Liebe Schulgemeinschaft,
in den vergangenen Jahren haben wir an der Weibelfeldschule viel in Bewegung gesetzt. Wir haben neue pädagogische Ideen entwickelt, Unterrichtskonzepte erprobt, unsere Zusammenarbeit in verschiedenen Bereichen intensiviert und Strukturen geschaffen, die unsere Schulentwicklung unterstützen sollen. Mit der DNA-Gruppe, der Schulentwicklungsgruppe und inzwischen auch der Steuerungsgruppe für Projekt- und Qualitätsmanagement haben wir dafür wichtige Voraussetzungen geschaffen.
Auch inhaltlich haben wir uns einiges vorgenommen. Wir beschäftigen uns mit der Frage, wie wir Schülerinnen und Schüler stärker in die Verantwortung für ihr Lernen bringen können, wie Differenzierung besser gelingt und wie wir Lernprozesse individueller begleiten können. Die Arbeit an Kompetenzrastern, unsere Erfahrungen aus der Pilotklasse und die Planungen für eine neue Themenklasse sind Beispiele dafür.
Bei all diesen Entwicklungen beschäftigt mich zunehmend eine grundsätzliche Frage: Wie gut gelingt es uns eigentlich, als Schule gemeinsam zu lernen?
Wir erwarten von unseren Schülerinnen und Schülern, dass sie ihre Lernprozesse reflektieren, Rückmeldungen annehmen, Fehler als Lerngelegenheiten verstehen und zunehmend Verantwortung übernehmen. Wir möchten ihnen ermöglichen, eigene Wege zu finden, ohne dabei die gemeinsamen Ziele aus dem Blick zu verlieren.
Aber in welchem Maße gelingt uns das als Kollegium und als Organisation?
Ich glaube, dass wir hier noch Entwicklungspotenzial haben. Wir haben viele gute Ideen und engagierte Menschen, die sich mit großem Einsatz für unsere Schule einbringen. Gleichzeitig stelle ich fest, dass nicht alle Entwicklungen gleichermaßen verstanden oder mitgetragen werden, was natürlich kaum zu vermeiden ist. Manches erscheint möglicherweise als zusätzliche Belastung, anderes als eine weitere Maßnahme, deren Zusammenhang mit bereits laufenden Vorhaben nicht immer deutlich wird. Und manchmal sind wir vielleicht schneller darin, neue Projekte anzustoßen, als die Erfahrungen aus den bisherigen gründlich auszuwerten.
Das ist auch eine Frage an mich als Schulleiter. Haben wir unsere Prioritäten immer ausreichend deutlich gemacht? War bei allen Vorhaben klar, was bereits entschieden ist und wo echte Gestaltungsmöglichkeiten bestehen? Haben wir genügend Raum geschaffen, um unterschiedliche Perspektiven einzubeziehen und aus kritischen Rückmeldungen zu lernen? Ich denke, wir sollten uns diesen Fragen stellen. Natürlich haben wir versucht, unsere Vorhaben transparent zu machen und immer zur Mitarbeit eingeladen, natürlich haben wir Feedback bekommen, ich bin mir aber nicht sicher, ob ich daraus immer die richtigen Konsequenzen gezogen habe. Beispielsweise gab es immer ein starkes Verlangen nach einem Leitbild, einer Vision, einem konkreten Ziel unserer Schulentwicklung. Ich habe mich damit immer schwer getan und das Verlangen ignoriert oder versucht wegzuargumentieren, weil ich ich gar nicht genau weiß, wo uns unser Entwicklungsprozess hinträgt. Die Rahmenbedingungen ändern sich so schnell, dass wir uns immer wieder agil anpassen müssen. Gleichzeitig verstehe ich natürlich, dass Arbeit ohne Ziel wenig „zielführend“ ist. Wir und ich werden daraus lernen und am nächsten Pädagogischen Tag Leitplanken für unseren Schulentwicklungsprozess entwickeln.
Vor Kurzem habe ich einen Beitrag von Dirk Zorn, Direktor für Bildung bei der Bertelsmann-Stiftung, über die Veränderungsfähigkeit des deutschen Schulsystems gelesen. Ein Gedanke daraus hat mich besonders beschäftigt: Gute Reformideen allein reichen nicht aus. Entscheidend ist, ob die Menschen in einer Organisation gemeinsam Veränderungen gestalten können und ob die Bedingungen dafür stimmen.
Auf unsere Schule übertragen bedeutet das für mich, dass wir nicht nur darüber nachdenken sollten, wie Unterricht künftig aussehen soll, sondern auch darüber, wie wir unsere Schule gemeinsam weiterentwickeln wollen. Dafür müssen wir ein lernendes System werden.
Eine lernende Schule ist für mich eine Schule, in der wir Erfahrungen systematisch miteinander teilen, in der wir offen darüber sprechen können, wenn etwas nicht funktioniert, und in der wir bereit sind, Entscheidungen auf der Grundlage neuer Erkenntnisse zu verändern. Eine Schule, in der nicht jede Lehrkraft das Rad neu erfinden muss und in der erfolgreiche Ansätze nicht auf einzelne engagierte Kolleginnen und Kollegen beschränkt bleiben. Dazu gehört auch, unterschiedliche pädagogische Überzeugungen ernst zu nehmen und gemeinsam herauszufinden, was unseren Schülerinnen und Schülern tatsächlich hilft.
Das bedeutet nicht, dass wir bei jeder Frage einer Meinung sein müssen. Es bedeutet auch nicht, dass jede Entscheidung so lange diskutiert werden kann, bis alle einverstanden sind. Wir brauchen Orientierung, klare Verantwortlichkeiten und Verbindlichkeit. Aber wir brauchen ebenso die Gewissheit, dass Beteiligung mehr ist als die Möglichkeit, sich zu bereits feststehenden Entscheidungen zu äußern.
Unsere bestehenden Gruppen können dabei wichtige Aufgaben übernehmen. Die DNA-Gruppe gibt weiterhin Rückmeldungen zu pädagogischen Impulsen und reflektiert Entwicklungen. Die Schulentwicklungsgruppe koordiniert die Arbeit und organisiert Kommunikation, während die neue Steuerungsgruppe das Projekt- und Qualitätsmanagement unterstützt. Entscheidend ist jedoch, dass Schulentwicklung nicht auf diese Gruppen beschränkt bleibt. Sie muss in den Fachschaften, Jahrgangsteams und im Unterricht erfahrbar werden und von den Erfahrungen möglichst vieler Kolleginnen und Kollegen profitieren.
Deshalb möchte ich, dass wir uns in der nächsten Phase unserer Schulentwicklung auch mit unserem Entwicklungsprozess selbst beschäftigen. Wir sollten gemeinsam besser klären, welche Ziele wir vorrangig verfolgen, wie Entscheidungen zustande kommen, wie Beteiligung gelingen kann und woran wir erkennen, ob unsere Arbeit tatsächlich etwas verbessert. Dazu gehört für mich ausdrücklich auch die Frage, was wir künftig nicht mehr oder zumindest nicht gleichzeitig machen.
Mir ist bewusst, dass solche Überlegungen allein noch keine Entlastung schaffen. Im Gegenteil: Auch Veränderungen, die langfristig Arbeit erleichtern sollen, kosten zunächst Zeit und Kraft. Umso wichtiger ist es, dass wir sorgfältig mit unseren Ressourcen umgehen und uns auf das konzentrieren, was wirklich einen Unterschied macht. Ich möchte diese Gedanken zunächst als Einladung zum Nachdenken und zum Gespräch verstanden wissen. Mich interessiert, wie sie unsere bisherige Schulentwicklung erleben, was sie dabei unterstützt, was möglicherweise fehlt und welche Veränderungen sie sich für unsere Zusammenarbeit wünschen. Auch kritische Rückmeldungen sind ausdrücklich willkommen, weil sie wertvoll sind.
Vielleicht liegt eine unserer wichtigsten nächsten Aufgaben nicht darin, noch mehr neue Ideen zu entwickeln, sondern darin, besser miteinander und voneinander zu lernen.
Denn wenn wir wollen, dass unsere Schülerinnen und Schüler Verantwortung für ihr Lernen übernehmen, sollten wir uns auch selbst als Lernende verstehen. Nicht nur als einzelne Lehrkräfte, sondern als gesamte Schule.
Lesetipp: Dirk Zorn, „Das deutsche Schulsystem: Wie es funktioniert und warum Veränderungen so schwerfallen“, Change Learning, 8. Oktober 2026. https://www.change-learning.de/2026/10/08/das-deutsche-schulsystem-wie-es-funktioniert-und-warum-veraenderungen-so-schwerfallen/.
Ihr
Erik Grundmann
Und hier wieder als Angebot, ein paar Links, Tipps und Empfehlungen:
Interessantes
Am 29. September wurde zum 20. Mal der Deutsche Schulpreis verliehen, Infos zu den Preisträgerschulen gibt es hier: https://www.deutscher-schulpreis.de/nominierung-und-preisverleihung.
Wenn wir über das Wohlbefinden unserer Schülerinnen und Schüler sprechen, denken wir häufig an Präventionsprogramme, Schulsozialarbeit oder zusätzliche Unterstützungsangebote. Der Kinder- und Jugendpsychologe Julian Schmitz lenkt den Blick auf den Unterricht selbst. Gute Beziehungen, konstruktives Feedback, sichtbare Lernfortschritte und echte Mitbestimmung können Kinder stärken und psychische Belastungen reduzieren. Ein lesenswerter Beitrag, der zeigt, dass Unterrichtsentwicklung immer auch Gesundheitsförderung sein kann: https://deutsches-schulportal.de/expertenstimmen/wer-ueber-psychische-gesundheit-spricht-muss-auch-ueber-unterricht-sprechen/.
Die Testphase für das adaptive intelligente System hat begonnen. Mit dem Adaptiven Intelligenten System (AIS) erproben die Bundesländer eine KI-gestützte Lernumgebung, die Aufgaben an individuelle Lernstände anpasst und Schülerinnen und Schüler durch einen KI-Tutor begleitet. Zunächst wird das System in Deutsch und Mathematik getestet. Besonders spannend ist die Frage, ob adaptive Unterstützung langfristig auch selbstständiges Lernen fördert., mehr: https://ais.schule/pilotphase/. Dazu gibt es auch einen Podcast von „Schule macht Medien“: https://open.spotify.com/episode/5Uy5u2cXrSTX3xP4IVRCnC.
Schulentwicklung
Seit 20 Jahren zeigt der Deutsche Schulpreis, dass herausragende Schulen unter ganz unterschiedlichen Bedingungen entstehen können. Entscheidend ist nicht allein, welche Ressourcen zur Verfügung stehen, sondern auch, wie Schulen ihre Möglichkeiten nutzen, Unterricht weiterentwickeln und gemeinsam an ihrer Qualität arbeiten. Der Rückblick im Deutschen Schulportal macht Mut, bestehende Strukturen zu hinterfragen und von erfolgreichen Schulen zu lernen. Für unsere eigene Schulentwicklung ist dabei besonders interessant, wie aus guten Ideen einzelner Lehrkräfte und Teams Veränderungen entstehen können, die der gesamten Schule zugutekommen: https://deutsches-schulportal.de/unterricht/schaut-her-und-traut-euch-euer-system-zu-veraendern.
Smartphone und Social-Media
Das Deutsche Schulportal stellt eine Prompt-Bibliothek für die Schulentwicklung zur Verfügung: https://campus.deutsches-schulportal.de/promptbibliothek.
Der „Medienzeit-Elternblog“ berichtet über die Gefahren von Social Media, wenn Partys dort bekannt werden: https://www.medienzeit-elternblog.de/blog/snapchat-snap-map-standort-partys-jugendliche.
KI
PISA 2025 zeigt, dass Jugendliche mit häufiger KI-Nutzung im Durchschnitt schlechtere Leistungen erzielen. Ob KI dafür verantwortlich ist, bleibt offen. Entscheidend ist offenbar weniger, wie oft KI genutzt wird, sondern wie. Gerade deshalb muss Schule selbstreguliertes Lernen und den kritischen Umgang mit KI fördern: https://deutsches-schulportal.de/unterricht/was-die-pisa-studie-ueber-den-zusammenhang-von-ki-nutzung-und-lernerfolg-verraet.
PISA 2029 wird übrigens, wie ich letztes Jahr schon in einem Newsletter geschrieben habe (nachzulesen hier: https://www.schulmun.de/2026/05/13/newsletter-25-26-16-13-05-2026/), einen Fokus auf KI-Literacy legen, Informationen dazu: https://www.oecd.org/en/about/projects/pisa-2029-media-and-artificial-intelligence-literacy.html.
Die KMK hat ihren Kompetenzrahmen „Bildung in der digitalen Welt“ um KI-Kompetenzen erweitert. Schülerinnen und Schüler sollen KI nicht nur anwenden, sondern Ergebnisse kritisch beurteilen, verantwortungsvoll handeln und die Entwicklung von KI aktiv mitgestalten können. Damit rücken Selbstständigkeit und Urteilskraft stärker in den Mittelpunkt. Entscheidend wird nun sein, wie diese Ziele tatsächlich im Unterricht verankert werden: https://www.kmk.org/aktuelles/pressearchiv/mitteilung/was-schuelerinnen-und-schueler-im-umgang-mit-ki-koennen-sollen.html.
Wenn KI zunehmend ganze Arbeitsprozesse übernimmt, verändert sich auch die Rolle von Lehrkräften und Schulleitungen. Doris Weßels und Miriam Maibaum zeigen, warum AI Leadership weit über technische Kompetenzen hinausgeht. Entscheidend wird die Fähigkeit, KI sinnvoll zu steuern, Ergebnisse kritisch zu beurteilen und die Verantwortung für pädagogische Entscheidungen zu behalten: https://www.forumbd.de/magazin/ai-leadership-die-zentrale-fuehrungskompetenz-fuer-schulen-im-zeitalter-von-ki-agenten/.
Tipps für den Unterricht
Felix Urban stellt zwei interessante Modelle für den schulischen KI-Einsatz vor. Während PRISMA einen Rahmen für die systematische Schulentwicklung bietet, unterstützt RAKETE Schülerinnen und Schüler dabei, KI durch gezieltes Prompting als Lern- und Denkwerkzeug einzusetzen. Zwei praktische Ansätze, um KI reflektiert und pädagogisch sinnvoll zu nutzen: https://www.felixurban.com/k%C3%BCnstliche-intelligenz-1.
Leseempfehlung
Olaf-Axel Burow, Stefan Ruppaner, Johannes Zylka: Wenn Schule fliegen lernt. Schmetterlingspädagogik – Anleitung zur Schulrevolution, Weinheim 2026.
Wie kann Schule so gestaltet werden, dass Kinder und Jugendliche selbstständiger, motivierter und nachhaltiger lernen? Dieser Frage widmen sich Olaf-Axel Burow, Stefan Ruppaner und Johannes Zylka in ihrem Buch „Wenn Schule fliegen lernt“. Ausgangspunkt ist die Alemannenschule Wutöschingen, die mit ihrer Schmetterlingspädagogik bundesweit Aufmerksamkeit erregt hat. Das Konzept verbindet selbstorganisiertes Lernen mit dem Lernen durch Erleben. Kompetenzraster, individuelle Lernpläne und Lernbegleitung schaffen Orientierung, während Projekte, eigene Erfahrungen und die Übernahme von Verantwortung dem Lernen Sinn geben sollen. Besonders interessant ist, dass die Autoren nicht nur eine pädagogische Vision entwerfen, sondern auch konkrete Instrumente und Erfahrungen aus der schulischen Praxis vorstellen.
Für unsere Schulentwicklung an der Weibelfeldschule bietet das Buch zahlreiche Anknüpfungspunkte. Gerade das Zusammenspiel von klaren Strukturen, individuellen Lernwegen und projektorientiertem Lernen ist auch für unsere Überlegungen von Bedeutung. Dabei geht es nicht darum, das Modell einer anderen Schule zu kopieren, sondern Anregungen für unseren eigenen Weg zu gewinnen.
Eine Leseempfehlung für alle, die sich mit der Frage beschäftigen, wie wir Unterricht nicht nur verändern, sondern Lernen grundsätzlich neu gestalten können.
Nota bene: Professor Burow wird den Pädagogischen Tag am 10.02.2027 an der Weibelfeldschule mit einer Zukunftswerkstatt gestalten.
Hörempfehlung
Künstliche Intelligenz gehört für viele Jugendliche längst zum Schulalltag. Aber wie nutzen sie ChatGPT tatsächlich, wann hilft es beim Lernen und wann eher nicht? Darüber sprechen die Hosts mit der 17-jährigen Schülerin und Bildungsunternehmerin Linda Weise. Besonders interessant ist die Perspektive einer Jugendlichen, die nicht nur über KI spricht, sondern selbst mit ihr arbeitet. Ein guter Anlass, auch zu Hause über den sinnvollen Einsatz von KI ins Gespräch zu kommen: https://www.ardsounds.de/episode/urn%3Aard%3Aepisode%3A61a205444d2c8200/.
Sehempfehlung
Wie lange können wir uns eigentlich noch auf eine Sache konzentrieren? Ständige Benachrichtigungen, Smartphones und digitale Ablenkungen machen es uns nicht gerade leicht. Quarks geht in einem Kurzvideo der Frage nach, was die Forschung über unsere Aufmerksamkeit weiß und wie wir konzentriertes Arbeiten und Lernen fördern können. Sehenswert für alle, die sich gelegentlich dabei ertappen, schon wieder zum Handy zu greifen: https://www.ardmediathek.de/video/quarks/nach-8-sekunden-ist-schluss-koennen-wir-uns-nicht-mehr-konzentrieren/wdr/Y3JpZDovL3dkci5kZS9CZWl0cmFnLXNvcGhvcmEtZWUzNmI1MjItZTkxOC00NzY0LWFhMzUtNTY2NGZmMTkzZGM4.
Veranstaltungsempfehlung
Online-Veranstaltung des Deutschen Schulportals zur Förderung von selbstreguliertem Lernen: https://campus.deutsches-schulportal.de/event/908.
Spaß im Netz
https://neal.fun/spend-elon/.