Newsletter 25/26-14: 17.04.2026

Liebe Schulgemeinschaft,

manchmal habe ich das Gefühl, dass wir gerade nicht nur unterrichten – sondern selbst lernen. Und zwar ziemlich viel, ziemlich schnell und oft auch ziemlich gleichzeitig. Künstliche Intelligenz, Social Media, mentale Gesundheit und Leistungsentwicklung sind längst keine Zukunftsthemen mehr, sondern mitten in unserem Schulalltag angekommen. Die entscheidende Frage ist deshalb nicht mehr, ob sich Schule verändert, sondern wie bewusst wir diese Veränderung gestalten. In den letzten Wochen habe ich mich intensiver mit sogenannten adaptiven intelligenten Systemen beschäftigt, also mit KI, die Lernen individuell steuern kann (siehe letzter Newsletter).
Das ist nicht einfach ein weiteres digitales Werkzeug, sondern hat das Potenzial, Schule grundlegend zu verändern. Wenn ein System in der Lage ist, jedem Kind passgenaue Aufgaben zu geben, unmittelbare Rückmeldungen zu liefern und Lernwege dynamisch anzupassen, dann stellt sich eine zentrale Frage: Was ist dann eigentlich noch die Rolle von Schule?
Unsere Antwort darauf ist klar: nicht weniger Schule, sondern eine andere Schule. Eine Schule, in der es weniger um reine Wissensvermittlung geht und mehr um Reflexion, Bewertung und Einordnung. Eine Schule, die stärker auf Beziehung, Orientierung und Verantwortung setzt. Denn genau das sind die Bereiche, in denen menschliches Lernen unersetzlich bleibt.
Gleichzeitig erleben wir im Alltag, und das wird durch zahlreiche Studien gestützt, dass Konzentration schwerer fällt, Konflikte zunehmen und Unsicherheiten wachsen. Das ist kein individuelles Problem einzelner Schülerinnen und Schüler, sondern Ausdruck eines gesellschaftlichen Kontextes, der Schule unmittelbar betrifft. Deshalb gehört es zu unserem Auftrag, nicht nur Lernen zu ermöglichen, sondern auch Menschen zu stärken.
Vor diesem Hintergrund arbeiten wir aktuell intensiv daran, Unterricht weiter zu öffnen und Lernprozesse stärker zu individualisieren. Das wird nicht von heute auf morgen geschehen, aber die Richtung ist klar: mehr selbstständiges Arbeiten, mehr Verantwortung für den eigenen Lernprozess und mehr Raum für unterschiedliche Lernwege. Gleichzeitig bleibt bestehen, dass Schule ein sozialer Ort ist, ein Ort der Begegnung, an dem man nicht nur lernt, was man denkt, sondern wie man denkt.
Vielleicht ist das die wichtigste Erkenntnis in dieser Zeit: Wir müssen nicht auf jede Entwicklung sofort eine perfekte Antwort haben. Aber wir sollten uns bewusst machen, welche Fragen wir stellen wollen. Denn genau darin liegt die Zukunft von Schule.

Ich möchte noch einen weiteren Gedanken teilen und es ist ehrlich gesagt ein heikler: Schülerinnen und Schüler, die Lehrkräfte heimlich filmen. Ein aktueller Bericht der britischen Zeitung Daily Mirror (https://www.mirror.co.uk/news/politics/pupils-secretly-recording-videos-teachers-36923252) zeigt, dass solche Aufnahmen nicht nur entstehen, sondern gezielt weiterverbreitet und teilweise sogar mit Hilfe von KI verändert werden. Lehrkräfte werden dabei in falsche Zusammenhänge gestellt, mit erheblichen persönlichen und beruflichen Folgen. Ich beziehe mich hier nicht auf einen konkreten Fall an unserer Schule, sondern aus Gründen der Prävention.
Was hier entsteht, ist mehr als ein „Handyproblem“. Es ist eine neue Qualität von Öffentlichkeit im Klassenzimmer – und gleichzeitig eine neue Form von Unsicherheit.
Denn wir müssen uns klarmachen: Unterricht ist ein geschützter Raum. Ein Raum, in dem Fehler erlaubt sind, in dem ausprobiert wird, in dem auch mal „gerungen“ wird, mit Gedanken, mit Positionen, manchmal auch miteinander. Wenn dieser Raum jederzeit potenziell aufgezeichnet, geteilt und verzerrt dargestellt werden kann, verändert das etwas Grundlegendes.
Nicht nur für Lehrkräfte.
Auch für Schülerinnen und Schüler.
Eine Schule, in der ständig mitgedacht werden muss, ob ein Moment heimlich aufgenommen wird, ist keine gute Lernumgebung.
Deshalb möchte ich an dieser Stelle auch einen klaren Appell an Sie als Eltern richten:
Sprechen Sie mit Ihren Kindern über den verantwortungsvollen Umgang mit Smartphones und KI. Machen Sie deutlich, dass heimliches Filmen kein Kavaliersdelikt ist, sondern ein massiver Eingriff in die Persönlichkeitsrechte anderer. Schule kann und wird Regeln setzen, aber die Haltung dazu entsteht vor allem im Elternhaus. Gleichzeitig ist es mir wichtig, auch unser Kollegium für diese Entwicklung zu sensibilisieren – ohne Alarmismus, aber mit der nötigen Klarheit:
Wir bewegen uns in einem veränderten Kontext. Situationen im Unterricht können heute anders wahrgenommen, aufgezeichnet und aus dem Zusammenhang gerissen werden. Das bedeutet nicht, dass wir unseren Unterricht grundlegend verändern oder uns ständig selbst kontrollieren müssen. Aber es bedeutet, dass wir uns dieser Realität bewusst sein sollten. Sprechen Sie mit den Klassen darüber und machen sie den Schülerinnen und Schülern klar, dass wir solches Verhalten keinesfalls tolerieren und es ernsthafte Konsequenzen hat.

Professionelles Handeln, Transparenz und gegenseitige Unterstützung im Kollegium werden damit noch wichtiger.

Am Ende steht eine einfache, aber entscheidende Einsicht: Nicht alles, was technisch möglich ist, ist auch richtig.

Und genau deshalb ist auch das eine zentrale Bildungsaufgabe unserer Zeit.

Ihr

Erik Grundmann

Und hier wieder als Angebot, ein paar Links, Tipps und Empfehlungen:

Interessantes
„ZDF heute“ über die Studie „Jugend in Deutschland“, die die Unzufriedenheit junger Menschen in Deutschland zeigt. 41% der 14- bis 29-Jährigen können sich vorstellen, künftig lieber in einem anderen Land zu leben: https://www.zdfheute.de/politik/deutschland/jugend-studie-2026-deutschland-100.html. Auch das „Deutsches Schulportal“ berichtet über die Studie: https://deutsches-schulportal.de/schule-im-umfeld/stress-schulden-unsicherheit-junge-menschen-blicken-skeptisch-in-die-zukunft/.
Die „Frankfurter Rundschau“ hat Sanem Kleff interviewt, die 25 Jahre „Schule ohne Rassismus“ geleitet hat: https://www.fr.de/panorama/rassistische-vorurteile-werden-viel-ungehemmter-ausgelebt-94236157.html. Die Weibelfeldschule gehört auch dem Netzwerk „Schule ohne Rassismus“ an und unterstützt dessen Idee mit einer Arbeitsgemeinschaft und zahlreichen Aktionen.
Im „Wiarda-Blog“ spricht Jan-Martin Wiarda mit dem Soziologen Marc Helbig über den Zusammenhang von Noten, familiärer Unterstützung und sozialer Herkunft: https://www.jmwiarda.de/blog/2026/03/11/wen-pruefen-lehrkraefte-da-eigentlich-das-kind-oder-die-eltern.

Schulentwicklung
Bei „evido“ ist ein Interview mit Prof. Karlen zum sebstregulierten Lernen veröffentlicht worden: https://evido-magazin.de/artikel/selbstreguliertes-lernen-vom-einzelprojekt-zur-schulkultur. Fazit: Selbstreguliertes Lernen wird erst dann wirksam, wenn es nicht als Projekt, sondern als gemeinsame, langfristige Schulentwicklung verstanden wird.
Auf derselben Plattform ist auch ein Interview mit Prof. Hertwig zum Thema Selbstregulation erschienen: https://evido-magazin.de/artikel/selbstregulation-gegen-kontrollverlust-so-koennen-schulen-auf-dem-weg-zur-digitalen-muendigkeit-unterstuetzen. Fazit: Digitale Bildung ist nicht primär ein Technikthema, sondern ein Selbstregulationsthema: Wer sich nicht selbst steuern kann, verliert im digitalen Raum die Kontrolle.
Auf dem „Deutschen Schulportal“ berichtet Alexandra Mankarios über die Forderung der SWK nach mehr einheitlichen Tests und klareren Standards zur datengestützten Schulentwicklung: https://deutsches-schulportal.de/bildungsforschung/swk-gutachten-datengestuetzte-schulentwicklungexpertengremium-mehr-einheitliche-tests-fuer-bessere-foerderung-in-der-schule.

Smartphone und Social-Media
Die KI-Übersichten bei Google-Suchen enthalten viele Fehlinformationen, wie „Futurism“ berichtet: https://futurism.com/artificial-intelligence/google-ai-overviews-misinformation.
Klicksafe hat seine Video-Reihen übersichtlicher gestaltet: https://www.klicksafe.de/video-reihen.
Das „Deutsche Schulportal“ hat ein Interview mit der Medienwissenschaftlerin Leonie Alatassi zur TikTok-Nutzung von Jugendlichen geführt. Spoiler: Jugendliche wissen zu wenig über den Algorithmus: https://deutsches-schulportal.de/schule-im-umfeld/studie-jugendliche-wissen-zu-wenig-ueber-den-tiktok-algorithmus/.

KI
Spannend! In der PISA-Studie 2029 wird erstmals auch Media- und AI-Literacy von Schülerinnen und Schülern erfasst. D.h. mit PISA 2029 wird erstmals international sichtbar, ob Schule junge Menschen darauf vorbereitet, sich in einer von KI erzeugten Wirklichkeit zu orientieren – oder ob sie lediglich Wissen vermittelt, das längst automatisiert verfügbar ist. Informationen dazu: https://www.zib.education/media-and-artificial-intelligence-mail-bei-pisa-2029/.
„404 Media“ beschäftigt sich mit den afrikanischen Klickworkern, die KI trainieren und beginnen sich zu wehren: https://www.404media.co/ai-is-african-intelligence-the-workers-who-train-ai-are-fighting-back/.
Auf der Seite https://theyseeyourphotos.com/ kann man sehen, welche Informationen KI, in diesem Fall Google Vision, aus Fotos herauslesen. Spoiler: Das ist zwar nicht präzise, zeigt aber anschaulich, was aktuell mit unseren Bilddaten passiert und wie sie kommerzialisiert werden.
Die Plattform https://www.magmamath.com/de ist ein adaptives intelligentes System für den Mathematikunterricht. Sie erlaubt Einblicke in Lernprozesse und unterstützt lernen
individuell.
Bernhard Gmeiner schreibt in seinem Blog bei „Der Standard“ über ein Gespräch mit Barbara Geyer über den Einfluss von KI-Agenten auf Aufgaben und die Folgen. Wenn KI-Agenten nicht nur helfen, sondern lernen an unserer Stelle übernehmen, steht Schule vor einer existenziellen Frage: Nicht mehr, wie wir lernen – sondern warum überhaupt noch.: https://www.derstandard.at/story/3000000314084/die-hausuebung-macht-mein-ki-agent?ref=article.
„t3n“ konstatiert das Ende des KI-Hypes bei der Gen-Z, eine völlig normale Entwicklung. Entscheidend ist nicht, dass junge Menschen KI nicht mehr nutzen – sondern dass sie ihr dabei immer weniger vertrauen.https://t3n.de/news/das-ende-des-hypes-gen-z-verliert-zunehmend-das-vertrauen-in-ki-1737994/.

Tipps für den Unterricht

Das „Deutsche Schulportal“ hat ein Dossier zu datengestützter Diagnose und Förderung zusammengestellt: https://deutsches-schulportal.de/dossiers/datengestuetzte-diagnose-und-foerderung-in-der-schule-aber-wie.
Mit https://bouncy-balls.org/de, kann man den Lärmpegel im Klassenraum visualisieren.

Leseempfehlung
Ben Furman: Lösungsorientiert Schule machen. Wie Unterricht wieder mit mehr Freude gelingt, Heidelberg 2024.
Der finnische Psychiater und Psychotherapeut zeigt anschaulich und praxisnah, wie der Umgang mit Herausforderungen in Schule gelingen kann. Das Buch hat nur 100 Seiten und ist schnell zu lesen.

Hörempfehlung
Mal wieder eine Folge „Psychologie im Klassenzimmer“ Benedikt Wisniewski spricht mit dem Bildungsjournalisten Alexander Brand über dessen Buch „Die Bildungsweltmeister“: https://podcasts.apple.com/de/podcast/spezial-die-bildungsweltmeister-gespr%C3%A4ch-mit-alexander/id1647804131?i=1000761040380

Sehempfehlung
In der Mediathek der ARD gibt es die sehenswerte Doku „Inside Klassenchats“: https://www.ardmediathek.de/video/doku-und-reportage/inside-klassenchats/wdr/Y3JpZDovL3dkci5kZS9CZWl0cmFnLXNvcGhvcmEtYmUyMTAxMTAtNWViZC00MmNhLWFhYzItZmEzNDZiMTIyMGNh.

Veranstaltungsempfehlung
Vom 5. bis 7. Mai findet in Karlsruhe die LEARNTEC statt, laut eigener Auskunft „Europas bedeutendste Fachmesse für digitale Bildung in Schule, Hochschule und Beruf“. Weitere Infos: https://www.learntec.de/de/.

Spaß im Netz
Wenn Sie mal wieder am Rad drehen (wollen), empfehle ich diese Website: https://www.leduchamp.com/.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert