2023-02: Quo Vadis, Bildungssystem?

Deutschland stehe vor den Trümmern eines „nicht reformfähigen oder -willigen Bildungssystems“, so Thomas de Maizière in einem Interview in der Zeit-Online vom vom 10. März 2023.
Diese Diagnose ist fatal und in ihrer Absolutheit sicher auch arg zugespitzt. An vielen Stellen bestehen sowohl Wille als auch Fähigkeit zur Reform. Leider finden sich diese Reformansätze immer noch an zu wenigen „Leuchtturmschulen“, die dann auch gerne zu den Gewinnern des Deutschen Schulpreises gehören und leider oft im Graubereich der Noch-Legalität (oder darüber hinaus) arbeiten.
Die Notwendigkeit von Reformen im Bildungsbereich wird an vielen stellen betont, so zum Beispiel immer wieder von Andreas Schleicher von der OECD oder der UNESCO, die Bildung für nachhaltige Entwicklung fordert. Viele Ergebnisse der Bildungsforschung zeigen, dass zahlreiche Aspekte des deutschen Schulsystems evident unwirksam sind, wie zum Beispiel das Sitzenbleiben. Hausaufgaben vergrößern die ohnehin schon zu stark ausgeprägte, von der sozialen Herkunft abhängige, Heterogenität. Der Transfer von wissenschaftlicher Erkenntnis in die Schulrealität gelingt nicht oder nur sehr begrenzt.
Hinzu kommen jetzt auch noch ein zunehmender und kaum behebbarer Mangel an Lehrkräften, eine zunehmende Bürokratie, ein enger werdendes rechtliches Korsett und eine herausfordernder werdende Eltern- und Schülerschaft.
Es nützt nichts in diesem Zusammenhang mehr Stellen für Lehrkräfte zu fordern oder die Verantwortung der Eltern zu betonen, da wird sich kurz- und mittelfristig wenig ändern.
Die Notwendigkeit von Veränderung ist meiner Meinung nach also offensichtlich!
Dazu Bedarf es verschiedener Aspekte: Politischem Willen und entsprechender Rahmenbedingungen, Haltungsänderungen bei vielen an Bildung Beteiligten, innovativer Schulleitungen und Lehrkräfte, evidenzbasierter Schulentwicklung, einer offenen Elternschaft usw.
Wir müssen lernen gewohnte Denkmuster zu verlassen und offener und agiler werden, wenn wir in Zukunft bestehen wollen.
Internationale und nationale Vergleichsstudien, in denen Deutschland meist schwächer wird, unterstreichen den Bedarf nach Veränderung.
Wenn es uns in nächster Zukunft nicht gelingt flächendeckende Prozesse zur Reform des Bildungssystems, und das schließt Früherziehung und Hochschule explizit ein, anzustoßen und umzusetzen, werden wir immer weiter abgehängt. Als rohstoffarmes Land sind wir auf die Innovationsfähigkeit der Bevölkerung (inklusive notwendiger Zuwanderung!) angewiesen und dafür brauchen wir ein anderes Bildungssystem, das Kommunikation, Kollaboration, Kreativität und kritisches Denken (ja, das sind die 4K der Zukunftskompetenzen) fördert und nicht auf Formierung im Gleichschritt bei gleichzeitiger Selektion setzt. Wir brauchen eine Reform des Schulsystems, wenn wir nicht wollen, dass sich ein Privatschulsystem nach angelsächsischem Vorbild ausbildet, was Bildung noch stärker an die wirtschaftliche Leistungsfähigkeit der Eltern knüpft.
Als Schulleiter erlebe ich, wie der Druck auf die Lehrkräfte und das gesamte System zunimmt und die Arbeitsbelastung steigt, sodass Schulentwicklung leider zu kurz zu kommen droht und das, wo wir sie umso mehr brauchen. Ich glaube, ein großer Teil der Belastung aller Teile der Schulgemeinschaft, Schülerinnen und Schüler, Lehrkräfte und Eltern, entsteht aus dem System heraus (dazu ein anderes Mal mehr), also müssen wir anfangen, das System zu verändern.
Als Vater möchte ich die Hoffnung auf eine Veränderung nicht aufgeben und als Bürger hoffe ich auf ein zukunftsfähiges Deutschland.
Lasst uns alle gemeinsam an einem Strang ziehen, das Bildungssystem ins 21. Jahrhundert führen und das Land wieder enkelfähig machen!

Dazu passt wunderbar der neue Blogbeitrag von Tom Mittelbach:
Die Zukunft und die 6 C – TM (tommittelbach.org)

Nachträgliche Ergänzungen:

Warum mehr Privatisierung im Schulsystem nicht wirklich eine gute Idee ist, zeigt ein Artikel aus dem Guardian über die Entwicklung in Schweden.

Besteht bei der KMK-Reform Hoffnung?
https://www.jmwiarda.de/https-www.jmwiarda.de-2023-12-12-kultusministerkonferenz-beschliesst-reformen-mit-sprengkraft/

2023-01: Mehr Sugata Mitra für Deutschland

Ich frage mich immer wieder, warum Sugata Mitra in Deutschland so wenig rezipiert wird.
Alleine sein knapper Eintrag in der deutschen Wikipedia und das Fehlen deutscher Übersetzungen seiner Publikationen belegen das.
Sugata Mitra ist ein indischer Bildungswissenschaftler und TED-Preis-Gewinner, der mittlerweile in Großbritannien lehrt. Eigentlich ist er gelernter Informatiker, der spätestens mit seinem „Hole-in-the-Wall„-Experiment zur Bildungswissenschaft kam.
Er geht bei seiner Forschung davon aus, dass Kinder am besten lernen, wenn sie das aus eigenem Antrieb tun und einen Sinn darin sehen.
Beim „Hole-in-the-Wall“-Experiment, hat er 1999 in die Mauer um einen Slum in Neu Delhi einen Computer einbauen lassen und konnte dabei zeigen, dass die dortigen Kinder ohne Unterstützung lernten, den Computer zu bedienen. Letztendlich hat dieses Experiment sogar den mehrfach mit einem Oskar ausgezeichneten Film „Slumdog Millionaire“ inspiriert.
Mit den „Schools in the Cloud“ (so auch ein gleichnamiges Buch) konnte er zeigen, dass Kinder in ländlichen Regionen Indiens, und dann auch darüber hinaus, in der Lage sind von selbst Englisch und vieles mehr zu lernen. Die IQB-Bildungstrend Studie 2022 scheint diesen Effekt ja zu bestätigen.
Mitra geht davon aus, dass Kinder am besten an großen Fragen, „Big Questions“ in so genannten SOLEs lernen, das sind „Self Organized Learning Environment“. In seiner Forschung zeigt er, dass in den SOLEs selbstorganisiertes Lernen stattfindet, welches meist chaotisch beginnt, dann aber eine Struktur gewinnt.

In jedem Fall lohnt sich eine Beschäftigung mit Sugata Mitra. Erste Startpunkte können die Links in diesem Blogeintrag liefern. Auf YouTube finden sich einige Videos von ihm und über ihn. Seine Bücher gibt es im Buchhandel oder bei einschlägigen Online-Buchhändlern.

Nachtrag:
Anscheinend hat Sugata Mitra auch den Protagonisten des Filmes „Radical. Eine Klasse für sich„, Sergio Juarez, inspiriert. Der Film beruht auf einer wahren Begebenheit und ist wirklich empfehlenswert für alle Bildungsbegeisterten (und alle anderen natürlich auch!).