
Ein Lehrerzimmer mit Sofas, Loungemöbeln und einem Tischkicker, daneben größere Tische für gemeinsame Arbeit und Einzelarbeitsplätze für konzentrierte Vorbereitung. Das erinnert ein wenig an ein Startup und ist einer der Eindrücke, die mir von meinem Besuch am Evangelisch Stiftischen Gymnasium in Gütersloh besonders im Gedächtnis geblieben sind. Hier wurde bei der Raumgestaltung offenbar berücksichtigt, dass Lehrkräfte im Laufe eines Schultages unterschiedliche Bedürfnisse haben. Sie müssen arbeiten, sich austauschen und zwischendurch auch einmal durchatmen können. So etwas wünsche ich mir auch für die Weibelfeldschule.
Am 13. Oktober war ich zu Besuch am Evangelisch Stiftischen Gymnasium, kurz ESG. Anlass war vor allem der Austausch mit Hendrik Haverkamp, den ich schon länger kenne und 2024 als Keynotespeaker zur Landestagung von Bildungsfaktor.Abitur Hessen eingeladen hatte. Hendrik ist Lehrer am ESG, Mitgründer von FelloFish und beschäftigt sich intensiv mit KI und ihrer pädagogischen Nutzung. Dazu kamen zwei sehr unterschiedliche Unterrichtshospitationen und ein aufschlussreicher Austausch mit dem stellvertretenden Schulleiter Thomas Rimpel.

Eine Schule mit Geschichte und Veränderungserfahrung
Das ESG wurde 1851 auf Initiative protestantischer Christen gegründet. Aus der ursprünglichen Privatschule wurde bereits 1854 ein öffentliches Gymnasium mit besonderen Rechten eines Kuratoriums. Die Schule verbindet also eine lange Geschichte mit einer ungewöhnlichen organisatorischen Tradition. 2026 feiert sie ihr 175-jähriges Bestehen.
Auch die Beschäftigung mit digitalen Medien hat hier eine längere Vorgeschichte. Seit 1979 gab es Kooperationen mit der Bertelsmann Stiftung, 1984 entstand eine Mediothek, und bereits 1999 begann die schrittweise Einführung von Laptops als regulären Arbeitsmitteln. Die aktuellen Überlegungen zu KI treffen damit auf eine Schule, die sich seit Jahrzehnten mit den Möglichkeiten digital gestützten Lernens beschäftigt. Die Schule bezeichnet sich selbst als „Aus Tradition modern“.
Eine weitere große Veränderung ist gerade erst abgeschlossen worden. Nach einer zweijährigen Sanierung und Erweiterung wurde das Schulgebäude im September 2025 feierlich wiedereröffnet. Während der Bauzeit war die Schule in einem Containerdorf untergebracht. Die sanierten Räume bieten zahlreiche Möglichkeiten für unterschiedliche Lernformen. Als Schulleiter schaut man sich so etwas natürlich mit besonderem Interesse an und überlegt unweigerlich, was davon auch an der eigenen Schule möglich wäre.




Das Lehrerzimmer war für mich dabei besonders aufschlussreich. In der Schulbaudebatte sprechen wir zu Recht viel über die Lernbedingungen der Schülerinnen und Schüler. Die Arbeitsbedingungen der Erwachsenen gehören aber ebenso dazu. Wer Zusammenarbeit, Austausch und gemeinsame Unterrichtsentwicklung erwartet, sollte dafür geeignete Orte schaffen. Unterschiedliche Zonen können helfen, dass konzentriertes Arbeiten und lebendige Kommunikation nebeneinander ihren Platz finden.
Mit Claude über die NS-Machtübernahme nachdenken
Besonders beeindruckt hat mich die Hospitation bei Johannes Leiskau. Sein Oberstufenkurs entwickelte Spiele zur nationalsozialistischen Machtübernahme und nutzte dafür Claude. Die Schülerinnen und Schüler arbeiteten in Gruppen, entwickelten ihre Entwürfe weiter und verbesserten nach und nach gemeinsam das Spieldesign. Johannes agierte dabei vor allem als Lernbegleiter.
Bemerkenswert war für mich die Selbstständigkeit, mit der die Jugendlichen arbeiteten. Zugleich wurde deutlich, wie anspruchsvoll die fachlichen Entscheidungen hinter einer solchen Spielentwicklung sein können. Beispielsweise ging es darum, die Einflussmöglichkeiten verschiedener historischer Akteure auszubalancieren. Wer festlegt, welche Handlungsmöglichkeiten eine Figur oder Gruppe erhält und wie stark sie das Geschehen beeinflussen kann, muss sich mit historischen Machtverhältnissen auseinandersetzen.
Gerade beim Thema der NS-Machtübernahme sind solche Modellierungen anspruchsvoll. In der Gestaltung eines Spiels stecken Annahmen über Handlungsspielräume, Abhängigkeiten und die Bedeutung einzelner Entscheidungen. Diese Annahmen müssen diskutiert und auf ihre historische Angemessenheit geprüft werden. Genau solche fachlichen Auseinandersetzungen konnte ich beobachten.
Für mich berührt diese Stunde eine zentrale Frage der gegenwärtigen KI-Debatte. Welche Aufgaben ermöglichen es, dass Schülerinnen und Schüler mit KI arbeiten und dabei selbst fachlich denken, urteilen und gestalten? Die Spielentwicklung bot dafür einen interessanten Zugang. Die Jugendlichen mussten Entscheidungen treffen, Ergebnisse beurteilen und ihre Entwürfe gemeinsam überarbeiten. Die technische Unterstützung eröffnete Möglichkeiten, deren sinnvolle Nutzung weiterhin historisches Verständnis erforderte.
Digitale Grundlagen brauchen Geduld und Vorbereitung
Die vorherige Hospitation führte mich in den Informatikunterricht einer fünften Klasse bei Kirsten Scholle. Hier standen Grundlagen der Computernutzung und der Umgang mit Word auf dem Programm. Der Unterschied zum Oberstufenkurs hätte auf den ersten Blick kaum größer sein können.
Die Lerngruppe war sehr heterogen. Während einige Kinder Unterstützung beim Einloggen ins System benötigten, konnten andere bereits weiterführende Aufgaben bearbeiten. Kirsten Scholle begegnete diesen unterschiedlichen Voraussetzungen mit großer Geduld und einer ausgezeichneten Vorbereitung. Sie half einzelnen Kindern beim Zugang zum System und versorgte gleichzeitig die Fortgeschrittenen mit passenden Aufgaben. Für den Unterricht hatte sie sogar eigene Erklärvideos zum Scaffolding erstellt.
Diese Stunde gehört für mich genauso zu einer guten Kultur der Digitalität wie der Einsatz von Claude in der Oberstufe. Der selbstverständliche Umgang mit digitalen Werkzeugen muss aufgebaut werden. Kinder bringen sehr unterschiedliche Erfahrungen mit, und die Nutzung eines Smartphones sagt wenig darüber aus, ob sie sich in einer schulischen Arbeitsumgebung zurechtfinden oder ein Textdokument sinnvoll gestalten können.
Beide Hospitationen haben mir auf unterschiedliche Weise gezeigt, wie wichtig die pädagogische Gestaltung ist. In der fünften Klasse brauchte es kleinschrittige Unterstützung und zugleich Aufgaben für diejenigen, die schon weiter waren. Im Oberstufenkurs konnten die Lernenden größere Verantwortung für ihren Arbeitsprozess übernehmen. In beiden Fällen waren die Lehrkräfte aufmerksam für das, was ihre Schülerinnen und Schüler gerade benötigten.
Öffnung mit Augenmaß
Im Gespräch mit Thomas Rimpel ging es auch darum, wie sich eine solche Schule entwickelt. Dabei fand ich seine Offenheit wohltuend. Auch am ESG ist Schulentwicklung ein Prozess, an dem sich nicht alle gleichermaßen beteiligen. Er selbst würde sich durchaus noch mehr Öffnung von Untericht wünschen.
Hendrik erläuterte mir zugleich, dass sich die Schule bewusst für eine hybride Form mit unterschiedlichen Öffnungsgraden entschieden hat. Unterschiedliche Unterrichtsformen haben ihren Platz, vom stärker angeleiteten Fachunterricht bis zu offenen und selbstständigen Arbeitsphasen.
Das passt zur auf der Homepage beschriebenen Lernkultur. Dort werden Fachunterricht, Projektunterricht, selbstgesteuertes Arbeiten und Lernbegleitung miteinander verbunden. In den P5-Projekten bearbeiten die Schülerinnen und Schüler ab Klasse 5 fächerübergreifende Fragestellungen. Mit zunehmender Erfahrung sollen sie dabei mehr Verantwortung übernehmen und selbstbestimmter arbeiten.
Für unsere eigene Entwicklung an der Weibelfeldschule finde ich diesen Gedanken hilfreich. Unterricht muss nicht vollständig geöffnet werden, damit sich eine Lernkultur verändern kann. Entscheidend ist, dass die gewählten Formen zum Lerngegenstand, zu den Voraussetzungen der Lernenden und zu den angestrebten Zielen passen. Selbstständigkeit braucht Raum und muss zugleich systematisch aufgebaut und begleitet werden.


KI zwischen pädagogischem Potenzial und Marktbereinigung
Natürlich haben Hendrik und ich auch ausführlich über KI gesprochen. Nach unserer Einschätzung findet bei den Anbietern inzwischen eine Konsolidierung statt. Für Schulen wird damit umso wichtiger, welche Angebote im Alltag einen nachvollziehbaren pädagogischen Nutzen haben und sich verlässlich einsetzen lassen.
FelloFish sehe ich hier auf einem guten Weg. Interessant ist beispielsweise das neue Rechtschreibungsfeedback, über das wir gesprochen haben. Individuelle Rückmeldungen sind für Lernprozesse wichtig, im Unterricht aber nur begrenzt in der gewünschten Häufigkeit zu leisten. KI kann hier zusätzliche Möglichkeiten eröffnen. Ob daraus Lernen entsteht, hängt, nicht nur von Aufgabenformaten und Lernsettings, sondern auch davon ab, wie Schülerinnen und Schüler mit diesen Rückmeldungen weiterarbeiten.
Und wir waren uns in einer weiteren Einschätzung einig. Wir erwarten beide nicht, dass KI die Menschheit vernichten wird. Für unser Gespräch waren die konkreten Veränderungen von Unterricht, Aufgaben und Lernbegleitung ohnehin deutlich ergiebiger.
Führung, die Entwicklung ermöglicht
Interessant ist das ESG auch mit Blick auf seinen Schulleiter Martin Fugmann. Er leitete zuvor die German International School of Silicon Valley und übernahm 2016 die Leitung des ESG. Darüber hinaus ist er geschäftsführender Vorstand der Heraeus Bildungsstiftung. Im Rahmen der Edunautika Süd in Hanau hatte ich ihn bereits im vergangenen Jahr kurz gesprochen.
Auch diesmal blieb es leider bei einer kurzen Begegnung, sein Terminkalender war gut gefüllt. Seine Biografie finde ich spannend, weil sie Erfahrungen aus unterschiedlichen schulischen und institutionellen Zusammenhängen verbindet. Solche Perspektivwechsel können helfen, die vermeintlichen Selbstverständlichkeiten des eigenen Systems zu hinterfragen.
Aus dem Besuch nehme ich jedenfalls erneut mit, wie wichtig gute Führung für Schulentwicklung ist. Es braucht Orientierung, Freiräume und die Geduld, Veränderungen über längere Zeit zu begleiten. Die ehrliche Aussage, dass auch an einer innovativen Schule nicht alle im gleichen Tempo vorangehen, gehört für mich dazu. Sie macht die geleistete Arbeit umso nachvollziehbarer.
Was bleibt
Das ESG ist ein Gymnasium mit einer nach meinem Eindruck eher bildungsaffinen Schülerschaft. Diese Rahmenbedingung muss man berücksichtigen, wenn man über die Übertragbarkeit auf andere Schulen nachdenkt. Sie schmälert aber weder die Qualität der beobachteten pädagogischen Arbeit noch die Anregungen, die sich daraus gewinnen lassen. Auch die fünfte Klasse hat gezeigt, dass unterschiedliche Lernvoraussetzungen sehr konkrete Antworten im Unterricht verlangen.
Für die Weibelfeldschule nehme ich vor allem die Bedeutung einer durchdachten Raumgestaltung, einer tragfähigen Kultur der Digitalität und einer Führung mit, die Entwicklung ermöglicht und über längere Zeit begleitet. Ebenso hilfreich war für mich der Einblick in eine Schule, die verschiedene Unterrichtsformen bewusst miteinander verbindet.
Solche Besuche liefern selten ein fertiges Modell, das sich einfach übernehmen lässt. Sie helfen aber dabei, die eigenen Fragen genauer zu stellen und nächste Schritte klarer zu sehen. In Gütersloh konnte ich beobachten, wie selbstständiges Lernen, geduldige Grundlagenarbeit und digitale Werkzeuge ihren Platz in derselben Schule finden.
Vielen Dank an Hendrik Haverkamp, Thomas Rimpel, Johannes Leiskau und Kirsten Scholle für die Gespräche und die offenen Türen.
Und über einen Tischkicker im Lehrerzimmer sollten wir vielleicht auch einmal nachdenken.
