Blog 2026-13: Es wird ernst: Ein KI-Tutor für jedes Kind?

Das Bild ist KI-generiert.

Im März habe ich nach einem Besuch auf der Didacta über die Disruption durch Adaptive Intelligente Systeme geschrieben. Mich hat damals besonders die Aussicht beschäftigt, individuelle Lernbegleitung in einer Größenordnung zu ermöglichen, die mit unseren bisherigen personellen Ressourcen kaum vorstellbar ist. Zugleich habe ich gefragt, ob es uns gelingen wird, eine solche Technologie tatsächlich in die schulische Praxis zu integrieren.

Inzwischen startet das vom FWU im Auftrag der Länder entwickelte AIS in die Pilotphase, wie aus einer Pressemitteilung vom 15. Oktober hervorgeht. Aus der Ankündigung wird eine erste praktische Erprobung. Ich habe allerdings den Eindruck, dass die mögliche Tragweite dieser Entwicklung im schulischen Alltag bisher wenig angekommen ist. Verständlicherweise, denn zwischen Unterricht, Korrekturen, Elterngesprächen und den vielen anderen Anforderungen klingt eine neue Lernplattform zunächst nach zusätzlicher Arbeit.

Gerade deshalb lohnt es sich, genauer hinzusehen. Wenn AIS wesentliche Teile seines Anspruchs einlösen kann, verändert sich das Verhältnis zwischen individueller Förderung und der Organisation von Unterricht.

Was jetzt tatsächlich erprobt wird

Zunächst ist eine nüchterne Einordnung wichtig. Der aktuelle Pilot umfasst erste Lernmaterialien für Deutsch in Klasse 5 und Mathematik in Klasse 6. Lehrkräfte können vorbereitete Lernpfade zuweisen und Lernstände einsehen. Schülerinnen und Schüler sollen passende Übungen erhalten und durch einen KI-Tutor unterstützt werden. Das System befindet sich ausdrücklich in Entwicklung. Wie gut es im Alltag funktioniert und welchen pädagogischen Nutzen es entfaltet, muss sich erst zeigen. Es ist natürlich nicht zur Benotung vorgesehen.

Außerdem sind AIS und AIS.chat zu unterscheiden. AIS.chat ist die Chatbot-Oberfläche, mit der Lehrkräfte beispielsweise Materialien erstellen oder Dialogpartner für Lernende gestalten können. Das adaptive Lernsystem geht darüber hinaus, weil es Lernstände, Aufgaben und Unterstützung innerhalb einer Lernumgebung zusammenführen soll.

Der bescheidene Umfang der Pilotphase sollte deshalb weder enttäuschen noch zu überzogenen Erwartungen führen. Er beschreibt den gegenwärtigen Entwicklungsstand. Die grundlegende Idee reicht erheblich weiter.

Individuelle Förderung unter anderen Bedingungen

Eine Lehrkraft mit einer heterogenen Lerngruppe muss fortlaufend Entscheidungen treffen. Wer hat die Erklärung verstanden? Wer braucht einen anderen Zugang? Wer übt etwas, das längst beherrscht wird? Wer kommt nicht weiter, meldet sich aber nicht?

Wir beantworten diese Fragen mit Erfahrung, Beobachtung, Gesprächen und diagnostischen Verfahren. Trotzdem bleibt persönliche Aufmerksamkeit eine knappe Ressource. Während ich einem Kind etwas erkläre, kann ich mich einem anderen gerade nicht zuwenden. Differenzierte Materialien helfen, müssen aber vorbereitet, ausgewählt und ausgewertet werden.

AIS soll Lehrkräfte dabei unterstützen, indem es Informationen über Lernprozesse auswertet, passende Inhalte empfiehlt und Unterstützungsbedarfe sichtbar macht. Die angestrebte Entlastung umfasst damit Tätigkeiten, die bisher einen erheblichen Teil unserer Vorbereitung und Unterrichtssteuerung beanspruchen.

Wenn diese Verbindung zuverlässig gelingt, würde individuelle Förderung unter anderen Bedingungen möglich. Ein Kind müsste für einen hilfreichen Hinweis möglicherweise seltener warten, bis die Lehrkraft Zeit hat. Ein anderes könnte weiterarbeiten, ohne sich am Tempo der übrigen Klasse orientieren zu müssen. Gleichzeitig könnte die Lehrkraft gezielter dort eingreifen, wo persönliche Unterstützung notwendig ist.

Das wäre eine erhebliche Veränderung unserer Handlungsmöglichkeiten und hier liegt für mich der eigentliche disruptive Kern.

Ein erheblicher Teil unserer Unterrichtsorganisation beruht darauf, eine Gruppe gemeinsam durch Inhalte und Aufgaben zu führen. Das ist angesichts begrenzter Zeit und personeller Ressourcen nachvollziehbar. Pädagogisch passend ist dieses gemeinsame Tempo allerdings längst nicht für jedes Kind, eher zunehmend für weniger Kinder.

Wenn individuelle Lernwege leichter zugänglich werden, müssten wir diese Organisation neu prüfen. Gemeinsame Erklärungen wären weiterhin sinnvoll, wenn eine Gruppe sie benötigt. Gemeinsame Gespräche wären unverzichtbar, wenn unterschiedliche Sichtweisen zusammenkommen sollen. Aber eine weitgehend gleiche Übungsstrecke für alle ließe sich schwerer begründen, wenn geeignete Alternativen verfügbar wären.

Daraus folgt (zunächst?) keine automatische Auflösung von Klassen, Fächern oder Stundenplänen. Es entsteht jedoch zusätzlicher Spielraum, Lernzeiten flexibler zu gestalten, zeitweise kleinere Gruppen zusammenzuführen und persönliche Lernbegleitung anders zu organisieren.

Viele Schulen beschäftigen sich längst mit solchen Fragen. Eine funktionierende adaptive Lernumgebung könnte ihnen helfen, pädagogische Vorstellungen umzusetzen, die bisher an der alltäglichen Arbeitsbelastung scheitern.

Die Bedeutung liegt auch in der Infrastruktur

Besonders aufschlussreich finde ich deshalb die Informationen für Medienanbieter. AIS soll kommerzielle und freie Bildungsmedien einbinden und unterschiedlichen Anbietern offenstehen. Eine erste Version der Mediathek ist für Mitte 2027 vorgesehen. Die 16 Länder verfolgen damit den Anspruch einer gemeinsamen Bildungsinfrastruktur, deren Rahmenbedingungen sie selbst gestalten können.

Darin liegt ein wesentlicher Unterschied zu einem einzelnen digitalen Unterrichtsangebot. Wenn sich eine solche Infrastruktur bewährt und verbreitet, könnte adaptive Lernunterstützung schrittweise zu einer regulär verfügbaren Möglichkeit für alle Schulen werden.

Genau diese mögliche Verschiebung sollten wir ernst nehmen. Individuelle Förderung wäre dann weniger davon abhängig, ob eine einzelne Lehrkraft zusätzlich zu ihren übrigen Aufgaben umfangreiche Materialien erstellen und jeden Lernschritt selbst auswerten kann. Sie könnte auf eine gemeinsame technische Grundlage zurückgreifen.

Ob daraus bessere Bildung entsteht, hängt wesentlich davon ab, was Schulen daraus machen und ob sie sich dem entziehen können.

Unsere Arbeit würde sich verändern

Die Versicherung, dass Lehrkräfte weiterhin gebraucht werden, ist richtig, bleibt mir als Antwort aber zu oberflächlich. Entscheidend ist, welche Tätigkeiten künftig mehr Raum einnehmen und welche teilweise von einem System unterstützt werden können.

Wenn die Steuerung von Übungsprozessen weniger Aufmerksamkeit beansprucht, könnten Lernberatung, persönliche Rückmeldung und die Arbeit mit kleinen Gruppen mehr Gewicht bekommen. Lehrkräfte könnten sich intensiver mit den Gründen beschäftigen, aus denen ein Kind trotz passender Aufgaben nicht vorankommt. Vielleicht fehlt fachliches Vorwissen, vielleicht aber auch Vertrauen in die eigenen Fähigkeiten, Orientierung oder ein verlässlicher Kontakt.

Diese Arbeit erfordert pädagogisches Urteil. Dazu gehört auch, Empfehlungen eines Systems zu hinterfragen. Eine digitale Auswertung erfasst das Verhalten innerhalb einer bestimmten Lernumgebung. Sie bildet einen Ausschnitt des Kindes und seines Könnens ab.

Pädagogische Verantwortung bedeutet deshalb, die Möglichkeiten und Grenzen dieser Informationen zu verstehen und daraus begründete Entscheidungen zu treffen.

Selbstregulation entsteht nicht durch die Anmeldung

Gerade mit Blick auf selbstreguliertes Lernen sollten wir genau hinsehen. Wenn ein System jede nächste Aufgabe auswählt und jeden weiteren Schritt vorgibt, kann ein Kind erfolgreich durch einen Lernpfad geführt werden, ohne selbst viel über die Gestaltung seines Lernens zu entscheiden.

Selbstregulation muss deshalb ausdrücklich auch analog angebahnt werden. Kinder brauchen Gelegenheiten, Ziele zu setzen, passende Strategien auszuwählen, Schwierigkeiten zu erkennen und den eigenen Fortschritt einzuschätzen. Die Unterstützung sollte ihnen helfen, zunehmend selbst Verantwortung zu übernehmen.

Ebenso müssen wir darauf achten, was außerhalb des Systems gelingt. Versteht ein Kind einen Zusammenhang auch in einer anderen Darstellung? Kann es sein Wissen in einer neuen Situation anwenden? Kann es erklären, wie es zu einem Ergebnis gekommen ist?

Solche Fragen entscheiden darüber, ob eine adaptive Lernumgebung nachhaltiges Lernen unterstützt oder vor allem erfolgreiche Bearbeitung innerhalb ihrer eigenen Abläufe erzeugt.

Wir sollten die Gestaltung nicht vertagen

Meine Sorge aus dem ersten Beitrag bleibt deshalb bestehen. Eine technische Bereitstellung allein wird wenig verändern. Manche Schulen werden sich intensiv mit den Möglichkeiten beschäftigen, andere werden abwarten. Damit besteht das Risiko, dass die Qualität der Lernunterstützung noch stärker davon abhängt, welche Schule ein Kind besucht.

Wir brauchen begleitete Erprobung, Fortbildung, Zeit für gemeinsame Unterrichtsentwicklung und eine ehrliche Auswertung der Ergebnisse. Dazu gehört auch die Bereitschaft, ungeeignete Funktionen zurückzuweisen und erfolgversprechende Ansätze weiterzuentwickeln.

Niemand muss heute behaupten, AIS werde seine Ziele sicher erreichen. Wir sollten aber verstehen, welche pädagogischen Möglichkeiten sich eröffnen könnten, und uns darauf vorbereiten.

Für mich wäre viel gewonnen, wenn wir individuelle Lernunterstützung nutzen könnten, um mehr Raum für das zu schaffen, was Schule als gemeinsamen Lebens- und Lernort ausmacht. Für Gespräche und Zusammenarbeit, für Projekte, für die Auseinandersetzung mit unterschiedlichen Perspektiven und für persönliche Begleitung.

Die Pilotphase wird zeigen, wie weit AIS auf diesem Weg bereits ist. Welche Schule wir mit solchen Möglichkeiten gestalten wollen, sollten wir schon jetzt klären.

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