Blog 2026-07: Auch früher war die Zukunft schon schlimm. Rede zum Abitur 2026.

Liebe Abiturientinnen und Abiturienten, liebe Eltern, liebe Angehörige, liebe Kolleginnen und Kollegen,

wieder geht ein Schuljahr zu Ende, wieder verlässt ein Abiturjahrgang die Weibelfeldschule.

Für uns Lehrkräfte müsste das eigentlich Routine sein, allerdings ist dieser Moment doch immer wieder ein ganz besonderer. Jeder Jahrgang ist anders und in jedem Jahrgang sind die Bedingungen andere und in diesem Jahrgang durfte ich sogar wieder als Lehrkraft wirken.

Mein Anspruch an meine Abirede ist immer, Ihnen etwas mit auf den Weg zu geben, eine, natürlich subjektive, Analyse der Zeitläufte und möglichst noch einen Rat. Das wird in unseren Zeiten immer schwerer.

In den vergangenen Jahren habe ich hier über Aufklärung, gesellschaftlichen Wandel und exponentielle Entwicklungen gesprochen. Der Versuch war immer derselbe: einen Moment innezuhalten und zu fragen: In welche Welt entlassen wir sie eigentlich?

Auch in diesem Jahr möchte ich über Zukunft sprechen, ihre Zukunft.

Wir leben in einer sich rasant verändernden Welt, die Veränderung beschleunigt sich scheinbar exponentiell. Das führt zu Verunsicherung, gesellschaftlichen Spannungen und manchmal auch zu dem Gefühl, kaum noch Schritt halten zu können.

Dabei ist Veränderung natürlich nicht neu, sondern ewiger Begleiter in der Menschheitsgeschichte. Schon Platon beschäftigte sich mit der Verbreitung der Schrift. In seinem Dialog „Phaidros“ lässt er Sokrates eine Fundamentalkritik an der Schrift vortragen, ich zitiere: „Denn diese Erfindung wird der Lernenden Seelen vielmehr Vergessenheit einflößen aus Vernachlässigung des Gedächtnisses, weil sie im Vertrauen auf die Schrift sich nur von außen vermittelst fremder Zeichen, nicht aber innerlich sich selbst und unmittelbar erinnern werden.“ Schrift führt also zur Schwächung des Gedächtnisses und zu Oberflächlichkeit. Wenn man in diesem Zitat das Wort Schrift durch KI ersetzt, könnte es fast aus einer aktuellen Talkshow stammen…

Quelle: ChatGPT 5.5, Prompt: Ich brauche ein schönes Bild zu: Platon zu Schrift (Phaidros 274e-275b): „Denn diese Erfindung wird der Lernenden Seelen vielmehr Vergessenheit einflößen aus Vernachlässigung des Gedächtnisses, weil sie im Vertrauen auf die Schrift sich nur von außen vermittelst fremder Zeichen, nicht aber innerlich sich selbst und unmittelbar erinnern werden.“ Ausschärfung: „Bitte noch eine andere Variante, in der die Warnung vor Schrift deutlicher wird“

Noch ein Beispiel gefällig? Im 19. Jahrhundert wurde es möglich Bücher in Massen zu drucken und so Informationen der breiten Bevölkerung zugänglich zu machen. Natürlich ging es auch hier schon nicht nur um seriöse Informationen. Auch damals gab es das, was wir heute vielleicht „Fake News“ nennen würden und seichte Unterhaltungsliteratur. Auch hier standen gleich wieder die Mahner auf dem Plan. Zum Beispiel findet sich diese Karikatur aus einer schweizerischen Satirezeitschrift zum „leselustigen Kindermädchen“. Wir finden hier die immer wiederkehrende Grundüberzeugung, dass „moderne“ Medien zu Ablenkung führen. Auch hier begegnet uns ein Muster, das wir bis heute kennen: Das neue Medium fasziniert und gleichzeitig entsteht die Sorge, dass es uns von dem entfernt, was eigentlich wichtig ist. Ebenso finden wir den Hinweis darauf, dass dies Kindern schadet, dort allerdings noch in einem mittelbaren Kontext.

https://www.e-periodica.ch/digbib/view?pid=psh-001%3A1863%3A19%3A%3A108#74

Ein drittes, wiederkehrendes Motiv ist das der Mediensucht. Vermutlich hätte man diese auch dem Kindermädchen unterstellt, eindrücklicher finde ich allerdings dieses Bild. Übrigens ein Fundstück aus der Schule, das beim Ausmisten des AV-Studios entdeckt wurde. Herr Möller hatte es unter eine Tür geklemmt, um diese offen zu halten, dort ist es mir in die Hände gefallen. Vielleicht ist das schon eine schöne Metapher: Was eine Generation für gefährlich hält, benutzt die nächste ganz selbstverständlich als Werkzeug.
Hier sehen wir den „Programmhungrigen“ um 1980, dessen Verhalten so beschrieben wird: „Sein Medienkonsum ist suchtgefährdet. Wo er steht, sitzt oder liegt ist er auf Empfang. Video kam ihm gerade recht – seine Abende drohten leer zu werden.“ Hier tauchen die Motive der Vereinsamung und der Reizüberflutung auf, die wir auch aus der Social-Media-Debatte kennen.

Quelle: „Der Programmhungrige“ Aus: Müller-Neuhof/Schiphorst: Audiovision in der Praxis. Heim-Video von A-Z, Pflaum-Verlag München 1979/80, S. 38.

Und heute diskutieren wir über KI. Und da sind sie wieder die Warnungen: KI mache uns dumm, führe zu Vereinsamung und schade unserer Intelligenz und unserem Gedächtnis und vor allem unseren Kindern.
Verstehen sie mich nicht falsch. Ich will hier nichts verharmlosen und wer mich kennt weiß, dass ich vor den Gefahren von Social Media und KI warne und dafür plädiere diese, auch in der Schule, stärker in den Blick zu nehmen. Ich will aber auch darauf hinweisen, dass weder die Schrift, noch der Roman und schon gar nicht der Videorekorder dazu geführt haben, dass die Menschheit verblödet ist oder ausgerottet wurde.

Bei KI ist das allerdings noch nicht so ganz klar…

Aber als Optimist glaube ich, dass wir auch diese Neuerung in den Griff bekommen. Wir müssten nur endlich mal die richtigen Debatten führen und die richtigen Maßnahmen ergreifen, aber das ist ein anderes Thema.

Jetzt komme ich aber wieder auf die zurück, um die es hier geht, unsere Abiturientinnen und Abiturienten.

Ich glaube nicht, dass Ihre wichtigste Fähigkeit in Zukunft darin bestehen wird, möglichst viel Wissen abzuspeichern, natürlich abgesehen von unverzichtbarem Grundlagenwissen, das ist ja auch schon reichlich genug. Das kann die Schrift besser. Ich glaube auch nicht, dass es darum geht, möglichst schnell Informationen zu finden. Das kann das Internet besser. Und vielleicht wird es bald nicht einmal mehr darum gehen, möglichst perfekte Antworten zu produzieren. Das kann KI möglicherweise besser.

Entscheidend wird etwas anderes sein: gute Fragen zu stellen. Zu beurteilen. Verantwortung zu übernehmen. Zu entscheiden, wofür man seine Fähigkeiten einsetzen möchte.

Ich vermute mal, dass hier nur wenige Schülerinnen und Schüler im Saal sitzen, die nicht irgendwann KI für eine Antwort im Unterricht, eine Hausaufgabe oder die Vorbereitung auf das Abitur genutzt haben. Zumindest wären Sie vermutlich schlecht beraten gewesen, wenn nicht. Das finde ich in Ordnung und das gehört eigentlich auch schon zu den viel gerühmten „Future-Skills“. Wichtig ist mir aber, dass Ihnen klar wird, wo die Gefahren liegen. Wenn KI uns das Denken dauerhaft abnimmt, besteht tatsächlich die Gefahr, dass Fähigkeiten verloren gehen, die wir nicht mehr nutzen. Das nennt man „Deskilling“, Platon hätte gesagt: Wir vernachlässigen unser inneres Erinnern. Bei richtiger Nutzung kann KI uns schlauer und besser machen, aber nur wenn wir in der Lage sind ihre Antworten zu überprüfen, zu hinterfragen und einzuordnen und ich hoffe, dass wir ihnen dazu nötige Fähigkeiten mitgegeben haben.

Quelle: ChatGPT 4o. Prompt: Eine Karikatur, in der deutlich wird, dass KI gefährlich ist, dumm macht und Menschen negativ beeinflusst.

Der Zukunftsforscher Jamais Cascio beschreibt unsere Gegenwart als BANI-Welt: brüchig, verunsichernd, nicht-linear und oft schwer verständlich. Vielleicht klingt das zunächst düster. Aber interessanter finde ich die Antwort darauf: Eine solche Welt braucht Menschen mit Resilienz, Empathie, Beweglichkeit und gesundem Menschenverstand. Diese Fähigkeiten werden Sie in Zukunft brauchen. Diese Fähigkeiten lernt man allerdings nicht nur aus Büchern, Klausuren oder Lehrplänen. Man lernt sie durch Herausforderungen, durch Erfahrungen, durch Gemeinschaft – und davon hatten Sie reichlich. Dennoch sollten gerade sie diese Fähigkeiten erlernt haben.

Sie sind die Generation, in deren Geburtsjahren sich das Smartphone durchgesetzt hat, sie sind mit sozialen Medien aufgewachsen und haben die Corona-Pandemie erlebt. Sie werden, mehr als die vorangegangenen Generation, damit konfrontiert, dass unsere Gesellschaft und unser Planet keine Selbstverständlichkeiten sind, sondern, dass wir diese behüten müssen. Sie sind nicht die Generation, die alle Probleme lösen muss, die andere hinterlassen haben. Aber Sie sind die Generation, die mitentscheiden wird, welche Lösungen wir finden. Und ich bin da optimistisch.

In meinem PoWi-LK habe ich immer wieder gesehen, dass das nötige Problembewusstsein und die nötige Reflexionsfähigkeit bei vielen vorhanden sind.

Gut, Platon hätte bei der Schriftsprachkompetenz einiger vielleicht sogar Hoffnung geschöpft…

Aber das ist nicht das Entscheidende. Entscheidend ist, dass Sie sich jetzt mutig auf den Weg machen und die große Welt für sich entdecken. Das meine ich nicht nur räumlich, sondern intellektuell. Finden sie Betätigungsfelder, die zu ihnen passen, tauchen sie tief ein in diese. Nutzen sie alle Möglichkeiten, die ihnen dazu zur Verfügung stehen und bleiben sie dabei Mensch. Machen sie die Welt besser, machen sie sie enkelfähig.

Vielleicht hatte Platon ja recht und gleichzeitig unrecht. Ja, jede neue Technik nimmt uns etwas ab. Aber die entscheidende Frage ist nicht, was Maschinen, Bücher oder Programme für uns übernehmen.

Die entscheidende Frage ist die, die niemand für sie übernehmen kann: Ihr Urteil, Ihre Haltung und Ihre Verantwortung.

Sie verlassen heute die Schule nicht, weil Sie ausgelernt haben. Ganz im Gegenteil. Sie verlassen die Schule, weil wir Ihnen zutrauen, selbst lebenslang weiterzulernen.

Denken Sie immer daran: Auch früher war die Zukunft schon schlimm. Und trotzdem sitzen wir heute hier.

Vielleicht ist Zukunft also nicht etwas, das uns einfach passiert. Vielleicht ist Zukunft etwas, das Menschen gestalten.

Und ab heute noch ein Stück mehr: etwas, das Sie gestalten.

Alles Gute für Ihren Weg.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert