgerundet wurde der November durch eine Hospitation am Gymnasium in Mainz-Mombach (Bericht folgt). Außerdem habe ich im November den mir sehr wichtigen Blogbeitrag „Vom Scheitern“ veröffentlicht, der auf sehr positive Resonanz gestoßen ist.
Im Dezember bekam eine unserer Intensivklassen einen Demokratiepreis des Hessischen Justizministeriums verliehen und ich konnte ein Selfie mit Sebastian Rode abstauben. Zum Jahresabschluss war ich beim Netzwerktreffen von „Journalismus macht Schule“ in der Landesvertretung von Mecklenburg-Vorpommern in Berlin. Dort gab es spannende Vorträge und Workshops rund um Journalismus und Medienbildung. Das Ziel ist es hier in den nächsten Jahren, gemeinsam mit Florian Nuxoll, mehr Expertise seitens der Lehrkräfte einzubringen. Besonders hat mich gefreut Kerstin Butenhoff und Leonard Sommer persönlich zu treffen. Außerdem konnte ich mich auch dort weiter vernetzen und ich habe ein Selfie mit der Bundesbildungsministerin ergattert.
Natürlich war das nur eine Auswahl meiner Aktivitäten und Begegnungen, die zeigen wie wichtig es ist, sich immer weiter zu vernetzen. Außerdem sind diese Veranstaltungen immer wieder ein Motivationsfaktor, der einen aus dem Alltag holt und neue Perspektiven eröffnet, der zeigt, was Andere tun und was alles möglich ist. Danke an alle, die mir immer wieder diese Möglichkeiten bieten! Zu diesen Begegnungen gehören zum Beispiel auch noch die regelmäßigen Treffen mit meinem ehemaligen Chef, Hans Peter Löw, mit dem ich die Austausche zu schul- und weltpolitischen Entwicklungen sehr schätze. Toll war es auch Sascha Eschmann von „Nur Mut“ oder Christian Weiß und Susanne Mombers von den Feuerfreunden kennenzulernen oder Celina Schwarz von collect-it, wir werden sicher in Zukunft noch gemeinsam Dinge bewegen. Ein besonderer Dank geht auch an die Unterstützung aus der Politik, besonders an den Landrat Oliver Quilling, den ehemaligen Bürgermeister Bernd Abeln und Frau, sowie den aktuellen Bürgermeister Martin Burlon die uns immer wieder unterstützen und ohne die unsere Zukunftsschmiede nicht so schnell und so schön umgesetzt worden wäre. Zu den Unterstützern dafür zählen natürlich auch die schon erwähnte Flughafen-Stiftung, aber auch die Eisel- und die Düncher-Stiftung, die Sparkassen-Stiftung und viele mehr. Ich habe sicher leider wichtige Förderer unserer schulischen Arbeit vergessen, bin aber allen dankbar, die die Weibelfeldschule und meine Bildungsaktivitäten unterstützen. Dazu zählt natürlich der Förderverein, aber auch die KiJuFö der Stadt Dreieich, die Stadtwerke, der Paritätische und der Kreis Offenbach, die die Veranstaltung mit Silke Müller unterstützt haben, Danke auch an die Teilnehmenden an der Podiumsdiskussion von der LSV, dem LEB, DSS und der GMK.
Auch meine Nebentätigkeit beim Abendgymnasium Offenbach in der Erwachsenenbildung ist immer noch eine Bereicherung. Hier ist allerdings ein Ende absehbar. Weil ich meinen Workload im Blick haben muss, werde ich hier nur noch meinen aktuellen Kurs zum Abitur 2027 begleiten und dann aufhören, auch wenn ich das AGO vermissen werde.
Eine wichtige Bereicherung ist auch meine Mitgliedschaft im Think-Tank „Lehren und Lernen im Kontext von Künstlicher Intelligenz“ im Rahmen von VK:KIWA, einem Netzwerk wichtiger Personen in der KI-Bildungsblase.
Ich bin immer wieder fasziniert, was in einem Jahr alles passieren kann. All diese Aktivitäten fordern mich und bereichern mich. Die Kunst ist Überforderung zu vermeiden. Ich merke, wie mir zunehmende Vernetzung und damit Professionalisierung gut tun, mich aber auch Kraft kosten. Die Herausforderung im kommenden Jahr wird sein, eine Balance aus weiterer Vernetzung und Pflege des Netzwerks, den wachsenden täglichen Aufgaben als Schulleiter und den notwendigen Aufgaben in der Schulentwicklung zu finden. Ich glaube, dass 2026 ein herausforderndes und wegweisendes Jahr in vielen Bereichen wird. Für mich persönlich wird der Schwerpunkt im nächsten Jahr darauf liegen, bestehende Netzwerke zu pflegen und moderat zu erweitern, in der Schule müssen Kompetenzen für individualisierte Lernprozesse aufgebaut und Lösungen zum Umgang mit herausfordernden Schülerinnen und Schülern gefunden werden. Wir müssen unseren Transformationsprozess vorantreiben, um Schule zukuntsfest und die Welt enkelfähig zu machen. Ich werde weiter spannende Schulen besuchen, fest gebucht ist ein zweiter Besuch in der Richtsbergschule in Marburg und ein Besuch bei der IGS-Süd in Frankfurt, geplant sind Besuche bei Susanne Posselt in Pforzheim, Daniel Steh in Frechen, Andreas Fischer in Köln und bei Jonas Wagner in Hannover, ein Traum wäre es irgendwie bei der Alemannenschule in Wutöschingen reinzukommen.
Wir haben gesamtgesellschaftlich und schulisch wichtige Weichen zu stellen. 2026 wird ein wichtiges Jahr für die Zukunft der Bildung in Deutschland, ich bin bereit.
Mein Professor sah mich an und sagte: „Ihre Leistungen reichen nicht aus. Suchen Sie sich besser etwas anderes.“ Das war der Moment, in dem mein Plan im Kopf zerbrach – und ich zum ersten Mal wirklich scheiterte. Heute bin ich in meinen 50ern, Schulleiter der größten Schule im Kreis, habe ein solides virtuelles und reales Netzwerk und eine glückliche Familie. Man kann sagen, ich habe es geschafft, das war bestimmt eine glatte Nummer, gute Schulnoten, konsequentes Studium, sehr gute Examina und dann Karriere im Staatsdienst. Was will man mehr?
Aber so war das nicht. Dass ich dort ankomme, wo ich jetzt bin, war weder durchgeplant noch vorhersehbar. Meine „Karriere“ ist durchzogen von Zweifeln, Unentschlossenheit, Rückschlägen und – ja auch das – echtem Scheitern. Jan-Martin Klinge hat auf „Halbtagsblog“ Ende Oktober über „Lernen durch Schmerz“ geschrieben und dabei von eigenen Rückschlägen berichtet, Susanne Posselt ist auf „Bildungsweise“ am 01. November gefolgt und hat über „Geschichten über Schmerz und Versagen“ geschrieben. Nele Hirsch hat kürzlich „Über persönliche Krisen in der pädagogischen Tätigkeit“ gebloggt. Dieser Beitrag ist auch schon etwas länger in Planung und natürlich fällt mir das nicht leicht, wer schreibt schon gerne über Misserfolge und veröffentlicht das dann auch noch in der Bling-Bling-Social-Media-Bildungsbubble, wo es um Erfolge geht, reformierte Schulen, lernwirksamen Unterricht, perfekt didaktisiertes Material, das Ganze am besten noch garniert mit hippem Lifestyle.
Warum schreibe ich also vom Scheitern? Als Schulleiter habe ich eine ganz besondere Vorbildfunktion. Ich stehe im Fokus von Schülerinnen und Schülern, von Kolleginnen und Kollegen, von Eltern, ja sogar ein wenig im Fokus der lokalen Öffentlichkeit und, in meinem Fall, auch im Fokus der Bildungsblase in der nationalen Netz-Öffentlichkeit. Dort sind in der Regel Erfolge zu sehen, die ich mit der Schulgemeinschaft oder persönlich erreicht habe und die ich feiere. Dort agiere ich meist meinungsstark und planvoll, es sieht so aus, als hätte ich mein Leben, meinen Job und mein Bild in der Öffentlichkeit fest im Griff. Und das ist ja auch wichtig und entspricht den Erwartungen an mich als Person und meine Funktion. Von außen wirkt es oft, als sei ich souverän, planvoll und sicher in meinen Entscheidungen. Doch das Bild kennt nur die Ergebnisse, nicht den Weg dorthin. In Wahrheit bin ich häufig ein eher grüblerischer und zögerlicher Mensch, ich reflektiere Entscheidungen wenn ich kann und wäge ab, versuche andere Perspektiven einzunehmen und weiß, dass es oft nicht nur ein Ja oder Nein gibt, sondern, dass die Wahrheit oft in Graubereichen einer Zwischenwelt liegt. Als Gesellschaftswissenschaftler weiß ich, dass Probleme multikausale Ursachen haben und es Interdependenzen gibt, dass Entscheidungen oft einen dilemmatischen Charakter haben, gerade wenn es um Menschen und deren Zukunft geht. Auch wenn es vielleicht manchmal so aussieht, es ist nicht einfach und bereitet schon gar kein Vergnügen, einer Schülerin das Handy abzunehmen oder einen Schulverweis in einer Klassenkonferenz zu beantragen. Doch das gehört zu meinem Job und zu meinem pädagogischen Erziehungsauftrag. Aber ich wollte ja eigentlich über das Scheitern schreiben.
Mein erster Scheiternsmoment Für mich und mein Umfeld war eigentlich schon recht früh klar, dass ich mich in Richtung Naturwissenschaften entwickle. Ich hatte als Kind schon Chemie- und Elektrobaukästen, habe experimentiert und gelötet, entsprechende Bücher gelesen und mich mit naturwissenschaftlichen Themen beschäftigt. Folgerichtig hatte ich als Leistungskurs Chemie gewählt und mein Lehrer hatte mir einmal gesagt, dass ich der einzige Schüler in dem Kurs sei, dem er ein Chemiestudium zutraue. Also habe ich mich für das Gymnasiallehramt mit den Fächern Politik und Chemie an der Universität eingeschrieben. Der Start verlief auch recht gut, anorganische und, mit mehr Schwierigkeiten, organische Chemie habe ich gemeistert, doch die physikalische Chemie sollte meine Nemesis werden. Hier zeigte sich, was ich vielleicht sogar schon vorher hätte wissen können, dass meine Mathekenntnisse nicht ausreichten. Ich bin gnadenlos durch die Kolloquien gefallen, bekam von meinem Professor gesagt, dass meine Leistungen nicht ausreichten und ich mir alternative Gedanken machen sollte. Das fiel mir nicht leicht, da ich mich ja schon lange für einen Naturwissenschaftler hielt und auch diese Erwartung an mich bestand, außerdem hatte ich eher etwas später mit dem Studium begonnen und anscheinend Zeit für einen Irrweg verschwendet. Ich hielt mich für jemanden, der Naturwissenschaften kann – und plötzlich gehörte ich nicht mehr dazu. Das war nicht nur ein Studienabbruch. Es war ein Identitätsbruch. Ich musste mir das Scheitern eingestehen und einen alternativen Weg gehen. Dieser führte mich dann zu meinem Geschichtsstudium, dass ich zu keiner Zeit bereut habe. Vermutlich entsprechen die Gesellschaftswissenschaften sogar eher meinem Talent und Naturell, das wurde mir jedoch erst später klar.
Ich war auch nicht immer ein brillanter Schüler, auch wenn ich ein gutes Abitur gemacht habe, so bin ich in der 8. und 9. Klasse knapp um eine Wiederholung herumgekommen. Mein Studium ging weit über die Regelstudienzeit hinaus, unter anderem weil ich als Baseballfunktionär sehr aktiv war (siehe CV) und weil ich gerne viele Vorlesungen besucht habe und in andere Fachbereiche, wie Philosophie, Kunst- und Kirchengeschichte, reingeschnuppert habe. Am Ende waren dann aber alle meine Freunde mit der Uni fertig, in Jobs und konnten sich Dinge leisten, die für mich nicht drin waren, also musste ich schnell aus meiner studentischen Komfortzone raus. Doch halt, eigentlich sollte ich ja sogar in Geschichte promovieren, ich hatte sogar schon einen Doktorvater, aber die finanzierende Stiftung hat mich abgelehnt, weil ich zu alt war, auch eine Art von Scheitern.
Ich kam also in einem leicht fortgeschrittenen Alter ins Referendariat, welches ich passabel bewältigt habe, mein 2. Staatsexamen war keine Glanzleistung, ich wollte wohl in den beiden Examensstunden zu viel.
Ein weiterer Moment des Scheiterns war mein Versuch Schulleiter an meiner vorherigen Schule zu werden. Ich wurde nicht ausgewählt, ein beamtenrechtlich normaler Vorgang. Dazu kommen natürlich unzählige kleine Alltagsniederlagen. Wenn man etwas bewegen will, erleidet man immer wieder Zweifel, Unentschlossenheit, Rückschläge und Scheitern.
Scheitern als Chance All diese Momente sind aber auch, wenn man sie reflektiert, Lerngelegenheiten, um es beim nächsten Mal besser zu machen. Ich habe gelernt Rückschläge und Scheitern als Chance zu sehen und rückblickend kann ich meine Momente des Scheiterns auch so interpretieren. Ich bin heute froh, dass ich Geschichte und nicht Chemie studiert habe. In Kombination mit Politik kann ich so gesellschaftliche und historische Zusammenhänge viel tiefer durchdringen und besser erkennen, „was die Welt im Innersten zusammenhält“. Die lange Studiendauer und der Blick über den Tellerrand unterstützen das. Trotz meines eher schwachen zweiten Staatsexamens bin ich dann recht schnell für ein paar Jahre in der Lehrkräfteausbildung tätig gewesen, so schlecht kann ich also als Lehrer nicht gewesen sein. Und im Rückblick war der Wechsel an die Weibelfeldschule für mich sehr positiv und ich bereue den Schritt nicht, im Gegenteil, auch hier folgte auf die Enttäuschung des Scheiterns eine neue und vermutlich bessere Perspektive.
Fazit Biografien verlaufen selten gradlinig, man muss offen für Veränderungen sein, wenn sich Türen schließen, öffnen sich andere, wenn sich Gelegenheiten bieten, soll man zugreifen. Vorstellungen und Mindsets dürfen sich ändern. Als junger Mensch war für mich keineswegs klar, dass ich Schulleiter werde. Ich erinnere mich mindestens an die, neben irgendetwas mit Naturwissenschaften, ernsthaften Wünsche Jurist, Bibliothekswissenschaftler, Baseballfunktionär oder Feinwerktechniker zu werden. Jetzt bin ich eben Schulleiter und das auch sehr gerne, aber das war weder durchgeplant noch vorhersehbar. Meine „Karriere“ ist durchzogen von Zweifeln, Unentschlossenheit, Rückschlägen und – ja auch das – echtem Scheitern. Das war im Moment des Scheiterns natürlich hart, aber in der Rückschau kann ich jeden dieser Momente feiern, denn er hat mich dort hingebracht, wo ich jetzt bin. Scheitern ist kein Makel in einer Biografie, sondern oft ein verborgener Wendepunkt. In meinem Fall war es nie das Ende – sondern immer der Anfang von etwas Richtigerem. Vielleicht ist das die wichtigste Botschaft, die ich als Schulleiter weitergeben kann.
P.S.: Natürlich weiß ich, dass meine Erfahrungen des Scheiterns keine existenziellen Krisen waren. Umso mehr hoffe ich, dass mein Beitrag jungen Menschen ein kleiner Trost sein kann – wenn Versetzung, Studienwahl oder Ausbildung einmal nicht wie geplant laufen. Es geht weiter. Und es kann gut werden.
Am 15. November durfte ich bei der Edunautika in Hanau als Teilnehmer und Teilgeber dabei sein. Warum das einen Blogbeitrag wert ist, möchte ich hier kurz darlegen.
Was ist überhaupt eine Edunautika? Die Edunautika ist ein seit 2018 in Hamburg etabliertes Barcamp, das von der Max-Brauer Schule, der Winterhuder Reformschule und der Agentur Jöran & Konsorten organisiert wird. Ein Barcamp ist eine „Unkonferenz“ bei der die Beteiligten spontan entscheiden, welche Themen sie anbieten (teilgeben) oder an welchen Themen sie in so genannten Sessions teilnehmen. So entstehen vielfältige Austauschformate bei denen neue Ideen entwickelt, Dinge gelernt oder diskutiert werden können, Anregungen gefunden werden, Kontakte geknüpft werden und vieles mehr. Dankenswerterweise hat die Heraeus-Bildungsstiftung dieses wunderbare Austauschformat in den Süden nach Hanau an die Karl-Rehbein-Schule geholt.
Und warum ist das jetzt einen Blogbeitrag wert? Weil ich möglichst weiteren Menschen vermitteln will, dass sich der Besuch gelohnt hat und weil ich hoffe, dass die Edunatika auch nächstes Jahr wieder nach Hanau kommt! Neben der Tatsache, dass ich viele Menschen aus meiner Bildungsbubble erstmals im „Real-life“ kennenlernen durfte, zum Beispiel Nele Hirsch, Jöran Muuß-Merholz, Martin Fugmann oder Thomas Masztalerz oder andere endlich einmal wieder getroffen habe, wie Andreas Fischer oder Gratian Riter, habe ich zahlreiche neue Menschen kennengelernt, Kontakte geknüpft und vernetzt und letztlich natürlich viel Neues gelernt. All das stellt einen unglaublichen Mehrwert dar und dazu kommt dann noch der motivierende Effekt. Der Austausch über innovative Ansätze im Bildungssystem zeigt, was möglich ist und dass es viele Menschen gibt, die ähnlich denke und das System für die Lernenden verändern wollen. Das motiviert. In der ersten Session an der ich teilgenommen habe, ging es um Agency und kollektive Wirksamkeit. Teilgeber waren Nele Hirsch vom eBildungslabor und Gratian Riter, der SEagent. Inhalt und Methode hate Nele hier hervorragend zusammengefasst. Die zweite Session, an der ich teilgenommen habe, drehte sich um das Bildungshaus Riesenklein in Halle an der Saale, einer innovativen Schule, die wunderbar von der zwölfjährigen Schülerin Rica vorgestellt wurde. Nach einer vernetzungswirksamen Mittagspause durfte ich selbst noch Teilgeber für zwei Sessions zu zwei meiner Herzensthemen sein, nämlich KI und Demokratie- und Medienbildung.
In der ersten Session „KI für Anfänger“ ging es darum, welche Rolle KI in Schule spielt zu erörtern und um den Appell, sich mit KI zu befassen, da diese eine zunehmend wichtige Rolle spielt (laut der brandaktuellen JIM-Studie nutzen 74% der Lernenden KI für Hausaufgaben). Nach einem kurzen Input von mir, orientiert an meinem Vortrag zu KI-Basics, den es hier gibt, diskutierten wir angeregt über die Auswirkungen von KI auf Hausaufgaben, Prüfungskultur und Unterricht. Wir überlegten, welche Chancen und Risiken mit KI verbunden sind und wie wir über diese aufklären und sie in den Unterricht einbinden. Ich glaube, es war allen klar, dass KI nicht mehr weggeht und wir uns damit befassen müssen und dass dies am Ende zu einer anderen Unterrichts- und Prüfungskultur führen wird. Wir müssen uns letztlich darauf einlassen und aufklären, ausprobieren, akzeptieren und aktiv werden müssen, getreu der 4-a von Doris Weßels. In der zweiten von mir abgehaltenen Session ging es um die provokante Frage, manche werfen mir sogar, vielleicht nicht ganz zu unrecht, „Rage Bait“ vor: „Wenn wir Demokratie- und Medienbildung nicht ernst nehmen, können wir Mathe und Deutsch bald vergessen!“. Auch hier gab es wieder einen kurzen Input von mir, der auf einem meiner Workshops bei den Kamener Schulgesprächen im September basierte, die Folien dazu gibt es hier.
Die einigende Klammer beider Sessions war, dass wir Schule komplexer denken und grundlegend verändern müssen. Wir brauchen nicht noch ein Konzept, das im Schrank verstaubt, sondern einen ganzheitlichen pädagogikzentrierten Bildungsbegriff. Demokratie- und Medienbildung, und dazu gehört KI, müssen als Querschnittaufgabe für Schule verstanden werden und können nicht an einzelne Fächer oder bestimmte Projekttage ausgelagert werden. Ich fordere schon länger mehr Demokratie- und Medienbildung. KI macht diese Forderung noch dringlicher, da sie die Beeinflussung des demokratischen Kurses und die Generierung von Fake auf ein neues Level hebt.
Vielen Dank für all die interessanten Begegnungen, Impulse, Diskurse, Kontroversen und Austausche auf der Edunautika in Hanau. Ich hoffe sehr, dass wir uns nächstes Jahr unter dem gleichen Banner am gleichen Ort wiedersehen können!
Die Studienlage ist eigentlich eindeutig, vielen Jugendlichen geht es nicht gut und der Trend ist negativ. Gleichzeitig wird es immer schwieriger ambulante und stationäre Therapieplätze zu finden, die Wartezeiten sind sehr lang.
Die Studien zeigen auch, dass Leistungsdruck, Mobbing, mangelnde Unterstützung und vieles mehr in der Schule einen Teil zu dieser Situation beiträgt. Also liegt es auch in der Verantwortung der Schule, einen Teil zur Verbesserung der Situation, im Rahmen ihrer Möglichkeiten, beizutragen.
Dazu gehört als erster Schritt, das Problem und die Verantwortung dafür anzuerkennen.
Mit der im letzten Newsletter (https://www.schulmun.de/2025/10/24/newsletter-25-26-04-24-10-2025/) vorgestellten Verpflichtung des Hessischen Schulgesetzes „zur Wohlfahrt der Schülerinnen und Schüler und zum Schutz ihrer seelischen und körperlichen Unversehrtheit, geistigen Freiheit und Entfaltungsmöglichkeit“ (§3 Abs. 9) und dem damit etablierten Schutzkonzept gehen wir einen Schritt in die richtige Richtung, sind aber auch erst am Anfang. Auch das Medienkonzept und die Module zum sozialen Lernen sind Bausteine auf dem Weg zu mehr Salutogenese von Lernenden und Lehrenden. Unser Ziel ist ja, so sieht es das von der Gesamtkonferenz beschlossene Mandat für die DNA-Gruppe vor, eine Schule zu sein, in die alle Schülerinnen, Schüler und Lehrkräfte gerne gehen. Und dazu braucht es einen respektvollen Umgang und ein von jeglicher Gewalt freies Schulklima. Dafür tun wir schon Einiges, sind uns aber auch bewusst, dass wir dafür die Unterstützung der Familien, eigentlich der gesamten Gesellschaft brauchen.
Die Bundesschülerkonferenz hat in dem erwähnten Call-to-Action zehn unterstützenswerte Forderungen aufgestellt, die ich hier vollumfänglich wiedergebe: „Unser 10-Punkte-Plan:
Mehr Personal in Schulsozialarbeit und im schulpsychologischen Dienst
Bessere Schulstrukturen: individuelle Förderung, mehr Pausen, Entlastung der Lehrkräfte, gute Ganztagsmodelle
Förderung von Medienkompetenz in allen Unterrichtsfächern
Mentale Gesundheit als Querschnittsaufgabe für alle Schularten und Unterrichtsfächer
Fortbildungen, die Lehrkräfte und pädagogisches Personal befähigen, sich den Herausforderungen psychischer Belastungen zu stellen
Gesundheitsförderung als Teil der Schulkultur etablieren mit Strategien zur Prävention und Früherkennung von psychischen und physischen Krankheiten (z.B. Angebote für mehr Bewegung, gesunde Ernährung und Einsatz schulgerechter digitaler Tools zur Unterstützung von mentaler Gesundheit)
Verbindliche Schutzkonzepte gegen Mobbing und Diskriminierung
Vermittlung von Schlüsselkompetenzen wie Selbstregulation und Stressbewältigung im Unterricht und in außerunterrichtlichen Angeboten
Schulbauten mit Rückzugsräumen, guter Akustik, viel Licht und ausreichend Platz
Umfassende Begleitung, Unterstützung und Nachteilsvermeidung für Kinder und Jugendliche mit Behinderung sowie für junge Menschen in risikobehafteten Lebenssituationen
Was wir brauchen, sind gesunde, medienkompetente und resiliente junge Menschen! Wir fordern die Politik auf, denen zuzuhören, die es betrifft!“
An einigen der Punkte sind wir dran, zum Beispiel auch mit dem Projekt „einfach bewegen(d)“, an anderen müssen wir noch arbeiten. Ein nächster Schritt wird es sein, „Tomoni“ an der Schule anzubieten (https://www.tomonimentalhealth.org/). Dazu demnächst mehr.
Mir persönlich ist es wichtig, dieses Thema in den Fokus zu rücken und damit, neben Medien- und Demokratiebildung, einen weiteren persönlichen Entwicklungsschwerpunkt zu setzen, um unseren Schülerinnen und Schülern die nötige Resilienz für die Herausforderungen der Zukunft mitzugeben.
Ihr
Erik Grundmann
Und hier wieder als Angebot, ein paar Links, Tipps und Empfehlungen, das naturgemäß nach den Ferien etwas ausführlicher ausfällt:
Tipps für den Unterricht Bei „Liberating Structures“ gibt es eine tolle Methodenseite zur Kollaboration, die auch im Unterricht anwendbar ist: https://liberatingstructures.de/liberating-structures-menue/. Überhaupt ist die Seite empfehlenswert! Das ZDF hat eine eigene Seite mit Material für Schulen: https://schule.zdf.de/. Hier gibt es, nur für den Unterricht, verschiedene Vorlagen zur Erstellung von Social-Media-Content für Arbeitsblätter, zum Beispiel Insta-Posts oder WhatsApp-Dialoge: https://zeoob.com/.
Leseempfehlung Weil ich ja immer Medienbildung so sehr in den Vordergrund stelle (und natürlich auch ein klein wenig, weil ein kurzer Beitrag von mir zur Medienbildung an der Weibelfeldschule drin ist), gerade erst veröffentlicht: Florian Nuxoll: Upgrade: Medienkompetenz. Informationen einordnen, kritisch reflektieren, verantwortungsvoll handeln, Hannover 2025.
Schulentwicklung ist eine lohnenswerte und ehrenwerte Aufgabe, ja sogar eine absolute Notwendigkeit. Schulentwicklung ist anstrengend und eine langwierige nie abgeschlossene Aufgabe. Sie muss seitens des Schulleiters strategisch gesteuert werden, er darf aber nur sehr begrenzt Vorgaben machen, sondern muss eher Möglichkeitsräume für progressive und engagierte Lehrkräfte schaffen. Sie muss Lernende und Eltern einbinden und interne und externe Expertise nutzen und sie muss im Rahmen des Systems stattfinden.
Ich betreibe leidenschaftlich gerne Schulentwicklung und habe auch eine Vision einer besseren Schule für das 21. Jahrhundert und ich bin stolz auf all das, was wir bisher erreicht haben, das ist objektiv betrachtet eine beachtliche Leistung, die in diesem Blog dokumentiert ist. Aber es gibt auch Momente, da habe ich einen leichten Schulentwicklungs-Blues.
Warum schreibe ich das? Weil in den sozialen Medien, und auch in diesem Blog, meistens von den positiven Momenten und Erfolgen bei Schulentwicklungs-prozessen berichtet wird. Jan Vedder hat auf Instagram mal ein Reel veröffentlicht, in dem er darauf aufmerksam gemacht hat, dass Schulentwicklung „anstrengend, arbeitsintensiv und nichts für schwache Nerven ist“, das ich gerne bei Vorträgen zu Schulentwicklung zeige. Aber sonst geht es meist um Erfolge und selten um die Mühen des Weges dorthin. Das sollte aber nicht verschwiegen werden. Jan hat Recht mit seinem Hinweis, ich würde das sogar noch ergänzen, Schulentwicklung ist konfliktbehaftet, führt zu Rückschlägen und Misserfolgen, sie frisst Ressourcen, die eigentlich gar nicht vorhanden sind und sie führt zu Momenten der Verzweiflung. Manche Dinge sind für mich leicht, für andere Lehrkräfte nicht, nicht jede teilt meine Vorstellungen von Haltung, nicht jede kann oder will sich über Gebühr engagieren (was vollkommen legitim ist!). Manchmal begegnen mir Handlungen und Haltungen, die ich nicht verstehe, manchmal muss ich gegen meine Überzeugungen handeln oder lehne mich zu weit aus dem berühmten Fenster. Manchmal will ich zu viel, manchmal zu wenig. Manchmal unterstütze ich nicht genug und mache Fehler. Ich bemühe gern das Bild von Goethes Zauberlehrling, der Kräfte entfesselt, über die er die Kontrolle verliert. Manchmal fühlt sich das so an.
Und dann tritt er ein, der Schulentwicklungs-Blues.
Aber dann kommt ein Schüler und flachst mit mir oder eine Kollegin mit einer tollen Idee, jemand aus der Schulleitung mit einem Programm, jemand von außerhalb des Systems mit einem Lob, eine tolle Veranstaltung in Wetzlar, Berlin oder Kamen, ein inspirierender Beitrag in einem sozialen Netzwerk und dann wird ganz schnell wieder klar: Es lohnt sich. Trotz aller Anstrengungen, Rückschläge und Hindernisse muss Schulentwicklung sein. Stillstand ist keine Alternative, Schule muss sich verändern, sie muss im 21. Jahrhundert ankommen. Und dafür braucht es uns, die Lust haben Schule zu entwickeln und zu verändern und ich bin dankbar für alle, die diesen Weg mitgehen, die mich inspirieren und mir zeigen, dass ich nicht alleine bin. Ich freue mich über die zahlreichen Schulen, die auf ihrem Weg schon weiter sind. Dann wird der Blues zum Swing und ich schöpfe neue Kraft.
Am 21. September durfte ich Teil der 4. Kamener Schulgespräche sein. Alexandra Grund und Daniel Füller von der Gesamtschule in Kamen haben eine wichtige Veranstaltung zur Schulentwicklung gestaltet und organisiert. Vielen Dank für das großartige und außerordentliche Engagement! Den Kern der Veranstaltung bilden eine Ausbildungsmesse für Schülerinnen und Schüler und eine Bildungsmesse mit Workshops für Lehrkräfte. Ich habe zwei Workshops gehalten und wieder einmal erfahren, wie wichtig solche Veranstaltungen zur Vernetzung sind. Denn getreu dem Motte der Schulgespräche: „Gemeinsam machen wir Schule besser“, stellte ich auch in Kamen fest: „Wir werden mehr!“ Flankiert wurde die Veranstaltung durch drei inspirierende Eröffnungskeynotes von Steven Bauer, Katja Glasmachers und Lydia Clahes und einem wunderbaren Abschluss durch Stefan Ruppaner. Vielen Dank für den tollen Tag in der kleinen und feinen Hansestadt Kamen, es war mir wirklich ein Vergnügen.
Wie versprochen und wie immer, hier die beiden Vorträge zu den Workshops:
Dr. Anika Limburg, Direktorin des Bildungscampus Saarland, und Joscha Falck, Mittelschullehrer an der Mittelschule Rednitzhembach und Schulentwicklungsmoderator, haben unter dem Hashtag #kAIneEntwertung eine Blogparade ins Leben gerufen. Inhalt ist ein gemeinsames Nachdenken über menschliche Leistung und KI. Mehr zum Hintergrund und Links zu den Teilnehmenden an der Blogparade gibt es hier.
Ich habe mich bewusst entschieden, diesen Beitrag ko-kreativ mit KI zu erstellen. Natürlich entwertet dies meinen „Werkstolz“ (vgl. Beitrag von Reinmann & Vohle), aber eben auch nicht so ganz. Die Grundidee (Marx und die Frankfurter Schule) kam ja von mir und treibt mich auch schon länger um. Außerdem wäre die Ko-Kreation ohne mein individuelles Vorwissen nicht möglich gewesen. KI-Text ist, abgesehen vom Teaser, kursiv gedruckt. Um mein Fazit vorwegzunehmen: Der Einzug von KI in die Arbeitswelt gehört zu den großen Disruptionen in der Weltgeschichte, ist aber nicht deren Endpunkt und schon gar nicht deren Untergang. KI ist ein Beschleuniger für bereits länger angelegte Prozesse, sie befördert exponentielle Veränderungsprozesse (Meinen Blick auf KI und die damit verbundenen Herausforderungen für Schule habe ich bereits hier in Grundzügen dargestellt). Mein Beitrag hat einen philosophisch-soziologischen Schwerpunkt. Ich hoffe damit den Diskurs aus dieser Perspektive bereichern zu können.
ChatGPT fasst die Inhalte der bisherigen Beiträge (Stand 27.09.2025) folgendermaßen zusammen: „Die Beiträge der Blogparade liefern ein differenziertes Bild: Bei aller berechtigten Besorgnis über Entwertung – insbesondere symbolischer, identitärer und affektiver Dimensionen – findet sich auch ein starker Wunsch, aus der Veränderung eine Chance zu machen. Statt in eine Haltung der Gegenwehr zu verfallen, schlagen viele Autor:innen vor, Begriffe, Formate und Kulturen so umzudenken, dass KI-unterstützte Produktion nicht automatisch als Abkürzung disqualifiziert wird, sondern als legitimer Anteil einer Leistung, sofern klar reflektiert, bewertet und verantwortet. Das zentrale Spannungsfeld lautet: Wie viel Technik darf, wie viel Mensch muss? Und wie erhalten wir Würde, Sinn und Motivation in der Leistung, wenn vieles automatisiert erscheint?“
Genau diese Fragestellung brachte mich (wieder einmal) auf die Spur von Marx und der Frankfurter Schule. Marx Werk ist eine Antwort auf die entstehende Moderne in Wirtschaft und Gesellschaft, ihm geht es um Produktionsverhältnisse und Klassenfragen. Die Frankfurter Schule überträgt diese Gedanken in die jüngere Moderne und fokussiert auf Kultur und Gesellschaft.
KI und Marx
Der Gedanke der „Entfremdung“ bei Marx wird durch KI wieder brandaktuell. Marx beklagte, dass sich der Arbeiter von seinem Werk entfremdet, weil dieses einer arbeitsteiligen Logik unterworfen wird und so das Werkstück als Teilprodukt eine Identifizierung mit dem Gesamtprodukt verhindert. Außerdem gehört das Produkt am Ende dem Besitzenden der Produktionsmittel. Die Frage des Besitzes von KI-Produkten ist noch im Klärungsprozess, aber es lässt sich festhalten, dass es, wie in vielen Beiträgen der Blogparade beschrieben, am Ende eine abstrakte Distanz vom Schöpfungsprozess eines KI-Textes oder KI-Bildes gibt. Somit ist auch fraglich, ob Marx einem KI-Produkt die Schaffung eines Mehrwertes zugestehen würde, da der Schöpfungsprozess nicht mit einem wirklichen Erarbeitungsprozess in Form von klassischer Werkarbeit verbunden ist. Gleichzeitig lässt sich aber durchaus argumentieren, dass der Entstehung eines KI-Produktes doch tatsächliche Arbeitsprozesse vorausgehen, schließlich wurde das LLM entwickelt, programmiert und trainiert, und nicht zu vergessen, von zahlreichen Click-Workern justiert. Es steckt also doch Arbeit in einem KI-Produkt, sogar Ausbeutung im klassischen Sinn. Und damit sind wir mitten in der ethischen Diskussion um KI. Auch diese Technologie unterliegt Ausbeutungsprozessen von Mensch und Natur und entwertet menschliche Leistung. Gleichzeitig setzt sich, marxistisch gedacht, eine Form des Klassenkampfes fort. Es gibt privilegierte Klassen mit Zugang zu KI-Werkzeugen und deren Produktionspotenzial und es gibt Menschen, die sich den Zugang zu den spezialisierten und effektiven Tools nicht leisten können oder sogar für deren Training ausgebeutet werden. Außerdem liegt der tatsächliche Besitz der KI-Produktionsmittel in den Händen weniger Tech-Firmen und verschafft diesen nicht zu unterschätzende Macht. Letztlich kann es passieren, dass KI viele Arbeitsplätze überflüssig macht, wie einst die Maschinen in der Industrialisierung, und so eine neue Verelendung der Massen erfolgt. Das muss in Schule thematisiert werden!
KI und die Frankfurter Schule
Adorno und Horkheimer als zentrale Vertreter der Frankfurter Schule prägen den Begriff der Kulturindustrie als ein Resultat der „Dialektik der Aufklärung“. Kultur wird zu einem reproduzierbaren Massengut, sie wird industrialisiert und zur Ware. So verliert Kultur Individualität und ihr gesellschaftlich relevantes kritisches Potenzial. KI wirkt hier als Beschleuniger und vielleicht sogar als Vollender der Kulturindustrie. Sie führt zur exponentiellen Reproduktion von Kultur und Kunst als Industrieprodukt. In „Das Kunstwerk im Zeitalter seiner technischen Reproduzierbarkeit“ analysiert Benjamin, wie technische Vervielfältigung die Aura von Kunstwerken zerstört. KI geht noch weiter: Sie produziert neue Werke, die nie ein Original, bzw. Milliarden Originale hatten, aber so auch keine Aura. Nun könnte man argumentieren, dass Warhols Suppendosen einen ähnlichen Hintergrund hatten oder Beuys Diktum, dass jeder ein Künstler sei, hier seine demokratische Vollendung finde, aber am Ende scheint mir „KI-Kunst“, zumindest wie sie von den „Massen“ in Massen produziert wird, doch keine Kunst zu sein, sondern Trash (vgl. den Hype um Bildgenerierungen im Stil des „Studio Ghibli“ oder den „Shrimp-Jesus“). Schließlich wirkt KI auch als Beschleuniger bei der Eindimensionalität des Menschen im Sinne von Marcuse. Die vermeintliche Freiheit, die KI zu bringen scheint, führt in Wahrheit doch zu einer Uniformität, Anpassung und Kontrolle. BigTech bestimmt, was wir mit KI erzeugen können und setzt unserer Kreativität klare Grenzen. Sie erzeugt „Durchschnittstexte“ und „Durchschnittsbilder“, die die Norm verstärken. Diese stromlinienförmigen Produkte, werden ungeprüft übernommen und zerstören so eigene Kritik- und Urteilsfähigkeit, der Mensch wird eindimensional. Zuletzt muss ich noch Habermas Diskurstheorie anführen. Die vorigen Ausführungen zeigen, dass KI dem herrschaftsfreien Diskurs im Weg steht, sie schränkt kritisches Denken ein und fördert Eindimensionalität, außerdem wird sie von wirkungsmächtigen Konzernen dominiert und verursacht so Hierarchie, die der idealen Sprechsituation entgegensteht.
Fazit: KI als Bedrohung und Chance
Am Ende dieser, doch eher pessimistischen, Gedanken muss aber festgehalten werden, dass die Zeichen des Niedergangs und der Dekadenz, die Marx und die Frankfurter Schule diagnostiziert haben, doch auch nur eine Seite der Medaille waren. Die Industrialisierung und auch die Kulturindustrie haben neben Konformität auch zu steigendem Wohlstand geführt, sie haben Arbeit, Kultur und Gesellschaft verändern und tun dies immer noch, ebenso wie KI.
Für den Bildungssektor bedeutet das, dass der Erhalt von Kritikfähigkeit, das Lernen über und trotz KI, der hierarchiefreie Diskursraum und der Wert des Lernens und Menschseins an sich mehr ins Zentrum von Schule und Bildung rücken müssen. KI muss kein Verstärker der Eindimensionalität sein, sie kann auch einen deliberativen Effekt haben, indem sie neue Diskursräume schafft. Dafür muss sie aber zwingend demokratisiert werden, das heißt sie muss zu einem Gemeingut, zu einer Almende werden, auf die jede und jeder gleichermaßen Zugriff hat. Wir stehen an einem Scheideweg. KI kann in Verbindung mit Robotik große Teile der Arbeitswelt obsolet machen. Das kann zu großer Verelendung der Massen führen, kann uns aber auch vom Joch des kapitalistischen Erwerbszwangs befreien und und als Menschheit auf eine neue Stufe des Humanismus und der Mündigkeit heben. Wir haben es in der Hand.
ChatGPT schlägt alternativ folgendes Fazit vor: „Die Blogparade #kAIneEntwertung zeigt eindrucksvoll, wie unterschiedlich die Perspektiven auf KI sind: von der Sorge um den Verlust von Werkstolz bis hin zu Ideen für neue Prüfungsformate und Kompetenzen. Mein Beitrag möchte diesen Diskurs um eine kritisch-theoretische Dimension erweitern. Marx und die Frankfurter Schule machen sichtbar, dass es bei KI nicht nur um praktische Fragen von Unterricht, Noten oder Stil geht, sondern auch um tiefere gesellschaftliche Dynamiken: um Entfremdung, um Macht über Produktionsmittel, um die Industrialisierung von Kultur und um die Bedingungen für eine freie Öffentlichkeit. Gerade darin liegt eine wichtige Ergänzung: Die Gefahr der Entwertung ist nicht allein pädagogisch oder individuell, sondern auch strukturell und kulturell. Gleichzeitig teilen Marx und die Frankfurter Schule mit vielen Beiträgen der Blogparade den doppelten Blick: Kritik an Entfremdung, Vereinheitlichung und Ausbeutung – aber auch das Bewusstsein, dass neue Technologien immer auch Chancen zur Veränderung und Befreiung enthalten. Für die Schule bedeutet das: Sie muss nicht nur Räume für Reflexion über KI schaffen, sondern auch Kritikfähigkeit, Diskursfähigkeit und die Frage nach Gerechtigkeit ins Zentrum rücken. So kann die Debatte über Entwertung zu einer Debatte über Ermächtigung werden – und genau darin sehe ich den gemeinsamen roten Faden der Blogparade.“
Besser hätte ich es kaum formulieren können. 😉
PS: Das KI-Fazit spiegelt die hybride Form von Textarbeit im Zeitalter von KI. Es ist gut formuliert und bringt meinen Text noch einmal prägnant auf den Punkt und schafft eine Anknüpfung an die Blogparade. Es ist entstanden als Resultat auf das KI-Feedback zu dem von mir handgeschriebenen Text, der Prompt lautete: „Bitte ein neues Fazit mit Bezug zur Blogparade formulieren“. Und das war ein wertvolles KI-Feedback, ich hatte nämlich im Schreibprozess tatsächlich die eigentliche Blogparade etwas aus dem Auge verloren. Das Fazit ist aber letztendlich doch nur bedingt ein reines KI-Produkt. Es fußt ja auf meiner intellektuellen Vorarbeit, bei der mich KI als Sparringspartner unterstützt hat.
Eigentlich lohnt sich in diesem Zusammenhang auch noch ein Schwenk zu dem italienischen Schriftsteller, Journalisten, Politiker und marxistischem Philosoph Antonio Gramsci:
“Die alte Welt liegt im Sterben und die neue Welt kämpft darum, zum Leben zu erwachen: momentan ist die Zeit der Monster.”