Blog 2026-13: Es wird ernst: Ein KI-Tutor für jedes Kind?

Das Bild ist KI-generiert.

Im März habe ich nach einem Besuch auf der Didacta über die Disruption durch Adaptive Intelligente Systeme geschrieben. Mich hat damals besonders die Aussicht beschäftigt, individuelle Lernbegleitung in einer Größenordnung zu ermöglichen, die mit unseren bisherigen personellen Ressourcen kaum vorstellbar ist. Zugleich habe ich gefragt, ob es uns gelingen wird, eine solche Technologie tatsächlich in die schulische Praxis zu integrieren.

Inzwischen startet das vom FWU im Auftrag der Länder entwickelte AIS in die Pilotphase, wie aus einer Pressemitteilung vom 15. Oktober hervorgeht. Aus der Ankündigung wird eine erste praktische Erprobung. Ich habe allerdings den Eindruck, dass die mögliche Tragweite dieser Entwicklung im schulischen Alltag bisher wenig angekommen ist. Verständlicherweise, denn zwischen Unterricht, Korrekturen, Elterngesprächen und den vielen anderen Anforderungen klingt eine neue Lernplattform zunächst nach zusätzlicher Arbeit.

Gerade deshalb lohnt es sich, genauer hinzusehen. Wenn AIS wesentliche Teile seines Anspruchs einlösen kann, verändert sich das Verhältnis zwischen individueller Förderung und der Organisation von Unterricht.

Was jetzt tatsächlich erprobt wird

Zunächst ist eine nüchterne Einordnung wichtig. Der aktuelle Pilot umfasst erste Lernmaterialien für Deutsch in Klasse 5 und Mathematik in Klasse 6. Lehrkräfte können vorbereitete Lernpfade zuweisen und Lernstände einsehen. Schülerinnen und Schüler sollen passende Übungen erhalten und durch einen KI-Tutor unterstützt werden. Das System befindet sich ausdrücklich in Entwicklung. Wie gut es im Alltag funktioniert und welchen pädagogischen Nutzen es entfaltet, muss sich erst zeigen. Es ist natürlich nicht zur Benotung vorgesehen.

Außerdem sind AIS und AIS.chat zu unterscheiden. AIS.chat ist die Chatbot-Oberfläche, mit der Lehrkräfte beispielsweise Materialien erstellen oder Dialogpartner für Lernende gestalten können. Das adaptive Lernsystem geht darüber hinaus, weil es Lernstände, Aufgaben und Unterstützung innerhalb einer Lernumgebung zusammenführen soll.

Der bescheidene Umfang der Pilotphase sollte deshalb weder enttäuschen noch zu überzogenen Erwartungen führen. Er beschreibt den gegenwärtigen Entwicklungsstand. Die grundlegende Idee reicht erheblich weiter.

Individuelle Förderung unter anderen Bedingungen

Eine Lehrkraft mit einer heterogenen Lerngruppe muss fortlaufend Entscheidungen treffen. Wer hat die Erklärung verstanden? Wer braucht einen anderen Zugang? Wer übt etwas, das längst beherrscht wird? Wer kommt nicht weiter, meldet sich aber nicht?

Wir beantworten diese Fragen mit Erfahrung, Beobachtung, Gesprächen und diagnostischen Verfahren. Trotzdem bleibt persönliche Aufmerksamkeit eine knappe Ressource. Während ich einem Kind etwas erkläre, kann ich mich einem anderen gerade nicht zuwenden. Differenzierte Materialien helfen, müssen aber vorbereitet, ausgewählt und ausgewertet werden.

AIS soll Lehrkräfte dabei unterstützen, indem es Informationen über Lernprozesse auswertet, passende Inhalte empfiehlt und Unterstützungsbedarfe sichtbar macht. Die angestrebte Entlastung umfasst damit Tätigkeiten, die bisher einen erheblichen Teil unserer Vorbereitung und Unterrichtssteuerung beanspruchen.

Wenn diese Verbindung zuverlässig gelingt, würde individuelle Förderung unter anderen Bedingungen möglich. Ein Kind müsste für einen hilfreichen Hinweis möglicherweise seltener warten, bis die Lehrkraft Zeit hat. Ein anderes könnte weiterarbeiten, ohne sich am Tempo der übrigen Klasse orientieren zu müssen. Gleichzeitig könnte die Lehrkraft gezielter dort eingreifen, wo persönliche Unterstützung notwendig ist.

Das wäre eine erhebliche Veränderung unserer Handlungsmöglichkeiten und hier liegt für mich der eigentliche disruptive Kern.

Ein erheblicher Teil unserer Unterrichtsorganisation beruht darauf, eine Gruppe gemeinsam durch Inhalte und Aufgaben zu führen. Das ist angesichts begrenzter Zeit und personeller Ressourcen nachvollziehbar. Pädagogisch passend ist dieses gemeinsame Tempo allerdings längst nicht für jedes Kind, eher zunehmend für weniger Kinder.

Wenn individuelle Lernwege leichter zugänglich werden, müssten wir diese Organisation neu prüfen. Gemeinsame Erklärungen wären weiterhin sinnvoll, wenn eine Gruppe sie benötigt. Gemeinsame Gespräche wären unverzichtbar, wenn unterschiedliche Sichtweisen zusammenkommen sollen. Aber eine weitgehend gleiche Übungsstrecke für alle ließe sich schwerer begründen, wenn geeignete Alternativen verfügbar wären.

Daraus folgt (zunächst?) keine automatische Auflösung von Klassen, Fächern oder Stundenplänen. Es entsteht jedoch zusätzlicher Spielraum, Lernzeiten flexibler zu gestalten, zeitweise kleinere Gruppen zusammenzuführen und persönliche Lernbegleitung anders zu organisieren.

Viele Schulen beschäftigen sich längst mit solchen Fragen. Eine funktionierende adaptive Lernumgebung könnte ihnen helfen, pädagogische Vorstellungen umzusetzen, die bisher an der alltäglichen Arbeitsbelastung scheitern.

Die Bedeutung liegt auch in der Infrastruktur

Besonders aufschlussreich finde ich deshalb die Informationen für Medienanbieter. AIS soll kommerzielle und freie Bildungsmedien einbinden und unterschiedlichen Anbietern offenstehen. Eine erste Version der Mediathek ist für Mitte 2027 vorgesehen. Die 16 Länder verfolgen damit den Anspruch einer gemeinsamen Bildungsinfrastruktur, deren Rahmenbedingungen sie selbst gestalten können.

Darin liegt ein wesentlicher Unterschied zu einem einzelnen digitalen Unterrichtsangebot. Wenn sich eine solche Infrastruktur bewährt und verbreitet, könnte adaptive Lernunterstützung schrittweise zu einer regulär verfügbaren Möglichkeit für alle Schulen werden.

Genau diese mögliche Verschiebung sollten wir ernst nehmen. Individuelle Förderung wäre dann weniger davon abhängig, ob eine einzelne Lehrkraft zusätzlich zu ihren übrigen Aufgaben umfangreiche Materialien erstellen und jeden Lernschritt selbst auswerten kann. Sie könnte auf eine gemeinsame technische Grundlage zurückgreifen.

Ob daraus bessere Bildung entsteht, hängt wesentlich davon ab, was Schulen daraus machen und ob sie sich dem entziehen können.

Unsere Arbeit würde sich verändern

Die Versicherung, dass Lehrkräfte weiterhin gebraucht werden, ist richtig, bleibt mir als Antwort aber zu oberflächlich. Entscheidend ist, welche Tätigkeiten künftig mehr Raum einnehmen und welche teilweise von einem System unterstützt werden können.

Wenn die Steuerung von Übungsprozessen weniger Aufmerksamkeit beansprucht, könnten Lernberatung, persönliche Rückmeldung und die Arbeit mit kleinen Gruppen mehr Gewicht bekommen. Lehrkräfte könnten sich intensiver mit den Gründen beschäftigen, aus denen ein Kind trotz passender Aufgaben nicht vorankommt. Vielleicht fehlt fachliches Vorwissen, vielleicht aber auch Vertrauen in die eigenen Fähigkeiten, Orientierung oder ein verlässlicher Kontakt.

Diese Arbeit erfordert pädagogisches Urteil. Dazu gehört auch, Empfehlungen eines Systems zu hinterfragen. Eine digitale Auswertung erfasst das Verhalten innerhalb einer bestimmten Lernumgebung. Sie bildet einen Ausschnitt des Kindes und seines Könnens ab.

Pädagogische Verantwortung bedeutet deshalb, die Möglichkeiten und Grenzen dieser Informationen zu verstehen und daraus begründete Entscheidungen zu treffen.

Selbstregulation entsteht nicht durch die Anmeldung

Gerade mit Blick auf selbstreguliertes Lernen sollten wir genau hinsehen. Wenn ein System jede nächste Aufgabe auswählt und jeden weiteren Schritt vorgibt, kann ein Kind erfolgreich durch einen Lernpfad geführt werden, ohne selbst viel über die Gestaltung seines Lernens zu entscheiden.

Selbstregulation muss deshalb ausdrücklich auch analog angebahnt werden. Kinder brauchen Gelegenheiten, Ziele zu setzen, passende Strategien auszuwählen, Schwierigkeiten zu erkennen und den eigenen Fortschritt einzuschätzen. Die Unterstützung sollte ihnen helfen, zunehmend selbst Verantwortung zu übernehmen.

Ebenso müssen wir darauf achten, was außerhalb des Systems gelingt. Versteht ein Kind einen Zusammenhang auch in einer anderen Darstellung? Kann es sein Wissen in einer neuen Situation anwenden? Kann es erklären, wie es zu einem Ergebnis gekommen ist?

Solche Fragen entscheiden darüber, ob eine adaptive Lernumgebung nachhaltiges Lernen unterstützt oder vor allem erfolgreiche Bearbeitung innerhalb ihrer eigenen Abläufe erzeugt.

Wir sollten die Gestaltung nicht vertagen

Meine Sorge aus dem ersten Beitrag bleibt deshalb bestehen. Eine technische Bereitstellung allein wird wenig verändern. Manche Schulen werden sich intensiv mit den Möglichkeiten beschäftigen, andere werden abwarten. Damit besteht das Risiko, dass die Qualität der Lernunterstützung noch stärker davon abhängt, welche Schule ein Kind besucht.

Wir brauchen begleitete Erprobung, Fortbildung, Zeit für gemeinsame Unterrichtsentwicklung und eine ehrliche Auswertung der Ergebnisse. Dazu gehört auch die Bereitschaft, ungeeignete Funktionen zurückzuweisen und erfolgversprechende Ansätze weiterzuentwickeln.

Niemand muss heute behaupten, AIS werde seine Ziele sicher erreichen. Wir sollten aber verstehen, welche pädagogischen Möglichkeiten sich eröffnen könnten, und uns darauf vorbereiten.

Für mich wäre viel gewonnen, wenn wir individuelle Lernunterstützung nutzen könnten, um mehr Raum für das zu schaffen, was Schule als gemeinsamen Lebens- und Lernort ausmacht. Für Gespräche und Zusammenarbeit, für Projekte, für die Auseinandersetzung mit unterschiedlichen Perspektiven und für persönliche Begleitung.

Die Pilotphase wird zeigen, wie weit AIS auf diesem Weg bereits ist. Welche Schule wir mit solchen Möglichkeiten gestalten wollen, sollten wir schon jetzt klären.

Blog 2025-20: Agora-Wings – Lernen verleiht Flügel

Vorbemerkung: Seit ich von den Agora-Schulen in den Niederlanden gehört habe, wollte ich unbedingt eine dieser Schule besuchen, wusste aber auch, dass das mit Wartezeiten verbunden ist. Bis ich mitten in den Sommerferien über LinkedIn mit Sjef Drummen, einem der Gründer, in Kontakt kam, der mir den Tipp gab, dass im September eine Delegation der Akademie des Bistums Mainz, geleitet und moderiert von Titus Möllenbeck und mit Hans Werner Jorda, pensionierter Schulleiter aus Frankfurt als Referent, nach Roermond fahren würde und es wohl noch Plätze gebe. Da habe ich sofort Kontakt aufgenommen und zugesagt und drei schöne Tage in den Niederlanden verbracht. Spoiler: Ich empfehle unbedingt eine Agora-Schule zu besuchen (und Roermond selbst ist auch ein schönes Städtchen)!

Am Freitag, dem 05. September 2025, stand ich endlich vor der Agora-Wings-Schule in Roermond und freute mich darauf, eine innovative Schule kennen zulernen, die auch schon als die beste Schule der Welt bezeichnet wurde (hier bei „Kosmo“), eine Schule, die schon von Delegationen aus aller Welt besucht wurde und deren Architektur und Konzept mehrfach ausgezeichnet wurden.

Die Agora-Wings Schule in Roermond ist eine öffentliche Schule mit ca. 300 Schülerinnen und Schülern, die sich das Gebäude mit einer berufsbildenden Schule teil. In den Niederlanden werden die Schulgebäude von den Gemeinden gestellt und es wird eine jährliche Pauschale pro Schülerin oder Schüler gezahlt, von der alle Ausgaben für den Schulbetrieb bezahlt werden müssen, mit Ausnahme der Lehrkräfte, die vom Land bezahlt werden. Die Schulen haben eine große curriculare und pädagogische Freiheit, am Ende der Schullaufbahn werden zentralisierte Abschlussprüfungen auf verschiedenen Niveaus angeboten. Es gibt staatliche Inspektionen zur Sicherung der Qualität.

Geschichte
Die historischen Wurzeln der Agora-Schulen liegen in den 2000er-Jahren. 2003 haben Sjef Drummen, Kunstlehrer und späterer Gründungsschulleiter, und drei Schulleiter-Kollegen (Jan Fasen, Bert Sterken, Bert Martens) mit den Planungen begonnen und gemeinsam ein Manifest verfasst.

Diese drei Lehrkräfte haben das Konzept der Schule erarbeitet, später kam ein Architekt dazu, der einen Entwurf für ein Gebäude entwickelt hat. Ziel war: „Kein Unterricht mehr!“, so Sjef Drummen. 2007 war das Gebäude fertig und wurde mit Preisen bedacht. Es kamen Besucher aus aller Welt um sich Gebäude und Konzept anzuschauen.

Von Beginn an sollte ein innovatives Konzept die Schule prägen, es gibt eine 1:1 Ausstattung mit Laptops, einem zugehörigen Full Service und einem Gerätetausch alle drei Jahre. Zunächst gab es am Vormittag noch „traditionellen“ Unterricht nach Stundenplan und Nachmittags Projekte, die beflügeln sollten („Wings“). Nach sechs Jahren stellte sich dann die Frage, ob die Schule sich, wie von den Schülerinnen und Schülern gewünscht, radikal weiterentwickeln sollte und mit dem traditionellen Unterricht brechen sollte. Die Entscheidung fiel Richtung Innovation und der Unterricht wurde mit einem 2013-14 entwickelten Konzept endgültig abgeschafft. Es gab keine Tests mehr, keine Noten, kein Sitzenbleiben, kein Lehrplan und keine Lehrkräfte, keine Hausaufgaben mehr, sondern Lerncoaches.

Die neue Agora-Wings Schule startete dann 2014 mit 14 Lernenden, aktuell gibt es 32 Agora-Schulen in fünf europäischen Ländern und Israel. Seit 2016 können höhere Abschlüsse erreicht werden, die Schülerinnen und Schüler erreichen dabei überdurchschnittliche Ergebnisse.

Wie wird gelernt?
Die Kernidee ist, dass Kinder am besten ohne jeglichen Druck lernen. Drummen ist überzeugt, dass sich die Qualität des Lernens ohne Lehrer erhöhe. Traditionelles Lehren bremse Entwicklung, seine Forderung: „Wir brauchen Lehrer 2.0!“.

Diese Lehrkräfte sind dann Lerncoaches, die 18 Schülerinnen und Schüler begleiten und keine Forderungen stellen, außer an das soziale Zusammenleben; die Coaches betreiben Menschenbildung. Agora-Wings ist dezidiert keine Schule, sondern eine Lerngemeinschaft, die über das Gebäude hinausgeht. Teil der Lerngemeinschaft sind auch die Eltern und die Kommune. Gemeinschaftssinn ist wichtiger als Wissen. Der oder die Lernende bestimmt den Weg, der Lerncoach hat eine dienende Funktion und verführt bestenfalls zum Lernen.

„Wir sind keine Schule. Wir bringen euch nichts bei. Es ist euer Gehirn. Ihr werdet lernen. Wir unterstützen euch in jeder Hinsicht beim selbstständigen Lernen. Wir schaffen die Voraussetzungen dafür. Wir unterstützen dein Selbststudium. Und du musst das nicht für uns tun. Wir rennen dir nicht hinterher. Wenn du dich auf deinen Lorbeeren ausruhen und nichts tun willst, ist das auch in Ordnung. Aber wenn du die Welt erobern und gut werden willst, musst du sehr hart arbeiten.“, so beschreibt Drummen die Haltung gegenüber den Lernenden.
Die einzigen Verpflichtungen für die Schülerinnen und Schüler bestehen aus zwei Stunden Sport in der Woche und einer halben Stunde Stille (schlafen, lesen, meditieren) in der Mittagspause. Das zwanglose Lernen findet in so genannten „Challenges“ oder „Masterclasses“ statt.


„Man darf keine Forderungen an Schüler stellen!“

„Der Schlüssel zur Bildung ist bedingungslose Liebe“

Sjef Drummen,
ehemaliger Schulleiter und Mitgründer von Agora-Wings


In den ersten Jahren an der Schule machen die Schülerinnen und Schüler so genannte „Challenges“, das sind von ihnen selbst entwickelte Fragen, bei deren Beantwortung sie das Lernen lernen. Die Kinder lernen alters- und leistungsgemischt mit- und voneinander. Laut Sjef Drummen lernen die Kinder so 80% der später erforderlichen Prüfungsinhalte selbstständig. Wer dann einen Abschluss macht, lernt in den letzten beiden Jahren die fehlenden 20% bei Lehrkräften von anderen Schulen, die zu bestimmten Zeiten zur Verfügung stehen.
Drummen nennt das Prinzip „relationales autonomes Lernen“. Die Lernenden lernen ohne Zwang von Vorbildern und autonom. Neugierde sei der Motor des Lernens und Vorstellungskraft der Treibstoff. Aufgabe der Lerncoaches ist es für das Wohlbefinden der Lernenden zu sorgen, nicht das Kind stehe im Mittelpunkt, sondern dessen Entwicklung. Die Lernenden sind frei und haben doch einen Rahmen, es gibt keine Konkurrenz und keine Vergleiche. Sie bilden „Lerngemeinschaften zur Potentialentfaltung“ im Sinne Gerald Hüthers. „Wir können nichts ins Gehirn der Kinder reintun, wir können sie nur zum Lernen verführen“, so Drummen. Jedes Gehirn sei einzigartig und brauche eigene Rezepte. Motivation entstehe aus Freiwilligkeit, Arbeitsaufträge zerstören Motivation – eben Lernen ohne Zwang. Die Motivationstheorie von Decy und Ryan wird hier umgesetzt, indem Autonomie, Verbundenheit und Kompetenz im Vordergrund stehen. An der Agora-Schule geht man davon aus, dass Kinder lernen und gut sein wollen. Ein Fokus auf Wissen würde den Lernprozess verhindern, Wissen ist ein Nebenprodukt von Entwicklung und kommt automatisch.

Die „Challenges“ folgen einem bestimmten Format. Die Themen entstehen durch Fragen, die in einem digitalen Portfolio festgehalten werden: „Warum möchte ich diese Herausforderung? Wie gehe ich sie an? Werde ich sie alleine oder mit anderen Schülern bearbeiten? Wie viel Zeit werde ich voraussichtlich brauchen? Wem könnte mir helfen? Kann ich die Antwort online finden? Muss ich irgendwo außerhalb der Schule die Antwort suchen? War mein Zeitplan ausreichend? Welches Feedback habe ich vom Coach erhalten? Was habe ich gelernt? Was werde ich beim nächsten Mal anders machen?“ Der Lernprozess wird von den Lerncoaches begleitet und mit den Lernenden reflektiert, wobei die Frage nach dem Gelernten und den Konsequenzen für die nächste „Challenge“ im Vordergrund stehen. Bei der Beantwortung der Fragen entstehen mehr neue Fragen und das ist für Sjef Drummen die Essenz des Lernprozesses.

Der immer gleiche Ablauf der Lernprozesse soll den Lernenden Halt und Orientierung, Klarheit und Sicherheit geben. Eine Bewertung des Geleisteten findet durch formatives und wertschätzendes Feedback durch Coaches und Mitlernende statt. Da die Lernprozesse autonom initiiert sind, entsteht eine hohe Motivation, sodass sich die Lernenden ohne Zwang lange und auch noch zuhause mit ihren Fragen beschäftigen und so vertieft und nachhaltig lernen.
Zur Unterstützung der Lernprozesse dürfen Handys und Laptops genutzt werden, da diese das Wissen der Welt beinhalten. Die Schule ist über WhatsApp mit den Lernenden in Verbindung. Die Schülerinnen und Schüler sind oft außerhalb der Schule unterwegs, um dort Teile ihrer „Challenges“ zu erledigen, dabei werden sie über die Standortfreigabe in WhatsApp begleitet.

Die Lerncoaches
Die Lerncoaches begleiten die Lernenden bei ihren „Challenges“ und führen wöchentliche Lernentwicklungsgespräche (30 Minuten) durch. Sie begleiten die „Challenges“ und „Masterclasses“ von in der Regel 18 Lernenden. Sie kommen morgens um 08:00 Uhr in die Schule und bleiben bis 16:30 Uhr, die Schülerinnen und Schüler sind von 09:00 bis 14:30 Uhr anwesend. Die Zeiten ohne Lernende nutzen die Lerncoaches für Besprechungen und Planung, nach 16:30 Uhr ist die Arbeit erledigt, es gibt ja keine Korrekturen, Vorbereitungen usw. Es war allerdings wenig überraschend, dass während unseres Besuchs auch um 17:00 Uhr noch Lernende und Lehrende vor Ort waren.

Laut Drummen besteht „die Aufgabe der Bildung darin, junge Menschen heranzubilden, die ein hohes Verantwortungsbewusstsein für ihren Beitrag zur Gesellschaft empfinden. Weltorientiertes Lernen. Damit meine ich eigenverantwortliche, selbstdisziplinierte, einfühlsame, glückliche und demokratische Bürger. Dies kann nur erreicht werden, indem Schülerinnen und Schülern durch einen relationalen, autonomen Lernansatz die Erfahrung vermittelt wird, dass sie für ihre eigene Entwicklung verantwortlich sind.“
Überschreiten Schülerinnen oder Schüler Grenzen, führt dies nicht zu einer Strafe, sondern einem Gespräch. Mobbing gibt es in einer Agora-Schule eigentlich nicht, da gute Beziehungen zwischen allen in der Schule und zur Welt ein zentrales Lernziel sind.

Wenn neue Lerncoaches eingestellt werden sollen, müssen diese mit den Schülerinnen und Schülern sprechen, die dann über die Eignung entscheiden.

Eltern
Eltern spielen im Universum der Agora-Schulen eine entscheidende Rolle. Mit Eintritt des Kindes in die Schule verpflichten sich Eltern ihre Kompetenzen einzubringen. In „Masterclasses“ wird Wissen vertieft und diese werden von den Eltern angeboten. Will eine Gruppe von Kindern zum Beispiel Lakritzeis machen, finden sich Eltern, die dabei unterstützen können, es kann aber auch sein, dass sich eine Gruppe mit Quantenphysik oder Astronomie beschäftigt. Die „Mastererclasses“ finden meistens außerhalb des Schulgebäudes in Unternehmen, Kanzleien, Werkstätten usw. statt und gehen über mehrere Wochen. Im Rahmen von „Masterclasses“ sind Lernende schon nach Kenia gereist, um Elefanten zu studieren oder haben sich eine Weile in Nepal aufgehalten, um herauszufinden, ob sie Kulturanthropologie studieren wollen.

Fazit
Sicher, die Anzahl der Lernenden in einer Agora-Schule ist überschaubar und diese Art von Schule lockt sicher auch nur begrenzt die so genannten „bildungsfernen Schichten“ an. Auch bei aller Nutzung von rechtlichen Grauzonen, sind gewisse Aspekte des Konzepts nicht auf Deutschland übertragbar. Dennoch zeigt die Agora-Wings-Schule, was möglich ist, wenn Kinder ohne Druck und intrinsisch motiviert lernen. Das Lernen ist nachhaltiger, demokratischer und menschlicher. Und am Ende sogar effektiver und günstiger. Entscheidend ist, wie immer eigentlich, die Haltung aller an Schule Beteiligten. Da müssen wir ansetzen, eigentlich ist es ganz leicht, wir müssen den Lernenden auf Augenhöhe begegnen und ihre Bedürfnisse ernst nehmen, sie wahrnehmen und begleiten ohne zu überwältigen. Klingt ganz leicht und ist so schwer.
Jede Lehrkraft sollte einmal eine Agora-Schule besuchen!

Epilog
Am Ende unserer Führung durch die Schule sind wir auf den 16jährigen Lucas getroffen, der an einem Freitag um 17:00 Uhr noch mit einem Freund an einem Roboter gebastelt hat. Er will Mechatronik studieren. Angefangen hat er mit Arduinos und Lego Robotik in „Challenges und „Masterclasses“, jetzt trainiert er für die Teilnahme an internationalen Robotik-Wettbewerben. Lucas spricht ein perfektes Englisch – und hatte noch nie eine Stunde Unterricht.

Link zur Schule: https://wingsroermond.nl/agora.

Weitere Eindrücke

Alle Bilder: Erik Grundmann ©