Liebe Schulgemeinschaft,
dies ist der letzte Newsletter vor den Herbstferien. Ich wünsche Ihnen allen gute Erholung und freue mich, Sie am 19. Oktober wiederzusehen! Vorher möchte ich mit Ihnen aber noch ein paar Gedanken zum ausgebliebenen PISA-Schock 2026 teilen.
Vor zwei Wochen wurden die Ergebnisse von PISA 2025 veröffentlicht. Die Leistungen der 15-Jährigen in Deutschland sind erneut gesunken und liegen inzwischen auf dem niedrigsten Niveau seit Beginn der Erhebungen. Im Lesen und in Mathematik erreicht etwa ein Drittel nicht einmal die grundlegende Kompetenzstufe, in den Naturwissenschaften ist es rund ein Viertel. Die Ergebnisse sind damit schlechter als zu Beginn der PISA-Studien, als der Begriff vom „PISA-Schock“ geprägt wurde und eine breite gesellschaftliche Debatte über Schule und Bildung begann. Die OECD fasst die Ergebnisse für Deutschland ausführlich zusammen.
Diesmal ist von einem solchen Schock wenig zu spüren. Es gab einige Tage lang Schlagzeilen, Interviews und die bekannten Forderungen nach mehr Sprachförderung, Basiskompetenzen, Verbindlichkeit oder einem neuen Bildungsgipfel. Inzwischen ist es außerhalb der üblichen Bildungsbubbles schon wieder erstaunlich ruhig geworden. Der Befund scheint sich einzureihen in die vielen schlechten Nachrichten, an die man sich irgendwann gewöhnt. Das finde ich fast beunruhigender als die erneut gesunkenen Punktwerte. Ein Bildungssystem, in dem ein wachsender Teil der Jugendlichen die Mindestanforderungen nicht erreicht, sollte eigentlich ein großes gesellschaftliches Thema sein und nicht nach wenigen Tagen wieder aus der öffentlichen Wahrnehmung verschwinden.
Dabei lohnt es sich, die Studie genauer anzusehen. Denn die öffentliche Diskussion hat sich stark auf die gesunkenen Durchschnittswerte konzentriert. Einige andere Ergebnisse erzählen mindestens ebenso viel über den Zustand unseres Bildungssystems. Dazu gehört zunächst, dass Deutschland keineswegs nur ein Problem mit besonders leistungsschwachen Schülerinnen und Schülern hat. Rund ein Fünftel der 15-Jährigen erreicht in keinem der drei untersuchten Bereiche ausreichende Basiskompetenzen. Gleichzeitig wird aber auch die Leistungsspitze kleiner. In Mathematik ist der Anteil besonders leistungsstarker Jugendlicher von 13 auf 8 Prozent gesunken, im Lesen von 12 auf 7 Prozent. Nur noch drei Prozent erreichen in allen drei Bereichen die höchsten Kompetenzstufen. Der Leistungsrückgang betrifft damit nicht nur eine bestimmte Gruppe, sondern zieht sich durch weite Teile der Schülerschaft. Eine ausführliche Einordnung der deutschen Ergebnisse findet sich beim DIPF.
Bemerkenswert sind in diesem Zusammenhang auch Ergebnisse, die mit den eigentlichen Leistungstests zunächst wenig zu tun zu haben scheinen. 33 Prozent der Jugendlichen in Deutschland stimmen der Aussage zu, Schule sei Zeitverschwendung. Im OECD-Durchschnitt sind es 24 Prozent. Gleichzeitig beschreiben sich 77 Prozent der Jugendlichen in Deutschland als neugierig auf viele verschiedene Dinge. Das passt nicht recht zu der gelegentlich zu hörenden Diagnose einer grundsätzlich desinteressierten oder lernunwilligen Generation. Es legt eher die Vermutung nahe, dass Schule vorhandene Neugier nicht immer in erfolgreiches Lernen übersetzen kann. Auch diese Befunde finden sich in der OECD-Ländernotiz zu Deutschland. Besonders bedrückend bleibt der Zusammenhang zwischen sozialer Herkunft und Bildungserfolg. Bei sozioökonomisch benachteiligten Jugendlichen erreichen lediglich zwei Prozent hohe naturwissenschaftliche Kompetenzen, bei privilegierten Jugendlichen sind es rund 25 Prozent. Der sozioökonomische Status erklärt in Deutschland 19 Prozent der Leistungsunterschiede in den Naturwissenschaften, im OECD-Durchschnitt sind es 12 Prozent. Der Zusammenhang zwischen Herkunft und Leistung ist bei uns inzwischen stärker als jemals zuvor bei PISA. Das ist auch deshalb ernüchternd, weil genau dieser Befund bereits im Zentrum des ersten PISA-Schocks vor einem Vierteljahrhundert stand. Dass andere Länder mit ebenfalls heterogenen Schülerschaften deutlich geringere Zusammenhänge zwischen Herkunft und Leistung aufweisen, zeigt zudem, dass dieser Zustand keineswegs zwangsläufig ist.
Wenig Aufmerksamkeit haben bisher die Ergebnisse bekommen, die unmittelbar den Unterricht betreffen. Nur 56 Prozent der Jugendlichen in Deutschland berichten, dass sich ihre Lehrkraft in den meisten naturwissenschaftlichen Unterrichtsstunden für ihren individuellen Lernfortschritt interessiert. Im OECD-Durchschnitt sind es 69 Prozent. 55 Prozent erleben regelmäßig, dass etwas so lange erklärt wird, bis sie es verstanden haben, gegenüber 66 Prozent im OECD-Durchschnitt. Gleichzeitig geben 21 Prozent an, in den meisten oder allen Naturwissenschaftsstunden nicht gut arbeiten zu können, und 34 Prozent berichten, dass Mitschülerinnen und Mitschüler der Lehrkraft nicht zuhören. Diese und weitere Befunde zur Unterrichtsqualität dokumentiert ebenfalls die OECD in ihrer Auswertung für Deutschland.
Solche Zahlen eignen sich nicht für einfache Schuldzuweisungen an Lehrkräfte. Unterricht findet unter Bedingungen statt, die Schule und einzelne Lehrkräfte nur teilweise beeinflussen können. Trotzdem berühren diese Ergebnisse einen Kern von Schule, über den erstaunlich selten gesprochen wird. Zwischen einem erteilten Unterricht und dem Lernen der Schülerinnen und Schüler besteht keine automatische Verbindung. Ein Thema kann behandelt worden sein, ohne dass es verstanden wurde. Eine Klassenarbeit kann geschrieben und benotet werden, ohne dass daraus eine gezielte Förderung entsteht. Fördermaßnahmen können durchgeführt werden, ohne dass wir wissen, ob sie tatsächlich etwas bewirken. Gerade deshalb sind Lernstandsdiagnostik, Rückmeldung und eine Umgebung, in der konzentriertes Lernen möglich ist, keine pädagogischen Nebenthemen.
Kai Maaz vom DIPF hat seine Einordnung der neuen Ergebnisse mit dem Satz überschrieben, der Engpass im Bildungssystem liege „zwischen Wissen und Wirkung“. Das trifft aus meiner Sicht einen wichtigen Punkt. Seit dem ersten PISA-Schock haben wir Bildungsstandards eingeführt, Vergleichsarbeiten entwickelt, Kompetenzmodelle erstellt und ein umfangreiches Bildungsmonitoring aufgebaut. Wir wissen heute wesentlich mehr über die Stärken und Schwächen unseres Bildungssystems als vor 25 Jahren. Trotzdem sind die Leistungen gesunken und der Zusammenhang zwischen sozialer Herkunft und Bildungserfolg ist größer geworden.
Vielleicht liegt darin tatsächlich das zentrale Problem. Es fehlt uns nicht in erster Linie an Erkenntnissen. Schwieriger ist der Weg von der Erkenntnis zur Veränderung. Diagnostizierter Förderbedarf führt nicht automatisch zu wirksamer Förderung. Erfolgreiche Modellprojekte verändern nicht automatisch den schulischen Alltag. Erkenntnisse der Bildungsforschung kommen nicht automatisch im Unterricht an. Und auch guter Unterricht führt nicht automatisch bei allen Schülerinnen und Schülern zum gleichen Lernerfolg. Genau an diesen Übergängen entscheidet sich aber, ob ein Bildungssystem aus seinen eigenen Erkenntnissen lernen kann.
Für unsere eigene Schulentwicklung ist dieser Befund durchaus relevant. Wenn wir uns mit Kompetenzrastern, Lernbegleitung, selbstorganisiertem Lernen oder Lernruhe beschäftigen, sollte es nicht darum gehen, Schule um möglichst viele neue pädagogische Konzepte zu ergänzen. Entscheidend ist vielmehr, genauer zu wissen, wo Schülerinnen und Schüler in ihrem Lernen stehen, ihnen verständliche Rückmeldungen zu geben, passende Unterstützung anzubieten und anschließend auch zu prüfen, ob diese Unterstützung erfolgreich war. Dazu gehört ebenso eine Lernumgebung, in der konzentriertes Arbeiten möglich ist.
PISA 2025 liefert dafür keine fertigen Lösungen. Die Studie zeigt aber ziemlich deutlich, dass ein einfaches „Weiter so“ keine besonders überzeugende Antwort sein kann. Umso erstaunlicher ist, wie schnell wir gesellschaftlich schon wieder beim Alltag angekommen sind. Vielleicht wäre es deshalb ganz gut, wenn uns diese PISA-Ergebnisse doch noch ein wenig länger beschäftigen würden.
Ihr
Erik Grundmann
Und hier wieder als Angebot, ein paar Links, Tipps und Empfehlungen:
(Dieser Bereich fällt aktuell leider etwas knapper aus, weil meine zeitlichen Ressourcen im Moment nicht mehr hergeben)
Interessantes
Der „Pisaversteher“, Bildungsjournalist Christian Füller, schreibt in seinem neuen Blogartikel, dass das neue Abitur schon veraltet ist, bevor es überhaupt abgenommen wurde: https://pisaversteher.com/2026/09/17/das-neue-abitur-ist-veraltet-bevor-es-das-erste-mal-abgenommen-wird/.
Der Schulleiter Jonas Engler berichtet, wie er mit Vibe-Coding in kurzer Zeit eine Verwaltungssoftware für seine Schule erstellt hat: https://jonasengeler.de/blog/ki-assistent-schulorganisation/.
Schulentwicklung
Hauke Pölert macht sich Gedanken zu KI und Schulentwicklung und betont in diesem Kontext, dass diese ein zyklischer Prozess sein muss: https://unterrichten.digital/2026/09/20/ki-schule-kurs-prozess/.
Smartphone und Social-Media
Eigentlich auch eine Hörempfehlung, passt hier aber thematisch gut. Der Podcast „Smartphone Sprechstunde“ von Niki Löwenstein und Andrea Buhl-Aigner beschäftigt sich mit wichtigen Themen rund um das Smarthone für Eltern: https://open.spotify.com/show/0NW49OphxRj7rrrvE0g6yE.
KI
Noch einmal Hauke Pölert, er beschäftigt sich auf seiner Homepage mit vier aktuellen KI-Studien. Eine zentrale Kontur: Mit KI können sichtbare Leistungen steigen, ohne dass der Lernzuwachs im gleichen Maße wächst. Entscheidend ist offenbar weniger das verwendete Sprachmodell als die didaktische Gestaltung seiner Nutzung. Für Schule folgt daraus eine unbequeme Frage: Welche Denkprozesse dürfen wir an KI delegieren – und welche müssen Lernende weiterhin selbst durchlaufen, um später überhaupt kompetent mit KI arbeiten zu können? https://unterrichten.digital/2026/09/17/studien-ki-schule-lernen-infoposter/.
Bei Manuel Flick gibt es einen E-Mail-Kurs für Lehrkräfte zum Einstieg in „Claude“: https://www.manuelflick.de/claude-kurs. Ich habe mir jetzt auch Claude geholt und schon eine erste Übungs-App gebastelt.
Tipps für den Unterricht
Wie sagt Stefan Ruppaner: „Unterricht ist aller Übel Anfang“ 😉
Leseempfehlung
Aus der Upgrade-Reihe von Klett-Kallmayer: Sobel, Martina; Alpoguz; Leistungsmessung und Beurteilung. Wege in eine veränderte Prüfungskultur, Hannover 2024.
Hörempfehlung
Aladin El-Mafaalani im Podcast „Politik mit Anne Will“ zu PISA, Vernachlässigung, Kindern und Demokratie: https://podcasts.apple.com/de/podcast/pisa-was-macht-die-vernachl%C3%A4ssigung-von-kindern-mit/id1740744367?i=1000790176959
Sehempfehlung
Ein schöne Folge von Checker Tobi zum Thema KI: https://www.ardmediathek.de/video/checker-reportagen/wie-ki-unser-leben-verandert/ard/Y3JpZDovL2JyLmRlL2Jyb2FkY2FzdC9hM2ZjZGU3Yi0xMzU1LTQzMWQtOTYwZi00OTZkYzAyODBjZDNfb25saW5lYnJvYWRjYXN0?isChildContent.
ZDF 37 Grad-Doku zur Macht der Klicks bei Kindern: https://www.zdf.de/play/reportagen/37-grad-104/37-klicks-um-jeden-preis-100.
Veranstaltungsempfehlung
Wer in den hessischen Herbstferien noch nichts vorhat, kann, wie ich, nach NRW zu den Kamener Schulgesprächen kommen. Termin ist der 12.10.26 im Schulzentrum in Kamen: Tickets hier: https://event-buddy.de/events/das-5-kamener-schulgespraech, Infos da: https://t1p.de/SG2026.
Spaß im Netz
https://neal.fun/wonders-of-street-view/.