Newsletter 25/26-13: 20.03.2026

Liebe Schulgemeinschaft,

letzten Freitag war ich auf der Didacta, um mich über aktuelle Entwicklungen zu informieren und weiter zu vernetzen. Zwei Dinge möchte ich besonders hervorheben.

Zum einen waren wir zum dritten Mal in Folge mit einer Schülergruppe vertreten, die selbst eine Präsentation gehalten hat. Dieses Mal ging es darum, wie Schülerinnen und Schüler im Rahmen unseres Reallabors selbst aktiv werden und Schule verändern. Der großartige Vortrag stieß auf entsprechende Resonanz und hat unter anderem zu einer Vernetzung mit dem Reallabor in Leipzig geführt, da bahne sich spannende Kooperationen an. Es ist immer wieder großartig zu sehen, zu was Jugendliche in der Lage sind, wenn man sie nur lässt.

Zum anderen habe ich ein Panel zu Adaptiven Intelligenten Systemen (AIS) besucht. Das „FWU Institut für Film und Bild gGmbh war Veranstalter, teilgenommen haben Prof. Dr. Ulrike Cress (Direktorin Leibniz-Institut für Wissensmedien), Prof. Dr. Matthias Bethge (Direktor Tübingen AI Center), Prof. Dr. Andreas Lachner (Co-Director Tübingen Center for Digital Education), Dr. Wieland Brendel (Forschungsgruppenleiter ELLIS Institute Tübingen), Dr. Almut Steinlein (Projektleiterin AIS am FWU). Moderiert wurde das Panel von Dr. Anika Limburg, Leiterin des Bildungscampus Saarland. Im Panel wurde deutlich:

Mehrfach wurde das disruptive Potenzial eines AIS für Unterricht betont. Es entstehe eine Lehr-Lern-Plattform, die gleichzeitig Lernende individuelle und adaptiv im eigenen Tempo unterstützen soll und Lehrende bei der Lernentwicklung der Lernenden auf dem Laufenden halte. Dadurch könne eine individuelle Förderung gelingen. Das System werde entsprechend mit Curricula etc. trainiert und soll für kommerzielle Anbieter offen sein, natürlich alles konform mit DSGVO und EU-AI-Act. So soll ein offenes, nicht proprietäres lernendes System entstehen, dass den Kindern gerecht werde und Lehrkräfte entlaste, die dann wieder mehr Raum für echte Lernbegleitung bei denen bekämen, die sie nötig haben. Dadurch soll mehr Bildungsgerechtigkeit entstehen. Dafür bedürfe es natürlich auch neuer Unterrichtsformen und Lernräume. Der Gefahr des Deskilling werde durch die Adaptivität und didaktisch elaborierte Sequenzierung vorgebeugt. Ziel seien verstärkte Selbstregulierung und Kompetenzorientierung bei den Lernenden, die mit dem AIS Lernen lernen. Natürlich bedeute das nicht, dass nur noch digital und vereinzelt gelernt werde, sondern eine Ergänzung zur Unterstützung individueller Lernprozesse zur Verfügung gestellt werde, natürlich müsse weiter auch analog und kollaborativ gelernt werden.

Ausgerollt werden soll das System schon nach den Sommerferien in ersten Pilotschulen, im Herbst soll es weiter in die breite gehen und im Winter soll es Fortbildungen für Lehrkräfte geben. Wohlgemerkt: 2026! Ein ambitioniertes Programm, entwickelt von deutschen Institutionen unter dem Dach der FWU. Die zentrale Kompetenz-Schnittstelle bildet das ellis-Institut Tübingen (ELLIS Institute Tübingen). Auf persönliche Nachfrage nach der Verbindlichkeit der Umsetzung wurde mir versichert, dass Schulen freiwillig teilnehmen könnten und man darauf setze, dass der Erfolg des AIS dazu führe, dass alle Schulen nicht darum herum kämen.

Mehr Informationen gibt es auf der Seite des AIS: https://ais.schule/ und hier: https://www.kmk.org/bildungsministerkonferenz/bildungsthemen/bildung-in-der-digitalen-welt.html (bei „Länderübergreifende Vorhaben“ / „Adaptives Intelligentes System“ (hier erfährt man auch, dass telli ein Teilprojekt von AIS ist und dessen weiterbetrieb von dem Fortschritt bei AIS abhängt.) Persönlich bin ich vom disruptiven Potenzial von AIS oder vergleichbaren Tutorsystemen überzeugt, schließlich war es unter anderem der TED-Talk von Sal Khan zu Khanmigo im April 2023, der mich zur intensiven Beschäftigung mit KI gebracht hat. Schon Benjamin Bloom (ja, das ist der mit den Taxonomien) hat ja 1984 erforscht, dass individuelle Unterstützung Lernende um zwei Notenstufen besser machen kann. Ohne KI war es natürlich nicht denkbar, jedem und jeder Lernenden eine Lehrkraft zur Verfügung zu stellen. Bloom nannte das das „2-Sigma-Problem“. KI hat jetzt das Potenzial, dieses Problem zu lösen. Wenn es denn gut gemacht wird.

Ich sehe aktuell zwei Schwierigkeiten. Bisher haben es staatliche/halbstaatliche Unternehmungen eher nicht geschafft, sinnvolle digitale Systeme zu etablieren (vgl. Logineo, telli mit Einschränkungen). Und, zweitens, habe ich meine Zweifel, ob eine freiwillige Implementierung in den Schulen funktionieren kann. Wir sehen aktuell bei der Implementierung von KI-Anwendungen in Unterricht und Lehre schon einen wachsenden digital-divide, weil viele Schulen und Lehrkräfte sich schlicht nicht damit beschäftigen. Ähnliches können wir bei der Anwendung von digitalen Tafeln oder Tabletts im Unterricht beobachten. Ähnliches konnte ich auch schon bei der Einführung der Kompetenzorientierung in den 2010er Jahren beobachten, damals mussten sich Lehrkräfte zwar fortbilden lassen, haben das zum Teil aber nur halbherzig getan und wenig umgesetzt. Da ist es wieder, das Implementierungsproblem in der deutschen Bildungslandschaft. Ich plädiere daher für eine deutlich verbindlichere Umsetzung im Rahmen strukturierter Schulentwicklungsprogramme mit entsprechenden Entlastungen (Pilotierung, Begleitforschung, Fortbildung), um eine weitere Heterogenisierung der deutschen Bildungslandschaft zu verhindern und das Potenzial von AIS zur Stärkung der Bildungsgerechtigkeit zu nutzen. Außerdem plädiere ich für ein starkes europäisches System in Kooperation mit etablierten und neuen Stakeholdern auf dem europäischen Bildungsmarkt, um weiteren Einfluss von US-Big-Tech oder chinesischen Anbietern auf dem europäischen Bildungsmarkt zu verhindern.

AIS könnte das wichtigste schulische Infrastrukturprojekt seit Einführung der Schulpflicht werden, wenn Deutschland diesmal das Implementierungsproblem löst.

Funfact für alle KI-Skeptiker, besonders für Mathe: In Schweden gibt es ein gut funktionierendes AIS für Mathematik: Magma Math, auch das war auf der Didacta zu sehen: https://www.magmamath.com/de.

Ihr

Erik Grundmann

Und hier wieder als Angebot, ein paar Links, Tipps und Empfehlungen, das naturgemäß nach den Ferien etwas ausführlicher ausfällt:Interessantes
„Medium“ zum 2-Sigma-Problem: https://medium.com/@lern360_official/the-2-sigma-problem-was-never-about-teaching-it-was-about-scale-80c846b3e5b5.
Die Bosch Stiftung hat das „Deutsche Schulbarometer 2026“ zu Schülerinnen und Schülern veröffentlicht, hier gibt es eine Zusammenfassung auf dem „Deutschen Schulportal: https://deutsches-schulportal.de/bildungswesen/deutsches-schulbarometer-schuelerbefragung-2026-die-wichtigsten-ergebnisse/. Die ganze Studie gibt es hier: https://www.bosch-stiftung.de/de/publikation/deutsches-schulbarometer-befragung-schuelerinnen. Spoiler: Es ist nicht besser geworden.
Ulrike Linz bloggt zu Deep Skills im Zeitalter von KI. Deep Skills sind die tiefen, menschlichen Fähigkeiten wie Selbstregulation, Empathie und Reflexion, die im Zeitalter von KI besonders wichtig werden und durch sinnvolle Lernräume statt durch reines Training entstehen: https://linzspiration.de/deep-skills/.
Eine Studie des „LIfBi“ hat eine umfangreiche Studie zum Zusammenhang von sozialer Herkunft und Bildungsungleichheit veröffentlicht: https://www.lifbi.de/de-de/Start/Aktuelles-Medien/Neuigkeiten/details/gleiche-leistung-ungleiche-chancen.
Die Uni Hildesheim hat die JuCo V-Studie zum Wohlbefinden Jugendlicher und junger Erwachsener in Krisenzeiten in Krisenzeiten veröffentlicht: https://hilpub.uni-hildesheim.de/server/api/core/bitstreams/b79bd9ec-5bde-46e3-b657-f42e27224a97/content.

Schulentwicklung
In einem Interviews für das „Deutsche Schulportal“ erklärt die US-Bildungsforscherin und Autorin Julia Freeland Fisher, „Warum Schulen Jugendliche auch beim Netzwerken unterstützen sollten“: https://deutsches-schulportal.de/schule-im-umfeld/vitamin-b-warum-schulen-jugendliche-auch-beim-netzwerken-unterstuetzen-sollten/.

Smartphone und Social-Media
Die NZZ zeigt, wie man Soziale Medien technisch besser gestalten könnte und dass diese Möglichkeiten den Tech-Firmen durchaus bewusst sind. Das Problem ist, dass sie Gewinne schmälern würden: https://www.nzz.ch/technologie/zehn-ideen-fuer-bessere-soziale-netzwerke-die-tech-firmen-verschwiegen-haben-ld.1926585.
Im aktuellen Newsletter von Smartphone-Coach Andrea Bugl-Aigner gehet es um die Manosphere; mit interessanten Links (vgl. letzten Newsletter): https://9etqr.r.a.d.sendibm1.com/mk/mr/sh/OycXxko2a8zXNsWPDzlZCDgb/i_thqfETzt8o.

KI
Joscha Falck hat sich von KI-Agenten ein Escape-Game bauen lassen, wie kann man hier nachlesen: https://joschafalck.de/archiv-45/.
Kling zeigt hier eindrücklich, was KI im Bereich Film mittlerweile möglich macht: https://www.youtube.com/watch?v=eZeZ7EM1GY0.
Die „Initiative digitale Bildungschancen“ hat ein Diskussionspapier zum Einsatz von KI in Schulen entwickelt: https://cloud.medienzentrum.rocks/s/G8e5fsDReryDpK5?dir=/&editing=false&openfile=true.

Tipps für den Unterricht
Auf https://politiktest.de/ kann man testen wie stark politische Einstellungen mit populistischem Denken zu tun haben.
Der Psychologe und Bildungsforscher Manfred Holodynski erklärt in einem Interview mit dem „Deutschen Schulportal“, warum Classroom Management so zentral für die Unterrichtsqualität ist, welche Fehler Lehrkräfte vermeiden sollten und wie eine bessere Ausbildung Abhilfe schaffen könnte: https://deutsches-schulportal.de/bildungsforschung/wir-haben-ein-massives-problem-mit-classroom-management/.

Leseempfehlung
Leonard Sommer: Wenn Schule auf Ideen bringt, München 2023. Eine wundervolle Sammlung mit Ideen aus der Schulpraxis.

Hörempfehlung
Ferdinand Stebner bei WDR 5 über selbstreguliertes Lernen: https://www.ardsounds.de/episode/urn:ard:section:42b966c64cd83570/.
Ich gestatte mir mal etwas Eigenwerbung. Hannes Kannes hat einen Podcast mit mir aufgenommen: https://www.youtube.com/watch?v=PCMCbpLc_TQ bei Youtube. Wer es ohne Bild mag, wird hier fündig: https://open.spotify.com/episode/4GgqCyJmZMNB2NwiuqL6IG. .

Sehempfehlung
Aktuell keine, wem langweilig ist empfehle ich aber gerne „Treibhäuser der Zukunft“ oder Clips mit Ken Robinson auf YouTube.

Veranstaltungsempfehlung
Aktuell keine, natürlich Bob Blume am 23.09. im Bürgerhaus.Spaß im Netz
Heute gibt es mal eine Website, die sie per Zufallsgenerator auf unnütze Seiten bringt: https://theuselessweb.com/.   

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