Blog 2026-13: Es wird ernst: Ein KI-Tutor für jedes Kind?

Das Bild ist KI-generiert.

Im März habe ich nach einem Besuch auf der Didacta über die Disruption durch Adaptive Intelligente Systeme geschrieben. Mich hat damals besonders die Aussicht beschäftigt, individuelle Lernbegleitung in einer Größenordnung zu ermöglichen, die mit unseren bisherigen personellen Ressourcen kaum vorstellbar ist. Zugleich habe ich gefragt, ob es uns gelingen wird, eine solche Technologie tatsächlich in die schulische Praxis zu integrieren.

Inzwischen startet das vom FWU im Auftrag der Länder entwickelte AIS in die Pilotphase, wie aus einer Pressemitteilung vom 15. Oktober hervorgeht. Aus der Ankündigung wird eine erste praktische Erprobung. Ich habe allerdings den Eindruck, dass die mögliche Tragweite dieser Entwicklung im schulischen Alltag bisher wenig angekommen ist. Verständlicherweise, denn zwischen Unterricht, Korrekturen, Elterngesprächen und den vielen anderen Anforderungen klingt eine neue Lernplattform zunächst nach zusätzlicher Arbeit.

Gerade deshalb lohnt es sich, genauer hinzusehen. Wenn AIS wesentliche Teile seines Anspruchs einlösen kann, verändert sich das Verhältnis zwischen individueller Förderung und der Organisation von Unterricht.

Was jetzt tatsächlich erprobt wird

Zunächst ist eine nüchterne Einordnung wichtig. Der aktuelle Pilot umfasst erste Lernmaterialien für Deutsch in Klasse 5 und Mathematik in Klasse 6. Lehrkräfte können vorbereitete Lernpfade zuweisen und Lernstände einsehen. Schülerinnen und Schüler sollen passende Übungen erhalten und durch einen KI-Tutor unterstützt werden. Das System befindet sich ausdrücklich in Entwicklung. Wie gut es im Alltag funktioniert und welchen pädagogischen Nutzen es entfaltet, muss sich erst zeigen. Es ist natürlich nicht zur Benotung vorgesehen.

Außerdem sind AIS und AIS.chat zu unterscheiden. AIS.chat ist die Chatbot-Oberfläche, mit der Lehrkräfte beispielsweise Materialien erstellen oder Dialogpartner für Lernende gestalten können. Das adaptive Lernsystem geht darüber hinaus, weil es Lernstände, Aufgaben und Unterstützung innerhalb einer Lernumgebung zusammenführen soll.

Der bescheidene Umfang der Pilotphase sollte deshalb weder enttäuschen noch zu überzogenen Erwartungen führen. Er beschreibt den gegenwärtigen Entwicklungsstand. Die grundlegende Idee reicht erheblich weiter.

Individuelle Förderung unter anderen Bedingungen

Eine Lehrkraft mit einer heterogenen Lerngruppe muss fortlaufend Entscheidungen treffen. Wer hat die Erklärung verstanden? Wer braucht einen anderen Zugang? Wer übt etwas, das längst beherrscht wird? Wer kommt nicht weiter, meldet sich aber nicht?

Wir beantworten diese Fragen mit Erfahrung, Beobachtung, Gesprächen und diagnostischen Verfahren. Trotzdem bleibt persönliche Aufmerksamkeit eine knappe Ressource. Während ich einem Kind etwas erkläre, kann ich mich einem anderen gerade nicht zuwenden. Differenzierte Materialien helfen, müssen aber vorbereitet, ausgewählt und ausgewertet werden.

AIS soll Lehrkräfte dabei unterstützen, indem es Informationen über Lernprozesse auswertet, passende Inhalte empfiehlt und Unterstützungsbedarfe sichtbar macht. Die angestrebte Entlastung umfasst damit Tätigkeiten, die bisher einen erheblichen Teil unserer Vorbereitung und Unterrichtssteuerung beanspruchen.

Wenn diese Verbindung zuverlässig gelingt, würde individuelle Förderung unter anderen Bedingungen möglich. Ein Kind müsste für einen hilfreichen Hinweis möglicherweise seltener warten, bis die Lehrkraft Zeit hat. Ein anderes könnte weiterarbeiten, ohne sich am Tempo der übrigen Klasse orientieren zu müssen. Gleichzeitig könnte die Lehrkraft gezielter dort eingreifen, wo persönliche Unterstützung notwendig ist.

Das wäre eine erhebliche Veränderung unserer Handlungsmöglichkeiten und hier liegt für mich der eigentliche disruptive Kern.

Ein erheblicher Teil unserer Unterrichtsorganisation beruht darauf, eine Gruppe gemeinsam durch Inhalte und Aufgaben zu führen. Das ist angesichts begrenzter Zeit und personeller Ressourcen nachvollziehbar. Pädagogisch passend ist dieses gemeinsame Tempo allerdings längst nicht für jedes Kind, eher zunehmend für weniger Kinder.

Wenn individuelle Lernwege leichter zugänglich werden, müssten wir diese Organisation neu prüfen. Gemeinsame Erklärungen wären weiterhin sinnvoll, wenn eine Gruppe sie benötigt. Gemeinsame Gespräche wären unverzichtbar, wenn unterschiedliche Sichtweisen zusammenkommen sollen. Aber eine weitgehend gleiche Übungsstrecke für alle ließe sich schwerer begründen, wenn geeignete Alternativen verfügbar wären.

Daraus folgt (zunächst?) keine automatische Auflösung von Klassen, Fächern oder Stundenplänen. Es entsteht jedoch zusätzlicher Spielraum, Lernzeiten flexibler zu gestalten, zeitweise kleinere Gruppen zusammenzuführen und persönliche Lernbegleitung anders zu organisieren.

Viele Schulen beschäftigen sich längst mit solchen Fragen. Eine funktionierende adaptive Lernumgebung könnte ihnen helfen, pädagogische Vorstellungen umzusetzen, die bisher an der alltäglichen Arbeitsbelastung scheitern.

Die Bedeutung liegt auch in der Infrastruktur

Besonders aufschlussreich finde ich deshalb die Informationen für Medienanbieter. AIS soll kommerzielle und freie Bildungsmedien einbinden und unterschiedlichen Anbietern offenstehen. Eine erste Version der Mediathek ist für Mitte 2027 vorgesehen. Die 16 Länder verfolgen damit den Anspruch einer gemeinsamen Bildungsinfrastruktur, deren Rahmenbedingungen sie selbst gestalten können.

Darin liegt ein wesentlicher Unterschied zu einem einzelnen digitalen Unterrichtsangebot. Wenn sich eine solche Infrastruktur bewährt und verbreitet, könnte adaptive Lernunterstützung schrittweise zu einer regulär verfügbaren Möglichkeit für alle Schulen werden.

Genau diese mögliche Verschiebung sollten wir ernst nehmen. Individuelle Förderung wäre dann weniger davon abhängig, ob eine einzelne Lehrkraft zusätzlich zu ihren übrigen Aufgaben umfangreiche Materialien erstellen und jeden Lernschritt selbst auswerten kann. Sie könnte auf eine gemeinsame technische Grundlage zurückgreifen.

Ob daraus bessere Bildung entsteht, hängt wesentlich davon ab, was Schulen daraus machen und ob sie sich dem entziehen können.

Unsere Arbeit würde sich verändern

Die Versicherung, dass Lehrkräfte weiterhin gebraucht werden, ist richtig, bleibt mir als Antwort aber zu oberflächlich. Entscheidend ist, welche Tätigkeiten künftig mehr Raum einnehmen und welche teilweise von einem System unterstützt werden können.

Wenn die Steuerung von Übungsprozessen weniger Aufmerksamkeit beansprucht, könnten Lernberatung, persönliche Rückmeldung und die Arbeit mit kleinen Gruppen mehr Gewicht bekommen. Lehrkräfte könnten sich intensiver mit den Gründen beschäftigen, aus denen ein Kind trotz passender Aufgaben nicht vorankommt. Vielleicht fehlt fachliches Vorwissen, vielleicht aber auch Vertrauen in die eigenen Fähigkeiten, Orientierung oder ein verlässlicher Kontakt.

Diese Arbeit erfordert pädagogisches Urteil. Dazu gehört auch, Empfehlungen eines Systems zu hinterfragen. Eine digitale Auswertung erfasst das Verhalten innerhalb einer bestimmten Lernumgebung. Sie bildet einen Ausschnitt des Kindes und seines Könnens ab.

Pädagogische Verantwortung bedeutet deshalb, die Möglichkeiten und Grenzen dieser Informationen zu verstehen und daraus begründete Entscheidungen zu treffen.

Selbstregulation entsteht nicht durch die Anmeldung

Gerade mit Blick auf selbstreguliertes Lernen sollten wir genau hinsehen. Wenn ein System jede nächste Aufgabe auswählt und jeden weiteren Schritt vorgibt, kann ein Kind erfolgreich durch einen Lernpfad geführt werden, ohne selbst viel über die Gestaltung seines Lernens zu entscheiden.

Selbstregulation muss deshalb ausdrücklich auch analog angebahnt werden. Kinder brauchen Gelegenheiten, Ziele zu setzen, passende Strategien auszuwählen, Schwierigkeiten zu erkennen und den eigenen Fortschritt einzuschätzen. Die Unterstützung sollte ihnen helfen, zunehmend selbst Verantwortung zu übernehmen.

Ebenso müssen wir darauf achten, was außerhalb des Systems gelingt. Versteht ein Kind einen Zusammenhang auch in einer anderen Darstellung? Kann es sein Wissen in einer neuen Situation anwenden? Kann es erklären, wie es zu einem Ergebnis gekommen ist?

Solche Fragen entscheiden darüber, ob eine adaptive Lernumgebung nachhaltiges Lernen unterstützt oder vor allem erfolgreiche Bearbeitung innerhalb ihrer eigenen Abläufe erzeugt.

Wir sollten die Gestaltung nicht vertagen

Meine Sorge aus dem ersten Beitrag bleibt deshalb bestehen. Eine technische Bereitstellung allein wird wenig verändern. Manche Schulen werden sich intensiv mit den Möglichkeiten beschäftigen, andere werden abwarten. Damit besteht das Risiko, dass die Qualität der Lernunterstützung noch stärker davon abhängt, welche Schule ein Kind besucht.

Wir brauchen begleitete Erprobung, Fortbildung, Zeit für gemeinsame Unterrichtsentwicklung und eine ehrliche Auswertung der Ergebnisse. Dazu gehört auch die Bereitschaft, ungeeignete Funktionen zurückzuweisen und erfolgversprechende Ansätze weiterzuentwickeln.

Niemand muss heute behaupten, AIS werde seine Ziele sicher erreichen. Wir sollten aber verstehen, welche pädagogischen Möglichkeiten sich eröffnen könnten, und uns darauf vorbereiten.

Für mich wäre viel gewonnen, wenn wir individuelle Lernunterstützung nutzen könnten, um mehr Raum für das zu schaffen, was Schule als gemeinsamen Lebens- und Lernort ausmacht. Für Gespräche und Zusammenarbeit, für Projekte, für die Auseinandersetzung mit unterschiedlichen Perspektiven und für persönliche Begleitung.

Die Pilotphase wird zeigen, wie weit AIS auf diesem Weg bereits ist. Welche Schule wir mit solchen Möglichkeiten gestalten wollen, sollten wir schon jetzt klären.

Newsletter 25/26-13: 20.03.2026

Liebe Schulgemeinschaft,

letzten Freitag war ich auf der Didacta, um mich über aktuelle Entwicklungen zu informieren und weiter zu vernetzen. Zwei Dinge möchte ich besonders hervorheben.

Zum einen waren wir zum dritten Mal in Folge mit einer Schülergruppe vertreten, die selbst eine Präsentation gehalten hat. Dieses Mal ging es darum, wie Schülerinnen und Schüler im Rahmen unseres Reallabors selbst aktiv werden und Schule verändern. Der großartige Vortrag stieß auf entsprechende Resonanz und hat unter anderem zu einer Vernetzung mit dem Reallabor in Leipzig geführt, da bahne sich spannende Kooperationen an. Es ist immer wieder großartig zu sehen, zu was Jugendliche in der Lage sind, wenn man sie nur lässt.

Zum anderen habe ich ein Panel zu Adaptiven Intelligenten Systemen (AIS) besucht. Das „FWU Institut für Film und Bild gGmbh war Veranstalter, teilgenommen haben Prof. Dr. Ulrike Cress (Direktorin Leibniz-Institut für Wissensmedien), Prof. Dr. Matthias Bethge (Direktor Tübingen AI Center), Prof. Dr. Andreas Lachner (Co-Director Tübingen Center for Digital Education), Dr. Wieland Brendel (Forschungsgruppenleiter ELLIS Institute Tübingen), Dr. Almut Steinlein (Projektleiterin AIS am FWU). Moderiert wurde das Panel von Dr. Anika Limburg, Leiterin des Bildungscampus Saarland. Im Panel wurde deutlich:

Mehrfach wurde das disruptive Potenzial eines AIS für Unterricht betont. Es entstehe eine Lehr-Lern-Plattform, die gleichzeitig Lernende individuelle und adaptiv im eigenen Tempo unterstützen soll und Lehrende bei der Lernentwicklung der Lernenden auf dem Laufenden halte. Dadurch könne eine individuelle Förderung gelingen. Das System werde entsprechend mit Curricula etc. trainiert und soll für kommerzielle Anbieter offen sein, natürlich alles konform mit DSGVO und EU-AI-Act. So soll ein offenes, nicht proprietäres lernendes System entstehen, dass den Kindern gerecht werde und Lehrkräfte entlaste, die dann wieder mehr Raum für echte Lernbegleitung bei denen bekämen, die sie nötig haben. Dadurch soll mehr Bildungsgerechtigkeit entstehen. Dafür bedürfe es natürlich auch neuer Unterrichtsformen und Lernräume. Der Gefahr des Deskilling werde durch die Adaptivität und didaktisch elaborierte Sequenzierung vorgebeugt. Ziel seien verstärkte Selbstregulierung und Kompetenzorientierung bei den Lernenden, die mit dem AIS Lernen lernen. Natürlich bedeute das nicht, dass nur noch digital und vereinzelt gelernt werde, sondern eine Ergänzung zur Unterstützung individueller Lernprozesse zur Verfügung gestellt werde, natürlich müsse weiter auch analog und kollaborativ gelernt werden.

Ausgerollt werden soll das System schon nach den Sommerferien in ersten Pilotschulen, im Herbst soll es weiter in die breite gehen und im Winter soll es Fortbildungen für Lehrkräfte geben. Wohlgemerkt: 2026! Ein ambitioniertes Programm, entwickelt von deutschen Institutionen unter dem Dach der FWU. Die zentrale Kompetenz-Schnittstelle bildet das ellis-Institut Tübingen (ELLIS Institute Tübingen). Auf persönliche Nachfrage nach der Verbindlichkeit der Umsetzung wurde mir versichert, dass Schulen freiwillig teilnehmen könnten und man darauf setze, dass der Erfolg des AIS dazu führe, dass alle Schulen nicht darum herum kämen.

Mehr Informationen gibt es auf der Seite des AIS: https://ais.schule/ und hier: https://www.kmk.org/bildungsministerkonferenz/bildungsthemen/bildung-in-der-digitalen-welt.html (bei „Länderübergreifende Vorhaben“ / „Adaptives Intelligentes System“ (hier erfährt man auch, dass AIS-Chat (durch die Umbenennung im Mai 2026, wird das natürlich offensichtlicher) ein Teilprojekt von AIS ist und dessen weiterbetrieb von dem Fortschritt bei AIS abhängt.) Persönlich bin ich vom disruptiven Potenzial von AIS oder vergleichbaren Tutorsystemen überzeugt, schließlich war es unter anderem der TED-Talk von Sal Khan zu Khanmigo im April 2023, der mich zur intensiven Beschäftigung mit KI gebracht hat. Schon Benjamin Bloom (ja, das ist der mit den Taxonomien) hat ja 1984 erforscht, dass individuelle Unterstützung Lernende um zwei Notenstufen besser machen kann. Ohne KI war es natürlich nicht denkbar, jedem und jeder Lernenden eine Lehrkraft zur Verfügung zu stellen. Bloom nannte das das „2-Sigma-Problem“. KI hat jetzt das Potenzial, dieses Problem zu lösen. Wenn es denn gut gemacht wird.

Ich sehe aktuell zwei Schwierigkeiten. Bisher haben es staatliche/halbstaatliche Unternehmungen eher nicht geschafft, sinnvolle digitale Systeme zu etablieren (vgl. Logineo, AIS-Chat mit Einschränkungen). Und, zweitens, habe ich meine Zweifel, ob eine freiwillige Implementierung in den Schulen funktionieren kann. Wir sehen aktuell bei der Implementierung von KI-Anwendungen in Unterricht und Lehre schon einen wachsenden digital-divide, weil viele Schulen und Lehrkräfte sich schlicht nicht damit beschäftigen. Ähnliches können wir bei der Anwendung von digitalen Tafeln oder Tabletts im Unterricht beobachten. Ähnliches konnte ich auch schon bei der Einführung der Kompetenzorientierung in den 2010er Jahren beobachten, damals mussten sich Lehrkräfte zwar fortbilden lassen, haben das zum Teil aber nur halbherzig getan und wenig umgesetzt. Da ist es wieder, das Implementierungsproblem in der deutschen Bildungslandschaft. Ich plädiere daher für eine deutlich verbindlichere Umsetzung im Rahmen strukturierter Schulentwicklungsprogramme mit entsprechenden Entlastungen (Pilotierung, Begleitforschung, Fortbildung), um eine weitere Heterogenisierung der deutschen Bildungslandschaft zu verhindern und das Potenzial von AIS zur Stärkung der Bildungsgerechtigkeit zu nutzen. Außerdem plädiere ich für ein starkes europäisches System in Kooperation mit etablierten und neuen Stakeholdern auf dem europäischen Bildungsmarkt, um weiteren Einfluss von US-Big-Tech oder chinesischen Anbietern auf dem europäischen Bildungsmarkt zu verhindern.

AIS könnte das wichtigste schulische Infrastrukturprojekt seit Einführung der Schulpflicht werden, wenn Deutschland diesmal das Implementierungsproblem löst.

Funfact für alle KI-Skeptiker, besonders für Mathe: In Schweden gibt es ein gut funktionierendes AIS für Mathematik: Magma Math, auch das war auf der Didacta zu sehen: https://www.magmamath.com/de.

Ihr

Erik Grundmann

Und hier wieder als Angebot, ein paar Links, Tipps und Empfehlungen, das naturgemäß nach den Ferien etwas ausführlicher ausfällt:Interessantes
„Medium“ zum 2-Sigma-Problem: https://medium.com/@lern360_official/the-2-sigma-problem-was-never-about-teaching-it-was-about-scale-80c846b3e5b5.
Die Bosch Stiftung hat das „Deutsche Schulbarometer 2026“ zu Schülerinnen und Schülern veröffentlicht, hier gibt es eine Zusammenfassung auf dem „Deutschen Schulportal: https://deutsches-schulportal.de/bildungswesen/deutsches-schulbarometer-schuelerbefragung-2026-die-wichtigsten-ergebnisse/. Die ganze Studie gibt es hier: https://www.bosch-stiftung.de/de/publikation/deutsches-schulbarometer-befragung-schuelerinnen. Spoiler: Es ist nicht besser geworden.
Ulrike Linz bloggt zu Deep Skills im Zeitalter von KI. Deep Skills sind die tiefen, menschlichen Fähigkeiten wie Selbstregulation, Empathie und Reflexion, die im Zeitalter von KI besonders wichtig werden und durch sinnvolle Lernräume statt durch reines Training entstehen: https://linzspiration.de/deep-skills/.
Eine Studie des „LIfBi“ hat eine umfangreiche Studie zum Zusammenhang von sozialer Herkunft und Bildungsungleichheit veröffentlicht: https://www.lifbi.de/de-de/Start/Aktuelles-Medien/Neuigkeiten/details/gleiche-leistung-ungleiche-chancen.
Die Uni Hildesheim hat die JuCo V-Studie zum Wohlbefinden Jugendlicher und junger Erwachsener in Krisenzeiten in Krisenzeiten veröffentlicht: https://hilpub.uni-hildesheim.de/server/api/core/bitstreams/b79bd9ec-5bde-46e3-b657-f42e27224a97/content.

Schulentwicklung
In einem Interviews für das „Deutsche Schulportal“ erklärt die US-Bildungsforscherin und Autorin Julia Freeland Fisher, „Warum Schulen Jugendliche auch beim Netzwerken unterstützen sollten“: https://deutsches-schulportal.de/schule-im-umfeld/vitamin-b-warum-schulen-jugendliche-auch-beim-netzwerken-unterstuetzen-sollten/.

Smartphone und Social-Media
Die NZZ zeigt, wie man Soziale Medien technisch besser gestalten könnte und dass diese Möglichkeiten den Tech-Firmen durchaus bewusst sind. Das Problem ist, dass sie Gewinne schmälern würden: https://www.nzz.ch/technologie/zehn-ideen-fuer-bessere-soziale-netzwerke-die-tech-firmen-verschwiegen-haben-ld.1926585.
Im aktuellen Newsletter von Smartphone-Coach Andrea Bugl-Aigner gehet es um die Manosphere; mit interessanten Links (vgl. letzten Newsletter): https://9etqr.r.a.d.sendibm1.com/mk/mr/sh/OycXxko2a8zXNsWPDzlZCDgb/i_thqfETzt8o.

KI
Joscha Falck hat sich von KI-Agenten ein Escape-Game bauen lassen, wie kann man hier nachlesen: https://joschafalck.de/archiv-45/.
Kling zeigt hier eindrücklich, was KI im Bereich Film mittlerweile möglich macht: https://www.youtube.com/watch?v=eZeZ7EM1GY0.
Die „Initiative digitale Bildungschancen“ hat ein Diskussionspapier zum Einsatz von KI in Schulen entwickelt: https://cloud.medienzentrum.rocks/s/G8e5fsDReryDpK5?dir=/&editing=false&openfile=true.

Tipps für den Unterricht
Auf https://politiktest.de/ kann man testen wie stark politische Einstellungen mit populistischem Denken zu tun haben.
Der Psychologe und Bildungsforscher Manfred Holodynski erklärt in einem Interview mit dem „Deutschen Schulportal“, warum Classroom Management so zentral für die Unterrichtsqualität ist, welche Fehler Lehrkräfte vermeiden sollten und wie eine bessere Ausbildung Abhilfe schaffen könnte: https://deutsches-schulportal.de/bildungsforschung/wir-haben-ein-massives-problem-mit-classroom-management/.

Leseempfehlung
Leonard Sommer: Wenn Schule auf Ideen bringt, München 2023. Eine wundervolle Sammlung mit Ideen aus der Schulpraxis.

Hörempfehlung
Ferdinand Stebner bei WDR 5 über selbstreguliertes Lernen: https://www.ardsounds.de/episode/urn:ard:section:42b966c64cd83570/.
Ich gestatte mir mal etwas Eigenwerbung. Hannes Kannes hat einen Podcast mit mir aufgenommen: https://www.youtube.com/watch?v=PCMCbpLc_TQ bei Youtube. Wer es ohne Bild mag, wird hier fündig: https://open.spotify.com/episode/4GgqCyJmZMNB2NwiuqL6IG. .

Sehempfehlung
Aktuell keine, wem langweilig ist empfehle ich aber gerne „Treibhäuser der Zukunft“ oder Clips mit Ken Robinson auf YouTube.

Veranstaltungsempfehlung
Aktuell keine, natürlich Bob Blume am 23.09. im Bürgerhaus.Spaß im Netz
Heute gibt es mal eine Website, die sie per Zufallsgenerator auf unnütze Seiten bringt: https://theuselessweb.com/.   

Blog 2026-04: Die Disruption durch Adaptive Intelligente Systeme

Bild: ChatGPT

Mich hat auf der Didacta 2026 ein Aspekt besonders beschäftigt. Ich habe dort ein Panel zu Adaptiven Intelligenten Systemen (AIS) besucht. Das „FWU Institut für Film und Bild gGmbh war Veranstalter, teilgenommen haben Prof. Dr. Ulrike Cress (Direktorin Leibniz-Institut für Wissensmedien), Prof. Dr. Matthias Bethge (Direktor Tübingen AI Center), Prof. Dr. Andreas Lachner (Co-Director Tübingen Center for Digital Education), Dr. Wieland Brendel (Forschungsgruppenleiter ELLIS Institute Tübingen), Dr. Almut Steinlein (Projektleiterin AIS am FWU). Moderiert wurde das Panel von Dr. Anika Limburg, Leiterin des Bildungscampus Saarland. Im Panel wurde deutlich:

Mehrfach wurde das disruptive Potenzial eines AIS für Unterricht betont. Es entstehe eine Lehr-Lern-Plattform, die gleichzeitig Lernende individuell und adaptiv im eigenen Tempo unterstützen soll und Lehrende bei der Lernentwicklung der Lernenden auf dem Laufenden halte. Dadurch könne eine individuelle Förderung gelingen. Das System werde entsprechend mit Curricula etc. trainiert und soll für kommerzielle Anbieter offen sein, natürlich alles konform mit DSGVO und EU-AI-Act. So soll ein offenes, nicht proprietäres lernendes System entstehen, dass den Kindern gerecht werde und Lehrkräfte entlaste, die dann wieder mehr Raum für echte Lernbegleitung bei den Lernenden bekämen, die sie nötig haben. Dadurch soll mehr Bildungsgerechtigkeit entstehen. Dafür bedürfe es natürlich auch neuer Unterrichtsformen und Lernräume. Der Gefahr des Deskilling werde durch die Adaptivität und didaktisch elaborierte Sequenzierung vorgebeugt. Ziel seien verstärkte Selbstregulierung und Kompetenzorientierung bei den Lernenden, die mit dem AIS Lernen lernen. Natürlich bedeute das nicht, dass nur noch digital und vereinzelt gelernt werde, sondern eine Ergänzung zur Unterstützung individueller Lernprozesse zur Verfügung gestellt werde; natürlich müsse weiter auch analog und kollaborativ gelernt werden.

Ausgerollt werden soll das System schon nach den Sommerferien in ersten Pilotschulen, im Herbst soll es weiter in die breite gehen und im Winter soll es Fortbildungen für Lehrkräfte geben. Wohlgemerkt: 2026! Ein ambitioniertes Programm, entwickelt von deutschen Institutionen unter dem Dach der FWU. Die zentrale Kompetenz-Schnittstelle bildet des ellis-Institut Tübingen (ELLIS Institute Tübingen). Auf persönliche Nachfrage nach der Verbindlichkeit der Umsetzung wurde mir versichert, dass Schulen freiwillig teilnehmen könnten und man darauf setze, dass der Erfolg des AIS dazu führe, dass alle Schulen nicht darum herum kämen.

Mehr Informationen gibt es auf der Seite des AIS: https://ais.schule/ und hier: https://www.kmk.org/bildungsministerkonferenz/bildungsthemen/bildung-in-der-digitalen-welt.html (bei „Länderübergreifende Vorhaben“ / „Adaptives Intelligentes System“. Hier erfährt man auch, dass telli ein Teilprojekt von AIS ist und dessen weiterbetrieb von dem Fortschritt bei AIS abhängt.) Persönlich bin ich vom disruptiven Potenzial von AIS oder vergleichbaren Tutorsystemen überzeugt, schließlich war es unter anderem der TED-Talk von Sal Khan zu Khanmigo im April 2023, der mich zur intensiven Beschäftigung mit KI gebracht hat. Schon Benjamin Bloom (ja, das ist der mit den Taxonomien) hat ja 1984 erforscht, dass individuelle Unterstützung Lernende um zwei Notenstufen besser machen kann. Ohne KI war es natürlich nicht denkbar, jedem und jeder Lernenden eine Lehrkraft zur Verfügung zu stellen. Bloom nannte das das „2-Sigma-Problem“. KI hat jetzt das Potenzial, dieses Problem zu lösen. Wenn es denn gut gemacht wird.

Ich sehe aktuell zwei Schwierigkeiten. Bisher haben es staatliche/halbstaatliche Unternehmungen eher nicht geschafft, sinnvolle digitale Systeme zu etablieren (vgl. Logineo, telli mit Einschränkungen). Und, zweitens, habe ich meine Zweifel, ob eine freiwillige Implementierung in den Schulen funktionieren kann. Wir sehen aktuell bei der Implementierung von KI-Anwendungen in Unterricht und Lehre schon einen wachsenden digital-divide, weil viele Schulen und Lehrkräfte sich schlicht nicht damit beschäftigen. Ähnliches können wir bei der Anwendung von digitalen Tafeln oder Tablets im Unterricht beobachten. Ähnliches konnte ich auch schon bei der Einführung der Kompetenzorientierung in den 2010er Jahren beobachten, damals mussten sich Lehrkräfte zwar fortbilden lassen, haben das zum Teil nur widerwillig getan und nichts umgesetzt. Da ist es wieder, das Implementierungsproblem in der deutschen Bildungslandschaft. Ich plädiere daher für eine deutlich verbindlichere Umsetzung im Rahmen strukturierter Schulentwicklungsprogramme (Pilotierung, Begleitforschung, Fortbildung), um eine weitere Heterogenisierung der deutschen Bildungslandschaft zu verhindern und das Potenzial von AIS zur Stärkung der Bildungsgerechtigkeit zu nutzen. Außerdem plädiere ich für ein starkes europäisches System in Kooperation mit etablierten und neuen Stakeholdern auf dem europäischen Bildungsmarkt, um weiteren Einfluss von US-Big-Tech oder chinesischen Anbietern auf dem europäischen Bildungsmarkt zu verhindern.

AIS könnte das wichtigste schulische Infrastrukturprojekt seit Einführung der Schulpflicht werden, wenn Deutschland diesmal das Implementierungsproblem löst.

Funfact für alle KI-Skeptiker, besonders für Mathe: In Schweden gibt es ein gut funktionierendes AIS für Mathematik: Magma Math, auch das war auf der Didacta zu sehen: https://www.magmamath.com/de.

Ergänzung vom 04.04.2026:
Bei aller berechtigten Faszination für das Potenzial Adaptiver Intelligenter Systeme lohnt sich ein Blick auf die Bedingungen, unter denen diese Systeme entstehen. KI ist kein rein technologisches Produkt, sondern basiert in weiten Teilen auf menschlicher Arbeit, häufig ausgelagert in den Globalen Süden. Tausende sogenannte Data Labeler trainieren, überprüfen und moderieren Inhalte, oft unter prekären Bedingungen und mit hoher psychischer Belastung. Die „Intelligenz“ der Systeme ist damit nicht nur künstlich, sondern auch sozial produziert.

Diese Perspektive verändert den Blick auf KI grundlegend: Wenn Bildungssysteme künftig verstärkt auf solche Technologien setzen, greifen sie zugleich auf globale Arbeitsstrukturen zurück, die bislang weitgehend unsichtbar bleiben. Die Frage nach der didaktischen Integration von KI muss daher ergänzt werden um eine zweite: Unter welchen Bedingungen entsteht diese Technologie, und welche Verantwortung tragen wir als Bildungssystem in ihrer Nutzung?

Wer über Bildungsgerechtigkeit im Kontext von KI spricht, darf deshalb nicht nur die Wirkung im Klassenzimmer betrachten, sondern muss auch die Produktionsbedingungen im Blick behalten. Andernfalls besteht die Gefahr, dass eine Technologie, die im Inneren auf Ungleichheit basiert, nach außen als Lösung für eben diese Ungleichheit erscheint.