Blog 2026-10: Nachlese zum 2. Dreieicher Bildungsgespräch mit Bob Blume

Ein gelungener Abend für die Zukunft der Bildung (Bild: Erik Grundmann)

Rund 400 Menschen waren am 23.09.2026 ins Bürgerhaus Dreieich gekommen, um mit Bob Blume und einem Podium aus Schülerschaft, Eltern, Schulaufsicht und Schulträger über die Zukunft von Schule zu diskutieren. Es war eine tolle Veranstaltung, für die es viel positives Feedback gab, der Landrat des Kreises Offenbach, Oliver Quilling, und die Amtsleiterin des Staatlichen Schulamts, Susanne Meißner, haben sich explizit für den Abend bei mir bedankt. Der Dank gebührt aber auch dem Förderverein für die organisatorische und finanzielle Unterstützung, den Schülerinnen und Schülern des WP-Kurses von Marianela Manzoni, die am Abend vor Ort unterstützt haben und natürlich den Förderern, den Stadtwerken Dreieich, der Sparkasse Langen-Seligenstadt und der Langener Volksbank. Im Publikum saßen, wie ich später erfahren habe, Gäste die bis zu 100 Kilometer Anfahrt in Kauf genommen haben, die Partnerbuchhaltung „Gut gegen Nordwind“ konnte fast alle Bücher verkaufen (Bob hat fleißig signiert) und die andauernden Reaktionen in den sozialen Medien zeigen, dass der Abend ein Erfolg wird. Mal schauen, was nach Silke Müller im letzten Jahr, Bob Blume in diesem im nächsten Jahr folgt; zumal dieses ein Jubiläumsjahr ist (50 Jahre Weibelfeldschule und 50 Jahre Stadt Dreieich). Ich persönlich bin jedenfalls dankbar für diesen Abend, der für mich ein weiterer Mosaikstein auf dem Weg zu einer zukunftsfähigen Bildung und Schule war. Ich möchte auch noch Bob Blume explizit danken, der nicht nur eine brillante Keynote gehalten hat (siehe Link unten), sondern auch extra früher nach Dreieich gekommen ist, um am Nachmittag mit Schülerinnen, Schülern, Lehrkräften und Eltern in der Weibelfeldschule in lockerer Runde zu diskutieren. Lieber Bob, vielen Dank dafür!

Die Offenbach-Post hat den Abend sehr treffend als eine Diskussion über die Reibung zwischen dem Anspruch an eine andere Schule und ihren tatsächlichen Bedingungen beschrieben. Auf der einen Seite stehen Individualisierung, Digitalisierung, Demokratiebildung, Inklusion und Lebensnähe, auf der anderen Seite berichten Lehrkräfte von Bürokratie, fehlendem Material und Schulentwicklung, die zusätzlich zum vollen Deputat geleistet wird. Den ganzen Artikel finden sie hier: OP-Online

Was vom zweiten Dreieicher Schulgespräch übrig geblieben ist

Vieles von dem, was an diesem Abend gesagt wurde, wirkt bei mir noch nach. Besonders interessant finde ich im Rückblick aber auch die Fragen, die wir nicht mehr beantworten konnten.

Während der Podiumsdiskussion konnten die Besucherinnen und Besucher über Mentimeter Fragen stellen, wir haben in der Pause Fragen auf Stellwänden gesammelt und Fragen direkt aus dem Publikum diskutiert. Einige davon konnte ich aufgreifen, andere blieben am Ende stehen. Nicht weil sie weniger wichtig gewesen wären, sondern weil auch ein langer Abend irgendwann zu Ende geht. Beim späteren Durchsehen fiel mir auf, dass diese offenen Fragen ziemlich genau beschreiben, wo die Diskussion über die Zukunft von Schule gerade steht. Gesammelt und geclustert hat die Fragen übrigens der Vorstand des Fördervereins (danke auch dafür!).

Die offenen Fragen aus dem Mentimeter.

Da ist die scheinbar einfache Frage: „Was hältst du von Hausaufgaben?“ An anderer Stelle steht die Frage, „wie zukünftige Prüfungsformen aufgrund von KI am besten aussehen“ sollen. Jemand möchte wissen, warum es immer noch kein flächendeckendes gegenseitiges Feedback gibt, jemand anderes, warum Frontalunterricht so verbreitet ist, obwohl Schülerinnen und Schüler häufig beschreiben, dass sie damit nicht gut lernen. Wieder andere fragen nach selbstreguliertem und sozialem Lernen, Bildungsgerechtigkeit, Geschlechterunterschieden, Lehrkräftebildung, Schulbau, Ganztag und der Rolle von Schulaufsicht und Beamtentum.

Man könnte jede dieser Fragen einzeln beantworten. Interessanter finde ich, sie zusammenzudenken, was ich im Folgenden tue. Denn genau dann wird sichtbar, dass wir es nicht mit sechzehn einzelnen Problemen zu tun haben. Viele dieser Fragen hängen unmittelbar miteinander zusammen. Schule ist eine komplexe Institution und Bildung ein komplexer Prozess. (Dazu zum Beispiel: Blog 2024-17)

Unterricht, Aufgaben und Prüfungen gehören zusammen

Eine der Fragen aus dem Publikum lautete:

„Wie sollen zukünftige Prüfungsformen aufgrund von KI am besten aussehen?“

Generative KI kann inzwischen viele der Produkte erstellen, die wir traditionell als schulische Leistung betrachten. Eine Präsentation, eine Erörterung, eine Zusammenfassung oder die Beantwortung einer Reihe von Fragen sind für ein leistungsfähiges Sprachmodell keine große Herausforderung mehr. (Dazu auch: Blog 2026-09 und im noch nicht erschienenen nächsten Blogbeitrag)

Die OECD beschreibt im Digital Education Outlook 2026 genau das dahinterliegende Problem. Schülerinnen und Schüler können mithilfe allgemeiner KI-Systeme bessere Ergebnisse produzieren, ohne deshalb zwangsläufig mehr zu lernen. Werden wesentliche Denkprozesse ausgelagert, drohen kognitives Offloading und eine geringere geistige Beteiligung. Anders sieht es aus, wenn KI gezielt für Lernprozesse eingesetzt wird. Dann kann sie beispielsweise als Tutor oder Gesprächspartner durchaus Lernfortschritte unterstützen. Link dazu: OECD.

Damit führt uns KI zu einer Frage, die älter ist als ChatGPT. Welchen Lernprozess wollen wir mit einer Aufgabe eigentlich auslösen? Erst wenn das geklärt ist, lässt sich sinnvoll entscheiden, ob KI dabei hilfreich, hinderlich oder schlicht irrelevant ist.

Das gilt auch für die scheinbar harmlose Mentimeterfrage „Was hältst du von Hausaufgaben?“ Eine Hausaufgabe ist nicht deshalb sinnvoll, weil Hausaufgaben nun einmal zur Schule gehören. Sie braucht einen pädagogischen Zweck. Soll etwas geübt, vorbereitet oder vertieft werden? Und ist die Aufgabe dafür tatsächlich geeignet? Wenn eine KI sie in wenigen Sekunden erledigen kann, ist das zumindest ein Anlass, noch einmal über diese Frage nachzudenken. Auch empirisch ist die Sache weniger eindeutig, als es die Selbstverständlichkeit vermuten lässt, mit der Hausaufgaben noch immer zum Schulalltag gehören. Positive Effekte zeigen sich durchaus, insbesondere bei regelmäßigem Üben in höheren Jahrgangsstufen; viel hilft dabei keineswegs automatisch viel. Problematisch ist darüber hinaus die Verlagerung des Lernens ins Elternhaus. Laura Fuhrmann beschreibt Hausaufgaben als „schulisches Entgrenzungsphänomen“: Schulische Anforderungen werden in den privaten Raum ausgelagert und damit auch von den dort vorhandenen zeitlichen, materiellen und kulturellen Ressourcen abhängig. Hausaufgaben können auf diese Weise zur Reproduktion sozialer Ungleichheit beitragen. Link: pedocs.

Dazu passt eine weitere Wortmeldung:

„Warum gibt es immer noch kein flächendeckendes gegenseitiges Feedback? Eine so einfach umzusetzende Sache, oder nicht?“

Ganz so einfach ist gutes Feedback leider nicht, das ist nicht zuletzt eine Frage von Schulkultur. Aber hinter der Frage steckt ein wichtiger Gedanke. Wenn wir Lernen stärker als Prozess verstehen, braucht es Gelegenheiten, Zwischenergebnisse wahrzunehmen, Rückmeldungen zu geben und das eigene Vorgehen zu verändern; und zwar für Lernende und Lehrende. Eine Kultur, die vor allem das fertige Produkt bewertet, setzt andere Anreize als eine Kultur, die Lernwege sichtbar macht.

Auch die Frage „Warum wird der Frontalunterricht hier verteufelt? Wenn Schüler oft beschreiben, dass man damit gut lernt“ verdient dabei eine ernsthafte Antwort. Frontalunterricht ist nicht per se schlechter Unterricht und soll schon gar nicht verteufelt werden; wie sagt Hattie: „The teacher matters“. Gute Instruktion hat ihren Platz, gerade wenn neue Inhalte erklärt, Zusammenhänge strukturiert oder gemeinsame Grundlagen geschaffen werden sollen. Problematisch wird es erst, wenn aus einer sinnvollen Unterrichtsphase das nahezu ausschließliche Organisationsprinzip des Lernens wird. Die interessante Debatte verläuft deshalb nicht zwischen Frontalunterricht und offenem Unterricht, sondern darum, welche Form des Lernens zu welchem Ziel passt.

Selbstständigkeit fällt nicht vom Himmel

Eine weitere Frage bringt für mich einen zentralen Widerspruch auf den Punkt:

„Wie soll soziales Lernen oder Lernen lernen integriert werden, ohne dass Zeit dafür gegeben wird? Selbstreguliertes Lernen braucht Freiräume und Zeit.“

Das trifft ziemlich genau einen Schwerpunkt unserer eigenen Schulentwicklung.

Selbstreguliertes Lernen bedeutet eben nicht, Schülerinnen und Schüler mit einem Wochenplan allein zu lassen. Die aktuelle Forschungsübersicht der Education Endowment Foundation beschreibt Metakognition und Selbstregulation als einen gut belegten Ansatz, betont aber gleichzeitig die Bedeutung expliziter Anleitung. Schülerinnen und Schüler müssen lernen, ihr Lernen zu planen, zu beobachten und auszuwerten. Lehrkräfte modellieren solche Prozesse und übertragen Verantwortung schrittweise. Link: Education Endowment Foundation

Genau deshalb ist die Forderung nach mehr Selbstständigkeit anspruchsvoller, als sie zunächst klingt. Sie verändert die Rolle der Lehrkraft, sie braucht andere Lernarrangements und sie benötigt Zeit. Offener Unterricht ist hochgradig strukturiert!

Der Kreisschülersprecher Leander Denker hat diesen Punkt auf dem Podium aus Schülerperspektive sehr deutlich gemacht. Schule müsse nicht nur Lernstoff vermitteln, sondern auch „Lernen lehren“. Selbst in der Oberstufe gebe es Jugendliche, die nach vielen Schuljahren nicht wüssten, wie sie sich Wissen sinnvoll aneignen können.

Damit sind wir bei einem grundsätzlichen Problem von Schulentwicklung. Immer neue Aufgaben kommen hinzu, ohne dass im gleichen Maße etwas wegfällt. Medienbildung, Demokratiebildung, Prävention, KI-Kompetenz, Selbstregulation und soziales Lernen sind jeweils sinnvoll begründbar. Werden sie einfach zusätzlich in bestehende Strukturen gepackt, wird aus Schulentwicklung irgendwann Aufgabenverdichtung.

Eine Mentimeterfrage formulierte das noch breiter: „Stichwort Ganztägige Bildung, Wellbeing, nonformale Bildungsprozesse provozieren Problem: Qualifizierung des Personals. Woher kommt die Professionalität?“ Auch das lässt sich nicht durch ein zusätzliches Modul im Stundenplan lösen. Wenn Schule zunehmend Lern- und Lebensort wird, verändert sich nicht nur Unterricht. Es verändern sich Professionen, Zusammenarbeit und die Frage, welche unterschiedlichen Fachlichkeiten und welche Rhythmisierung Schule braucht.

Dazu passt auch die Frage aus dem Publikum, ob es in den nächsten Jahren zu Ganztagsschulen kommen wird. Ganztag ist jedenfalls weit mehr als Unterricht, der bis in den Nachmittag verlängert wird. Wenn Schülerinnen und Schüler einen größeren Teil ihres Tages in Schule verbringen, müssen Lernen, Freizeit, Bewegung, Rückzug, Beratung und soziales Miteinander neu und zusammengedacht werden. Persönlich bin ich für längeres gemeinsames Lernen in gebundenen Ganztagsschulen am, wie es Aladin El Mafaalani einmal formuliert hat „Gymnasium für alle“, aber das ist eine andere Diskussion, zu der aber auch der nächste Fragenkomplex passt.

Bildungsgerechtigkeit bleibt der große Prüfstein

Mehrere Fragen drehten sich um Bildungsgerechtigkeit. Eine davon war sehr direkt:

„Frühe Selektion nach Klasse 4 zementiert Ungleichheit: Warum ignoriert die Bildungspolitik die Forschung?“

Eine andere lautete:

„Ich finde eines der größten Probleme ist die (Chancen-)Ungleichheit im Bildungssystem. Was können wir da tun? Wie kann die Politik da unterstützen (und will sie das überhaupt)?“

Die Formulierungen sind zugespitzt, das dahinterliegende Problem ist es nicht. Die gerade veröffentlichten PISA-Ergebnisse zeigen für Deutschland erneut einen starken Zusammenhang zwischen sozialer Herkunft und Leistung. In Naturwissenschaften lagen sozioökonomisch privilegierte 15-Jährige im Durchschnitt 125 Punkte vor benachteiligten Jugendlichen. Der OECD-Durchschnitt betrug 85 Punkte. Der Abstand ist in Deutschland gegenüber 2015 sogar gewachsen. Link: OECD

Bereits frühere OECD-Analysen haben zudem darauf hingewiesen, dass die frühe Aufteilung auf unterschiedliche Schulformen soziale Segregation verstärken kann. Das bedeutet nicht, dass eine einzelne Strukturveränderung automatisch Bildungsgerechtigkeit herstellen würde. Es bedeutet aber, dass man den Zusammenhang zwischen Schulstruktur und sozialer Herkunft nicht einfach ausblenden kann. Link: OECD

Gerade wenn wir über Individualisierung sprechen, sollten wir deshalb nicht der Illusion erliegen, mit der richtigen Unterrichtsmethode gesellschaftliche Ungleichheit beseitigen zu können. Schule kann Unterschiede ausgleichen und Chancen eröffnen. Sie kann aber nicht allein kompensieren, was außerhalb von Schule an unterschiedlichen materiellen, sozialen und kulturellen Voraussetzungen entsteht. Warum setzen die in Bildungsstudien erfolgreichen Länder wohl auf längeres gemeinsames Lernen?

In diesem Zusammenhang verdient auch eine weitere Frage mehr Aufmerksamkeit, die wir an diesem Abend gar nicht behandelt haben:

„Wie soll auf die Entwicklung von männlichen und weiblichen Schüler/innen geachtet werden? In Hinsicht darauf, dass es mehr Lehrerinnen als Lehrer gibt.“

Ich würde die Frage nicht vorschnell auf das Geschlecht der Lehrkräfte reduzieren. Sie verweist aber auf einen wichtigen Punkt: Wenn wir von Bildungsgerechtigkeit sprechen, müssen wir unterschiedliche Gruppen und ihre tatsächlichen Bildungsverläufe genauer betrachten. Dazu gehören soziale Herkunft und Zuwanderungsgeschichte ebenso wie Geschlecht. Die Antworten darauf dürften allerdings komplizierter sein als die Forderung nach mehr männlichen oder weiblichen Lehrkräften. Wir brauchen auf jeden Fall mehr Lehrkräfte, die biografisch die Heterogenität der Schülerschaft abbilden.

Schule der Zukunft braucht mehr als gute Pädagogik

Besonders konkret wurde eine Frage an den Schulträger:

„Was tut der Landkreis, um den Lebensraum Schule zu gestalten? Aktuelle Anbauten sind aufgebaut wie klassische Flur-Schulen, obwohl Schulen darum gebeten haben mitzuarbeiten.“

Das passt bemerkenswert gut zu einem Punkt, den Landrat Oliver Quilling selbst auf dem Podium gemacht hat. Schule entwickle sich vom Lernort zum Lebensort. Wenn Kinder und Jugendliche immer mehr Zeit dort verbringen, müssten auch Schulgebäude anders gedacht werden. Für den Kreis Offenbach ist das mit rund 4.000 Unterrichtsräumen keine kleine Aufgabe. Link: OP-Online

Trotzdem bleibt der Widerspruch bestehen. Wir reden über Kooperation, selbstreguliertes Lernen, flexible Lerngruppen, Rückzugsmöglichkeiten und Projektarbeit und bauen anschließend häufig dann doch einen Flur mit Klassenräumen rechts und links, auch wenn diese Logik zum Glück langsam aufbricht. Ein Beispiel aus der ganz anderen Richtung gibt es hier: Blog 2025-20.

Räume machen noch keine gute Pädagogik. Sie können bestimmte Formen des Lernens aber erleichtern oder erschweren. Schon eine OECD-Arbeit zu Lernumgebungen beschreibt Flexibilität und Veränderbarkeit deshalb als wichtige Merkmale von Räumen, die unterschiedliche Lehr- und Lernprozesse unterstützen sollen. Link: OECD

Die Frage aus dem Mentimeter sollte deshalb auch nach der Veranstaltung nicht einfach verschwinden. Wenn Schulentwicklung und Schulbau getrennt geplant werden, besteht die Gefahr, mit einem Neubau für Jahrzehnte genau jene Unterrichtsorganisation räumlich festzuschreiben, die gleichzeitig pädagogisch weiterentwickelt werden soll.

Veränderung braucht Strukturen und Menschen

Vielleicht am grundsätzlichsten waren die Fragen, die sich mit den Menschen und Institutionen beschäftigten, die Schule verändern sollen.

Eine lautete:

„Welche Rolle spielt das Beamtentum bzgl. der Frage, wie Schule zukünftig gestaltet sein soll? Wie hoch ist tatsächlich der Veränderungswille oder geht es doch nur um den Erhalt des Status Quo?“

Eine andere fragte sehr konkret:

„Alle im Podium fanden den ‚Funken zu wecken‘ gut. Frage an Frau Meißner, was macht das Schulamt Offenbach dazu konkret? Ideen für nächste Schritte?“

Auf dem Podium gab Susanne Meißner darauf eine bemerkenswert klare Antwort. Ihr „Machen Sie es doch“ und die Betonung von §127 HSchG war ein Hinweis darauf, dass Schulen nach ihrer Einschätzung vorhandene Gestaltungsspielräume häufig noch nicht ausschöpfen. Unterricht könne anders organisiert, Fächer und Lernphasen könnten neu gedacht und offenere Konzepte ausprobiert werden.

Dem gegenüber stehen die Erfahrungen von Lehrkräften, die sich an diesem Abend aus dem Publikum meldeten. Sie berichteten von Material, das aus eigener Tasche bezahlt werde, von Bürokratie und davon, dass Schulentwicklung zusätzlich zum regulären Unterricht bis in den Abend hinein stattfinde. Bob Blume warnte in diesem Zusammenhang davor, strukturelle Defizite dauerhaft durch besonders engagierte Einzelne ausgleichen zu lassen und forderte ordentliche Arbeitsplätze für Lehrkräfte in seinem Abschlussstatement.

Beides kann gleichzeitig richtig sein. Schulen haben Gestaltungsspielräume, die sie mutiger nutzen könnten, und Veränderung braucht Bedingungen, unter denen Menschen diese Spielräume auch tatsächlich nutzen können.

Genau deshalb ist eine weitere unbeantwortete Frage so wichtig:

„Was wenn Lehrkräfte so wie vorgestellt Unterricht machen und von Schulleitung beurteilt werden nach ‚alter Schule‘? Was lernen Studierende/Lehrer in Vorbereitung (LiV)?“

Schulentwicklung funktioniert nicht, wenn unterschiedliche Ebenen gegensätzliche Signale senden. Wenn Lehrkräfte Selbstständigkeit ermöglichen, Unterricht öffnen und neue Formen der Leistungsbewertung erproben sollen, müssen Lehrkräftebildung, Schulleitung und Schulaufsicht solche Entwicklungen verstehen und unterstützen. Menschen verlassen vertraute Routinen eher, wenn sie darauf vertrauen können, dass genau das institutionell gewollt ist.

Ähnlich grundsätzlich ist die letzte noch offene Frage aus dem Mentimeter:

„Schule ist ja wie ein mittelständisches Unternehmen: Warum gibt es fast nur Lehrkräfte statt interdisziplinärer Teams für die VUCA-Welt? Warum verharren wir im traditionellen ‚Nur-Lehrer-System‘?“

Über den Unternehmensvergleich kann man streiten, die Frage nach den Professionen in Schule halte ich dagegen für ausgesprochen berechtigt. Wenn Schule zugleich Lernort, Lebensort, sozialer Raum, Ort der Prävention, der Berufsorientierung, der Inklusion und zunehmend auch der ganztägigen Bildung sein soll, wird man darüber reden müssen, ob all diese Aufgaben im Wesentlichen von einer Profession getragen werden können. Multiprofessionelle Teams sind dann kein zusätzliches pädagogisches Extra, sondern eine organisatorische Antwort auf einen deutlich breiter gewordenen Auftrag.

Vielleicht sind die offenen Fragen das eigentliche Ergebnis

Damit sind fast alle Fragen, die am Ende auf unserem Mentimeter standen, zumindest noch einmal zu Wort gekommen. Einige lassen sich vergleichsweise konkret beantworten, andere führen tief in die Struktur unseres Bildungssystems. Manches würde ich heute anders formulieren, bei anderen bin ich selbst unsicher, was die richtige Antwort ist.

Gerade deshalb möchte ich sie nicht einfach mit dem Ende der Veranstaltung verschwinden lassen.

Die Offenbach-Post hat als Reibungsfläche des Abends beschrieben, dass Schule immer mehr leisten soll, während die Menschen, die diese Veränderungen umsetzen sollen, vielerorts bereits stark belastet sind. Gleichzeitig hat die Diskussion gezeigt, dass fehlende Ressourcen nicht jede ausbleibende Veränderung erklären können. Schulen verfügen über Freiräume, Schülerinnen und Schüler fordern mehr Beteiligung, Schulträger müssen Räume anders denken, Schulaufsicht muss Entwicklung ermöglichen und Politik muss entscheiden, welche Priorität Bildung tatsächlich erhält. Am Ende sind es aber die Schulgemeinschaften vor Ort, die Veränderung erdenken, ermöglich und erarbeiten müssen.

Die Mentimeterfragen zeigen dabei etwas, das mir für die weitere Diskussion wichtig erscheint. Unterricht, Prüfungen, KI, Selbstregulation, Bildungsgerechtigkeit, Ganztag, Schulbau, Lehrkräftebildung, Schulaufsicht und Ressourcen sind keine voneinander unabhängigen Baustellen. Wer an einer Stelle ernsthaft etwas verändert, wird ziemlich schnell bei den anderen landen. Nur gemeinsam machen wir Schule besser.

Vielleicht war deshalb gerade die Tatsache, dass am Ende Fragen offen geblieben sind, kein schlechtes Ergebnis für ein Bildungsgespräch. Es wäre eher problematisch, wenn wir nach einem solchen Abend den Eindruck hätten, die Schule der Zukunft ließe sich mit fünf Punkten auf einer Abschlussfolie erklären.

Das Mentimeter ist geschlossen. Die Fragen sind es nicht.


Quellen und zum Weiterlesen

Den sehr gelungenen Bericht über den Abend gibt es bei der Offenbach-Post: „400 Gäste beim Schulgespräch“. Er enthält auch einige der Wortmeldungen aus dem Publikum, die für den Text wichtig sind.

Zur Frage von KI, Lernen und kognitivem Offloading ist der OECD Digital Education Outlook 2026 besonders hilfreich. Die OECD unterscheidet dort ausdrücklich zwischen besseren Arbeitsergebnissen durch allgemeine KI-Werkzeuge und tatsächlichen Lernfortschritten.

Für selbstreguliertes Lernen empfehle ich die aktualisierte EEF-Handreichung zu Metakognition und Selbstregulation. Sie ist gerade deshalb interessant, weil sie Selbstständigkeit nicht als Rückzug der Lehrkraft versteht, sondern die Bedeutung von expliziter Anleitung und Lernbegleitung hervorhebt.

Die aktuellen Zahlen zur sozialen Ungleichheit stammen aus der deutschen Länderübersicht zu PISA 2025 der OECD. Der Abstand zwischen sozioökonomisch privilegierten und benachteiligten Jugendlichen ist in Deutschland weiterhin besonders groß.

Und natürlich gibt es auf dieser Website noch ganz viele Gedanken und Ideen zu Schulentwicklung, KI, (Bildungs-)Räumen, Vernetzung uvm.