Liebe Schulgemeinschaft,
oft wird beklagt, und ich nehme mich dabei gar nicht aus, dass Schule sich nicht verändere. Dennoch gibt es natürlich Veränderungen, die sich gar nicht vermeiden lassen und auf die Schule zwangsläufig reagiert, weil sie Schule verändern, ohne dass diese etwas dafür kann.
Wenn ich zu meiner Schulzeit ein Referat oder eine Präsentation vorbereiten sollte, was selten vorkam, dann konnte die Lehrkraft davon ausgehen, dass ich zuhause vielleicht ein Lexikon habe, sonst konnte bestenfalls Schulbuchwissen abgefragt werden. Ich bin zwar einmal mit einem Mitschüler für ein Referat in die Universitätsbibliothek nach Frankfurt gefahren, war dort aber von den „Zettelkästen“ recht überfordert und war beim Inhalt besonders intrinsisch motiviert, aber das ist ein anderes Thema.
Dann kam das Internet. Plötzlich standen, weitgehend frei zugänglich, viel mehr Informationen und Quellen zur Verfügung. Also konnten mehr Themen in die Hausaufgaben verlegt werden und es konnte vor allem mehr erwartet werden. Das machte Schule für die Lernenden anspruchsvoller; für die Lehrenden natürlich auch. Gleichzeitig erweiterte sich die Wissensbasis, die Schulen vermitteln konnte. Mit dem Internet wurde aber auch die Bewertung von Fakten und die Verifizierung von Wissen bedeutsamer. Die Vertrauenswürdigkeit der genutzten Websites rückte in den Vordergrund. Das ließ sich aber noch in einem überschaubaren Rahmen abschätzen. Nebenbei wurde Wissen globalisiert und stand plötzlich in vielen verschiedenen Sprachen zur Verfügung. Allerdings entstand auch hier schon ein „cultural bias“, weil nicht alle Sprachen und Kulturen gleichermaßen im WWW repräsentiert waren. Weitere Effekte waren das Verschwinden der gedruckten Enzyklopädien, eine neu entstehende Dateninfrastruktur, die Zunahme des Stromverbrauchs und der damit verbundenen Emissionen, das Entstehen sozialer Netzwerke mit allen Vor- und Nachteilen und eine Dominanz der USA auf dem Tech-Markt, um nur einige zu nennen. Und jetzt haben wir Künstliche Intelligenz. Jetzt wird das Wissen des Internets und darüber hinaus, Qualität spielt nur eine untergeordnete Rolle, so aufbereitet und immer wieder rekombiniert, sodass es zumindest den Anschein hat, dass (schulische) Fragen einfach direkt beantwortet werden. Auch damit vergrößert sich wieder die Wissensbasis für (Haus-)Aufgaben, auch dadurch wird Lehren und Lernen wieder anspruchsvoller. Aber nur, wenn es richtig gemacht wird. Schlimmstenfalls erstellen Lehrkräfte Aufgaben und Arbeitsblätter mit KI, die dann von Schülerinnen und Schülern mit KI bearbeitet werden und es kommt zu Kompetenzverlusten auf beiden Seiten, so genanntem Deskilling. Gleichzeitig wird es noch wichtiger Fakten und Wissen zu verifizieren. KI erfindet Fakten und Zusammenhänge, die dann auch noch plausibel dargestellt werden. Hier braucht es ganz neue und anspruchsvolle Kompetenzen für Lehrende und Lernende, wir erreichen also ein weiteres neues und höheres Anspruchslevel an Schulen. Außerdem steckt auch hier weiter ein bedeutsamer „cultural bias“ drin, da die Trainingsdaten wieder westlich dominiert sind. Mit China ist ein neuer bedeutender „Player“ hinzugekommen und der Ressourcenverbrauch steigt immens. KI flutet soziale Netzwerke mit „AI-Slop“, dessen Auswirkungen erst langsam deutlich werden (die Nutzung sozialer Netzwerke durch Jugendliche scheint zurückzugehen).
Ein nächster Entwicklungsschritt könnte dann agentische KI sein, die schulische Prozesse noch weiter automatisiert, was die Kombination von KI und Robotik mit Schulen machen wird ist schwer abzusehen. Vermutlich muss ich dann nicht einmal mehr meine KI-generierten Arbeitsblätter selbst aus dem Kopieren holen.
KI zu ignorieren oder zu verbieten ist natürlich keine Lösung, sie hat ja unsere Gesellschaft schon durchdrungen vom Chatbot auf der Homepage des Landkreises bis zum Gesprächspartner bei Snapchat oder WhatsApp, fast alle Lernenden nutzen KI für Hausaufgaben und weit darüber hinaus.
Eigentlich wollte ich mit dem Text hier enden, habe aber die KI um ein Feedback gebeten und den Vorschlag bekommen, den Text noch um folgenden Abschnitt zu ergänzen, der noch einmal die aktuellen Herausforderungen pointiert zusammenfasst:
„Die eigentliche Herausforderung besteht deshalb nicht darin, KI aus Schule herauszuhalten. Das wird ebenso wenig gelingen, wie es gelungen ist, das Internet aus Schule herauszuhalten. Die Technologie ist längst Teil der Lebenswelt unserer Schülerinnen und Schüler geworden und wird in den kommenden Jahren noch stärker in nahezu allen gesellschaftlichen Bereichen präsent sein.
Viel wichtiger ist eine andere Frage: Was bedeutet das für das Lernen?
Über Jahrzehnte konnten wir stillschweigend davon ausgehen, dass die Bearbeitung einer Aufgabe selbst bereits einen Lernprozess auslöst. Wer einen Text schreibt, muss nachdenken. Wer eine Präsentation vorbereitet, muss Informationen recherchieren, auswählen und strukturieren. Wer ein Problem löst, setzt sich mit dem Problem auseinander.
Mit KI gerät diese Annahme erstmals ins Wanken.
Nicht, weil Lernen unmöglich würde. Sondern weil die Bearbeitung einer Aufgabe zunehmend delegierbar wird. Die Aufgabe kann erledigt werden, ohne dass der Lernprozess zwangsläufig beim Lernenden stattfindet. Damit steht nicht weniger als eine Grundlogik von Schule zur Diskussion.
Die entscheidende Frage lautet deshalb nicht, ob Schülerinnen und Schüler KI nutzen dürfen. Sie lautet auch nicht, welche App die beste ist oder welche Funktionen künftig noch hinzukommen werden.
Die entscheidende Frage lautet: Welche Aufgaben stellen wir in Zukunft, wenn Maschinen viele der bisherigen Aufgaben bereits lösen können?
Vielleicht ist das die eigentliche Revolution. Nicht die Technologie selbst. Sondern die Tatsache, dass sie uns zwingt, grundlegende pädagogische Fragen neu zu stellen:
• Warum lernen wir überhaupt?
• Woran erkennen wir, dass jemand etwas verstanden hat?
• Welche Rolle spielt Wissen in einer Welt, in der Informationen jederzeit verfügbar sind?
• Und wie gestalten wir Schule so, dass Lernen auch dann noch stattfindet, wenn Antworten auf Knopfdruck erzeugt werden können?
Auf diese Fragen haben wir derzeit noch keine abschließenden Antworten. Aber vielleicht ist genau das die wichtigste Erkenntnis: Die KI-Debatte ist keine Technologie-Debatte. Sie ist eine Debatte über Lernen, Bildung und die Zukunft von Schule.“ (erstellt mit ChatGPT, Formatierung angepasst und natürlich vor Veröffentlichung geprüft und für brauchbar befunden)
Ihr
Erik Grundmann
Und hier wieder als Angebot, ein paar Links, Tipps und Empfehlungen:
Interessantes
Stephan Heinsius, ehemaliger Weibelfeld-Schüler und Sonnenfinsternis-Enthusiast, hat vor 50 Jahren seine erste Sonnenfinsternis in der Weibelfeldschule erlebt und ist jetzt nach exakt 50 Jahren wieder an den gleichen Ort zurückgekommen. Seinen Bericht können Sie hier lesen: https://www.eclipseland.com/pse-1976-50.html.
Bericht im „Deutschen Schulportal“ über dem Umgang mit Daten in Kanada: https://deutsches-schulportal.de/bildungswesen/den-schul-code-knacken/.
Beitrag des „Medienzeit Elternlog“ über die Gefahren von Smartglasses in der Schule: https://www.medienzeit-elternblog.de/blog/smartglasses-neue-risiken-kinder-schule.Schultoiletten sind ein Dauerthema, die „Zeit“ berichtet über Verbesserungsmöglichkeiten: https://www.zeit.de/gesellschaft/schule/2026-05/schultoiletten-hygiene-handlungsempfehlungen-internetportal-gxe. Praktische Ratschläge gibt es im Hilfsportal der „German Toilet Organization“: https://toiletten-machen-schule.de/. In unserem Reallabor gibt es Überlegungen seitens der Schülerinnen und Schüler einen Wettbewerb zur besten Schultoilette in Dreieich zu organisieren.
Schulentwicklung
Bob Blume schreibt in seiner Kolumne auf dem „Deutschen Schulportal“, „Warum gute Schulentwicklung auch wehtut“: https://deutsches-schulportal.de/kolumnen/bob-blume-rollentausch-warum-gute-schulentwicklung-auch-wehtut/.
Alexander Brand schreibt im „Deutschen Schulportal“ differenziert über den Forschungsstand zur Frage: Handschrift oder Keyboard. Spoiler: Die Antwort ist nicht eindeutig: https://deutsches-schulportal.de/bildungsforschung/handschrift-oder-tastatur-was-beim-mitschreiben-wirklich-hilft.
Smartphone und Social-Media
Das IWM in Tübingen sucht Grundschul-Eltern als Teilnehmende für eine Studie über Kinder, die ihr erstes Smartphone bekommen: https://iwm-tuebingen.de/de/news/2026-05-19. Hier geht es zur Anmeldung: https://iwm-tuebingen.de/de/forschung/projekte/smartkids.
KI
Joscha Falck beschäftigt sich in seinem neuesten Blog-Beitrag mit der „Architektur der KI-Didaktik. Er verschiebt den Blick von der Technologie auf die Aufgabenkultur und erinnert daran, dass die entscheidende Frage im KI-Zeitalter nicht lautet, wie wir KI nutzen, sondern wie Lernen trotz KI lernwirksam bleibt: https://joschafalck.de/architektur-ki-didaktik/. Besonders spannend finde ich seine Idee der „Provokation durch Design“ von Aufgaben.
Die „Frankfurter Rundschau“ berichtet über den Einfluss von KI in Schule: https://www.fr.de/panorama/macht-das-leben-zur-hoelle-lehrerin-warnt-vor-riskantem-trend-an-deutschen-schulen-94320261.html.
Im „FelloFish-Blog“ geht es um das PRISMA-Modell des Carl-Fuhlrott-Gymnasiums (KI-Schulpreisträger) zur Arbeit mit KI-Werkzeugen am Beispiel von „FelloFish“: https://www.fellofish.com/blog/warum-fellofish-prisma.
Podcast „Bits, Buffs und Bildung“ zu KI-Agenten und Vibe Coding: https://bits-buffs-und-bildung.podigee.io/s1e50-neue-episode.
Tipps für den Unterricht
Ulrike Ammermann schreibt in ihrer Kolumne auf dem Deutschen Schulportal über Unterricht, der aus dem Ruder läuft und was dagegen hilft: https://deutsches-schulportal.de/kolumnen/wenn-der-unterricht-aus-dem-ruder-laeuft/.
Die „Slot-Machine“ bei „Bildungsspirit“ liefert wichtige Impulse zur Lernhaltung: https://www.bildungsspirit.de/slotmachine.html.
Die „Frankfurter Rundschau“ über das Mathe-Tutorsystem „Bettermarks“, welches Hessen einführt: https://www.fr.de/hessen/hessen-fuehrt-online-lernsystem-bettermarks-fuer-mathe-unterricht-ein-94313314.html. Mehr zu „Bettermarks“: https://de.bettermarks.com/.
Leseempfehlung
Alexander Brand: Die Bildungsweltmeister. Eine Reise zu den besten Schulen der Welt und was wir von ihnen lernen können, Weinheim 2026.
Mit dem Buch legt der Bildungsjournalist und Lehrer Alexander Brand eine ebenso informative wie gut lesbare Bildungsreportage vor. Für das Buch bereiste er sechs Monate lang Schulen in Finnland, Estland, Japan und Singapur, den Ländern, die in internationalen Vergleichsstudien regelmäßig Spitzenplätze belegen. Dabei verbindet er Unterrichtsbeobachtungen, Gespräche mit Lehrkräften, Schülerinnen und Schülern sowie bildungswissenschaftliche Einordnungen zu einem spannenden Bild erfolgreicher Schulsysteme. Besonders überzeugend ist Brands Fähigkeit, komplexe bildungspolitische Fragen anhand konkreter Szenen aus dem Schulalltag greifbar zu machen. Er arbeitet heraus, welche kulturellen, gesellschaftlichen und strukturellen Voraussetzungen hinter dem Erfolg der jeweiligen Systeme stehen. Themen wie adaptive Lernförderung, professionelle Lerngemeinschaften, Lehrkräftebildung, Bildungsgerechtigkeit und die Schule als Lebensraum ziehen sich als roter Faden durch das Buch.
Hörempfehlung
Prof. Saskia Fischer im „evido-Podcast” zum Thema Mobbing und was hilft: https://evido-magazin.de/artikel/evido-podcast-mobbing-wirksam-begegnen-mit-prof-saskia-fischer.
Podcast mit Prof. Josef Leifen zum Thema „Wie sich Lernen in Zeiten von KI verändern muss“: https://open.spotify.com/episode/2U88YkygpXFZXr0Dbk8CVa.
Podcast des „Deutschlandfunk“ zu moderner Prüfungskultur: https://www.deutschlandfunk.de/praesentation-statt-klausur-moderne-pruefungskultur-an-unseren-schulen-100.html.
Sehempfehlung
ZDF-Doku „Die Wahrheit über Social Media“: https://www.zdf.de/video/reportagen/die-wahrheit-ueber-100/die-wahrheit-ueber-social-media—mit-jochen-breyer-100.
Veranstaltungsempfehlung
Dieses Mal keine, die Ferien sind nah.
Spaß im Netz
http://patience-is-a-virtue.org/.