WfS-15: Schulentwicklung – jetzt wird es konkret. Und kompliziert.

Bild KI-generiert.

Seit meinem letzten Beitrag zur Schulentwicklung der Weibelfeldschule sind einige Monate vergangen. Damals habe ich versucht, nach drei Jahren eine Zwischenbilanz zu ziehen und die nächsten Schritte zu skizzieren. Wir hatten viel ausprobiert, neue Strukturen geschaffen, Erfahrungen gesammelt und eine gemeinsame Richtung gefunden. Gleichzeitig hatte ich angekündigt, dass wir unsere Aktivitäten künftig stärker bündeln und uns insbesondere auf die Weiterentwicklung von Unterricht und das selbstorganisierte Lernen konzentrieren wollen.

Inzwischen sind wir ein gutes Stück weitergekommen. Die ersten Vorhaben nehmen konkrete Formen an, einige Entscheidungen sind gefallen und wir haben begonnen, unsere Schulentwicklung systematischer zu organisieren. Das klingt zunächst einmal ziemlich gut und ist es auch. Allerdings stelle ich zunehmend fest, dass Schulentwicklung nicht unbedingt einfacher wird, wenn aus Ideen konkrete Veränderungen werden. Eher im Gegenteil.

Von der Idee zur Projektklasse

Der vielleicht wichtigste Schritt ist unsere geplante Projektklasse, die zum Schuljahr 2027/28 im Jahrgang 5 starten soll und für die wir inzwischen auch öffentlich werben.

Die Idee ist, das selbstorganisierte und selbstregulierte Lernen stärker in den Mittelpunkt zu stellen und dabei Unterricht auch organisatorisch anders zu denken. Schülerinnen und Schüler sollen schrittweise lernen, mehr Verantwortung für ihren Lernprozess zu übernehmen, eigene Ziele zu formulieren, ihre Arbeit zu planen und ihre Ergebnisse zu reflektieren. Dazu brauchen sie entsprechende Lernumgebungen, gute Aufgaben, transparente Erwartungen und vor allem eine verlässliche Lernbegleitung.

Dabei geht es ausdrücklich nicht darum, Kinder möglichst früh sich selbst zu überlassen. Selbstständiges Lernen muss gelernt werden und setzt zunächst einmal sehr viel Anleitung, Struktur und Begleitung voraus. Gerade deshalb beschäftigen wir uns intensiv mit der Frage, wie wir diese Kompetenzen systematisch aufbauen können.

Wir werden mit dieser Klasse nicht die Schule neu erfinden und vermutlich auch nicht alle unsere Vorstellungen auf Anhieb umsetzen können. Aber wir schaffen einen Raum, in dem wir Erfahrungen sammeln, Unterricht weiterentwickeln und überprüfen können, welche Ansätze tatsächlich funktionieren. Und zwar unter den realen Bedingungen unserer Schule, mit unseren Schülerinnen und Schülern, unseren Lehrkräften und unseren räumlichen und organisatorischen Möglichkeiten.

Das ist mir wichtig, denn die Weibelfeldschule ist keine kleine reformpädagogische Neugründung, sondern eine sehr große kooperative Gesamtschule mit unterschiedlichen Bildungsgängen, vielen Beteiligten und einem komplexen organisatorischen Gefüge. Veränderungen müssen hier nicht nur pädagogisch sinnvoll sein, sondern auch im laufenden Betrieb funktionieren.

Kompetenzraster und die Frage nach dem gemeinsamen Verständnis von Lernen

Ein weiterer Baustein sind die Kompetenzraster, mit denen sich unsere Fachschaften beschäftigen. Sie sollen Lernziele transparenter machen, unterschiedliche Lernwege ermöglichen und Schülerinnen und Schülern helfen, ihren eigenen Lernstand besser einzuschätzen.

Das klingt zunächst relativ technisch, ist aber eine durchaus grundsätzliche Angelegenheit. Wer Kompetenzraster entwickelt, muss sich darüber verständigen, welche Kompetenzen in einem Fach eigentlich entscheidend sind, wie sich Lernfortschritte beschreiben lassen und welche Möglichkeiten Schülerinnen und Schüler haben, diese Kompetenzen nachzuweisen.

Damit sind wir schnell bei Fragen der Differenzierung, der Aufgabenqualität und letztlich auch der Leistungsbewertung.

Demnächst werden wir deshalb mit unseren Fachleitungen zusammenkommen, um den Arbeitsauftrag zu konkretisieren, offene Fragen zu klären und gemeinsame Rahmenbedingungen zu entwickeln. Dazu haben wir mit Steven Bauer von der Senckenberg-Schule in Runkel einen Kollegen eingeladen, der bereits über entsprechende Erfahrungen verfügt. Wir müssen schließlich nicht jeden Fehler selbst machen und können von Schulen lernen, die auf diesem Weg schon weiter sind.

Ich bin gespannt, wie sich dieser Prozess entwickelt. Denn natürlich bedeutet die gemeinsame Entwicklung von Kompetenzrastern zunächst zusätzliche Arbeit. Gleichzeitig liegt darin aber auch die Chance, Unterrichtsmaterialien künftig stärker gemeinsam zu entwickeln, Erfahrungen auszutauschen und die einzelne Lehrkraft langfristig zu entlasten.

Entscheidend wird sein, dass wir daraus keine weitere bürokratische Pflichtübung machen. Ein Kompetenzraster, das am Ende lediglich in irgendeinem Ordner liegt, hilft niemandem. Es muss im Unterricht einen erkennbaren Nutzen haben, für die Lernenden ebenso wie für die Lehrkräfte.

Weniger Projekte, mehr Struktur

Bereits in meinem letzten Beitrag hatte ich angekündigt, dass wir unser Projekt- und Qualitätsmanagement weiterentwickeln wollen. Auch hier sind wir inzwischen vorangekommen.

Unsere neu etablierte Steuerungsgruppe trifft sich regelmäßig und wurde mit einer A-14-Stelle unterfüttert. Die Steuerungsgruppe hat ein Handbuch zum Projektmanagement entwickelt, das mittlerweile an das Kollegium verteilt wurde. Darin geht es darum, Projekte künftig klarer zu beschreiben, Verantwortlichkeiten festzulegen, Abläufe transparenter zu gestalten und Ergebnisse systematisch auszuwerten.

Das klingt zugegebenermaßen zunächst nicht besonders aufregend. Ein Handbuch zum Projektmanagement wird vermutlich niemanden dazu bringen, vor Begeisterung aufzuspringen. Aber ich halte diesen Schritt für ausgesprochen wichtig.

In den vergangenen Jahren haben wir eine Vielzahl von Projekten und Initiativen auf den Weg gebracht, oft getragen von sehr engagierten Kolleginnen und Kollegen, die mit großem persönlichen Einsatz Ideen entwickelt und umgesetzt haben. Das war notwendig und hat uns enorm vorangebracht. Allerdings kann eine Schule auf Dauer nicht davon abhängig sein, dass einzelne Menschen immer wieder zusätzliche Aufgaben übernehmen und mit ihrem Engagement organisatorische Defizite ausgleichen.

Wir brauchen deshalb Strukturen, die gute Ideen unterstützen, Verantwortlichkeiten klären, Transparenz schaffen und auch dafür sorgen, dass wir aus unseren Erfahrungen lernen. Dazu gehört übrigens auch, Projekte zu beenden, wenn sie nicht funktionieren oder nicht mehr zu unseren Prioritäten passen. Außerdem tragen wir so dem Wunsch des Kollegiums Rechnung, Ideen zu bündeln, zu strukturieren und transparent zu machen.

Ob uns das mit dem neuen Projektmanagement tatsächlich besser gelingt, wird sich zeigen. Das Handbuch allein wird es jedenfalls nicht richten.

Die DNA arbeitet weiter und aula zeigt, wie Beteiligung funktionieren kann

Eine wichtige Rolle spielt weiterhin unsere DNA-Gruppe, die Projekte reflektiert und Rückmeldungen gibt. Wie wertvoll diese Funktion sein kann, hat sich zuletzt bei der Einführung von aula gezeigt.

Aula ist eine digitale Beteiligungsplattform, mit der Schülerinnen und Schüler eigene Ideen entwickeln, diskutieren und demokratisch darüber entscheiden können. Unsere SV hatte das Projekt zunächst vorgestellt, dabei gab es allerdings zahlreiche Rückfragen und auch Bedenken. Das ist bei neuen Vorhaben nicht ungewöhnlich, zumal dann, wenn sie bestehende Entscheidungsprozesse und Verantwortlichkeiten berühren.

Statt das Projekt einfach durchzusetzen oder nach der ersten kritischen Rückmeldung wieder aufzugeben, wurde die Idee überarbeitet und anschließend erneut in der DNA-Gruppe vorgestellt. Die Rückmeldungen waren nun positiv und schließlich wurde aula in der Gesamtkonferenz ohne Gegenstimmen angenommen.

Ich finde, das ist ein schönes Beispiel dafür, wie Schulentwicklung funktionieren kann. Eine Idee wird eingebracht, diskutiert, kritisch hinterfragt und weiterentwickelt. Beteiligung bedeutet eben nicht, dass jede Idee sofort Zustimmung finden muss, sondern dass unterschiedliche Perspektiven ernst genommen werden und Einfluss auf das Ergebnis haben können.

Gleichzeitig zeigt dieses Beispiel, dass Beteiligung Zeit braucht. Zeit, die im Schulalltag ohnehin knapp ist und die wir trotzdem investieren müssen, wenn wir Veränderungen gemeinsam gestalten wollen.

Und was passiert im normalen Unterricht?

Bei all diesen Überlegungen könnte der Eindruck entstehen, dass sich unsere Unterrichtsentwicklung inzwischen ausschließlich auf die geplante Projektklasse konzentriert. Das ist natürlich nicht der Fall.

Auch im regulären Unterricht wird an vielen Stellen experimentiert und weiterentwickelt. Schülerinnen und Schüler arbeiten zunehmend auch außerhalb der klassischen Unterrichtsräume, es entstehen interessante Projekte im Reallabor und viele Kolleginnen und Kollegen erproben neue Aufgabenformate, Formen der Zusammenarbeit oder Möglichkeiten, Lernenden mehr Eigenverantwortung zu übertragen.

Nicht alles davon ist Teil eines großen Schulentwicklungsprojekts und nicht jede gute Idee muss sofort institutionalisiert werden. Ich halte es im Gegenteil für wichtig, dass Lehrkräfte Freiräume haben, Dinge auszuprobieren und eigene Erfahrungen zu sammeln.

Allerdings haben wir uns bewusst entschieden, unsere gemeinsamen Entwicklungsressourcen zunächst auf die Projektklasse und die damit verbundenen pädagogischen Fragen zu konzentrieren. Wir können nicht alles gleichzeitig verändern, auch wenn es an Ideen und Möglichkeiten nicht mangelt.

Vielleicht ist das sogar eine der wichtigsten Erkenntnisse aus den vergangenen Jahren. Schulentwicklung besteht nicht nur darin, immer wieder Neues anzustoßen, sondern auch darin, Prioritäten zu setzen und manches zunächst zurückzustellen.

Die eigentliche Herausforderung

Wenn ich auf unsere bisherige Entwicklung zurückblicke, bin ich durchaus stolz auf das, was wir erreicht haben. Wir haben in relativ kurzer Zeit vieles in Bewegung gebracht, neue Formen der Zusammenarbeit geschaffen und eine pädagogische Diskussion angestoßen, die inzwischen weit über einzelne Projekte hinausgeht.

Natürlich sind wir noch lange nicht dort, wo ich gerne wäre. Aber vermutlich wird dieser Punkt auch niemals erreicht werden. Schulentwicklung ist schließlich kein Projekt, das man irgendwann abschließt und anschließend zufrieden abhakt.

Was sich allerdings verändert hat, ist mein Verständnis davon, wie solche Prozesse funktionieren und welche Anforderungen sie an Schulleitung stellen.

Zu Beginn geht es vor allem darum, Menschen zu begeistern, Ideen zu entwickeln, Möglichkeiten aufzuzeigen und Freiräume zu schaffen. Das macht Spaß, jedenfalls mir. Schwieriger wird es, wenn aus den Ideen konkrete Veränderungen entstehen, die den Arbeitsalltag vieler Menschen betreffen.

Die Stimmung in unserem Kollegium ist dabei durchaus heterogen. Einige Kolleginnen und Kollegen können es kaum erwarten, neue Wege zu gehen und Dinge auszuprobieren. Andere haben nachvollziehbare Bedenken, etwa hinsichtlich der zusätzlichen Arbeitsbelastung, der Umsetzbarkeit oder der Frage, ob neue Konzepte tatsächlich zu besseren Lernergebnissen führen. Und vermutlich wartet die Mehrheit zunächst einmal ab, wie sich die Dinge entwickeln.

Ich halte das weder für ungewöhnlich noch für problematisch. Eine Schule dieser Größe kann sich nicht im Gleichschritt verändern und es wäre auch eine Illusion zu glauben, dass alle Beteiligten zu jedem Zeitpunkt dieselben Vorstellungen und dieselbe Begeisterung teilen.

Trotzdem müssen wir versuchen, möglichst viele Menschen mitzunehmen. Und ich merke zunehmend, wie anspruchsvoll das ist.

Kommunikation wird dabei immer wichtiger. Es reicht nicht, Entscheidungen in Konferenzen vorzustellen, Informationen per Mail zu verschicken oder auf die Arbeit der verschiedenen Gruppen hinzuweisen. Wir müssen immer wieder erklären, warum wir bestimmte Dinge tun, wie sie zusammenhängen und welche Auswirkungen sie auf den Unterricht und den Arbeitsalltag haben sollen. Gleichzeitig müssen wir zuhören, Bedenken ernst nehmen und bereit sein, unsere Vorstellungen zu verändern.

Das gelingt nicht immer. Manchmal kommunizieren wir zu spät, manchmal setzen wir zu viel voraus und manchmal überschätzen wir vermutlich auch, wie intensiv sich alle mit unseren Schulentwicklungsvorhaben beschäftigen können oder wollen. Schließlich haben unsere Lehrkräfte neben der Schulentwicklung noch einen ziemlich anspruchsvollen Beruf auszuüben.

Hinzu kommt ein Spannungsfeld, das mich zunehmend beschäftigt. Einerseits bin ich davon überzeugt, dass nachhaltige Schulentwicklung Beteiligung braucht und nicht einfach von oben verordnet werden kann. Andererseits braucht ein Veränderungsprozess Orientierung, Entscheidungen und manchmal auch klare Vorgaben. Wenn alles immer wieder grundsätzlich zur Diskussion steht, kommen wir irgendwann nicht mehr voran. Wenn zu viel vorgegeben wird, verlieren wir möglicherweise diejenigen, die wir für die Umsetzung brauchen.

Die richtige Balance zu finden, ist alles andere als einfach. Zumal sie sich je nach Thema, Entwicklungsstand und beteiligten Personen immer wieder verändert.

Ein großes System in Bewegung

Bei aller Selbstkritik darf man eines nicht vergessen. Die Weibelfeldschule ist eine große Schule, die gut funktioniert. Unterricht findet statt, Prüfungen werden organisiert, Abschlüsse vergeben, Schülerinnen und Schüler begleitet und unzählige größere und kleinere Probleme gelöst.

Dieses System grundlegend weiterzuentwickeln, während es gleichzeitig zuverlässig funktionieren muss, ist eine erhebliche Herausforderung. Wir können den Betrieb schließlich nicht für ein paar Monate einstellen, um in Ruhe an einer neuen Schule zu arbeiten.

Hinzu kommt, dass funktionierende Systeme verständlicherweise eine gewisse Beharrungskraft besitzen. Wer etwas verändern möchte, muss erklären können, warum Bewährtes nicht einfach so bleiben kann, wie es ist. Und er muss akzeptieren, dass nicht alles, was bisher gemacht wurde, deshalb schlecht ist.

Gerade deshalb finde ich unsere bisherige Entwicklung bemerkenswert. Wir haben viel erreicht, ohne die Funktionsfähigkeit unserer Schule aus dem Blick zu verlieren. Das ist vor allem den vielen Kolleginnen und Kollegen zu verdanken, die neben ihrem ohnehin anspruchsvollen Alltag Verantwortung übernehmen, sich auf neue Ideen einlassen, kritisch mitdenken und Veränderungen möglich machen.

Natürlich gibt es weiterhin Widerstände, Unsicherheiten und Rückschläge. Es wäre auch merkwürdig, wenn das anders wäre. Aber ich sehe inzwischen sehr viel Potenzial und zunehmend auch Strukturen, die uns helfen können, dieses Potenzial besser zu nutzen.

Im vergangenen Jahr habe ich hier über meinen Schulentwicklungs-Blues geschrieben. Den gibt es gelegentlich immer noch, das gehört wohl dazu. Aber insgesamt überwiegt bei mir die Zuversicht, dass wir auf einem guten Weg sind.

Die kommenden Monate werden spannend. Wir müssen die Projektklasse weiter vorbereiten, die Arbeit an den Kompetenzrastern konkretisieren und unsere neuen Steuerungsstrukturen mit Leben füllen. Vor allem aber müssen wir weiterhin daran arbeiten, aus vielen guten Ideen und einzelnen Aktivitäten eine gemeinsame pädagogische Entwicklung entstehen zu lassen.

Dabei werden wir sicherlich nicht alles richtig machen und manches wird länger dauern, als ich es mir wünsche. Aber wenn ich eines aus den vergangenen drei Jahren gelernt habe, dann, dass Schulentwicklung kein geradliniger Prozess ist, den man einmal plant und anschließend nur noch abarbeitet.

Und vielleicht ist genau das der entscheidende Punkt: Wenn wir wollen, dass unsere Schülerinnen und Schüler lernen, mit Unsicherheiten umzugehen, Verantwortung zu übernehmen, Fehler zu reflektieren und sich weiterzuentwickeln, dann müssen wir das als Schule selbst auch können.

Daran arbeiten wir. Und ich finde, wir kommen ziemlich gut voran.

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